»Vergib mir«, sagte ich ernst. »Ich wollte dich nicht beleidigen.« Sie war sehr geschickt in dem Spiel, eine Erwiderung des Mannes herauszufordern, um dann zu behaupten, sie sei mißverstanden worden. Derart beleidigt, verwirrte sie den Mann und sorgte dafür, daß es auch so blieb; auf diese Weise konnte sie mit einem Blick oder einer Träne erreichen, daß alles nach ihrem Willen verlief. Sie verstand es auf sehr weibliche Weise, ihre Ziele zu verfolgen. Das mußte ich ihr zugestehen.
»Ich wußte, ich hätte nicht herkommen sollen«, schluchzte sie und wischte eine nichtvorhandene Träne aus dem Augenwinkel. Dann tat sie so, als wolle sie aufstehen, blieb aber doch sitzen, als ich nichts dagegen unternahm.
»Ich war sehr ungeschickt«, sagte ich.
»Ich mache dir ja gar keinen Vorwurf«, schluchzte sie. »Was solltest du auch denken, da du mich an diesem Ort kennenlernst? Sicherlich hältst du mich für eines dieser losen Weiber.«
»Nein, bestimmt nicht. Du unterscheidest dich von ihnen.«
»Danke«, flüsterte sie.
Ich nickte. Natürlich unterschied sich von ihnen. Zum einen war sie noch bekleidet. Außerdem trug sie noch keinen Sklavenkragen.
»Vielleicht hast du dich ja schon gefragt, was ich, eine Frau aus gutem Haus, ausgerechnet hier verloren habe?«
»Schon möglich«, sagte ich ermutigend und versuchte, nachdenklich auszusehen. Dabei hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie in dem Freudenhaus tat.
Tutina blickte zu Boden. »Ich glaube, der wahre Grund, warum ich, eine Frau, der es verzweifelt nach Liebe verlangt, es gewagt habe, diesen schrecklichen Ort zu betreten, an dem – wie ich wußte – Männer verkehren, war mein verzehrender Wunsch, einen freundlichen Mann kennenzulernen. Es war die Einsamkeit, die mich fast meines freien Willens beraubt und hierher getrieben hat.«
»Tatsächlich?«
»Aber ich hätte niemals kommen dürfen.«
»Doch dann hätten wir uns niemals kennengelernt«, wandte ich ein.
»Ja«, flüsterte sie und berührte wieder meine Hand. »Das stimmt.«
»Du hast von einem wahren Grund gesprochen, der mit deinem Verlangen nach Liebe zu tun hat. Daraus schließe ich, daß es noch einen anderen, zumindest vorgeschobenen Grund für dein Kommen gibt.«
Tutina lächelte reumütig. »Ja«, sagte sie, »ich bin eine stolze freie Frau. Ich konnte nicht zulassen, mir solche Dinge wie Einsamkeit oder der Hunger nach Liebe einzugestehen. Ich mußte mir einreden, daß es noch einen anderen Grund gibt.«
»Und was ist das?«
»Ich brauche dringend Geld«, sagte sie. »Ich habe einen Ring. Ich habe mir eingeredet, daß ich versuchen will, ihn zu verkaufen.«
»Ich verstehe.«
»Aber ich habe mich nicht dazu überwinden können, mich davon zu trennen. Er gehört zu den wenigen Dingen, die mir aus der Zeit übrig geblieben sind, als ich stolz und wohlhabend war. Er steckt voller Erinnerungen.«
»Ach, so ist das.«
»Möchtest du ihn sehen?«
»Das ist nicht nötig.«
»Bitte, laß ihn mir dir zeigen«, sagte sie.
»Also gut.« Sie holte den Ring aus einem winzigen Beutel, der an ihrem Gürtel hing, und streifte ihn über den Finger.
»Wunderschön«, sagte ich. Der ovale Stein war aus weißem Porzellan und steckte in einer roten Metallfassung. Auf dem Porzellan war die winzige rote Abbildung eines Tur-Baumes. Der Ring war aus Gold.
»Er wurde in Turia gefertigt.« Das glaubte ich ihr. Auf dem Stein war der Tur-Baum zu sehen, das Emblem Turias, einer Stadt der südlichen Hemisphäre. Außerdem wußte ich, daß man dort solche Ringe herstellte. Ich hatte sie dort sogar mit eigenen Augen gesehen. Doch in Ar, einer Stadt der nördlichen Hemisphäre, waren Ringe dieser Machart selten; die meisten Männer würden keinen Verdacht hegen, wozu er dienen mochte. Vermutlich hatte Tutina ihn in einem Importladen auf der Straße von Turia gekauft. Natürlich war es andererseits nicht auszuschließen, daß der Stein massiv und nicht hohl war. Die meisten derartigen Ringe sind völlig harmlos.
