Stumpfsinn bleibt Stumpfsinn, wenn er vervielfältigt wird. Nur überhöht sich dann auch seine Lächerlichkeit. Der Kosmos ist Kritzelei aus x-beliebigen Punkten und Doppelpunkten. Wohin du auch blickst, wohin du auch greifst, — nur dies und sonst nichts. Die Eintönigkeit der Schöpfung dürfte wohl der trivialste und platteste Einfall sein; der sich nur ausdenken läßt. Getüpfeltes Nichts, und dies bis in alle Unendlichkeit! Wer verfiele auf etwas so Einfallsloses, wenn das Ganze erst jetzt zu erschaffen wäre? Wohl nur ein Idiot! Da nimmt jemand unermeßliche Räume voll Garnichts und tüpfelt sie, einmal ums andere, wie es sich gerade trifft! Und einem solchen solchen Aufbau werden Ausgewogenheit und Majestät nachgerühmt! Wir müssen vor ihm auf die Knie fallen? Höchstens aus Verzweiflung über seine Unwiderruflichkeit! Das Ganze erwächst ja lediglich aus Nachäfferei des eigenen Anfangs! Dieser Anfang hinwiederum war die geistloseste aller nur möglichen Handlungen. Denn was kann einer tun, eine Feder in den Händen und vor sich ein leeres Blatt Papier, wenn er nicht weiß, nicht die blasseste Ahnung hat, womit er es ausfüllen könnte. Mit Zeichnungen? Dann gilt es zu wissen, was sich zeichnen ließe. Und wenn einem nichts in den Sinn kommt? Wenn jemand keinen Schimmer von Vorstellungsgabe aufweist? Nun dann, wie von selbst senkt sich die Feder aufs Papier und erzeugt in unwillkürlicher Berührung einen Tüpfel. Und angesichts der glotzenden Geistlosigkeit, die ja mit solcher Impotenz des Schöpferischen einhergeht, stellt dieser einmal gesetzte Tüpfel ein Muster auf. Es wirkt zwingend, da ja absolut nichts anderes vorhanden ist; und da es sich mit geringster Anstrengung bis ins Unendliche wiederholen läßt. Wiederholen, ja, aber wie? Aus Tüpfeln ließe sich ja Gefüge zusammenstellen. Aber wenn man auch dazu unfähig ist? Dann bleibt nur eins: in solcher Unfähigkeit die Feder zu schwingen und Tintentröpfchen zu versprühen, so daß sich alles mit beliebigen, blindlings gesetzten Tüpfeln füllt.“ So sprach der Weise, tauchte eine Feder ins Tintenfaß, nahm ein großes Blatt Papier und bespritzte es etliche Male mit Tinte. Dann zog er aus seinem Gewand eine Sternkarte hervor und zeigte beide Blätter dem König. Die Ähnlichkeit war frappierend. Das Papier, wies Milliarden von Pünktchen auf, größere und kleinere, denn bald reichlicher, bald dem Austrocknen nahe hatte die Feder gekleckst. Und der Himmel auf der Karte bot sich genauso dar. Vom Thron aus schaute der König beide Papierbögen an und schwieg. Der Weise aber setzte fort:“O König, du wurdest belehrt, das Weltall sei ein unendlich herrlicher Bau, gewaltig in der Majestät seiner sternduchschossenen Weiten. Doch schau hin auf diese ehrwürdige, allgegenwärtige, allüberdauernde Konstruktion! Ist sie nicht das Werk unübertrefflicher Dummheit, das Gegenteil des Denkens und der Ordnung? Du wirst fragen, warum dies bisher niemand bemerkt hat. Warum? Weil dieser Stumpfsinn ja alles umfaßt! Doch diese seine Allgemeinheit verlangt nur um so himmelschreiender nach Verspottung und nach distanzierendem Gelächter. Solches Gelächter ist ja zugleich auch der Vorbote der Auflehnung und der Befreiung. Es wäre zweifellos wohlgetan, just in diesem Sinne auf das Weltall ein Pasquill zu verfassen, worin dieses Erzeugnis äußerster Geistlosigkeit die gebührende Abfuhr bezöge, auf daß sich ihm künftig kein Chor andächtiger Seufzer verbinde, sondern ironisches Gelächter!“
Der König lauschte entgeistert, der Weise aber erläuterte nach kurzem Schweigen:“Ein solches Pasquill zu schreiben, wäre die Pflicht jedes Gelehrten, wenn nicht dawiderstünde, daß er dabei auch an die erste Ursache rühren müßte, an den Ursprung dieses bespottenswerten und beklagenswerten Zustandes namens Universum. Der Anfang begab sich aber, als das Unmaß noch völlig brachlag und auf schaffende Tätigkeiten wartete. Die Welt aber keimte damals aus weniger als nichts und entwickelte sich über das Nichts zum Etwas. Sie hatte erst einige wenige zusammengedrängte Körper hervorgebracht, und dein Ururvater Allegorian hatte dort die Macht inne. Da nahm er sich etwas Unmögliches und Aberwitziges vor. Er wollte der Natur