Das Gold des Bogens war angelaufen und stumpf. Im Zenit hing ein goldener Ball an einem Draht herab, und dieses Gold war auf Hochglanz poliert.
»Ist die Zivilisation in Gefahr? So viel ist geschehen. Der Sonnendraht, eure eigene Ankunft — es ist doch Sonnendraht? Fällt die Sonne auf uns herab?«
»Das bezweifle ich sehr. Du sprichst von dem Draht, der schon den ganzen Morgen über herabregnet?«
»Ja. In unserer religiösen Ausbildung lernen wir, daß die Sonne mit einem sehr starken Draht am Bogen hängt. Dieser Draht hier ist sehr stark. Wir wissen das«, erklärte der Priester. »Ein kleines Mädchen versuchte ihn anzufassen und eine Schlinge zu entwirren, und der Draht schnitt ihr die Finger ab.«
Louis nickte. »Jedenfalls fällt die Sonne nicht auf euch.« Nicht einmal die Schattenblenden, dachte er. Selbst wenn ihr alle Drähte durch schneidet, würden sie die Ringwelt nicht treffen. Die Ringweltkonstrukteure hatten ihnen ein orbitales Aphelium innerhalb des Ringes gegeben.
Ohne viel Hoffnung erkundigte er sich: »Was weißt du über das Transportsystem auf dem Randwall?« Im gleichen Augenblick wußte er, daß irgend etwas nicht stimmte. Eine dunkle Vorahnung, ein Gefühl bevorstehender Gefahr hatte Louis erfaßt. Was nur?
»Würdest du die letzte Frage bitte wiederholen?« bat der Priester.
Louis wiederholte sie.
»Dein Ding hat beim ersten Mal etwas anderes gesagt. Irgend etwas von einer verbotenen… ich weiß es nicht.«
»Eigenartig«, brummte Louis. Und diesmal hörte er es selbst. Der Translator sprach in einem anderen Tonfall, und er sprach eine ganze Weile.
»›Sie benutzen eine verbotene Wellenlänge und verstoßen…‹ An den Rest entsinne ich mich nicht«, sagte der Priester. »Wir sollten diese Unterhaltung besser beenden. Du hast irgend etwas Altes aufgeweckt. Etwas Böses…« Der Priester unterbrach sich, denn Louis’ Translator hatte erneut zu reden angefangen, erneut in der Sprache des Priesters. »›… verstoßen gegen Gesetz Nummer Zwölf und behindern Wartung und Reparatur…‹ Hast du genug Macht, um es aufzuhalten…?«
Was immer der Priester sonst noch sagte, es wurde nicht mehr übersetzt.
Die Translatorscheibe wurde plötzlich in Louis’ Hand rotglühend. Er schleuderte sie heftig weg. Sie glühte weiß und leuchtete hell auf, als sie auf dem Boden auftraf — glücklicherweise, ohne jemanden zu verletzen (soweit Louis sehen konnte). Dann übermannte ihn der Schmerz, und er war halb blind vor Tränen.
Er sah noch, wie der Priester ihm zunickte, sehr formell und sehr majestätisch.
Louis erwiderte das Nicken mit ausdruckslosem Gesicht. Er war zu keiner Zeit von seinem Flugrad abgestiegen. Jetzt gab er Gas, und die Maschine schoß in die Luft. Louis steuerte auf das Schloß zu.
Als sie sein Gesicht nicht mehr sehen konnten, verzog er es vor Schmerz. Er stöhnte laut und benutzte ein Wort, das er früher einmal auf Wunderland gehört hatte — von einem Mann, der ein tausend Jahre altes Stück Steubenkristall fallengelassen hatte.
KAPITEL SIEBZEHN
DAS STURMAUGE
Sie verließen das schwebende Schloß in Richtung Backbord. Über ihnen war der stahlgraue Deckel, der in dieser Gegend als Himmel diente. Über den Spiegelblumenfeldern hatten die Wolken ihnen das Leben gerettet. Jetzt wirkte ihr Grau nur noch deprimierend.
Louis betätigte drei Sensoren in der Konsole, um seine Maschine in der gegenwärtigen Höhe zu verankern. Er mußte genau hinsehen, was er tat. Seine Rechte war fast taub wegen der Medikamente und der aufgesprühten Haut und den weißen Pflastern auf den Fingerspitzen. Er betrachtete seine Hand nachdenklich. Es hätte schlimmer kommen können…
Das Bild des Kzin erschien über der Konsole. »Louis, warum steigen wir nicht über die Wolken?«
»Weil wir vielleicht etwas übersehen könnten.«
»Aber wir haben unsere Karten!«
»Würden wir darauf ein Spiegelblumenfeld entdecken?«
»Sie haben recht«, erwiderte Der-zu-den-Tieren-spricht und schaltete ab.
