„Es darf nichts unausgesprochen bleiben“, stimmte Steergard zu. „Möglich wäre allerdings auch ein Bluff…“
„Nein“, widersprach Kirsting. „Der Bluff setzt ein Minimum an Kenntnis der Spielregeln voraus. Wir besitzen diese Kenntnis gar nicht.“
„Gut“, gab Steergard zu. „Setzen wir voraus, daß wir ein echtes Übergewicht besitzen und es vorweisen können, ohne den anderen direkten Schaden zuzufügen. Das wäre eine offene Drohung. Sollte dieser Versuch vergeblich sein, so werden wir Harrach zufolge eine Schlacht schlagen oder sie zumindest abwehren müssen. Besonders günstige Vorbedingungen für eine Verständigung sind das nicht.“
„Nein, keineswegs“, unterstützte Nakamura den Kommandanten. „Es sind die schlechtesten aller Ausgangsbedingungen. Allerdings haben nicht wir sie geschaffen.“
„Darf ich etwas einwenden?“ fragte Arago. „Wir wissen nicht, wozu sie GABRIEL abfangen wollten. Ganz sicher zu dem Zweck, mit ihm das zu tun, was wir mit ihren beiden Satelliten in der Nähe der Juno und jetzt mit ihrer Rakete gemacht haben. Wir sind aber nicht der Ansicht, daß wir wie Aggressoren gehandelt haben. Wir wollten die Schöpfungen ihrer Technik, sie die Schöpfungen unserer Technik untersuchen. Das ist eine einfache Symmetrie.
Also darf nicht die Rede sein von einer spektakulären Destruktion, einer Demonstration der Stärke, einem Kampf. Ein Fehler muß nicht identisch sein mit einem Verbrechen. Er muß nicht, aber er kann.“
„Es gibt keine Symmetrie“, erhob Kirsting Einspruch. „Wir haben insgesamt acht Millionen Informationsbits ausgesandt, vom Botschafter aus mehr als siebenhundert Stunden lang rund um die Uhr auf allen Wellenlängen gesendet. Wir haben Lasersignale gegeben, die Codes und Instruktionen zur Dechiffrierung geliefert, eine Landefähre ohne ein Gramm Sprengstoff entsandt. Unter den von uns übermittelten Nachrichten befanden sich die Lokalisierung unseres Sonnensystems. Bilder der Erde, ein Abriß der Entstehung unserer Biosphäre.
Angaben über die Anthropogenese — eine ganze Enzyklopädie also. Dazu physikalische Konstanten, die kosmisches Allgemeingut und ihnen wohlbekannt sein müssen.“
„Aber von der Sideraltechnologie, der Holenbachschen Forammistik und den Heisenbergschen Einheiten war da wohl kaum etwas dabei, nicht wahr?“ fragte Rotmont. „Ebensowenig wie von unseren Antriebssystemen und der Schwereortung, dem ganzen SETI-Projekt, der EURYDIKE, den GRACERN, dem Hades…“
„Nein“, sagte El Salam. „Du weißt am besten, was nicht dabei war, denn du hast die Programme für den Botschafter zusammengestellt. Es gab auch nichts über Vernichtungslager, Weltkriege, Scheiterhaufen und Hexenprozesse. Wenn jemand einen Antrittsbesuch macht, packt er nicht gleich alle Sünden seiner selbst oder seiner Eltern auf den Tisch! Hätten wir die anderen ganz allgemein und in aller Höflichkeit wissen lassen, daß wir aus einer Masse, die größer als der hiesige Mond ist, etwas machen können, was in ein Schlüsselloch paßt, so würde der hier anwesende Pater Arago sagen, dies sei bereits der Anfang einer frevelhaften Erpressung.“
„Ich biete mich als Schiedsrichter an“, mischte sich Tempe ein. „Da die anderen nicht in Höhlen sitzen und aus Steinen Feuer schlagen, sondern mindestens im Durchmesser ihres Sonnensystems Raumfahrt betreiben, wissen sie, daß wir nicht mit Paddeln, mit einem Segelboot oder einem Rindenkanu gekommen sein können.
Ebendies jedoch, daß wir aus einer Entfernung von vielen hundert Parsek direkt hierhergekommen sind, bedeutet mehr als jedes Spiel selbst mit den dicksten Muskeln.“
„Recte. Habet“, flüsterte Arago.
„Tempe hat recht“, stimmte der Kommandant zu. „Allein durch unser Erscheinen haben wir sie in Sorge versetzen können, zumal sie noch nicht zur Galaktodromie imstande sind, aber bereits wissen, welche Größenordnungen an Energie dafür vonnöten sind… Bis zum Einsatz des Botschafters haben wir angenommen, sie wüßten nichts von uns. Haben sie den HERMES viel früher entdeckt — immerhin kreisen wir hier schon den dritten Monat —, so war es unser Schweigen, unsere Tarnung, was sie in Schrecken versetzen konnte.“ Harrach zuckte unwirsch die Achseln.
