Auf der wüsten, von Kratern zerklüfteten, abgewandten Mondhalbkugel zuckte ein Feuer mit dem Spektrum von Kernplasma hin und her, so schnell, daß es, von einem gehörig geballten Magnetfeld nicht festgehalten, in den Raum geflogen und dort augenblicklich erloschen wäre. Was pendelte dort mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Sekunde zwischen zwei alten Kratern hin und her? Was steckte hinter diesem Irrlicht?
GOD versicherte, der Planet habe den HERMES nicht entdeckt und spüre ihm also auch nicht nach. Es gebe darauf keinerlei Hinweis. Er verzeichnete ein kontinuierliches Rauschen, das nur von einem Knattern übertönt wurde, wenn Satelliten in die Atmosphäre eintraten und auf den Eisschild prallten — er benutzte ja die Gashülle der Sexta als Linse für die Radioskope.
Die Ansichten, was weiter zu tun sei, waren geteilt. Die Quintaner sollten weiter in Unkenntnis gehalten werden, die Tarnung sollte fortdauern, bis wenigstens ein Zipfelchen der zahllosen Rätsel gelüftet war. Man wog ab, ob man eine unbemannte Landefähre auf die andere Seite des Mondes schicken oder mit dem Raumschiff dort niedergehen sollte. Über die Chancen der Alternative wußte GOD soviel wie die Menschen: im Grunde gar nichts. Nach der von der Patrouille vorgenommenen Erkundung schien der Mond unbewohnt zu sein, obgleich er eine Atmosphäre besaß, die er, von anderthalbfacher Masse des Erdmondes, nicht halten konnte. Ihre Zusammensetzung bereitete überdies weiteres Kopfzerbrechen: Edelgase — Argon, Krypton und Xenon mit einer Beimischung von Helium. Ohne künstliche Zufuhr hätte sich diese Atmosphäre innerhalb weniger Jahrhunderte verflüchtigt.
Das Plasmafeuer zeugte noch mehr von technischen Arbeiten. Dennoch blieb der Mond stumm, er besaß auch kein Magnetfeld, und Steergard entschloß sich zur Landung. Sollte es dort irgendwelche Geschöpfe geben, so nur unterirdisch, tief unter der von Kratern und Calderen zerklüfteten Felskruste. Erstarrte Lavameere erglänzten in einem Kranz n Streifen, die sich vom größten Krater, aus der Nähe des Pols, nach allen Seiten streckten.
Steergard faßte den Entschluß zur Landung, nachdem er den HERMES zuvor zum Kometen gemacht hatte. An den Längsseiten des Rumpfes öffneten sich die Kingstonventile und stießen Schaum aus, der, durch Gasspritzen aufgebläht, das ganze Raumschiff einhüllte wie ein großer Kokon unregelmäßig geronnener Blasen.
Der HERMES steckte in der schwammigen, porösen Masse wie ein Kern in der Frucht.
Selbst aus der Nähe sah er wie ein langer, von Kratertrichtern übersäter Gesteinsbrocken aus.
Die Reste der geplatzten Blasen machten diese Kruste der eines Asteroiden ähnlich, der seit Urzeiten von Staubwolken und Meteoren bombardiert worden war.
Der unerläßliche Antriebsausstoß sollte dem Kometenschweif gleichen, der sich im Verlauf des Fluges ins Perihel zentrifugal von der Sonne wegwandte. Diese Illusion wurde durch die Ausstoßdeflektoren erzielt. Eine genaue Spektralanalyse hätte zwar einen Impuls und eine Zusammensetzung der Gase aufgedeckt, wie sie bei Kometen nicht vorkommen, aber eine solche Eventualität war einfach nicht auszuschließen. Der HERMES ging mit hyperbolischer Geschwindigkeit von der Sexta zur Bahn der Quinta, schließlich gab es, wenngleich selten, derlei schnelle, keinem System zugehörige Kometen. Nach zweiwöchiger Reise bremste er hinter dem Mond ab und fuhr die Manipulatoren mit den Fernsehaugen aus. Die Illusion eines alten, zerschundenen Felsens war vollkommen — erst unter einem energischen Schlag gab das vorgebliche Gestein elastisch nach wie ein Ballon.
