»Und was ist mit deiner Einsamkeit, deinem Verlangen nach Liebe?«
»Sleen! Sleen!« stieß sie hervor. Sie kämpfte wieder gegen den Griff an, aber diesmal schien es bereits weniger energisch als beim letztenmal zu sein. Es war also etwas im Wein gewesen. Plötzlich schien sie unsicher auf den Beinen zu werden.
»Was wirst du mit mir tun?« fragte sie.
»Wenn du erwachst, wirst du schon merken, was man mit dir getan hat«, erwiderte ich.
»Ich liebe dich«, sagte sie unvermittelt. »Bring mich auf dein Zimmer. Es war nicht nötig, mir etwas einzuflößen. Ich wäre gern mitgegangen.«
»Das freut mich.«
»Ich liebe dich. Du wirst mich doch mit auf dein Zimmer nehmen, oder?«
Ich sah sie wortlos an.
»Ich werde dir dienen – wie eine Sklavin!« flüsterte sie. »Und morgen früh läßt du mich gehen.«
Ich schwieg.
»Was hast du mit mir vor?« flüsterte sie.
»Ich werde dir überhaupt nichts tun«, sagte ich.
Tutina sah mich verblüfft an. Und schwankte plötzlich.
Ich warf dem Mann, der auf dem Tisch schlief, einen bezeichnenden Blick zu.
»Nein«, stieß sie hervor. »Nein! Bitte! Nicht!«
»Das ist ein schöner Ring«, sagte ich. Ich streifte ihn ihr vom Finger und warf ihn zu Boden. Tutina sank in sich zusammen. Ich glaubte nicht, daß sie noch aufstehen konnte. Sie sah zu, wie ich den Ring mit dem Absatz zertrat.
Dann sackte Tutina bewußtlos zu Boden.
Ich packte sie bei den Handgelenken und zerrte sie zu dem Tisch, an dem ihr früheres Opfer bewußtlos schlummerte. Am Boden war ein schwerer Sklavenring befestigt. Dort legte ich sie auf die Matte, schob ihr Kleid bis zu den Oberschenkeln hoch und fand wie erwartet den Geldbeutel. Ich band ihn ihr um den Hals, holte die drahtverstärkte Schnur aus der Gürteltasche und fesselte ihr die Handgelenke an den Ring.
Ich sah auf sie hinunter. Tutina lag dort auf dem Bauch, halbnackt, die Arme über den Kopf gestreckt, die Handgelenke über Kreuz an den Sklavenring gefesselt, den Geldbeutel um den Hals. Wenn der Mann das Bewußtsein wiedererlangte, wüßte er sofort, was er mit ihr zu tun hatte.
Das war erledigt. Ich sah mich um. Eine Nachricht hatte mich an diesen Ort gelockt. Ich hatte gewartet, aber offenbar hatte niemand den Versuch unternommen, Kontakt mit mir aufzunehmen. Dafür mochte es verschiedene Gründe geben. Allerdings war das Treffen sicherlich nicht daran gescheitert, daß man mich nicht erkannt hatte. Die Personen – oder die Person –, die dahintersteckten, wußten, wie ich aussah, entweder vom Platz am Zentralzylinder her oder anhand einer Beschreibung. Das deutete darauf hin, daß sie bis jetzt noch nicht auf mich zugetreten waren, weil es sich um eine vertrauliche Angelegenheit handelte. Vielleicht um eine geheime Information oder, was wahrscheinlicher war, um den verstohlenen Einsatz gezückter Dolche, das Geschäft des Attentäters.
Es würden nicht mehr als zwei Männer sein. Ich faßte die Durchgänge zu den Tunneln ins Auge. Der Bordelleingang stand ganz bestimmt unter Beobachtung. Doch in einem der Tunnel gab es mit Sicherheit einen Hinterausgang. Wenn sie glaubten, ich würde mich danach auf die Suche machen, mußten sie schnell handeln. In dem Tunnel wäre es dunkel. Ich ging los. Einen Augenblick später hatte ich den niedrigen Durchgang zu dem Al-Ka-Tunnel erreicht, dem ersten Tunnel. Ich blickte zurück. In dem Dämmerlicht war nicht zu erkennen, ob mich jemand beobachtete. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, daß mein Eintritt nicht unbeobachtet blieb.
Die Tür fiel hinter mir zu. Ein Lichtschein drang darunter hervor.
