Der Arzt arbeitete noch oder saß zumindest an der Konsole auf seinem Schreibtisch, als Miles seinen Kopf durch die Tür streckte. »Guten Abend, Sir.«
Der Sanitätsoffzier blickte auf. »Ja, Fähnrich? Um was geht es?«
Miles nahm dies als ausreichende Einladung, obwohl die Stimme des Arztes wenig ermutigend klang, und schlüpfte ins Zimmer. »Ich habe mich dauernd gefragt, was Sie über den Burschen herausgefunden haben, den wir heute morgen aus dem Durchlaß zogen.«
Der Arzt zuckte die Achseln. »Da gab es nicht so viel herauszufinden. Seine Identität wurde überprüft. Er starb durch Ertrinken. Alle physikalischen und metabolischen Spuren — Stress, Unterkühlung, Hämatome — stimmen damit überein, daß er etwas weniger als eine halbe Stunde vor seinem Tod dort drinnen steckenblieb. Ich habe auf Unglücksfall mit tödlichem Ausgang entschieden.«
»Ja, aber warum?«
»Warum?« Der Arzt hob die Augenbrauen. »Er hat sich selber zur Leiche gemacht, da werden Sie schon ihn selbst fragen müssen, oder?«
»Wollen Sie das nicht herausfinden?«
»Zu welchem Zweck?«
»Nun ja … um es zu wissen, nehme ich an. Um sicher zu sein, daß Sie recht haben.«
Der Arzt blickte ihn gleichgültig an.
»Ich stelle nicht Ihre medizinischen Feststellungen in Frage, Sir«, fügte Miles hastig hinzu, »Aber es war doch so verdammt sonderbar. Sind Sie nicht neugierig?«
»Nicht mehr«, sagte der Arzt. »Ich bin zufrieden, daß es kein Selbstmord war und kein Verbrechen, also, wie auch immer die Einzelheiten aussehen mögen, es läuft am Ende auf Tod durch Dummheit hinaus, nicht wahr?«
Miles fragte sich, ob dies auch das endgültige Verdikt des Arztes über ihn selber gewesen wäre, wenn er sich mit dem Scatcat versenkt hätte.
»Vermutlich, Sir.«
Als er danach in dem feuchten Wind vor dem Lazarett stand, zögerte Miles. Die Leiche war schließlich nicht sein persönliches Eigentum.
Hier galt nicht: wer etwas findet, der darf es für sich behalten. Er hatte die Angelegenheit der zuständigen Instanz übergeben. Sie war jetzt nicht mehr in seinen Händen. Und dennoch …
Es waren noch einige Stunden Tageslicht übrig. Miles hatte sowieso Schwierigkeiten einzuschlafen, an diesen fast endlosen Tagen. Er kehrte in seine Unterkunft zurück, zog Trainingshosen, Hemd und Sportschuhe an und ging joggen.
Die Straße war einsam, draußen bei den leeren Übungsplätzen. Die Sonne krebste dem Horizont zu. Miles fiel aus dem Joggen wieder ins Gehen, dann in einen noch langsameren Schritt. Seine Beinschienen scheuerten unter den Hosen. Irgendwann sehr bald würde er sich die Zeit nehmen, um sich die spröden Hauptknochen in den Beinen durch synthetische Knochen ersetzen zu lassen. Dabei wäre eine elektive Operation eine quasi legitime Methode, um sich von Kyril hinwegzuhebeln, wenn das Ganze vor dem Ablauf seiner sechs Monate zu hoffnungslos würde. Allerdings erschien ihm das wie Schummeln.
Er blickte sich um und versuchte, sich seine gegenwärtige Umgebung in Dunkelheit und heftigem Regen vorzustellen. Wenn er der Soldat gewesen wäre, der nachts auf dieser Straße dahinstapfte, was hätte er wohl gesehen? Was hätte möglicherweise die Aufmerksamkeit des Mannes auf den Graben gelenkt? Warum, zum Teufel, war er denn überhaupt mitten in der Nacht hier herausgekommen? Diese Straße führte nirgendwohin, außer zu einem Hindernisparcours und einem Schießplatz.
Da war der Graben … nein, sein Graben war der nächste, ein Stückchen weiter. Vier Bachdurchlässe durchbohrten den erhöhten Straßendamm auf dieser geraden Strecke von einem halben Kilometer Länge. Miles fand den richtigen Graben, lehnte sich auf das Geländer und starrte auf das jetzt träge Rinnsal aus abfließendem Wasser. Jetzt hatte es nichts Anziehendes an sich, das war sicher. Warum, warum, warum … ?
Miles schlenderte auf der hohen Seite der Straße entlang, untersuchte die Oberfläche der Straße, das Geländer, den nassen braunen Farnwuchs dahinter. Er kam zu der Kurve und machte kehrt, um die andere Seite zu untersuchen. Er kam wieder am ersten Graben an, an dem der Basis zugewandten Ende der geraden Strecke, ohne daß er irgend etwas entdeckt hätte, das einen Reiz hatte oder Interesse weckte.
