Es gab auch eine Menge Abbildungen, Schemata und Beschreibungen. In jeder Landefähre befanden sich ein Sende- und Empfangsgerät sowie Daten über die Erde und ihre Bewohner. Sollte auch dieser Schritt nicht die erhoffte Reaktion auslösen, sollten schwerere Sonden abgesetzt werden, ausgestattet mit Computern, die zur Erteilung von Belehrungen, zur Einführung in visuelle, daktylologische und akustische Codes imstande waren. Dieses Verfahren war nicht umkehrbar, denn jeder Schritt bildete die Fortsetzung des voraufgegangenen.
Die ersten Landefähren enthielten Indikationsemittoren für den einmaligen Gebrauch. Sie konnten nur durch die brutale Zerstörung ihrer Hülle aktiviert werden, nicht durch Havarie oder harte Landung, sondern durch absichtliche „nicht-diskursive Demontage“. (Der Pilot hatte großen Spaß an dieser hochwissenschaftlichen Definierung einer Situation, in der ein Höhlenbewohner mit der Feuersteinkeule auf den transistorierten Abgesandten der Menschheit losgeht — eine „nichtdiskursive Demontage“ findet ja auch statt, wenn man jemandem ohne viel Gerede ein paar Zähne ausschlägt.) Die aus Monokristallen gezüchteten Indikatoren zeichneten sich durch eine solche Widerstandsfähigkeit aus, daß sie selbst dann noch ein Signal senden konnten, wenn die Landefähre in Sekundenbruchteilen — beispielsweise durch Sprengung — zugrunde ging. Weiter stellte das Programm detailliert die Modelle jener Abgesandten und die Salven dar, in denen sie synchron auf die vorgesehenen Landeplätze gelenkt werden sollten, damit kein Kontinent und keine Gegend bevorzugt oder benachteiligt wurde. Das Buch enthielt auch das Votum separatum einer mehrköpfigen Gruppe von SETI-Experten, die einen extremen Pessimismus vertraten. Ihren Behauptungen zufolge gab es weder materielle Mittel noch Botschaften oder leicht dechiffrierbare Erklärungen, die nicht als perfide Verschleierung aggressiver Absichten gedeutet werden konnten. Dies entsprang zwangsläufig den unausräumbaren Unterschieden im technologischen Niveau. Das im 19. und noch auffälliger im 20. Jahrhundert als Rüstungswettlauf bekannte Phänomen war mit dem Paläopithekus auf die Welt gekommen, als er die langen Schenkelknochen der Antilope als Keule benutzte und — nach gastronomischen Kategorien ein Kannibale — damit nicht nur Schimpansen den Schädel einschlug. Nachdem im Schnittpunkt der mediterranen Kultur jedoch die Wissenschaft, die Gebärerin der sich beschleunigenden Technologie, entstanden war, verliehen die militärischen Fortschritte der kriegführenden europäischen und nachher auch außereuropäischen Staaten keinem ein erdrückendes Übergewicht über die anderen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel war die Atombombe, aber auch deren Monopol besaßen die Vereinigten Staaten von Amerika, historisch gesehen, nur für einen winzigen Moment. Die technologische Kluft zwischen den Zivilisationen im Universum muß hingegen gigantisch sein, mehr noch, es dürfte praktisch unmöglich sein, auf eine entwicklungsmäßig so ausgestattete Zivilisation wie die irdische zu stoßen.
Der dicke Band enthielt noch viele gelehrte Spekulationen. Ein Ankömmling, der seine unterentwickelten Gastgeber in die Geheimnisse der Sideraltechnologie einweihte, sollte lieber entsicherte Handgranaten in einem Kindergarten verteilen. Offenbarte er sein Wissen jedoch nicht, so setzte er sich dem Verdacht aus, doppelzüngig zu sein und eine Vorherrschaft anzustreben. Auf die eine Weise war es also schlimm und auf die andere nicht gut.
Der Tiefsinn der Ausführungen tat endlich seine Wirkung, und dank dem SETI-Programm sank der Leser, ohne das Buch wegzulegen und das Licht zu löschen, in festen Schlaf.