Einen Augenblick später hatte ich den Lichtschein bereits hinter mir gelassen. Bald mußte ich auf allen vieren kriechen, da sich die Tunneldecke nur etwa dreißig Zentimeter über meinem Kopf befand. Der Tunnel war an einigen Stellen mit Teppichen ausgelegt; wo das nicht der Fall war, mußte ich über nackten Steinboden kriechen. In unregelmäßigen Abständen gab es mit Ledervorhängen verschlossene Alkoven; die kreisrunden Eingänge besaßen eine Breite von etwa einem Meter. Einige der Alkoven waren mit einer Lampe ausgestattet, wie der Lichtschein verriet, der durch die Spalten der Ledervorhänge drang und den Tunnel schwach erhellte. Doch davon abgesehen war es hier stockfinster. Zwei Alkoven waren belegt, wie man sehen konnte, da die Vorhänge nicht richtig zugezogen waren. Ein Mädchen kniete nackt mit dem Rücken zur Wand, die angeketteten Hände über dem Kopf. Ihr Herr strich mit dem Peitschenstiel über ihren Körper. In dem zweiten Alkoven lag ein Mädchen mit weit gespreizten Beinen auf dem Rücken. Sie wölbte sich dem Mann entgegen, der sie anscheinend bis zu einem Punkt erregt hatte, an dem sie es nicht mehr aushalten konnte. Doch er ließ sich Zeit und spielte weiter mit ihr.
Die anderen Alkoven waren jedoch so finster wie der Tunnel. Einige waren unbesetzt, wie ich hoffte, da ich möglicherweise einen davon brauchte. Doch als ich weiterkroch, hörte ich, daß so gut wie kein Alkoven leer war, ganz im Gegenteil. Ketten klirrten, leises, unterdrücktes Lustgestöhn war zu hören. Viele der Frauen gaben sich in der Dunkelheit Männern hin, die sie nicht sehen konnten. Andere lagen dort angekettet und warteten, ohne zu wissen, wer da kam.
Plötzlich hielt ich inne und vermied jedes Geräusch. Jemand kam mir in dem Tunnel entgegen. Natürlich ging ich davon aus, daß diejenigen, die nach mir suchten, von hinten kamen. Dennoch zog ich mein Quiva. Pagageruch erfüllte die Luft. Dann kroch ein Bursche an mir vorbei.
Ich machte mich wieder auf den Weg.
»Mehr! Mehr! Bitte!« Die Stimme des Mädchens kam aus einem Alkoven zu meiner Rechten. »Bitte, Herr, hör nicht auf! Nein! Nicht aufhören! Bitte!« Ketten klirrten. »Bitte, Herr!« schluchzte sie. »Ich flehe dich an! Ja, ja, ja, ja!«
Ich hörte einen Aufschrei, das Klirren der Ketten wurde leiser.
Ich machte mich wieder auf den Weg.
Der Tunnel beschrieb nun Kurven. Allerdings wurde er nicht geräumiger. Man konnte die Nummern der Alkoven ertasten, wenn einem die Lampe fehlte. Meine Finger strichen über die Nummer zu meiner Rechten. Es war die Sechsundzwanzig. Der nächste Alkoven würde dann die Nummer siebenundzwanzig tragen, ein Stück links voraus. Die Alkoven waren versetzt zueinander angeordnet, vermutlich um der Privatsphäre willen. Diese Aufteilung half dabei, die Zahl der unerwarteten Begegnungen zu verringern. Goreaner sind manchmal etwas heikel, was solche Dinge angeht. Ich schätzte, daß ich mittlerweile weit in den Tunnel vorgedrungen war. Der Hinterausgang beziehungsweise der Durchgang in einen hinteren Korridor konnte nicht mehr weit entfernt sein. Vielleicht gelang es mir, ohne Schwierigkeiten aus dem Freudenhaus hinauszukommen. Das wäre schön gewesen.
Ich hielt inne, lauschte geduldig. Augenblicke später hörte ich es. Es war kein lautes Geräusch, dafür aber unverkennbar, das Geräusch von über Stein schabendem Stahl. Vermutlich gab es viele Erklärungen für ein solches Geräusch. Eine davon – die ich wirklich aufregend fand – war das Messer in der Hand des Mannes, der durch den Tunnel kroch.
Ich ging weiter. »Cicek!« rief ich leise. »Wo steckst du, Cicek? Cicek?«
»Warte«, erwiderte eine Stimme.
»Tal«, sagte ich. »Ist Cicek hier entlanggekommen? Hast du eine Sklavin hier entlangkommen gesehen?«
»Hier sieht man nichts«, knurrte der Mann.
»Vielleicht hast du sie ja gefühlt. Das wäre sicher sehr angenehm gewesen.«
»Du bist betrunken.«
»Das ist nicht wahr.«
»Was tust du hier?«
»Was tut man schon im Tunnel?« stellte ich die Gegenfrage. »Was tust du hier?«
»Sprich!« befahl er drohend.
»Um ehrlich zu sein, im Augenblick nicht viel«, sagte ich. »Bist du sicher, daß dir Cicek nicht begegnet ist?«
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