Da er das einzige Kind seiner Eltern war — der Vater, vielleicht, eines zukünftigen Grafen Vorkosigan —, konnte man durchaus in Frage stellen, ob er überhaupt das Recht hatte, sich selbst einer so schlimmen mutagenen Gefährdung aus purer Neugierde auszusetzen. Es schien sowieso keine unmittelbare Gefahr für die Basis zu bestehen, solange der Wind sich nicht drehte. Oder maskierte sich hier Feigheit als Logik? Klugheit war eine Tugend, hatte man ihm einmal gesagt.
Da er jetzt durch und durch wach war und zu aufgekratzt, um überhaupt wieder an Schlaf zu denken, stöberte er im Wetterbüro herum und erledigte all die Routinearbeiten, die er am Morgen zugunsten seiner Reparaturfahrt zurückgestellt hatte. Eine Stunde ständiger Plackerei brachte alles zu Ende, was selbst entfernt nach Arbeit ausgesehen hatte. Als er sich dabei ertappte, wie er zwanghaft Geräte und Regale abstaubte, entschied er, daß es Zeit war, wieder ins Bett zurückzukehren, egal, ob er schlafen konnte oder nicht. Aber ein schwankendes Licht, das er durch das Fenster sah, zog seinen Blick auf sich, ein Scatcat, das draußen anhielt.
Aha, Bonn und Yaski wieder zurück. Schon? Dann war das aber schnell gegangen, oder hatten sie noch gar nicht begonnen? Miles riß die Plastikfolie mit den neuen Winddaten ab und eilte die Treppe hinab in das Pionierbüro der Basis am Ende des Korridors. Bonns Büro war dunkel. Aber aus dem Büro des Kommandanten der Basis fiel Licht in den Korridor. Mit der Folie in der Hand trat Miles näher.
Die Tür zum inneren Büro stand offen. Metzov saß an seiner Schreibtischkonsole, mit einer geballten Faust auf der flimmernden farbigen Oberfläche. Bonn und Yaski standen nervös vor ihm. Miles raschelte vorsichtig mit der Folie, um seine Anwesenheit anzuzeigen. Yaski wandte den Kopf, und sein Blick fiel auf Miles.
»Schicken Sie Vorkosigan, er ist doch schon ein Mutant, oder?«
Miles salutierte in eine unbestimmte Richtung und sagte sofort: »Verzeihen Sie, Sir, aber nein, ich bin kein Mutant. Meine letzte Begegnung mit militärischem Gift bewirkte einen teratogenen Schaden, aber keinen genetischen. Meine zukünftigen Kinder dürften so gesund sein wie die von jedermann. Ach, übrigens, wohin mich schicken, Sir?«
Metzov blinkte finster auf Miles, ging aber auf Yaskis beunruhigende Anregung nicht ein. Miles übergab wortlos die Folie an Bonn, der einen Blick darauf warf, das Gesicht verzog und die Folie dann achtlos in seine Hosentasche steckte.
»Natürlich hatte ich beabsichtigt, daß sie Schutzkleidung tragen«, fuhr Metzov gereizt zu Bonn fort, »ich bin ja nicht verrückt.«
»Das habe ich verstanden, Sir. Aber die Männer weigern sich auch, den Bunker mit Kontaminationsausrüstung zu betreten«, berichtete Bonn mit ausdrucksloser, gleichmäßiger Stimme. »Ich kann ihnen da keinen Vorwurf machen. Nach meiner Einschätzung sind die Standardvorkehrungen bei Fetain unzureichend. Das Zeug hat einen unglaublich hohen Penetrationswert, wegen seines Molekulargewichts. Geht praktisch durch alles durch, was permeabel ist.«
»Sie können ihnen keinen Vorwurf machen?«, wiederholte Metzov erstaunt. »Leutnant, Sie haben einen Befehl gegeben. Oder zumindest sollten Sie das getan haben.«
»Ich habe es getan, Sir, aber …«
»Aber …? Sie lassen sie Ihre eigene Unentschlossenheit spüren. Ihre Schwäche. Verdammt, wenn Sie einen Befehl geben, dann müssen Sie ihn geben, und nicht drum herum schleichen!«
»Warum müssen wir überhaupt dieses Zeug retten?«, sagte Yaski mürrisch.