Er schritt eine schmale, steile Gasse hinunter. Vor den Haustüren spielten Kinder in der Sonne, vor den Fenstern trocknete Wäsche. Das holprige, mit Abfällen, Bananenschalen, Speiseresten und Kippen übersäte Pflaster wurde von einem Rinnstein durchschnitten, der schlammiges Wasser führte. Weit unten öffnete sich der Blick auf den Hafen. Er war voll von Segelbooten, flache Wellen liefen auf den Strand, zwischen den ans Ufer gezogenen Fischerkähnen waren Fangnetze aufgehängt. Das Meer war glatt bis zum Horizont und spiegelte glitzernd die Sonne. Es roch nach gebratenem Fisch, nach Urin und Olivenöl, er wußte nicht, was ihn hierher verschlagen hatte, war sich aber sicher, daß dies Neapel sein mußte. Ein kleines braunes Mädchen rannte schreiend hinter einem Jungen her, er blieb stehen und tat, als wolle er ihr den Ball zuwerfen, aber als sie ihn erreicht hatte, riß er wieder aus. Andere Kinder riefen etwas auf italienisch. Aus einem Fenster im Obergeschoß lehnte sich, mit zerzaustem Haar und nur im Hemd, eine Frau und nahm die getrockneten Unterkleider und Röcke von einer über die Gasse gezogenen Leine. Weiter unten begann eine Treppe mit geborstenen Stufen. Plötzlich kam alles ins Schwanken, Geschrei brach aus, Wände stürzten ein. Wie angewurzelt stand er in Wolken von Mörtelstaub, er sah nichts mehr, hinter ihm krachte es, das Grollen der Erde übertönte das Geschrei, das Gekreisch der Frauen und das Poltern der Ziegel. „Terramoto! Terramoto!“ Der Ruf versank in einem zweiten, langsam anschwellenden Grollen. Ein Schauer von Putz ging nieder, er hielt schützend die Hände über den Kopf, spürte einen Schlag ins Gesicht und erwachte.
Das Beben hörte jedoch nicht auf. Ein gewaltiger Druck preßte ihn auf das Lager, er wollte aufspringen, die Gurte hielten ihn fest, das Buch schlug ihm gegen die Stirn und flog zur Decke — das war nicht Neapel, es war der HERMES, aber es dröhnte, und die Wände krachten, die ganze Kajüte schwankte, er hing in der Luft, die Lampe flackerte. Er sah das aufgeblätterte Buch und seinen Pullover, beide platt an die Decke gepreßt. Aus den kippenden Regalen kullerten Filmrollen — das war kein Traum und auch kein Donner. Die Alarmsirenen gellten. Das Licht wurde schwächer, flammte wieder auf und erlosch. In den Ecken erst der Decke, dann des Fußbodens ging die Notbeleuchtung an. Tempe fingerte an den Schlössern der Gurte herum, um sie zu lösen, aber sie klemmten, ein Druck legte sich auf seine Brust, Blei füllte die Arme, das Blut drängte in den Kopf. Nicht er warf sich hin und her, er wurde gebeutelt, von der Schwere hin und her geschleudert, daß er bald in den Gurten hing, bald fest in der Koje klebte. Jetzt wußte er, was los war. Kam das Ende?
Mitternacht war vorüber, und um diese Zeit war niemand mehr in der Dunkelkammer.
Kirsting setzte sich vor das ausgeschaltete Videoskop, tastete nach den Gurten, um sich anzuschnallen, fand blind auch die Tasten und schaltete das Band ein.
Durch das weiße Rechteck des Projektors liefen nacheinander die Schichtbildaufnahmen. Sie waren beinahe schwarz, nur Häufungen runder Umrisse zeichneten sich heller ab als Schatten auf Röntgenbildern. Ein Ausschnitt nach dem anderen zog vorbei, bis Kirsting das Band stoppte. Er sah sich die Oberflächenspinogramme der Quinta an. Sachte drehte er an der Mikrometerschraube, um das Bild auf größte Schärfe zu stellen. In der Mitte befand sich eine buschige Ballung, einem Atomkern ähnelnd, der nach einem Treffer in strahligen Trümmern auseinanderfliegt. Kirsting verschob das Bild von dem formlosen zentralen Fleck gegen dessen weniger milchigen Rand. Keiner wußte, ob das Wohngebäude sein konnten, so etwas wie eine riesige Stadt. Die Filmaufnahme zeigte sie in einem Schnitt, der sich durch Nukleonen von Elementen abzeichnete, die schwerer waren als Sauerstoff. Diese seit Urzeiten bekannte Schichtbildaufnahme astronomischer Objekte hatte ihre Tauglichkeit lediglich bei Sternen und Planeten erwiesen, die zu schwarzen Zwergen erstarrt waren. Bei all ihrer Vortrefflichkeit hatte die Spinovision ihre Grenzen. Das Auflösungsvermögen reichte nicht aus, einzelne Skelette zu unterscheiden, selbst wenn sie die der Giganto-saurier des Mesozoikums und der Kreidezeit in ihren Ausmaßen übertrafen. Trotzdem versuchte Kirsting, die Skelette der quintanischen Geschöpfe zu erkennen — und nur solche, die den Menschen glichen, waren es ja wohl, die jene „Stadt“ bevölkerten (falls sie eine von Millionen bewohnte Metropole war). Er kam an die Grenze des Auflösungsvermögens und überschritt sie: Die winzigen, aus weißlichen, zitternden Fasern zusammengesetzten Streifen zerfielen, über den Bildschirm flimmerte ein Chaos erstarrter Granulation.
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