Dann wandte Lansing sich um und humpelte durch die Kammer davon.
4
Daheim in seinem Appartement setzte sich Lansing ans Fenster und starrte hinaus in die Nacht. In der Hand hielt er ein gefülltes Whiskyglas. Diese ganze Angelegenheit ist einfach zu lächerlich, dachte er. Das konnte es einfach nicht geben, und doch wußte er, daß sich alles tatsächlich zugetragen hatte. Zur Bestätigung brauchte er nur in die Tasche zu greifen und die beiden Dollarstücke durch die Finger gleiten zu lassen. Seit Jahren hatte er keinen Silberdollar mehr besessen, geschweige denn zwei zur gleichen Zeit. Er zog die Münzen aus der Tasche, um sie zu untersuchen. Beide waren jüngeren Datums, stellte er fest. Vor Jahren schon hatten Spekulanten und Sammler alle Münzen mit einem interessanten Silberanteil auf die Seite geschafft. Die beiden Schlüssel an dem Plastikplättchen lagen noch auf der Tischplatte, wo er sie abgelegt hatte. Er streckte die Hand nach ihnen aus, doch dann zog er sie wieder zurück, ohne die Schlüssel berührt zu haben. Noch immer hielt er das Glas in der Hand. Er ging alle Ereignisse des Tages in Gedanken noch einmal durch und stellte zu seinem Erstaunen fest, daß er ein unangenehmes, schuldbewußtes Gefühl dabei hatte, so als ob er etwas Verbotenes getan hätte. Er versuchte, sich über die Gründe für seine Empfindungen klarzuwerden. Es schien jedoch keinen Grund zu geben, einzig eine Tatsache: Sein Besuch im Ratskeller war keine, völlig normale Handlung gewesen. In seinem ganzen Leben war er noch niemals heimlich irgendwohin geschlichen, er hatte einfach keine Zeit für solche Unternehmungen gehabt. An seinem Eindringen in die Abstellkammer aber haftete der Ruch von etwas Verstohlenem, Heimlichem, von etwas, das nicht ganz zum würdigen Stand eines Fakultätsmitglieds passen wollte. Immerhin arbeitete Lansing an einer zwar kleinen, aber in vieler Hinsicht respektablen Hochschule.
Aber das war noch nicht alles, dachte Lansing. Die Heimlichkeit, das leichte Schuldgefühl waren nicht alles. Ihm wurde allmählich klar, daß er einen Aspekt bis jetzt - auch vor sich selbst - bewußt unterdrückt hatte. Es gab einen Gedanken, dem er sich nicht stellen wollte, vor dem er immer wieder zurückzuckte. Lansing zwang sich zu einem Eingeständnis: Er hatte den Verdacht, daß ihn jemand zum Narren halten wollte. Diese Formulierung war allerdings nicht völlig zutreffend. Wenn es sich bei der Sache nur um einen infantilen Studentenstreich gehandelt hätte, dann wäre sie mit seinem heimlichen Besuch in der Abstellkammer beendet gewesen. Aber der Automat hatte mit ihm gesprochen. Auch das mußte noch nicht viel besagen. Jemand konnte den Spielautomaten mit einem Tonband ausgestattet haben, und er, Lansing, hatte es eingeschaltet, als er den Hebel betätigte.
Aber so einfach lagen die Dinge nicht. Die Maschine hatte nicht einfach nur geredet, sie hatte sich mit ihm unterhalten. Kein Student konnte ein Band so präparieren, daß es ein logisches Gespräch enthielt. Und der Dialog war durchaus logisch gewesen. Lansing hatte Fragen gestellt, und der Automat hatte ihm geantwortet. Er hatte ihm außerdem präzise Anweisungen gegeben.
