Die Tür öffnete sich und seine Mutter schaute herein. Ihr Haar war umschattete Bronze, mit einem schwarzen Band, das die Krone hielt. Ihr ovales Gesicht war ohne jegliche Emotion, während ihre grünen Augen ihn mit einem feierlichen Blick musterten.
»Du bist wach«, stellte sie fest. »Hast du gut geschlafen?«
»Ja.«
Paul musterte ihre hochgewachsene Gestalt und bemerkte an ihr Anzeichen von Spannung, als sie seine Kleider von den Bügeln nahm. Jeder andere hätte diesen Ausdruck übersehen — aber sie selbst hatte ihn in der Art der Bene Gesserit erzogen. Sie wandte sich um und hielt ihm ein halboffizielles Jackett, das über der Brusttasche das Emblem der Atreides' trug: einen roten Habicht, hin.
»Beeil dich mit dem Anziehen«, sagte sie. »Die Ehrwürdige Mutter wartet.«
»Ich habe von ihr geträumt«, sagte Paul. »Wer ist sie?«
»Auf der Bene-Gesserit-Schule war sie meine Lehrerin. Momentan ist sie die Wahrsagerin des Imperators. Und — Paul …« Sie zögerte. »Du sollst ihr von deinen Träumen erzählen.«
»Ich werde es tun. Ist sie dafür verantwortlich, daß wir Arrakis bekamen?«
»Wir haben Arrakis nicht bekommen.« Jessica klopfte Staub aus seinen Hosen und legte sie zusammen mit dem Jackett auf den neben dem Bett stehenden Ankleidetisch. »Laß die Ehrwürdige Mutter nicht warten.«
Paul setzte sich auf und umschlang mit den Armen die Knie. »Was ist ein Gom Jabbar?«
Erneut war es ihre eigene Ausbildung, die Paul zeigte, daß sie verunsichert war. Sie war nervös und schien ängstlich.
Jessica ging zum Fenster, zog die Vorhänge zurück und starrte über die am Flußufer liegenden Obstgärten zum Syubiberg hinüber. »Du wirst über das … Gom Jabbar noch früh genug etwas erfahren«, sagte sie.
Paul hörte verwundert die Angst in ihrer Stimme.
Ohne sich umzuwenden, sagte Jessica: »Die Ehrwürdige Mutter wartet in meinem Morgensalon. Beeil dich bitte.«
Die Ehrwürdige Mutter Gaius Helen Mohiam saß in einem Lehnstuhl und wartete auf das Erscheinen von Mutter und Sohn. Die an jeder Seite befindlichen Fenster erlaubten ihr einen Ausblick auf die südliche Flußbiegung und das grüne Farmland der Familie Atreides, aber sie ignorierte ihn. An diesem Morgen fühlte sie ihr Alter deutlicher als jemals zuvor. Verantwortlich dafür war nach ihrer Ansicht der Raumflug und die dadurch unvermeidliche Kontaktaufnahme mit der Raumgilde und deren Geheimniskrämerei. Aber sie hatte eine Mission zu erledigen, die ihre persönliche Anwesenheit verlangte. Nicht einmal die Wahrsagerin des Padischah-Imperators konnte sich ihrer Pflicht entziehen, wenn der Notruf an sie erging.
Verflucht sei Jessica! dachte die Ehrwürdige Mutter. Konnte sie uns nicht eine Tochter gebären, so wie es ihr befohlen war?
Drei Schritte vor dem Stuhl hielt Jessica an, deutete eine knappe Verbeugung an und legte sanft ihre linke Hand an die Naht ihres Kleides. Paul führte die knappe Bewegung aus, die ihn sein Tanzmeister gelehrt hatte, jene, die »die Begrüßung solcher Personen, deren Rang noch nicht feststeht« hieß.
Die Sorgfalt in Pauls Gruß war der Ehrwürdigen Mutter nicht entgangen. Sie sagte: »Er ist vorsichtig, Jessica.«
Jessicas Hand legte sich auf Pauls Schulter und drückte sie. Für die Länge eines Herzschlages floß Furcht durch ihre Handfläche, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. »Er wurde so erzogen, Euer Ehrwürden.«
Was fürchtet sie? fragte sich Paul.
Die alte Frau musterte Paul mit einem kurzen Blick. Er hatte das ovale Gesicht Jessicas, wenn auch knochiger … Sein Haar: tiefschwarz, aber die Augenbrauen wie der Großvater mütterlicherseits, der nicht genannt werden kann, und die gleiche dünne, hochmütig wirkende Nase des alten Herzogs, seines verstorbenen Großvaters väterlicherseits.
Ein Mann, der die Macht der Herausforderung schätzt — selbst im Angesicht des Todes , dachte die Ehrwürdige Mutter.
