Metzov lächelte, ein Lächeln, das sich wie ein äußerer Glanz über seine Wut legte, und drehte den Kopf, als sich auf der Straße etwas bewegte.
In einer schrecklich freundlichen Stimme vertraute er sich Miles an: »Wissen Sie, Fähnrich, hinter der sorgfältig kultivierten Rivalität zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften damals auf der guten alten Erde gab es ein Geheimnis. Wenn eine Meuterei stattfand, dann konnte man immer die Armee überreden, auf die Marine zu schießen und umgekehrt, wenn sie sich nicht länger selber disziplinieren konnten. Ein verborgener Nachteil bei kombinierten Streitkräften wie den unseren.«
Darum ging es.
»Unglücklicherweise hat Bonn die Sache falsch angepackt, und deshalb ist es jetzt eine Frage des Prinzips.« Die Muskeln spannten sich um Metzovs Kinn. »Das mußte ja einmal passieren, in den Neuen Streitkräften. Den Schlappen Streitkräften.«
Das war typisches Gerede der Alten Streitkräfte, alte Männer, die sich einander Scheiß erzählten darüber, wie hart sie in den alten Zeiten gewesen waren.
»Prinzip, Sir, welches Prinzip? Es geht um Abfallbeseitigung«, würgte Miles hervor.
»Es geht um eine massenhafte Weigerung, einen Befehl zu befolgen, Fähnrich. Meuterei, nach der Definition eines jeden Kasernenjuristen. Glücklicherweise kann so etwas leicht erschüttert werden, wenn man schnell Maßnahmen ergreift, solange es noch klein und konfus ist.«
Die Bewegung auf der Straße stellte sich heraus als ein Zug von Rekruten in winterweißen Tarnanzügen, der unter Leitung eines Sergeanten der Basis heranmarschierte. Miles erkannte den Sergeanten als jemanden aus Metzovs persönlichem Machtgeflecht, einen alten Veteranen, der schon damals in der Zeit der Revolte von Komarr unter Metzov gedient hatte und der seinem Herrn und Meister dann gefolgt war.
Die Rekruten, sah Miles, waren ausgerüstet mit tödlichen Nervendisruptoren, also mit ausschließlich gegen Personen gerichteten Handwaffen. Trotz all der Zeit, die sie damit verbrachten, über solche Waffen zu lernen, war die Gelegenheit, voll geladene tödliche Waffen in die Hand zu bekommen, selbst für Fortgeschrittene selten, und Miles spürte von seinem Standort aus, wie nervös und aufgeregt sie waren.
Der Sergeant ließ die Rekruten in einer Kreuzfeueraufstellung rings um die still stehenden Techniker antreten und bellte einen Befehl. Sie präsentierten ihre Waffen und zielten mit ihnen, die glockenförmigen Mündungen schimmerten in dem Licht, das da und dort aus dem Verwaltungsgebäude drang.
Ein Zucken ging durch Bonns Leute. Bonns Gesicht war gespenstisch weiß, seine Augen funkelten wie schwarzer Bernstein.
»Ausziehen«, befahl Metzov mit zusammengebissenen Zähnen. Zweifel, Verwirrung: nur einer oder zwei der Techniker begriffen, was verlangt wurde, und begannen sich zu entkleiden. Die anderen blickten unsicher um sich und folgten erst verspätet.
»Wenn ihr wieder bereit seid, euren Befehlen zu gehorchen«, fuhr Metzov fort, in einem Kasernenhofton, der jeden Mann erreichte, »dann könnt ihr euch anziehen und an die Arbeit gehen. Es liegt bei euch.«
Er trat zurück, nickte seinem Sergeanten zu und nahm Rührteuch-Haltung ein. »Das wird sie abkühlen«, murmelte er zu sich selbst, kaum laut genug, daß Miles es verstehen konnte. Metzov blickte drein, als erwartete er durchaus, nach längstens fünf Minuten nicht mehr draußen zu sein, in Gedanken schien er schon in seiner warmen Unterkunft ein heißes Getränk zu sich zu nehmen.
Olney und Pattas waren unter den Technikern, stellte Miles fest, zusammen mit den meisten von der griechisch sprechenden Gruppe, die damals über Miles gespottet hatte. Andere hatte Miles schon mal auf der Basis gesehen, mit einigen hatte er gesprochen, als er seine privaten Nachforschungen über den Ertrunkenen anstellte, etliche kannte er kaum.
Fünfzehn nackte Männer begannen heftig zu zittern, während der trockene Schnee um ihre Knöchel knisterte. Fünfzehn bestürzte Gesichter begannen erschreckt dreinzusehen. Blicke huschten zu den Nervendisruptoren, die auf sie gerichtet waren.
