»Ich glaube, du interessierst dich für freie Frauen.«
»Aber ja.«
»Herr«, sagte Louise, das schlanke, rothaarige, nackte Sklavenmädchen von der Erde, und stellte eine kleine Flasche Ka-la-na und zwei winzige Gläser auf den Tisch.
»Sie ist ein hübsches kleines Ding«, bemerkte die freie Frau.
Ich schickte Louise mit einer Handbewegung weg, ohne sie anzusehen. Das schien meiner neuen Bekannten zu gefallen.
Ich goß ein.
»Auf dich«, sagte sie und hob das Glas.
»Nein«, erwiderte ich. »Auf dich.«
»Danke.« Ich sah, daß sie sich darüber freute. Sie glühte förmlich. Ihre Brüste waren sehr schön.
Wir stießen an und tranken.
»Oh, das ist ein wunderbarer Ka-la-na«, seufzte sie. Ich war davon überzeugt, daß sie eine solche Marke noch nie zuvor getrunken hatte. Kein Wunder, kostete er doch drei Kupfertarsk – ein Preis, den manche Sklaven nicht einbringen.
»Ich freue mich, daß er dir schmeckt.«
»Ich bin Lady Tutina aus Ar«, sagte sie in einem einschmeichelndem Tonfall und beugte sich vor.
»Das ist ein hübscher Name«, sagte ich.
Sie sonnte sich in meinem Lob.
»Ich heiße Tarl.«
»Oh«, sagte sie etwas mißbilligend. »So ein wilder Name.«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Es ist ein Name aus dem Norden, nicht wahr?«
»Man findet ihn oft im Norden, vor allem in Torvaldsland.«
»Männer aus Torvaldsland machen mir angst«, sagte Tutina. »Sie behandeln ihre Frauen so schlecht. Du kommst doch nicht etwa aus Torvaldsland?«
»Nein.«
Tutina lächelte. »Das ist schön. Und wo her kommst du gerade?«
»Torcodino.«
»Ach ja?« Es klang enttäuscht.
»Stimmt etwas nicht?« wollte ich wissen.
»Du bist doch kein Flüchtling, oder?«
»Warum?«
»Dann dürftest du eine schwierige Reise hinter dir haben.«
»Ich verstehe.«
»Ich glaube nicht, daß es in Torcodino so schlimm steht, wie alle sagen.«
»Nein?«
»Nein. Sie wollen uns nur Angst einjagen.« Mir entging nicht, daß ihr Blick auf meinem Geldbeutel ruhte.
»Ich bin in einer Überlandkutsche gekommen.« Das gefiel ihr. Es war ein Hinweis, daß ich Geld hatte.
»Bist du ein Kaufmann?«
»Ich habe schon öfter Dinge gekauft und wieder verkauft.« Das gefiel ihr ebenfalls. Ich fügte nicht hinzu, daß viele dieser Dinge Frauen wie sie waren.
»Darf ich dich Tarl nennen?«
»Aber natürlich«, sagte ich. Schließlich war sie eine freie Frau. Ich schenkte Ka-la-na nach.
Tutina trank. Sie stützte die Ellbogen auf den niedrigen Tisch und beugte sich vor. Ihre Brüste schienen nur darauf zu warten, von mir berührt zu werden. Ihre Lippen waren warm und weich. »Es gab noch einen anderen Grund, warum ich an deinen Tisch getreten bin.«
»Tatsächlich?«
»Ich fühle mich zu dir hingezogen!«
»Ich verstehe.« Ich warf einen Blick auf den Burschen, der noch immer auf der Tischplatte schlummerte.
»Und ich bin so einsam«, flüsterte sie. Ihre Hand berührte die meine. Ich spürte Erregung in mir aufsteigen, doch ich beherrschte mich.
»Tarl«, flüsterte sie.
»Ja?« Sie verstand ihr Handwerk, das mußte man ihr lassen.
Unvermittelt zog sie sich zurück, scheinbar um eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen. »Ich darf so etwas nicht zu dir sagen.«
»Was denn?« fragte ich sanft.
»Ich muß gehen. Sofort!« Tutina stemmte die Hände auf den Tisch, damit ich sie nehmen und sie mit sanfter Überredung am Aufstehen und Gehen hindern konnte. Aber da ich neugierig war, was nun geschehen würde, tat ich so, als würde ich es nicht bemerken.
Sie blieb knien.
»Ich weiß nicht, was ich tun soll«, stieß sie hervor und schüttelte den Kopf.
»Ist etwas nicht in Ordnung?« fragte ich scheinbar besorgt.
»Du mußt mich für eine schreckliche Frau halten«, sagte sie und wischte eine weitere angebliche Träne weg.
»Aber nicht doch.« Ganz im Gegenteil, ich hielt sie für sehr verführerisch.