Also hatte Lansing sich das alles nicht nur eingebildet, es war auch kein Studentenulk. Die Maschine hatte sogar seinen Fußtritt erwidert. Der Knöchel schmerzte noch immer ein wenig, allerdings brauchte Lansing jetzt nicht mehr zu humpeln. Wenn es aber kein Streich gewesen war, ein genial geplanter Streich, was, um Himmels willen, war es dann? Lansing hob das Glas an die Lippen und trank den Whisky in einem Zug aus, etwas, was er noch nie zuvor getan hatte. Er schlürfte Whisky mit Bedacht und stürzte ihn niemals hinunter. Was Alkohol betraf, hatte er kein großes Stehvermögen. Er stand vom Sessel auf und begann im Zimmer auf und ab zu gehen. Doch das nützte ihm nichts; es half ihm nicht beim Nachdenken. Er stellte das leere Glas auf der Kommode ab, ging zum Sessel zurück und setzte sich wieder hinein. Also gut, sagte er zu sich, nun wollen wir damit aufhören, uns etwas vorzumachen. Man soll sich nicht vor sich selbst in Schutz nehmen. Wenn man sich lächerlich gemacht hat, muß man der Tatsache ins Auge sehen. Steigen wir also vom hohen Roß, und versuchen wir, der Sache auf den Grund zu gehen. Es hatte alles mit dem Studenten Jackson angefangen. Wäre Jackson nicht gewesen, hätten sich auch die anderen Dinge nicht ereignet. Ganz am Anfang hatte eigentlich Jacksons Referat gestanden. Eine gute Arbeit, eine außerordentlich gescheit formulierte Studie, besonders für einen Mann wie Jackson -wenn man einmal von den falschen Quellenangaben absah. Hätte Jackson nicht diese merkwürdigen Zitate verwendet, Lansing hätte ihm niemals den Zettel in sein Postfach gelegt. Nein, vielleicht hätte er ihn dennoch um eine Unterredung gebeten. Möglicherweise hätte er gespürt, daß Jacksons Arbeit nicht ohne fremde Hilfe entstanden war. Lansing dachte einen Moment lang über diese Möglichkeit nach, dann sagte er sich, daß er Jackson wahrscheinlich nicht zu sich bestellt hätte. Wenn Jackson mogeln wollte - was ging ihn, Lansing, das an? Letztlich betrog Jackson doch nur sich selbst. Es hätte keinen Sinn gehabt, über den Betrugsversuch als solchen zu sprechen. Mehr als ein fruchtloses Streitgespräch wäre dabei nicht herausgekommen, denn schließlich hätte er Jacksons Täuschungsversuch nicht beweisen können. Für Lansing gab es nur eine logische Schlußfolgerung: Er sollte zu einem bestimmten Verhalten veranlaßt werden. Die Sache war äußerst geschickt eingefädelt worden, entweder von Jackson selbst oder von jemandem, der Jackson als Werkzeug benutzte. Jackson war nicht gerissen und nicht energisch genug, um ein solches Vorhaben allein durchzuführen. Allerdings konnte sich Lansing in diesem Punkt nicht sicher sein. Bei jemandem wie Jackson konnte man nie ganz sicher sein. Wenn Lansing tatsächlich zu bestimmten Handlungen verleitet werden sollte, was war der Sinn dieser Unternehmung? Auf diese Frage schien es keine Antwort zu geben. Nichts ergab einen Sinn, überhaupt nichts.
Vielleicht wäre es das beste, wenn er die ganze Angelegenheit vergessen würde und nichts mehr unternähme. Aber konnte er das überhaupt? Konnte er sich zu dieser Art Untätigkeit zwingen? Bis zum Ende seiner Tage würde er sich fragen, was es mit der Sache auf sich gehabt habe. Den Rest seines Lebens würde er sich den Kopf darüber zerbrechen, was wohl geschehen wäre, wenn er die Adresse auf dem Schlüsselanhänger aufgesucht und die Anweisungen des Automaten ausgeführt hätte.
Lansing stand auf, suchte nach der Whiskyflasche, fand sie und hielt ihren Hals über das Glas. Aber er schenkte sich nicht ein. Er stellte die Flasche wieder zurück und trug das Glas zum Spülstein in der Küche. Aus dem Kühlschrank holte er ein Makkaroni-Fertiggericht und schob es in den Backofen. Bei dem Gedanken an eine weitere Rindfleisch-Makkaroni-Mahlzeit überkam ihn leichte Übelkeit, aber was blieb ihm schon übrig? An einem solchen Tag konnte man doch nicht von ihm erwarten, daß er sich zum Abendessen ein Feinschmeckermenü bereitete.
Er ging zur Haustür, um die Abendzeitung hereinzuholen. Nachdem er es sich in einem schweren Sessel gemütlich gemacht hatte, überflog er die Titelseite. Es gab wenig Neuigkeiten. Der Kongreß wurstelte noch immer an einer neuen Bestimmung über den privaten Waffenbesitz, und der Präsident hatte wieder einmal in düsteren Farben geschildert, was dem Land drohte, wenn der Kongreß den erhöhten Rüstungsetat nicht bewillige. Der Fernsehbeirat schlug Alarm wegen der Gewaltdarstellung in den Medien. Man hatte drei neue krebserregende Substanzen entdeckt. Mr. Dithers hatte Dagwood schon wieder entlassen. Nun, das hatte der kleine Frechling sich selbst zuzuschreiben. Auf der Leserbriefseite gab jemand seiner Empörung über ein Kreuzworträtsel Ausdruck. Er hatte es offenbar nicht lösen können.
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