»Gar nicht schade«, sagte Montez. »Es freut mich. Und dieser Mann — vielleicht ist er nur ein unwichtiger Tourist und in vierzehn Tagen wieder verschwunden, aber ich bin froh, daß Sie die Sache einmal durchdenken.«
Gottstein schien ihn nicht zu hören. »Er ist Physiker oder jedenfalls Wissenschaftler«, murmelte er. »Da bin ich ganz sicher. Und irgendwie läßt er mich an eine Gefahr denken…«
»Hallo«, rief Selene fröhlich.
Der Mann von der Erde drehte sich um. Das Erkennen dauerte nur Sekundenbruchteile. »Selene! Richtig? Selene?«
»Richtig! Und auch richtig ausgesprochen. Gefällt es Ihnen hier?«
Der Mann von der Erde antwortete ernst: »Sehr sogar. Ich mache mir hier so richtig klar, wie toll unser Jahrhundert doch ist. Vor kurzem noch war ich auf der Erde, war meiner Umwelt und meiner selbst überdrüssig. Dann dachte ich mir: Nun, wenn ich vor hundert Jahren lebte, bliebe mir jetzt nur das Sterben, um die Welt zu verlassen, aber heute — kann ich zum Mond fliegen.« Er lächelte etwas freudlos.
»Und sind Sie zufriedener, nachdem Sie nun auf dein Mond sind?« fragte Selene.
»Ein wenig.« Er blickte sich um. »Haben Sie denn heute keine Touristen zu führen?«
»Heute nicht«, erwiderte sie fröhlich. »Ich habe frei. Wer weiß, vielleicht nehme ich noch ein paar Tage Urlaub. Meine Arbeit ist sehr langweilig.«
»Wie schade, daß Sie dann an Ihrem freien Tag ausgerechnet einem Touristen in die Arme laufen.«
»Ich bin Ihnen nicht in die Arme gelaufen. Ich habe Sie gesucht. Und das war gar nicht mal einfach. Sie sollten hier nicht so allein herumgehen.«
Der Mann von der Erde musterte sie interessiert: »Warum sollten Sie nach mir suchen? Haben Sie etwas für Erdlinge übrig?«
»Nein«, entgegnete sie mit selbstverständlicher Offenheit. »Sie hängen mir zum Halse heraus. Ich mag sie grundsätzlich nicht. Um so schlimmer, daß ich von Berufs wegen ständig mit ihnen zu tun habe.«
»Und doch suchen Sie nach mir, obwohl ich keine rechte Möglichkeit sehe, mich für jung und gutaussehend zu halten?«
»Das würde auch nichts ändern. Erdlinge interessieren mich nicht — außer Barron weiß das jeder hier.«
»Warum haben Sie aber nach mir gesucht?«
»Weil es andere Arten des Interesses gibt, und weil Barron sich für Sie interessiert.«
»Und wer ist Barron? Ihr junger Freund?«
Selene lachte. »Barron Neville. Er ist gar nicht mehr so jung und weitaus mehr als ein Freund. Wir schlafen zusammen, wenn uns danach zumute ist.«
»Also, das meinte ich ja. Haben Sie Kinder?«
»Einen Jungen. Er ist zehn. Die meiste Zeit verbringt er im Jungenheim. Um Ihrer nächsten Frage zuvorzukommen: er ist nicht von Barron. Vielleicht bekomme ich ein Kind von Barron, wenn wir noch zusammen sind, falls ich ein zweites Kind zugeteilt bekomme falls ich überhaupt ein zweites Kind zugeteilt bekomme… Davon bin ich aber überzeugt.«
»Sie sind recht offen.«
»Bei Dingen, die ich für kein Geheimnis halte? Natürlich… Was möchten Sie jetzt gern tun?«
Sie schritten durch einen Korridor aus milchweißem Gestein, in dessen glasierter Oberfläche matte »Mondedelsteine« schimmerten, die es überall auf dem Mond in Hülle und Fülle gab. Selene trug Sandalen, die kaum den Boden zu berühren schienen; er ging in dicksohligen Stiefeln, die ihn bleiern an den Boden fesselten und dafür sorgten, daß seine Schritte nicht zur Qual wurden.
Im Korridor herrschte Einbahnverkehr. Von Zeit zu Zeit wurden sie von kleinen elektrischen Karren überholt, die fast lautlos an ihnen vorüberrollten.
