Wegen der Schwerelosigkeit ans Bett gegurtet, steigerte sich Tempe so in Wut, daß von Schlaf keine Rede mehr sein konnte. Er schaltete den Punktstrahler am Kopfende ein, zog unter der Koje ein Buch hervor und machte sich an die Lektüre.
Es war das PROGRAMM DES HERMES. Zuerst blätterte er die allgemeinen Vorstellungen durch, die man sich von der Quinta machte. Es war ein Computerdruck, kurz vor dem Start der EURYDIKE zusammengestellt auf der Grundlage der Ergebnisse astrophysikalischer Beobachtungen und ihrer Interpretation. Danach verfügten die Quintaner über Energie in einer Größenordnung von schätzungsweise 1030 Erg. Ihre Zivilisation befand sich damit unterhalb der Sideralschwelle. Hauptenergiequellen waren mit Gewißheit thermonukleare Reaktionen stellaren Typs, aber die Kraftwerke waren nicht m den Weltraum ausgelagert worden. Wahrscheinlich hatte die Energieerzeugung nach Erschöpfung der fossilen Brennstoffe ähnlich wie auf der Erde eine Phase der Nutzung von Aktiniden durchgemacht, deren weitere Ausbeutung unrentabel wurde, sobald man den Bethe-Zyklus im Griff hatte. Es sah nicht so aus, als hätte der Planet im Laufe des letzten Jahrhunderts Kriege erlebt, in denen Kernwaffen zum Einsatz gekommen wären. Der kalte Äquatorialfleck konnte nicht Folge eines derartigen Krieges sein, der nukleare Winter nach Atomschlägen muß praktisch den gesamten Planeten erfassen, denn die in die Stratosphäre geschleuderten Staubmassen erhöhen die Albedo der ganzen Scheibe. Die Gründe dafür, daß der Bau des Eisrings aus dem Wasser des Ozeans eingestellt worden war, ließen sich nicht ausmachen.
Tempe ließ die mit Diagrammen und Tabellen gefüllten Seiten durch die Finger gleiten, bis er zu dem gesuchten Kapitel kam: „Stand der Zivilisation-Hypothesen“. Dort hieß es unter Punkt 1: „Die Quinta leidet an inneren Konflikten, die die technologischen Faktoren mitgestalten. Das läßt auf das Vorhandensein antagonistischer Staaten oder anderer Aggregationen schließen. Die Ära offener bewaffneter Auseinandersetzungen gehört bereits der Vergangenheit an, sie hat nicht zu einer Entscheidung des Typus „Sieger — Besiegten geführt, sondern ist allmählich in eine kryptomilitärische Phase übergegangen.“
An dieser Stelle war — bereits an Bord des HERMES — eine ergänzende Druckausgabe eingeklebt, deren Urheber GOD war:
„Eines der Argumente zugunsten eines kryptomilitärischen Konflikts sind die Schmarotzer in den beiden Satelliten der Quinta. Bei dieser Auslegung verharren die Blöcke der Gegenspieler in einem Zustand, der im Clausewitzschen Sinne weder klassischer Frieden noch klassischer Krieg ist. Sie bekämpfen einander — außerhalb aller Fronten der Kryp-tomachie, wie sie etwa geführt wird, indem man dem Feind klimatische Schläge versetzt — durch die katalytische Erosion des technologisch-produktiven Materials. Dadurch kann auch die Schaffung des Eisrings zu Fall gekommen sein, denn dafür wäre eine globale Zusammenarbeit unabdingbar gewesen.“
Weiter ging es dann im Text der EURYDIKE: „Wenn derartige antagonistische Komplexe existieren und auf nichtklassische Weise miteinander kämpfen, kann der Kontakt mit jedwedem Besucher aus dem Weltraum erheblich erschwert werden. A priori ist der Gewinn eines kosmischen Alliierten eine wenig wahrscheinliche Möglichkeit für jede der Seiten, falls derer nur zwei sind. Es gibt nämlich kein rationales Motiv in Form eines konkreten Vorteils, den der außerplanetarische Eindringling erzielt, wenn er in dem Konflikt Partei nimmt. Der Kontakt kann sich dagegen als Zündkapsel erweisen, die die stille, schwelende, kontinuierlich und hartnäckig fortgesetzte Kryptomachie in einen frontalen Zusammenstoß beider Seiten und Kräfte verwandelt. Beispiele:
1. Auf dem Planeten T befinden sich die Blöcke A, B und C, die einander bekämpfen. Nimmt B den Kontakt zu dem Eindringling auf, wird das eine Herausforderung für A und C sein, die sich stark bedroht fühlen. Sie können entweder den Eindringling angreifen, damit er nicht das Potential von B vergrößern kann, oder gemeinsam über B herfallen. Die Situation befindet sich in einem labilen Gleichgewicht, bei jeder Instabilität aber genügt ein äußerer Faktor mit großem technischen Potential (ein solches muß der Ankömmling ja haben, da er zu dem galaktischen Sprung imstande war), um es zur Eskalation der feindseligen Handlungen kommen zu lassen.
