Als Tristran und die kleine Frau ihr Werk vollendet hatten und der Stand für den morgigen Tag vorbereitet war, mußten sie bereits die Lampen anzünden. Die Frau bestand darauf, Essen für sie zu machen; Yvaine konnte sie kaum davon überzeugen, daß sie nicht hungrig sei, aber Tristran aß alles, was ihm angeboten wurde, mit Begeisterung und trank, was eher untypisch für ihn war, fast eine ganze Karaffe süßen Kanarienwein, wobei er steif und fest behauptete, daß das Gebräu nicht stärker schmecke als frisch gepreßter Traubensaft und keinerlei Wirkung auf ihn hätte. Doch als die rundliche kleine Frau ihnen anbot, sie könnten auf der Lichtung hinter ihrem Wagen übernachten, war Tristran in Sekundenschnelle eingeschlafen.
Es war eine klare, kalte Nacht. Die Sternfrau saß neben dem schlafenden jungen Mann, der sie einst gefangengenommen hatte und nun ihr Weggefährte geworden war, und sie fragte sich, wo ihr Haß gegen ihn geblieben war. Yvaine war nicht müde.
Im Gras hinter ihr raschelte etwas. Eine dunkelhaarige Frau erschien neben ihr, und sie starrten beide auf Tristran hinunter.
»Er hat immer noch etwas von einer Haselmaus an sich«, meinte die dunkelhaarige Frau. Ihre Ohren waren spitz und ähnelten denen einer Katze; sie wirkte wenig älter als Tristran selbst. »Manchmal überlege ich, ob sie Menschen in Tiere verwandelt oder ob sie das Tier in uns erkennt und ihm die Freiheit schenkt. Vielleicht ist etwas in mir von Natur aus ein bunter Vogel. Darüber habe ich sehr viel nachgedacht, aber ich bin noch zu keinem Schluß gekommen.«
Tristran murmelte im Schlaf etwas Unverständliches und drehte sich um. Dann begann er leise zu schnarchen.
Die Frau ging um ihn herum und setzte sich schließlich neben ihn. »Sieht aus, als wäre er recht gutherzig«, sagte sie.
»Ja«, bestätigte die Sternfrau, »ich glaube, das ist er.«
»Ich sollte dich warnen«, fuhr die Frau fort, »wenn du dieses Land verläßt, um… um dorthin zu gehen…« – sie machte mit ihrem schlanken Arm, von dessen Handgelenk matt die Silberkette schimmerte, eine Geste in Richtung Wall – »… dann wirst du, soweit ich weiß, in das verwandelt, was du in jener Welt wärst: ein kaltes, totes Ding, das vom Himmel gefallen ist.«
Die Sternfrau schauderte, sagte aber nichts. Statt dessen streckte sie den Arm aus und berührte über Tristrans schlafende Gestalt hinweg die Silberkette, die Hand- und Fußgelenk der Frau umspannte und von dort im Gebüsch verschwand.
»Man gewöhnt sich daran mit der Zeit«, meinte die Frau.
»Wirklich?«
Violette Augen starrten in ihre blauen und blickten dann abrupt weg. »Nein.«
Yvaine ließ die Kette los. »Er hat mich einmal mit einer ähnlichen Kette angebunden. Dann hat er mich befreit, und ich bin weggelaufen. Aber er hat mich wieder gefunden und mich mit einer Verpflichtung an sich gebunden, die mein Volk viel stärker verpflichtet, als irgendeine Kette dies könnte.«
Eine Aprilbrise streifte über die Wiese und bewegte Büsche und Bäume mit einem langen kühlen Seufzen. Die katzenohrige Frau schüttelte die Locken aus dem Gesicht und sagte: »Aber du hast noch eine Verpflichtung aus einer früheren Zeit, oder nicht? Du besitzt etwas, was dir nicht gehört und was du dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben mußt.«
Die Sternfrau biß die Lippen zusammen. »Wer bist du?« fragte sie.
»Ich habe es dir doch gesagt – ich war der Vogel im Wohnwagen«, entgegnete die Frau. »Ich weiß, was du bist, und ich weiß, warum die Hexenfrau deine Anwesenheit nicht bemerkt hat. Ich weiß, wer dich sucht und warum sie dich braucht. Außerdem kenne ich die Herkunft des Topas’, den du an einer Silberkette um die Taille trägst. Da ich außerdem weiß, was du bist, ist mir auch deine Verpflichtung bekannt.« Sie beugte sich hinunter und strich Tristran sanft die Haare aus der Stirn. Er rührte sich nicht.
»Ich glaube nicht, daß ich dir glauben oder vertrauen kann«, sagte Yvaine. In einem Baum über ihnen rief ein Nachtvogel. Es klang sehr einsam in der Dunkelheit.