»Eine gute Ausbildung ist wichtig«, sagte sie, »aber noch wichtiger ist die charakterliche Veranlagung. Wir werden sehen.« Ihre alten Augen musterten Jessica mit einem harten Blick. »Laß uns allein. Ich weise dich an, die Meditation des Friedens auszuführen.«
Jessica nahm die Hand von Pauls Schulter. »Euer Ehrwürden, ich …«
»Jessica, du weißt, daß es nicht anders geht.«
Verwirrt sah Paul seine Mutter an.
Jessica straffte sich. »Ja … natürlich …«
Erneut sah Paul auf die Ehrwürdige Mutter. Es war nicht nur reine Höflichkeit: allein die Tatsache, daß seine Mutter sich offenbar vor ihr fürchtete, riet ihm zur Vorsicht. Außerdem ärgerte er sich darüber.
»Paul …«, sagte Jessica nach einem tiefen Atemzug, »… der Test, dem du jetzt unterzogen wirst … Er ist sehr wichtig für mich.«
»Der Test?« Paul sah sie an.
»Vergiß nicht, daß du der Sohn eines Herzogs bist«, sagte Jessica. Sie verließ den Raum mit wehendem Kleid. Die Tür schloß sich sanft hinter ihr.
Paul musterte die alte Frau mit kaum verhohlenem Ärger. »Behandelt man Lady Jessica wie ein ordinäres Dienstmädchen?«
Ein Lächeln huschte über die Mundwinkel der Ehrwürdigen Mutter. »Lady Jessica war mein Dienstmädchen, Bursche, und zwar vierzehn Jahre lang, während ihrer Schulzeit.« Sie nickte. »Und zwar ein sehr gutes. Und jetzt komm her! «
Die beiden letzten Worte trafen Paul wie ein Peitschenschlag. Bevor er in die Lage kam, weiter darüber nachzudenken, stellte er fest, daß er ihrer Anweisung gehorchte. Ihre Stimme hat Gewalt über mich , dachte er. Auf eine Geste der Ehrwürdigen Mutter hin blieb er stehen.
»Siehst du das?« fragte sie. Sie zog einen grünen Metallwürfel mit einer Kantenlänge von etwa fünfzehn Zentimetern aus den Falten ihres Gewandes. Vor seinen Augen drehte sie ihn hin und her, und Paul konnte erkennen, daß eine Seite des Würfels offen war. Das Innere war schwarz und furchterregend. Nicht der kleinste Lichtstrahl erhellte die Öffnung.
»Steck deine rechte Hand hinein«, sagte die alte Frau.
Paul fürchtete sich plötzlich. Als er den Versuch machte, zurückzuweichen, sagte sie: »Gehorchst du so deiner Mutter?«
Paul schaute in glitzernde Augen.
Langsam, wie unter einem spürbaren Zwang, dem man nicht entweichen kann, tat Paul, was sie ihn geheißen hatte. Zuerst spürte er einen kalten Schauer. Die Schwärze umfaßte seine Hand, und langsam fing sie an zu prickeln, als würde sie einschlafen.
Ein erwartungsvoller Blick der Ehrwürdigen Mutter. Sie löste die rechte Hand von dem Würfel und brachte sie in die Nähe von Pauls Nacken. Etwas metallisch Blitzendes kam kurz in sein Blickfeld. Paul versuchte sich umzudrehen.
»Halt!« zischte die Ehrwürdige Mutter.
Schon wieder diese Stimme! Paul lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihr Gesicht zurück.
»Was du jetzt an deinem Nacken fühlst«, sagte sie, »ist das Gom Jabbar. Eine vergiftete Nadel, verstehst du? Wenn du einen Fluchtversuch machst, wirst du sie zu spüren bekommen.«
Trotz seiner trockenen Kehle versuchte Paul zu schlucken. Es war ihm unmöglich, den Blick von dem verwelkten Gesicht mit den blitzenden Augen und ihren metallisch leuchtenden Zähnen zu lösen.
»Der Sohn eines Herzogs sollte alles über Gifte wissen«, sagte sie. »Es ist ein Zeichen unserer Zeit, nicht wahr? Musky, das in Getränken verwendet wird. Oder Aumas, das man vorzugsweise fester Nahrung beigibt. Die schnell- und langsamwirkenden Gifte sowie alle Abstufungen dazwischen. Das Gom Jabbar ist ein völlig neues. Es tötet nur Tiere.«
Plötzlicher Stolz überflutete Pauls Furcht. Aufbrausend sagte er: »Ihr vergleicht den Sohn eines Herzogs mit einem Tier?«
»Sagen wir lieber, du bist möglicherweise ein Mensch«, erwiderte die Ehrwürdige Mutter. »Vorsicht! Ich habe dich gewarnt. Kontrolliere deine Bewegungen. Ich bin alt, aber dennoch in der Lage, die Nadel in dich zu bohren, bevor du meiner Reichweite entwischst.«
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