»Ich war anmaßend«, sagte sie. »Ich bin an deinen Tisch gekommen. Ich habe dich angesprochen. Ich habe zugelassen, daß du, ein Mann, den ich kaum kenne, mir Ka-la-na gekauft hast. Ich schäme mich so.«
»Dafür gibt es keinen Grund.«
»Aber was noch viel schlimmer ist: Ich habe dir meine Gefühle enthüllt. Ich habe von meiner unaussprechlichen Einsamkeit erzählt. Bist du auch einsam?«
»Wie könnte ich einsam sein, in deiner Gesellschaft?«
»Welch schönes Kompliment!«
Das fand ich auch. Gut, es hatte schnelles Nachdenken erfordert.
»Aber am meisten schäme ich mich über meine Dreistigkeit.«
»Was meinst du?«
»Als ich zugegeben habe, daß ich mich zu dir hingezogen fühle.«
»Ich verstehe«, erwiderte ich. »Du fühltest dich zu mir hingezogen, weil du den Eindruck hattest, ich sei vielleicht ein netter, verständnisvoller Bursche, der bis zu einem gewissen Grad deine Einsamkeit und deinen Schmerz lindern könnte, ein Gesprächspartner.«
»Es war mehr als das«, flüsterte Tutina und senkte den Blick, als würde sie es nicht wagen, mich anzusehen.
»Tatsächlich?«
Sie sah gequält auf. »Ich habe mich zu dir hingezogen gefühlt«, sagte sie und senkte beschämt den Kopf, »wie eine Frau zu einem Mann!«
Ich schwieg.
»Auch freie Frauen haben Bedürfnisse, weißt du«, flüsterte sie.
»Das bezweifle ich nicht«, sagte ich.
»Es ist nett von dir, daß du mich deswegen nicht auslachst«, sagte Tutina. Sie sah zu mir hoch. »Manchmal sind diese Bedürfnisse sehr stark.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Du bist wirklich nett.« Sie hielt inne. »Darf ich dir etwas sagen?« fragte sie dann zögernd.
»Nur zu.«
»Ich dachte daran, daß ich dir gestatte, meinen Körper anzusehen«, sagte sie. »Daß ich dir vielleicht sogar erlaube, mich zu berühren. Daß ich mich dir hingebe, da du so nett bist und ich mich zu dir hingezogen fühle.«
»Ich bin über alle Maßen beeindruckt«, sagte ich. Das schien eine angebrachte Erwiderung zu sein, schließlich war sie eine freie Frau. Es ist schwer, das Richtige zu sagen, wenn man etwas so Lächerliches hört.
»Wie nett du doch zu einer Frau bist, die du an einem solchen Ort kennengelernt hast, eine Frau, die so arm ist, daß sie sich nicht einmal Sandalen, ein richtiges Gewand und einen passenden Schleier leisten kann. Stört es dich, daß ich so aufreizend gekleidet bin, daß ich keinen Schleier trage, wie es sich gehört?«
»Nein«, erwiderte ich. »Zweifellos ist das ein unvermeidliches Zugeständnis an die Härten der Armut.«
»Ja«, klagte sie. »Vielleicht könntest du dir einfach vorstellen, ich sei verschleiert.«
»Das ist ein Gedanke.« Das war nicht einmal gelogen. Ich stellte mir vor, wie sie wohl nackt aussah, in engen Ketten, mit dem Sklavenkragen, den sie verdiente.
Tutina sah mich dankbar an. In meiner Vorstellung zog ich die Fesseln noch enger.
»Stimmt es, daß du dich zu mir hingezogen fühlst?« fragte ich.
»Ja«, flüsterte sie und wagte es, meine Hand zu berühren.
»Dann sollten wir gehen. Vielleicht in deine Wohnung?«
Tutina zuckte sofort zurück. Wie erwartet fand sie diesen Vorschlag nicht annehmbar. Sie wollte nicht, daß ihre Adresse bekannt wurde. Das konnte sie der Gnade ihrer wütenden Opfer ausliefern. Außerdem würde es den durch Anzeigen alarmierten Stadtwächtern erleichtern, sie zur Befragung abzuholen und ihre Personalien festzustellen; in ihrem Fall würden darauf bestimmt eine Anhörung und die unausweichliche Versklavung folgen.
»Wie wäre es dann mit meinem Zimmer?« schlug ich vor. »Es ist ganz in der Nähe.«
Sie schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Wie ich mir gedacht hatte, sagte ihr dies auch nicht zu. Sie zog es vor, ihr Werk hier zum Abschluß zu bringen, wo es anscheinend geduldet wurde. Sie arbeitete verstohlen mit Drogen, statt die Beute mit draußen wartenden Komplizen teilen zu müssen oder das Risiko einzugehen, von Personen gesehen zu werden, die in der unmittelbaren Nähe des Opfers lebten. »Für welche Art von Mädchen hältst du mich?«
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