»Das haben wir doch schon abgehakt. Wir haben die Verantwortung«, knurrte Metzov ihn an. »Unsere Befehle. Sie können nicht von einem Mann Gehorsam verlangen, den Sie selbst nicht leisten.«
Wie, etwa blind? »Sicher hat die Forschung noch das Rezept«, warf Miles ein, der den Eindruck hatte, daß er endlich die alarmierende Tendenz dieses Streits erfaßte. »Die können doch sicherlich noch mehr davon zusammenmischen, falls sie es wirklich wollen. Frisch.«
»Halten Sie den Mund, Vorkosigan«, brummte Bonn verzweifelt aus dem Mundwinkel, während General Metzov ihn anfuhr: »Wenn heute abend noch ein weiteres Beispiel Ihres Humors über Ihre Lippen kommt, Fähnrich, dann werde ich Sie vor das Truppengericht bringen.«
Miles Lippen schlossen sich über seinen Zähnen zu einem verkniffenen, starren Lächeln. Unterordnung. Die Prinz Serg, erinnerte er sich selbst. Metzov sollte das verdammte Zeug saufen, wenn es nach Miles ginge. Das würde ihn nicht jucken.
»Haben Sie noch nie von der schönen alten Schlachtfeldsitte gehört, einen Mann zu erschießen, der Ihrem Befehl nicht gehorcht, Leutnant?«, redete Metzov weiter auf Bonn ein.
»Ich … glaube, ich kann das nicht androhen, Sir«, sagte Bonn verbissen.
Und außerdem, dachte Miles, sind wir auf keinem Schlachtfeld. Oder?
»Techniker!«, sagte Metzov voller Abscheu. »Ich habe nichts von Androhen gesagt. Ich sagte: schießen. Statuieren Sie ein Exempel, und die übrigen werden parieren.«
Miles kam zu dem Schluß, daß er Metzovs Art von Humor auch nicht mochte. Oder meinte der General das buchstäblich?
»Sir, Fetain ist ein starkes Mutagen«, sagte Bonn hartnäckig. »Ich bin mir überhaupt nicht sicher, daß die übrigen parieren würden, egal, womit wir drohen. Es ist ein ziemlich unvernünftiges Thema. Ich bin … selbst etwas unvernünftig in dieser Hinsicht.«
»Das sehe ich.« Metzov blickte in kalter Wut auf Bonn, dann auf Yaski, der schluckte und sich noch gerader hinstellte, so daß sein Rückgrat kein Entgegenkommen andeutete. Miles versuchte, unsichtbar zu sein.
»Wenn ihr weiter vorgeben wollt, Offiziere der Streitkräfte zu sein, dann braucht ihr Techniker eine Lektion, wie ihr eure Männer zum Gehorchen bringt«, entschied Metzov. »Sie beide gehen jetzt und versammeln in zwanzig Minuten Ihre Mannschaft vor dem Verwaltungsgebäude. Wir werden dann einen kleinen altmodischen Strafappell abhalten.«
»Sie denken doch nicht — ernsthaft daran, irgend jemanden zu erschießen, oder?«, fragte Leutnant Yaski alarmiert.
Metzov lächelte säuerlich. »Ich zweifle, daß ich das tun muß.«
Er blickte Miles an. »Welche Temperatur haben wir im Augenblick draußen, Wärteroffizier?«
»Fünf Grad minus, Sir«, antwortete Miles, der jetzt darauf achtete, nur zu sprechen, wenn er zuvor angesprochen wurde.
»Und der Wind?«
»Ostwind mit neun Kilometern pro Stunde, Sir.«
»Sehr gut.« In Metzovs Augen erschien ein wölfisches Glühen.
»Sie können wegtreten, meine Herren. Schauen wir mal, ob Sie Ihre Befehle diesmal ausführen können.«
General Metzov stand mit schweren Handschuhen und in seinen Parka eingepackt neben der leeren Fahnenstange vor dem Verwaltungsgebäude und blickte die halbbeleuchtete Straße hinab.
Wonach hält er Ausschau? fragte sich Miles. Es ging jetzt auf Mitternacht zu. Yaski und Bonn ließen ihre Technikermannschaften in Appellaufstellung antreten, etwa fünfzehn Mann in Wärmeoveralls und Parkas.
Miles zitterte, und daran war nicht nur die Kälte schuld. Metzovs runzeliges Gesicht sah ärgerlich aus. Und müde. Und alt. Und unheimlich. Er erinnerte Miles ein bißchen an seinen Großvater an einem schlechten Tag. Doch Metzov war tatsächlich jünger als Miles’ Vater: Miles war geboren worden, als sein Vater in mittlerem Alter war; hier gab es eine Verschiebung der Generationen.
Sein Großvater, der alte General Graf Piotr selbst, hatte manchmal wie ein Flüchtling aus einem anderen Jahrhundert gewirkt. Nun, die wirklich altmodischen Strafappelle hatten auch bleigefüllte Gummischläuche erfordert. Wie weit zurück in der barrayaranischen Geschichte war Metzovs Denkweise verwurzelt?
»Meuterei?«, sagte Miles, zu verblüfft, als daß er sich an seinen Vorsatz hätte halten können, nur dann zu sprechen, wenn er zum Sprechen aufgefordert wurde. »Ich dachte, hier geht es um Gefährdung durch Gift.«
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