Steergard hörte sich die zerstrittenen Experten an, nickte und gab ihnen weitere fünf Tage Zeit. Es war in der Tat eine harte Nuß. Die Technobiotik auf der Erde hatte seit einem halben Jahrhundert gänzlich andere Wege eingeschlagen, die sogenannte „Nekroevolution“ war als unrentabel abgetan worden. Es hatte nicht einmal die Vermutung gegeben, einst könne eine „Artenbildung von Maschinen“ entstehen. Niemand aber konnte kategorisch behaupten, auf der Quinta gäbe es so etwas nicht.
Zuallerletzt stellte der Kornmandant nur noch die Frage, ob die Hypothese eines Konflikts unter den quintanischen Produzenten als wesentliche Voraussetzung der Weiterführung des Kundschaftsunternehmens anzusehen sei. In dem Stadium ihrer fortgeschrittenen Analysen wollten die Sachverständigen jedoch in keiner Weise von sicheren Voraussetzungen sprechen. Ein Axiom ist keine Hypothese, die Hypothese kein Axiom. Sie wußten genug, um zu begreifen, wie schwankend die Ausgangspositionen waren, auf die sich ihre Kenntnis stützte. Zusätzliches Pech war — auch in dem jüngeren Wrack — das Fehlen jeglicher Kommunikationssysteme, die wenigstens entfernt eine Ähnlichkeit mit dem aufgewiesen hätten, was sich aus der Theorie der endlichen Automaten und der Informatik ableiten ließ. Hatten die Viroiden diese Pseudonerven restlos aufgefressen? Aber dann hätten Spuren und Reste übrigbleiben müssen. Oder verstand man diese nicht zu identifizieren?
Lassen sich aus einem Taschenrechner, der unter eine hydraulische Presse geraten ist, die Theorien Shannons oder Maxwells ableiten?
Die letzte Beratung fand in einer äußerst gespannten Atmosphäre statt.
Steergard ließ die positiven Erkenntnisse unbeachtet. Er fragte nur, ob Indizien, wonach die Quintaner die Sideral-Technologie beherrschten, auszuschließen seien. Dies hielt er für das Wichtigste. Mochte mancher auch erraten, warum er sich gerade darauf versteifte, so äußerte sich doch niemand dazu. Der HERMES trieb träge durch das Dunkel, seine Crew steckte im Dickicht der Unbekannten. Harrach und Tempe, die beiden Piloten, hörten der Aussprache schweigend zu. Auch die Ärzte ergriffen nicht das Wort. Arago trug nicht mehr sein Ordenskleid und kam in den Unterhaltungen — es hatte sich so gefügt, daß sie zu viert im oberen Stockwerk, über der Steuerzentrale, beisammensaßen — nicht auf seine Frage zurück: „Und wenn dort das Böse herrscht?“ Als Gerbert einmal sagte, in der Konfrontation mit der Wirklichkeit seien die Erwartungen stets unterlegen, widersprach ihm Arago. Wie viele Hindernisse hatten sie bisher überwunden, die ihre Vorfahren noch im 20. Jahrhundert für unüberwindbar gehalten hatten! Die Reise war glatt verlaufen, ohne Verluste hatten sie Lichtjahre durchmessen, die EURYDIKE war unfehlbar m den Hades eingetreten, sie selbst aber ins Sternbild der Harpyie vorgedrungen, und von dem bewohnten Planeten trennten sie nur Tage oder Stunden.
„Der Pater treibt mit uns Psychotherapie“, lächelte Gerbert. Er titulierte den Dominikaner als einziger so, es fiel ihm schwer, ihn „Kollege“ zu nennen.
„Ich sage die Wahrheit, mehr nicht. Ich weiß nicht, was aus uns wird. Dieses Nichtwissen ist der uns angeborene Zustand.“
„Ich weiß, was Sie denken“, entfuhr es Gerbert impulsiv. „Der Schöpfer wünscht nicht solche Expeditionen — solche Begegnungen — diesen „Umgang der Zivilisationen“, und deshalb hat er Abgründe dazwischengelegt. Wir aber haben aus dem Apfel des Paradieses nicht nur Kompott gemacht, sondern sägen schon am Baum der Erkenntnis…“
„raus Sie meine Gedanken kennenlernen möchten, stehe ich zu Diensten. Ich meine, daß uns der Schöpfer in nichts, in gar nichts beschränkt hat… Unbekannt bleibt dabei, was diesen Verpflanzungen des Baumes der Erkenntnis entwächst. .“
Die Piloten konnten dem Gang dieser theologischen Diskussion nicht länger folgen, denn der Kommandant beorderte sie zu sich: Er nahm Kurs auf die Quinta.