Der Kzin und Teela hatten im Kartenraum gewartet, während Louis unten bei dem Priester gewesen war. Sie hatten die Zeit genutzt und konturierte Karten ihrer Route zum Randwall skizziert. Sie hatten sogar die Städte eingezeichnet, die auf dem Vergrößerungsschirm als helle gelbe Flecken zu erkennen gewesen waren.
Dann hatte irgend jemand Anstoß an der Funkfrequenz genommen, die sie benutzten. Reserviert von wem, zu welchem Zweck, und wie lange war das her? Warum hatte es bis zu diesem Zeitpunkt keine Probleme gegeben? Louis vermutete irgendeine alte Automatik, ähnlich der Meteoritenabwehr, die die Lying Bastard abgeschossen hatte. Vielleicht funktionierte diese hier nur noch hin und wieder, in unregelmäßigen Abständen.
Und die Translatorscheibe von Der-zu-den-Tieren-spricht war weißglühend geworden und an seiner Hand kleben geblieben. Es würde Tage dauern, bevor er die Hand wieder benutzen konnte, selbst unter Einsatz der »Wundermedizin« aus Militärbeständen der Kzinti. Die Sehnen benötigten Zeit, um sich zu regenerieren.
Die Karten machten es ein wenig leichter. Wiederaufflackernde Zivilisationen würden sich mit so gut wie hundertprozentiger Sicherheit zuerst in den großen Metropolen zeigen. Die kleine Flotte konnte diese Städte überqueren und nach Lichtern oder aufsteigendem Rauch Ausschau halten.
Nessus Rufknopf leuchtete auf der Konsole. Er leuchtete bereits seit Stunden. Louis antwortete endlich.
Er sah die wirre braune Mähne des Puppenspielers und die weiche Haut seines Rückens, die sich im Rhythmus seines Atems bewegte. Einen Augenblick lang glaubte Louis, der Puppenspieler sei erneut in katatonische Starre zurückgefallen. Dann hob er einen seiner dreieckigen Köpfe und flötete: »Guten Tag, Louis! Gibt es Neuigkeiten?«
»Wir entdeckten ein schwebendes Bauwerk«, berichtete Louis. »Mit einem Kartenraum.« Er erzählte dem Puppenspieler von dem Schloß, das die Eingeborenen Himmel getauft hatten, von dem Kartenraum darin, dem Bildschirm, den Globen an den Wänden und den Karten darunter, von dem Priester und dessen Geschichte und Weltbild. Eine ganze Zeitlang beantwortete er die Fragen des Puppenspielers, bis er selbst eine stellte.
»Nessus, funktioniert Ihre Translatorscheibe eigentlich noch?«
»Nein, Louis. Vor kurzer Zeit wurde sie mit einem Mal vor meinen Augen glühend heiß. Ich habe mich tödlich erschrocken. Ich wagte nicht, in Katatonie zu versinken, sonst hätte ich es bestimmt getan. Aber ich weiß nicht, was es zu bedeuten hatte.«
»Nun, die restlichen Scheiben sind ebenfalls zerstört. Teelas Scheibe ist in ihrer Box geschmolzen und hat eine Brandspur auf ihrem Flugrad hinterlassen. Der-zu-den-Tieren-spricht und ich haben uns die Hände verbrannt. Wissen Sie was? Ich schätze, wir müssen die Sprache der Ringwelt lernen.«
»Ja, Louis.«
»Ich wünschte, der alte Mann hätte etwas über den Niedergang der Ringzivilisation gewußt. Ich hatte eine Idee…« Und er berichtete dem Puppenspieler von seiner Theorie der mutierten Kolibakterien.
»Gut möglich«, sagte Nessus. »Nachdem sie erst die Technik der Transmutation verloren hatten, konnten sie sich nie wieder erholen.«
»Oh? Warum nicht?«
»Sehen Sie sich um, Louis. Was sehen Sie?«
Louis blickte sich um. Er entdeckte ein aufziehendes Gewitter, ein gutes Stück voraus; er sah Hügel, Täler, eine weit entfernte Stadt, zwei Berggipfel, deren Spitzen im schmutziggrauen, halb transparenten Farbton des Ringweltfundaments schimmerten…
»Landen Sie irgendwo auf der Ringwelt und graben Sie nach unten. Was finden Sie?«
»Dreck«, sagte Louis. »Und?«
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