Miles hockte sich auf das Geländer und dachte nach. Na schön, jetzt war der richtige Zeitpunkt, um es mit ein bißchen Logik zu versuchen. Welche überwältigende Emotion hatte den Soldaten dazu veranlaßt, sich trotz der offensichtlichen Gefahr in das Abwasserrohr zu klemmen? Wut? Wen hatte er verfolgt? Angst? Wer konnte ihn verfolgt haben? Irrtum? Miles wußte Bescheid über Irrtümer. Wie, wenn der Mann sich den falschen Durchlaß ausgesucht hatte …?
Einem Impuls folgend schlitterte Miles in den ersten Graben hinab. Entweder hatte der Mann seinen Weg systematisch durch alle Durchlässe gemacht — falls ja, hatte er dann vorwärts von der Basis aus begonnen oder rückwärts von dem Trainingsgelände? — oder aber er hatte sein beabsichtigtes Ziel in der Dunkelheit und im Regen verfehlt und war in den falschen geraten.
Miles hätte sie alle durchkrabbelt, wenn es nötig gewesen wäre, aber er zog es vor, schon beim ersten auf den richtigen zu treffen. Selbst wenn niemand ihn beobachtete. Dieser Durchlaß war ein wenig weiter als der zweite, der tödliche. Miles zog sein Handlicht aus dem Gürtel, ging geduckt hinein und begann Zentimeter um Zentimeter zu untersuchen.
»Aha«, atmete er auf halbem Wege unter der Straße befriedigt auf. Da war seine Beute, mit einem Klebeband an der Oberseite des Durchlaßbogens befestigt. Ein Päckchen, in wasserfestes Plastik gewickelt. Wie interessant. Er rutschte hinaus und setzte sich am Ausgang des Durchlasses nieder, ohne auf die Feuchtigkeit zu achten, aber sorgsam darauf bedacht, daß ihn niemand von oben, von der Straße her, sah.
Er plazierte das Päckchen in seinem Schoß und studierte es mit wohliger Vorfreude, als wäre es ein Geburtstagsgeschenk. Was konnte das sein? Drogen, Schmuggelware, geheime Dokumente, schmutziges Geld?
Miles persönlich hoffte, es wären geheime Dokumente, obwohl er sich schwer vorstellen konnte, daß irgend jemand irgendwas auf Kyril für geheim erklären würde, außer vielleicht die Leistungsberichte.
Drogen wären schon gut, aber ein Spionagering wäre geradezu wunderbar. Dann würde aus ihm ein Held der Sicherheit — sein Geist eilte schon voran, dachte sich schon die nächsten Maßnahmen bei seinen verdeckten Ermittlungen aus. Aufgrund subtiler Hinweise den Spuren des Toten zu einem Rädelsführer zu folgen, der wer weiß wie hoch oben in der Hierarchie saß? Die dramatischen Verhaftungen, vielleicht ein Lob von Simon Illyan selbst … Das Päckchen war klumpig, raschelte aber leicht — Plastikfolien? Sein Herz klopfte, als er es vorsichtig öffnete — und dann folgten Verblüffung und Enttäuschung. Ein gequälter Laut, halb Lachen, halb Stöhnen, kam von seinen Lippen.
Gebäck. Ein paar Dutzend Lisetten, eine Art Miniaturdampfnudeln, glasiert und mit kandierten Früchten gefüllt, traditionell wurden sie für die Feier des Mittsommertages hergestellt. Gebäck, das anderthalb Monate alt war. Was für ein triftiger Grund, um dafür zu sterben …
Miles Phantasie, angeregt von seiner Kenntnis des Kasernenlebens, konnte den Rest leicht genug ergänzen. Der Soldat hatte das Päckchen von der Freundin/Mutter/Schwester bekommen und versuchte, es vor seinen gefräßigen Kameraden zu schützen, die alles binnen Sekunden verschlungen hätten. Vielleicht hatte der Mann, nach Leckerbissen von zu Hause lechzend, sie sich Stück um Stück rationiert in einem sehnsüchtigen, masochistischen Ritual, bei dem Genuß und Schmerz in jedem Bissen gemischt waren. Oder vielleicht hatte er sie nur für irgendeinen besonderen Anlaß aufgehoben.
Dann kamen die zwei Tage mit ungewöhnlich heftigem Regen, und der Mann hatte begonnen, den … hm … Wasserstand bei seinem geheimen Schatz zu fürchten. Er war herausgekommen, um seine versteckten Vorräte zu retten, hatte im Dunkeln den ersten Graben verfehlt, war — als das Wasser stieg — mit äußerster Entschlossenheit in den zweiten hinabgestiegen, hatte seinen Fehler zu spät erkannt … Traurig. Gräßlich. Aber nicht nützlich.
Читать дальше