»Würdest du ihn mir verkaufen?« fragte ich. »Du kannst das Geld doch sicher brauchen.«
»Führ mich nicht in Versuchung«, lächelte sie. »Ich könnte es nicht über mich bringen, mich davon zu trennen.«
»Es tut mir leid.«
»Welch ein Glück, daß ich einen Mann wie dich kennengelernt habe«, sagte Tutina. »Wie verständig du bist.«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Ich bin so aufgeregt«, flüsterte sie.
»Wirklich?«
»Ich möchte dich auf dein Zimmer begleiten«, flüsterte sie.
»Dann laß uns gehen.«
»Oh, der Wein ist alle«, sagte sie enttäuscht.
Das stimmte.
»Können wir noch etwas Wein trinken?« bettelte sie. »Er würde mir helfen, in noch bessere Stimmung zu geraten. Noch ein kleiner Schluck, und ich weiß nicht, ob ich mich beherrschen kann. Vielleicht liefe ich hinter dir her, wie eine liebestolle Sklavin.«
»Ich besorge noch Wein«, sagte ich, sah mich um und hob die Hand. Louise sprang auf und kam an den Tisch gelaufen. Der Mann am Nachbartisch schlief noch immer. Ich winkte Louise heran und bestellte flüsternd eine weitere Flasche Wein.
Lady Tutina lächelte mich an.
Ich erwiderte das Lächeln.
»Magst du mich?« fragte sie.
»Ja.« Mit der richtigen Ausbildung gäbe sie eine ausgezeichnete Sklavin ab.
»Wenn diese Sklavin sich doch nur beeilen würde!«
»Sie ist sicher gleich da.«
»Vielleicht solltest du sie auspeitschen«, schlug Tutina vor.
»Ein ausgezeichneter Vorschlag, aber wir wollen ihr noch ein paar Ihn geben.«
»Ich glaube, daß ich bald in der richtigen Stimmung bin«, flüsterte sie vertraulich.
»Ausgezeichnet«, entgegnete ich. Ihr ganzes Gerede belustigte mich. Ich fragte mich, ob sie in den ersten Ihn in Ketten – bis die Hand oder die Peitsche ihres Herrn sie anderweitig lehrte – noch immer der festen Überzeugung wäre, den Herrn auf sein Vergnügen warten lassen zu können, bis sie ›in der richtigen Stimmung‹ war.
Sie sah mir tief in die Augen. »Ich glaube«, wisperte sie, »dieses Treffen könnte mein ganzes Leben verändern.«
»Das erscheint mir nicht unmöglich«, erwiderte ich.
»Herr«, sagte Louise und kniete vor dem Tisch nieder, eine kleine Flasche Wein auf dem Tablett. Ich nahm sie und stellte sie in meiner Nähe ab. Dann schickte ich Louise wieder fort.
Ich goß zwei Glas Wein ein. Dabei fragte ich mich, wie geschickt Lady Tutina wohl wäre. Ich erinnerte mich an einen Freund namens Boots Tarskstück, der wunderbar begabt war, was Taschenspielertricks anging.
»Sie ist hübsch, nicht wahr?« fragte Lady Tutina und sah Louise nach. Das nackte Sklavenmädchen war in dem flackernden Rotlicht kaum auszumachen; sie hielt das Tablett über den Kopf und bahnte sich einen Weg an den Tischen und Matten vorbei. »Auf die unterwürfige Weise, die Sklaven so an sich haben«, fügte Tutina hinzu.
Ich sah Louise hinterher. »Schon möglich.«
»Der Mann scheint jedenfalls der Meinung zu sein«, sagte Tutina. Ein Gast griff nach Louises Schenkel, als sie an ihm vorbeiging. Sie wich ihm geschickt aus und eilte weiter. Der Mann sackte betrunken auf die Seite.
»Ja«, sagte ich. Louise war in der Tat ein hübsches Mädchen.
»Laß uns trinken!« schlug Tutina vor. Ich fand, daß sie doch nicht so geschickt war wie angenommen. Es ist nicht besonders schwer, jemandem, der gerade nicht hinsieht, etwas ins Glas zu schütten. Boots hätte es bestimmt geschafft, während er der betreffenden Person ins Gesicht gesehen hätte. Er war natürlich ungewöhnlich gut in solchen Dingen.
»Auf dich«, hauchte Lady Tutina mit einem Lächeln.
»Nein«, sagte ich. »Auf dich.«
Sie trank von dem Wein. Ich hob das Glas lediglich an die Lippen und stellte es wieder ab.
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