Gebt auf, drängte Miles sie im stillen, es ist es nicht wert. Aber mehr als ein Augenpaar blickte flackernd auf ihn und dann wurde entschlossen zugekniffen.
Miles verfluchte im stillen den unbekannten intelligenten Wissenschaftler, der Fetain als Schreckenswaffe erfunden hatte, nicht wegen seiner Chemie, sondern wegen seines Einblicks in die barrayaranische Psyche. Fetain konnte sicherlich nie benutzt worden sein, konnte nie benutzt werden. Jede Gruppierung, die das versuchen würde, müßte sich gegen sich selbst erheben und sich in moralischen Erschütterungen zerfleischen.
Yaski, der abseits von seinen Männern stand, blickte völlig entsetzt drein. Bonn, dessen Gesichtsausdruck schwarz und hart wie Obsidian war, begann seine Handschuhe und seinen Parka abzulegen.
Nein, nein, nein! schrie Miles stumm in seinem Kopf. Wenn Sie sich ihnen anschließen, dann werden sie nie nachgeben. Sie werden wissen, daß sie im Recht sind. Ein schlimmer Fehler, schlimm… Bonn ließ den Rest seiner Kleider auf einen Haufen fallen, trat vor, gliederte sich in die Reihe ein, drehte sich um und blickte Metzov unverwandt an.
Metzov kniff seine Augen in neuer Wut zusammen.
»Also«, zischte er, »Sie verurteilen sich selbst. Dann erfrieren Sie doch!«
Wie hatte es sich so schnell so schlimm entwickelt? Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, sich an eine Aufgabe im Wetterbüro zu erinnern und, zum Teufel noch mal, hier abzuhauen. Wenn doch nur diese zitternden Mistkerle nachgäben, dann käme Miles durch diese Nacht ohne einen besonderen Eintrag in seine Dienstakte. Er hatte hier keine Verpflichtung, keine Funktion …
Metzovs Blick fiel auf Miles. »Vorkosigan, Sie können entweder eine Waffe aufnehmen und sich hier nützlich machen oder sich als entlassen betrachten.«
Er konnte weggehen. Konnte er weggehen? Als er sich nicht bewegte, kam der Sergeant herüber und drückte Miles einen Nervendisruptor in die Hand. Miles nahm ihn auf, während er noch versuchte, mit einem Gehirn zu denken, das sich plötzlich in Hafergrütze verwandelt hatte.
Er behielt noch soviel Vernunft, sich zu vergewissern, daß die Waffe gesichert war, bevor er mit dem Disruptor vage in die Richtung der frierenden Männer deutete.
Daraus wird keine Meuterei. Daraus wird ein Massaker.
Einer der bewaffneten Rekruten kicherte nervös. Was hatte man ihnen darüber gesagt, was sie hier tun sollten? Was glaubten sie, was sie hier taten? Achtzehn-, Neunzehnjährige — konnten sie überhaupt einen verbrecherischen Befehl erkennen? Oder wissen, was zu tun war, wenn sie ihn erkannten?
Konnte Miles es?
Die Situation war unklar, das war das Problem. Sie paßte in kein Schema. Miles wußte über verbrecherische Befehle Bescheid, jeder Mann von der Akademie wußte Bescheid. Sein Vater kam persönlich und hielt um die Jahresmitte für die höheren Jahrgänge ein Eintagesseminar über dieses Thema. Dieses Seminar hatte er zu einer Pflichtveranstaltung für die Graduierung gemacht, durch kaiserlichen Erlaß, als er Regent war. Was genau einen verbrecherischen Befehl ausmachte, wann und wie ihm der Gehorsam zu verweigern sei. Mit Vidaufnahmen von verschiedenen historischen Testfällen und schlimmen Beispielen, wozu auch das politisch katastrophale Solstice-Massaker gehörte, das unter dem eigenen Kommando des Admirals stattgefunden hatte.
Unweigerlich mußten immer ein paar Kadetten bei diesem Teil den Raum verlassen, weil ihnen schlecht wurde. Die anderen Instruktoren haßten Vorkosigans Tag. Ihre Klassen waren danach für Wochen aufgewühlt. Das war einer der Gründe, weshalb Admiral Vorkosigan mit seinem Seminar nicht bis zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr wartete, er mußte fast immer ein paar Wochen später noch einmal wiederkommen, um einen verstörten Kadetten davon abzubringen, fast am Ende seiner Ausbildung die Akademie zu verlassen.
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