2. Die Quinta ist vereinigt — als Föderation oder als Protektorat. Es gibt keine gleich starken Antagonisten, da eine der Mächte den gesamten Planeten unter ihre Herrschaft gebracht hat. Diese Herrschaft, die Resultat siegreicher Kampfhandlungen, einer nichtmilitärischen Eroberung oder der Unterwerfung des Schwächeren sein kann, bietet unter dem Aspekt der Strategie eines Kontaktes mit dem galaktischen Eindringling ebenfalls keine gute Stabilität. Der Globalmacht dürfen weder dämonische noch imperialistische Absichten einer außerplanetarischen Expansion unterstellt werden. In der Absicht einer so modellierten Quinta liegt nicht die Vernichtung des Ankömmlings, sondern die Vereitelung der Kontaktaufnahme, vor allem der Landung auf dem Planeten. Die technologischen Gastgeschenke, die von dem Ankömmling zu erwarten sind, können sich leicht als verderbenbringend erweisen. Versuche, den Gast in die Schranken zu weisen, damit er nicht das herrschende soziopolitische Gleichgewicht stört, können leicht auf Kosten ebendieses Gleichgewichts zurückschlagen. In dieser Konstellation ist die Verweigerung des Kontakts also seitens der globalen Macht eine vernünftige Entscheidung, eine in den Kosmos gerichtete Politik unter dem Namen PERFIS (Perfect Isolation) — in Anlehnung an die historische „splendid Isolation* der Briten. Die Informationsschwelle, die der Ankömmling für den Kontakt bewältigen muß, hat eine unbestimmte Höhe.
3. Nach Holger, Kroch und ihrem Team kann auch einem völlig geeinten Planeten, auf dem es weder Sieger noch Besiegte, weder eine starke Macht noch versklavte Untertanen gibt, der Kontakt unerwünscht sein. Die Hauptdilemmata einer solchen Zivilisation, die in der oberen Zone des Fensters vom Hauptstrang nach Hortega-Neyssel abweicht, liegen an der Berührungslinie ihrer Kultur und ihrer Technologie. Gegenüber einer in der präsaturativen parabolischen Beschleunigung befindlichen Technologie zeichnet sich die Kultur stets durch einen regulativen zeitlichen Rückstand der hervorzubringenden rechtlichen, sittlichen und ethischen Normen aus. Die Technologie macht bereits möglich, was die kulturelle Tradition noch verbietet und für unantastbar hält.
(Beispiele: die Gentechnologie, angewandt an Geschöpfen, die den Menschen entprechen; die Regulierung des Geschlechts; Gehirntransplantationen usw.) Im Lichte dieser Konflikte betrachtet, offenbart der Kontakt mit den Ankömmlingen seine Ambivalenz. Die planetare Seite, die den Kontakt von sich weist, braucht den Eindringlingen deswegen keine feindlichen Absichten zu unterstellen. Die Befürchtungen lassen sich sachlich rechtfertigen. Eine Spritze radikal neuer Technologien kann die gesellschaftlichen Bindungen und Beziehungen destabilisieren und ist in ihren Konsequenzen ohnehin niemals prognostizierbar.
Das betrifft nicht den über Funk oder anderweitig von fern aufgenommenen Kontakt, denn die Empfänger der Signale können die gewonnenen Informationen nach eigenem Ermessen nutzen und ignorieren.“
Tempe war müde, aber der Schlaf wollte immer noch nicht kommen. Er überblätterte mehrere Kapitel und las das letzte: über die Prozedur des Kontakts. Das SETI-Projekt berücksichtigte die bisher dargestellten Dilemmata als Schwierigkeiten der Verständigung des Gastes mit einem potentiellen Gastgeber. Die Expedition war mit speziellen Mitteln des Nachrichtenverkehrs sowie mit Automaten ausgestattet, die auch ohne vorherige Verhandlungen in Form eines Signal- und Informationsaustauschs vor einer Landung den friedlichen Charakter des Unternehmens kundgeben sollten. Das Verfahren hatte mehrere Stufen. Erste Ankündigung der Ankunft eines irdischen Raumschiffs war eine Emission auf den in einer Anlage beigefügten Bereichen von Funk-, Wärme-, Licht-und Ultraviolettwellen sowie im Korpuskelband. Sowohl beim Ausbleiben einer Antwort als auch nach Empfang eines unverständlichen Signals sollten auf alle Kontinente Landefähren entsandt und von Steuersensoren in Gegenden stark konzentrierter Bebauung geführt werden.
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