Der Pfad war steil und hatte viele Windungen, die sich um die tief im Boden verankerten, mit grauen Flechten bewachsenen Felsblöcke schlängelten. Die Baumstämme ragten dicht nebeneinander auf, die rissige, dunkle Rinde alter Eichen und das seidenglatte Weiß der Birken, das nur hin und wieder von dunkleren Flecken unterbrochen war. Aus dem dichten Gewirr des Unterholzes leuchteten die roten Früchte des Pfaffenhütleins.
Maxwell stieg langsam weiter, ohne sich zu verausgaben. Oft genug blieb er stehen, um das Gefühl des Herbstes, das ihn von allen Seiten umgab, in sich eindringen zu lassen. Schließlich erreichte er die Feenlichtung, in der Churchills Flugzeug gelandet war, beschädigt durch den Bann der Trolle. Ein Stück weiter oben am Berg lag die Burg der Kobolde.
Er blieb einen Moment lang am Rasen stehen und rastete, dann kletterte er weiter. Dobbin oder ein anderes Pferd, das verblüffende Ähnlichkeit mit ihm hatte, rupfte das dürftige Gras, das in zerzausten Büscheln auf einer eingezäunten Weide wuchs. Ein paar Tauben umflatterten die Schloßtürme, aber sonst war kein Lebenszeichen zu sehen.
Plötzliche Schreie zerrissen die Morgenstille, und aus dem offenen Schloßtor jagte eine Bande Trolle, die sich schnell und in einer merkwürdigen Formation dahinbewegten. Sie hatten drei Reihen gebildet, und jede Reihe zog an einem Seil. Maxwell erinnerte sich, daß er einmal ein altes Bild von Wolgaschiffern gesehen hatte, die ihre Boote auf diese Weise beförderten. Die Trolle polterten über die Zugbrücke, und nun konnte Maxwell sehen, daß die drei Seile um einen behauenen Stein geschlungen waren, der hinter ihnen dreinhüpfte und einen dröhnenden Lärm veranstaltete, als er über die Zugbrücke ratterte.
Der alte Dobbin wieherte schrill und keilte aus. Die Fänge der Trolle glitzerten noch stärker als sonst in den braunen, boshaften und runzeligen Gesichtern, und ihr drahtiges Haar schien sich noch mehr nach allen Seiten zu spreizen als gewöhnlich. Sie rannten den Pfad hinunter, und der Stein schleifte über den Boden und wirbelte Staubwolken auf.
Hinter ihnen ergoß sich ein Schwarm Kobolde aus dem Tor, bewaffnet mit Knüppeln, Hacken, Dreizacken — offensichtlich hatten sie genommen, was in der Eile am nächsten gewesen war.
Maxwell sprang zur Seite, als die Trolle auf ihn zurannten. Sie liefen keuchend und schleppten das Gewicht des Steines hinter sich her, während die Koboldhorde sie mit wildem Gekreische verfolgte. An der Spitze der Bande lief Mister O’Toole, und sein Hals und Gesicht waren violett vor Wut. Er schwang einen gewaltigen Knüppel.
An der Stelle, wo Maxwell aus dem Wege gesprungen war, führte der Pfad an einem Schräghang vorbei, der sich bis zur Feenlichtung erstreckte. Der Steinblock, den die Trolle geraubt hatten, machte einen plötzlichen Sprung, als die Vorderkante gegen einen Felsvorsprung schlug. Die Seile hingen schlaff durch, und im nächsten Moment hüpfte der Stein den Schräghang hinunter. Die Seile schleiften hinterher.
Einer der Trolle schrie eine Warnung, die kleinen Tunichtgute sprangen zur Seite. Der Steinblock rollte in die Tiefe und gewann mit jeder Umdrehung an Schnelligkeit. Er schlug in die Feenlichtung und hinterließ eine tiefe Narbe, dann krachte er gegen einen massiven Eichenstamm am anderen Ende des Rasenflecks und blieb endgültig liegen.
Die Kobolde verfolgten brüllend die Diebe, die sich im Wald verteilt hatten. Angst- und Wutschreie drangen über den Berg, vermischt mit den Geräuschen krachender Äste, als die Kleinen durch das Unterholz drangen.
Maxwell überquerte den Weg und ging hinüber an den Weidenzaun. Der alte Dobbin hatte sich beruhigt und seine Schnauze auf die oberste Stange gelegt. Er starrte den Hügel hinunter.
Maxwell streckte die Hand aus und streichelte seine Mähne, dann zupfte er das Tier sanft am Ohr. Dobbin zog die Oberlippe hoch und sah ihn freundlich an.
»Hoffentlich lassen sie dich den Stein nicht nach oben schleppen«, sagte Maxwell. »Der Hang ist steil.«
Dobbin zuckte gelangweilt mit einem Ohr.