„Du übertreibst, Astrogator!“
„Durchaus nicht. Stell dir vor, im Jahre 1950 oder 1990 wären über der Erde meilenlange Galaxiskreuzer erschienen. Selbst wenn sie ausschließlich Schokolade abgeworfen hätten, wäre es zu Panik und Chaos, zu einer unbeschreiblichen Verwirrung und zu politischen Krisen gekommen. Jede Zivilisation in ihrer mehrstaatlichen Phase muß eine Menge innerer Konflikte haben. Es bedarf keiner Demonstration der Stärke, denn hundert Parsek zurückgelegt zu haben ist gegen jedermann, der dazu nicht imstande ist, Demonstration genug…“
„Also schön, Kommandant, was meinst du also, was wir tun sollen? Wie sollen wir den Beweis erbringen, daß wir in guter, sanfter, friedlicher und freundschaftlicher Absicht kommen? Wie können wir ihnen versichern, daß sie von uns nichts zu fürchten haben und daß wir ein Ausflug braver Pfadfinder unter der Obhut eines Priesters sind — jetzt, nachdem unser kleiner Erzengel vier ihrer perfektesten Kampfmaschinen, die fünfzigmal schwerer waren als er, wie Stäubchen ins Jenseits von Zeit und Raum gepustet hat? Ich sehe, El Salam und ich waren im Irrtum. Da kommen Gäste mit Blumensträußen, im Garten fällt sie der Hund des Hausherrn an, einer will ihn mit dem Schirm verjagen und durchbohrt die Tante des Gastgebers!
Was sollen wir noch von einer Demonstration der Stärke reden, das ist Schnee von gestern! Sie hat doch schon stattgefunden!“ Harrach grinste breit, nicht ohne Bosheit. Er sprach zwar zu dem Kommandanten, sah aber den Geistlichen an. „Die Asymmetrie liegt nicht dort, wo ihr sie vermutet“, sagte der Dominikaner.
„Jemandem, der uns nicht versteht, können wir nicht die Frohe Botschaft bringen.
Himmlische Absichten lassen sich nicht beweisen, solange sie reine Intention sind. Beweisen dagegen läßt sich das Böse, indem man Schaden anrichtet. Es ist ein circulus vitiosus: Um uns mit ihnen zu verständigen, müssen wir sie von unseren friedlichen Absichten überzeugen, und um sie von diesen Absichten zu überzeugen, müssen wir uns erst mit ihnen verständigen. .“
„Alles das, was hier passiert ist und noch passieren kann, ist also von unseren großen Denkern, den Projektanten und Direktoren von CETI und SETI, gar nicht in Betracht gezogen worden?“ fragte Tempe voller Rage. „Und das kommt jetzt alles auf uns herunter wie eine Zimmerdecke? Das ist doch unglaublich blödsinnig!“
Die Kajüte war erfüllt von einem Gewirr aufgebrachter Stimmen. Steergard schwieg. Ohne sich bis ins letzte darüber Rechenschaft zu geben, sah er in diesem Streit, dessen Fruchtlosigkeit er erkannte, ein Ventil für die Erbitterung, die sich während der immer wieder erfolglosen Verständigungsversuche mit der Quinta angestaut hatte — das Resultat durchwachter Nächte, umsonst aufgewandten Scharfsinns bei der Erforschung des Mondes, der Aufstellung von Hypothesen, die keinen Einblick in die fremde Zivilisation gaben, sondern wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen, die einen zu dem Gefühl verleiteten, von unlösbaren Rätseln umstellt zu sein, in einem ausweglosen Gestrüpp herumzuirren, die anderen aber in dem zunehmenden Verdacht bestärkten, daß die Quintaner an einer kollektiven Paranoia litten. Wenn letzteres tatsächlich der Fall sein sollte, so war diese Paranoia ansteckend.
Steergard bemerkte, daß über dem Tisch in seiner Koje, die hinten in der Kajüte lag, das Anzeigegerät dunkel war. Einer der Männer hatte auf dem Weg hierher im Steuerraum den Schalter betätigt und das Zentralhirn des Raumschiffs von der Kabine getrennt, als wünschte er bei dieser Zusammenkunft nicht die eisigrationale, logische Anwesenheit von GOD. Der Kommandant fragte nicht, wer das getan hatte. Er kannte seine Leute und wußte, daß es unter ihnen keinen Feigling oder Lügner gab, der diese Handlung geleugnet hätte, aber diese konnte auch ein schlichtweg unbewußter Akt gewesen sein, als wolle man vor einem Fremden seine Blöße bedecken, ein rascherer Reflex als die Scham.
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