Die Landung selbst ließ sich nicht tarnen. Mit dem Heck voran in die Mondatmosphäre tauchend, verbrannte der HERMES die Hülle der Düsen, und den Rest besorgte die atmosphärische Reibung. Sie riß die glutheiße Maskierung herunter; nackt, flammenspeiend, setzte der gepanzerte Koloß seine sechs weitgespreizten Pranken auf den Grund, dessen Festigkeit er zuvor mit einer Salve von Geschossen geprüft hatte. Eine gute Weile ging es rings um das Raumschiff wie ein Regen nieder: Die verbrannte Tarnhülle fiel herab. Danach bot sich ein Blick über die gesamte Umgebung, bis an den Horizont. Das Plasmapendel lag hinter dem gebauchten Rand eines großen Kraters. Der Druck betrug vierhundert Hektopascal, man konnte die Flugaufklärung mit Helikoptern unternehmen. Ohne Tarnung, vor aller Augen. Das Spiel begann, der Einsatz war bekannt — die Regeln nicht.
Den acht Helikoptern, die in ein tausend Meilen messendes Rund geschickt worden waren, geschah nichts. Aus ihren Aufnahmen entstand eine Karte, die die achttausend Quadratkilometer um den Landeort erfaßte. Die Karte eines typischen Himmelskörpers ohne Luft, chaotisch verstreute Krater und Trichter, teilweise gefüllt mit vulkanischem Tuff. Nur im Nordosten hatten die Videogeräte eine bewegte Feuerkugel im Bild festgehalten. Sie schoß über felsigen Grund, in den sie entlang ihrer Bahn einen flachen, heißen Hohlweg geschmolzen hatte. Dieses Gelände wurde nochmals von den Helikoptern aufgesucht, die im Flug und vom Boden aus Messungen und Spektralanalysen vornahmen. Einer wurde mit Absicht in die Nähe der Sonnenkugel gesteuert. Bevor er verglühte, gab er genau Temperatur und Strahlungsleistung durch — sie lag im Terajoule-Bereich. Versorgt wurde sie von einem Wechselmagnetfeld. Es erreichte 1010 Gauß.
Nach Tiefenuntersuchungen des Magmabodens unter dem Hohlweg ließ Steergard von GOD ein Schema des dort entdeckten Netzes von Knotenpunkten anfertigen, von denen sich bis tief unter die Lithosphäre zahlreiche Schächte senkten.
Der Kommandant zeigte sich von der Diagnose kaum überrascht. Der Zweck der gewaltigen Anlage war unklar. Es unterlag jedoch keinem Zweifel, daß die Arbeiten mitten im vollen Gange eingestellt, alle zu den Schächten und Strecken führenden Eingänge geschlossen oder vielmehr durch Sprengen verschüttet worden waren, nachdem man zuvor das schwere Gerät hineingestürzt hatte. Die Mikrosonne aus Plasma wurde über ein Flußführungssystem durch thermo-elektrische Umformer gespeist, die Energie der Asthenosphäre entnommen — etwa fünfzig Kilometer unter dem äußeren Mantel der Mondkruste.
Steergard schickte zwecks genauer Untersuchungen zwar schwere Allüberallschreiter in das Gelände und durfte sich auch ihrer Rückkehr freuen, ordnete aber für sofort den Start an. Die Physiker, vom Ausmaß des unter dem Mondboden liegenden Energiekomplexes fasziniert, wären gern länger geblieben, um möglicherweise sogar an die verspundeten Tunnel heranzukommen.
Steergard blieb hart. Es gab zu viele Unbekannte: der Zustand der aufgefangenen Satelliten, der mit solchem Aufwand mitten in der Wüste betriebene, unbegreifliche Bau, die — falls Kenntnislosigkeit sich steigern läßt — noch unbegreiflichere, gleichsam in der Panik einer Evakuierung erfolgte Aufgabe dieser Arbeiten. Was alles er auch zur Erklärung anführte, den Gedanken, der ihm dämmerte, behielt er für sich.
Die detaillierte Untersuchung einer fremden Technologie führte zu nichts. Die Fragmente gaben kein schlüssiges Bild, so wenig wie die Splitter eines zerbrochenen Spiegels. Sie sind das unleserliche Ergebnis dessen, was sie zerschlug. Das Dilemma steckte nicht in den Werkzeugen dieser Zivilisation, sondern in dieser selbst. Als Steergard beim Gedanken daran die ganze Last der ihm übertragenen Aufgabe fühlte, fragte Arago über das Wechselsprechgerät an, ob er ihn aufsuchen dürfe.
„Für ein kurzes Gespräch gern, denn in einer knappen Stunde starten wir“, gab er zur Antwort, obwohl er dieses Gespräch durchaus nicht wünschte. Arago erschien sogleich. „Hoffentlich störe ich wirklich nicht…“
„Natürlich stören Sie, Hochwürden“, sagte Steergard und bot dem Geistlichen, ohne aufzustehen, einen Sessel an. „Im Hinblick allerdings auf den Charakter Ihrer Mission… Ich höre.“
Читать дальше