»Wie ich O’Toole kenne, wird er es nicht verlangen«, fuhr er fort. »Falls er die Trolle erwischt, müssen sie ihn wieder nach oben bringen.«
Das Geschrei hatte sich ein wenig beruhigt, und nach kurzer Zeit kam Mister O’Toole keuchend und schnaufend den Pfad nach oben. Er trug den Knüppel über der Schulter. Sein Gesicht war immer noch purpurn, aber offensichtlich mehr von der Erschöpfung als vor Zorn. Er eilte auf den Zaun zu, und Maxwell ging ihm entgegen, um ihn zu begrüßen.
»Mein tiefstes Bedauern«, sagte O’Toole so würdevoll er konnte. »Ich habe Sie erblickt und war glücklich über Ihre Anwesenheit, doch die Geschäfte duldeten keinen Aufschub. Ich vermute, daß Sie der Szene beiwohnten.«
Maxwell nickte.
»Meinen Steigstein haben sie gestohlen«, wütete Mister O’Toole, »in der boshaften Absicht, mich zum Gehen zu zwingen.«
»Zum Gehen?« fragte Maxwell.
»Ich sehe, Sie denken heute nur mäßig. Mein Steigstein, auf den ich klettern muß, um Dobbin zu erklimmen. Ohne einen Steigstein komme ich auf keinen Pferderücken und muß unter Schmerzen und Keuchen zu Fuß gehen.«
»Ich verstehe«, sagte Maxwell. »Wie Sie andeuteten, waren meine Gedanken sehr langsam.«
»Diese widerlichen Trolle«, sagte Mister O’Toole zähneknirschend. »Sie machen vor nichts halt. Nach dem Steigstein wird das Schloß kommen, Stück für Stück, Ziegel für Ziegel, bis nur noch der nackte Fels da steht, wo es sich erhob. Es ist unter diesen Umständen erforderlich, mit größter Entschlossenheit vorzugehen.«
Maxwell deutete mit dem Kinn nach unten. »Wie ging der Kampf aus?« fragte er.
»Wir entwurzeln sie«, sagte der Kobold mit einiger Befriedigung. »Sie stieben auseinander wie das Wachtelvolk. Wir holen sie unter den Felsen hervor und aus den Dickichten, und dann schirren wir sie an wie die Maultiere, mit denen sie fürwahr Ähnlichkeit haben, und lassen sie den Stein mühsam an die Stelle zurückschleppen, wo sie ihn entwendet haben.«
»Sie rächen sich, weil Sie die Brücke zerstört haben«, sagte Maxwell.
Mister O’Toole hüpfte vor Verzweiflung auf und ab. »Sie täuschen sich!« rief er. »Aus einem tiefen und fehlgeleiteten Mitgefühl heraus haben wir davon Abstand genommen, die Brücke zu vernichten. Nur zwei kleine Steine — das war alles. Zwei winzige Steine und angsterregendes Gebrüll. Daraufhin nahmen sie den Bann von dem Besenstiel und auch von dem süßen Oktoberbier. Da wir einfache, gutherzige Seelen sind, ließen wir es dabei bewenden.«
»Sie nahmen den Bann vom Bier? Ich könnte mir denken, daß das unmöglich ist, sobald gewisse chemische Veränderungen eingesetzt haben …«
Mister O’Toole sah Maxwell mit einem verächtlichen Blick an. »Das wissenschaftliche Geschwätz ist barer Unsinn. Ich kann Ihre Vorliebe für diese Wissenschaft nicht begreifen, wo Sie doch bei einigem Lerneifer die Magie von uns erfahren können. Allerdings muß ich gestehen, daß die Entzauberung des Bieres zu wünschen übrig ließ. Es hat einen schwach moderigen Geschmack beibehalten.
Doch besser moderiges Bier als gar kein Bier. Wenn Sie mich begleiten wollen, können wir es kosten.«
»Der Satz ist der schönste, den ich heute gehört habe«, sagte Maxwell.
»Dann lassen Sie uns die zugigen Säle aufsuchen, die die verrückten Menschen so tölpelhaft für uns gebaut haben.«
Im zugigen Großen Schloßsaal ließ Mister O’Toole zwei Krüge mit schäumendem Bier vollaufen, das sich in einem mächtigen, auf Sägeböcken ruhenden Faß befand. Er trug die Krüge an den primitiven Tisch vor dem großen Steinkamin, in dem ein niedriges Feuer widerspenstig dahinqualmte.
»Die Unverschämtheit an diesem unerhörten Diebstahl des Steines ist die Tatsache, daß er zu einer Zeit begangen wurde, da wir Kobolde Leichenschmaus halten.« Mister O’Toole hob den Krug.
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