in ihr unendlich geduldvolles und langsames Handwerk pfuschen und selber das Weltall erschaffen. Nach ihrem Beispiel beschloß er, es üppig zu gestalten, und reich an unschätzbaren Wunderdingen. Da er selbst dies nicht bewerkstelligen konnte, gab er die weiseste Denkmaschine in Auftrag. Die sollte dann das Werk vollbringen. An diesem Moloch baute man dreihundert Jahre und nochmals dreihundert Jahre lang; im übrigen war die Zeitrechnung damals anders als jetzt. Mit Kräften und Mitteln wurde nicht gespart, und das mechanische Ungetüm schien an Größe und Leistung grenzenlos. Als die Maschine fertig war, ließ sie der Usurpator in Betrieb nehmen und ahnte nicht, was er da tat. Denn seinem grenzenlosen Hochmut gemäß war sie gar zu groß geraten. Daher hatte ihre Weisheit längst die Höhen der Vernunft hinter sich gelassen und den Gipfel des Genialen überschritten, und so stürzte sie hinab in völlige Zersetzung des Denkens, in lallende Finsternis, worin randwärts stiebender Strom jeden Sinngehalt in Fetzen riß. Und dieses gleich einer Metagalaxis verwickelte Monstrum, das auf wütig hohen Touren lief, zerkrümelte sich geistig schon bei den ersten Worten, und sie blieben ungesagt. Aus all diesem Chaos, das mit furchtbarem Kraftaufwand sozusagen gewissermaßen irgend etwas dachte, aus Haufen unterentwickelter Begriffe, die einander in Nichts verkehrten, aus all diesen vergeblichen Krämpfen, Kämpfen und Zusammenstößen tröpfelten in die gehorsamen Vollzugsaggregate des Kolosses lediglich die sinnentleerten Satzzeichen! Denn dies war ja nicht die weiseste aller nur möglichen Maschinen, nicht der Cosmocreator Omnipotens, sondern eine aus unbedachter Machtanmaßung entsprossene Ruine, die zum Zeichen ihrer hohen Bestimmung nur Pünktchen hervorzustottern wußte! Der Herrscher wartete auf die Allvollendung, auf die Bestätigung seiner Pläne, der kühnsten, die ein denkendes Wesen je gehegt hat. Und niemand wagte, ihm zu offenbaren, er stehe an der Quelle unsinnigen Lallens und mechanischer Agonie, die schon sterbend geboren wurde. Doch die gewaltigen, leblos horchenden Vollzugsmaschinen befolgten bereitwillig jeden Befehl. Und so begannen sie im vorgegebenen Takt aus fleischlichem Stoff die Form zu drehen, die im dreidimensionalen Raum dem zweidimensionalen Bild eines Tüpfels entspricht. Und dies ist die Kugel. Unablässig wiederholten sie ein und dasselbe; und als sie heißliefen, entzündete sich der Werkstoff; und sie schleuderten Wurf um Wurf feuriger Kugeln in den Abgrund hinaus; und im Stottertakt entstand der Kosmos! So wurde dein Urururahn zum Schöpfer des Weltalls und zugleich zum Urheber des ungeheuerlichsten Stumpfsinns, dem nichts jemals gleichkommen wird. Denn der Akt der Vernichtung eines so fehlgeborenen Werks wird gewiß etwas weit Vernünftigeres sein, vor allem aber etwas bewußt Gewolltes und Beabsichtigtes; von dem anderen, von der Erschaffung, läßt sich dies ja wahrlich nicht behaupten. Nun habe ich alles gesagt, was ich dir erklären wollte, o König, du Abkömmling Allegorians, des Weltenbaumeisters!“
Als der König die weisen Männer entließ, überhäufte er sie mit Gnadenbeweisen, am meisten aber den Greis, der ihm höchste Schmeichelei und ärgsten Schimpf in einem Anhieb zu bieten gewußt hatte. Und als sie nun alle verabschiedet waren, blieb einer der jungen Gelehrten mit dem Greis allein und fragte ihn unter vier Augen, wieviel Wahres an jener Erzählung sei.“Was soll ich dir antworten?“ — sprach der Greis.
„Was ich gesagt habe, das stammt nicht vom Wissen her. Die Wissenschaft fragt nicht nach solchen Eigenschaften des Daseins, wie zum Beispiel Lächerlichkeit. Die Wissenschaft erklärt die Welt; mit ihr versöhnen kann einzig die Kunst. Was wissen wir denn in Wahrheit über die Entstehung des Kosmos?? Eine Wissenslücke von solchem Ausmaß kann mit Legenden und Mythen ausgefüllt werden. Ich wollte als Mythenschöpfer die Höchstgrenze des Unwahrscheinlichen erreichen, und ich meine, ich war nahe daran. Du weißt das ohnehin. Also hast du bloß fragen wollen, ob der Kosmos in Wahrheit lächerlich sei. Aber diese Frage muß sich jeder selbst beantworten.“
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