»Ich habe den Topas an deiner Taille gesehen, als ich ein Vogel war«, erklärte die Frau und erhob sich wieder. »Ich habe dich beobachtet, als du im Fluß gebadet hast, und habe den Stein als das erkannt, was er ist.«
»Aber wie?« fragte der Stern. »Wie hast du ihn erkannt?«
Doch die dunkelhaarige Frau schüttelte den Kopf und ging zurück, wo sie hergekommen war, mit einem allerletzten Blick auf den schlafenden Tristran. Dann hatte die Dunkelheit sie verschluckt.
Inzwischen war Tristrans Haar, widerspenstig wie es war, wieder über seine Stirn gefallen. Die Sternfrau strich es behutsam zur Seite und ließ ihre Finger eine Weile auf seiner Wange ruhen. Er schlief friedlich weiter.
* * *
Kurz nach Sonnenaufgang wurde Tristran von einem großen Dachs geweckt, der auf den Hinterbeinen ging, einen blauvioletten Bademantel trug und so lange an Tristrans Ohr schnüffelte, bis dieser schläfrig die Augen aufschlug. »Name des Betreffenden Thorn? Tristran dieser Sippe?« fragte der Dachs wichtigtuerisch.
»Hmm?« machte Tristran. Er hatte einen unangenehmen Geschmack im Mund, der sich trocken und pelzig anfühlte. Er hätte gut und gern noch ein paar Stunden schlafen können.
»Sie haben nach dir gefragt«, verkündete der Dachs. »Unten am Durchgang. Anscheinend gibt es da eine junge Dame, die mit dir sprechen möchte.«
Tristran setzte sich auf und grinste breit. Vorsichtig tippte er die noch schlafende Sternfrau an die Schulter. Sie öffnete schlaftrunken die blauen Augen und fragte: »Was ist?«
»Gute Neuigkeiten«, erklärte er ihr. »Erinnerst du dich an Victoria Forester? Wahrscheinlich hab’ ich unterwegs ihren Namen ein-, zweimal erwähnt.«
»Ja«, antwortete sie, »wahrscheinlich hast du das.«
»Nun«, fuhr Tristran fort, »ich treffe mich gleich mit ihr. Sie wartet unten am Durchgang.« Er hielt inne. »Hör mal, vielleicht wäre es das beste, wenn du hier bleibst. Ich möchte sie nicht auf falsche Gedanken bringen oder dergleichen.«
Yvaine drehte sich um, legte die Arme über den Kopf und sagte nichts mehr. Schließlich kam Tristran zu dem Schluß, daß sie wieder eingeschlafen sein mußte, schlüpfte in seine Stiefel, wusch sich das Gesicht und spülte den Mund mit Wasser aus dem Wiesenbach gründlich aus. Dann rannte er Hals über Kopf los, über die Wiese in Richtung Dorf.
An diesem Morgen standen Reverend Myles, der Pfarrer von Wall, und Mr. Bromios, der Gastwirt, Wache. Zwischen ihnen sah Tristran eine junge Frau, die der Wiese den Rücken zuwandte. »Victoria!« rief Tristran voller Freude, aber da drehte sich die junge Dame um, und er erkannte, daß es nicht Victoria Forester war. (Plötzlich erinnerte er sich wieder, daß diese graue Augen hatte. Jawohl, grau waren sie. Wie hatte er das nur vergessen können?) Wer diese junge Frau mit ihrem feinen Häubchen und ihrer feinen Stola sein mochte, wußte Tristran nicht. Aber es traten Tränen in ihre Augen, als sie ihn erblickte.
»Tristran!« rief sie. »Du bist es wirklich! Sie haben gesagt, du wärst hier. Wie konntest du nur? Ach, wie konntest du nur?« Nur allmählich wurde Tristran klar, daß sie tatsächlich ihm Vorwürfe machte.
»Louisa?« sagte er, da er seine Schwester zu erkennen glaubte. »Du bist wahrhaftig ordentlich gewachsen, während ich nicht da war – aus einem kleinen Mädchen ist eine hübsche junge Dame geworden.«
Sie schniefte und schneuzte sich in ein leinenes Spitzentaschentuch, das sie aus dem Ärmel zog. »Und du«, sagte sie, während sie sich die Tränen von den Wangen tupfte, »du hast dich auf deiner Reise in einen wuschelhaarigen verkommenen Zigeuner verwandelt. Aber du siehst gesund aus, und das ist gut. Komm jetzt«, fuhr sie fort und gab ihm mit einem ungeduldigen Winken zu verstehen, er solle endlich die Mauer passieren und ihr folgen.
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