Er erläuterte die Navigationsbahn und fügte hinzu: „An Bord herrscht eine Stimmung, wie ich sie nicht erwartet habe. Auch die Üppigkeit der Phantasie muß sich in Grenzen halten. Wie ihr wißt, ist dauernd von unverständlichen Konflikten, Mikroma-chien, von Nanoballistik und Kampf die Rede, aber das ist ein Ballast von Vorurteilen, der leicht blind macht. Wenn wir schon schlottern, nachdem wir ein paar Wracks ausgeschlachtet haben, verlieren wir die Orientierung, und jeder Schritt erscheint als tollkühnes Glücksspiel. Ich habe das den Wissenschaftlern gesagt, darum sage ich es auch euch. Und nun guten Flug! Bis zur Septima könnt ihr den Kurs von GOD halten lassen, aber dann will ich euch am Steuer haben. Wie ihr euch abwechselt, könnt ihr unter euch ausmachen.“
Das Raumschiff bekam schon Schub, eine schwache Gravitation stellte sich her.
Harrach war mit zu Tempe gegangen, um das alte Buch zu holen, das noch von der EURYDIKE stammte. Als sie sich an der Kabinentür trennten, beugte er sich zu seinem kleineren Kollegen, als wolle er ihm ein Geheimnis verraten: „Ter Horab hat gewußt, wen er auf den HERMES setzt, was? Hast du Bessere gekannt?“
„Bessere nicht“, sagte Tempe. „Aber solche wie ihn.“
Um den Planeten zog sich in einer gewaltigen, aber unstabilen Ebene ein Ring von Eisbrocken. Die von Lakatos und Biela kurz vor dem Abtauchen der EURYDIKE angestellten Berechnungen erwiesen sich als zutreffend. Der Eisring, infolge von Perturbationen, die in der Schwerkraft der Quinta ihre Ursache hatten, durch einen großen und drei kleinere Spalten zertrennt, konnte nicht länger als tausend Jahre existieren, denn er hatte seinen Durchmesser vergrößert und gleichzeitig an Masse verloren. Den äußeren Saum erweiterte die Fliehkraft, der innere wurde durch die Reibung der Atmosphäre in Tausende Brocken und Dampf verwandelt, so daß ein Teil des mit Hilfe einer unbekannten Methode in den Weltraum geschleuderten Wassers in unaufhörlichen Regengüssen auf den Planeten zurückkehrte. Es war schwerlich anzunehmen, daß die Quintaner sich mit Absicht eine solche sintflutartige Pluvialzeit bereitet hatten. Der Ring hatte ursprünglich drei oder vier Trillionen Tonnen Eis enthalten und verlor jährlich viele Milliarden. Dahinter steckten Rätsel in Serie. Der Ring störte das Klima des gesamten Planeten. Außer den heftigen Regenfällen legte sich sein mächtiger Schatten bei der Umrundung der Sonne einmal auf die nördliche, einmal auf die südliche Halbkugel. Er hielt das Sonnenlicht zurück und senkte damit nicht nur die Durchschnittstemperatur, sondern brachte überdies die Passatzirkulation in der Atmosphäre durcheinander. Die Grenzräume beiderseits des Schattens wimmelten von Gewittern und Wirbelstürmen.
Wenn die Bewohner den Spiegel der Ozeane gesenkt hatten, mußten sie über ausreichende Energie verfügt haben, um den Sturzbächen oder vielmehr Springfluten die zweite kosmische Geschwindigkeit zu verleihen und die Eismassen damit aus der Nähe des Planeten zu fegen, damit sie sich, von der Sonne geschmolzen, spurlos auflösten oder als Eismeteore unter den Asteroiden verschwanden. Energiemangel hätte die Projektanten von dem ungeschickten Werk abgehalten, es wäre eine Aufgabe von elementarer Leichtigkeit gewesen, das Scheitern vorauszusagen. Etwas anderes als ein Versehen planetarer Technologie mußte den vor vielen Jahren begonnenen Arbeiten Einhalt geboten haben. Diese Schlußfolgerung drängte sich unabweislich auf.
Der Ring, eine flache Scheibe mit einem Loch von fünfzehn-tausend Kilometern Durchmesser, in dem der umgürtete Planet steckte, bestand in den mittleren Partien aus Eisblöcken, an den äußeren Rändern jedoch aus kleinen, polarisierten Kristallen. Auch das mußte Resultat eines vorsätzlichen Eingriffs sein. Kurz, der Ring war bei seinem Entstehen in Bewegung und Gestalt gelenkt, er war in die stationäre Äquatorebene gesteuert worden, bildete jedoch auf der Innenseite, oben über dem Äquator, eine chaotische, breiige Masse. Insgesamt sah er aus wie ein kosmisches Bauwerk, das mitten in der Arbeit aufgegeben worden war. Aber weshalb?
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