Der Mann von der Erde fragte: »Was ich gern tun würde? Das ist eine ziemlich unbestimmte Aufforderung. Würden Sie mir bitte die Grenzwerte sagen, damit meine Antworten Sie nicht in aller Unschuld beleidigen?«
»Sind Sie Physiker?«
Der Mann zögerte: »Warum fragen Sie?«
»Nur um zu hören, was Sie darauf zu sagen haben. Ich weiß, daß Sie Physiker sind.«
»Woher?«
»Niemand sagt »Grenzwerte«, ohne Physiker zu sein. Besonders wenn sich jemand bei seinem Mondbesuch sofort für das Protonensynchrotron interessiert.«
»Haben Sie deshalb nach mir gesucht? Weil ich offenbar Physiker bin?«
»Deshalb hat mich Barron auf Ihre Fährte gesetzt. Weil er Physiker ist. Gekommen bin ich aber, weil ich Sie für einen ziemlich ungewöhnlichen Erdenmenschen halte.«
»Inwiefern?«
»Na ja, es wird Ihnen nicht weiter schmeicheln — falls Sie Komplimente hören wollten. Sie haben eben nur wenig von einem Erdling an sich.«
»Woher wollen Sie das wissen?«
»Ich habe gesehen, wie Sie die anderen Leute in der Gruppe beobachteten. Außerdem kann ich mich auf mein Gefühl verlassen. Gerade die Erdchen, die andere Erdchen nicht mögen, bleiben am leichtesten hier. Was mich auf meine Frage zurückbringt… was würden Sie gern machen? Und ich bestimme die Grenzwerte. Ich meine, soweit es die Besichtigung betrifft.«
Der Mann von der Erde sah sie offen an. »Seltsam, Selene. Sie haben einen Tag frei. Ihre Arbeit ist Ihnen zumindest so gleichgültig oder widerlich, daß Sie sich über den freien Tag freuen und am liebsten einen Urlaub daraus machen würden. Und doch v/ollen Sie freiwillig nur wieder Ihre Arbeit tun — ganz allein für mich. Nur wegen eines bißchen Interesses.«
»Barrons Interesse. Er ist im Augenblick beschäftigt, und es kann nicht schaden, wenn ich Sie ein wenig unterhalte, bis er fertig ist… Außerdem ist es gar nicht so. Können Sie sich das nicht vorstellen? Während der Arbeit habe ich immer ein paar Dutzend Erdchen am Hals… Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, daß ich den Ausdruck verwende.«
»Sie meinen, daß ein Lunchen ihn verwendet?«
Selene errötete. »Ja, so etwa«, sagte sie.
»Na, stoßen wir uns nicht länger an einzelnen Worten. Erzählen Sie weiter. Sie wollten mir etwas über Ihre Arbeit sagen.«
»Tag für Tag muß ich mich um all die Erdchen kümmern, damit sie sich nicht selber umbringen, ich muß sie hierhin und dorthin führen und ihnen kleine Vorträge halten und dafür sorgen, daß sie auch essen und trinken und vernünftig gehen. Sie bekommen vorgeführt, was sie sehen wollen, und reagieren, wie man es von ihnen erwartet, und ich muß die ganze Zeit fürchterlich höflich und mütterlich sein.«
»Schrecklich«, meinte der Mann von der Erde.
»Aber Sie und ich — wir können tun, was uns gefällt, hoffe ich, und Sie lassen mich vielleicht gewähren und legen nicht gleich jedes Wort auf die Goldwaage.«
»Ich sagte Ihnen schon, daß Sie mich jederzeit Erdchen nennen dürfen.«
»Na gut, so sieht mein Urlaub also aus. Was möchten Sie gern machen?«
»Das läßt sich leicht beantworten. Ich möchte gern das Protonensynchrotron sehen.«
»Das geht nicht. Vielleicht kann Barron etwas arrangieren, wenn Sie mit ihm gesprochen haben.«
»Nun, wenn ich an das Synchrotron nicht herankomme, wüßte ich nicht, was es sonst noch zu sehen gibt. Ich weiß, das Radioteleskop steht auf der anderen Seite, und ich nehme auch nicht an, daß es irgendwelche Neuerungen enthält…Sagen Sie — was bekommt der Durchschnittstourist hier nicht zu sehen?«
»Eine Reihe von Sachen. Zum Beispiel die Algenräume — nicht die aseptisch sauberen Nahrungsmittelfabriken, die Sie schon besucht haben — sondern die eigentlichen Kulturen. Allerdings ist der Gestank ziemlich schlimm da draußen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Erdchen — ein Mann von der Erde — besonderen Geschmack daran findet. Unsere Besucher haben noch genügend Probleme mit dem Essen, wenn es fertig vor ihnen steht.«
»Überrascht Sie das? Haben Sie schon einmal Nahrungsmittel von der Erde gegessen?«
»Noch nicht. Vermutlich würden sie mir nicht schmecken. Hängt immer davon ab, was Sie vorher gewöhnt waren.«
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