Ter Horab sah wie ungewollt den Chefarzt an, der ins Studium von Papieren vertieft schien.
„Eine Abstimmung halte ich für überflüssig“, sagte der Kommandant. „Kraft meiner Befugnisse werde ich zu dem von den Ärzten bestimmten Termin und für den von ihnen benötigten Zeitraum die Drosselung des Schubs anordnen. Ich bitte die Beratung für geschlossen zu betrachten.“ Durch den Saal ging eine leise Bewegung. Ter Horab stand auf, faßte Khargner beim Arm und ging mit ihm zum unteren Ausgang. Gerbert und Terna eilten fast im Laufschritt zur oberen Galerie, ehe es jemandem gelang, sie anzusprechen. Auf dem Korridor begegneten sie dem Dominikaner. Er sagte nichts, nickte ihnen nur zu und ging seines Wegs.
„Das hätte ich nicht von Hrus erwartet“, machte sich Terna Luft, als er mit Gerbert den Hecklift betrat. „Der Kommandant dagegen — das ist der rechte Kerl am rechten Ort! Ich habe gespürt, daß sie sich auf uns stürzen wollten, die Kollegen aus den verwandten Fachgebieten, vor allem unsere „Psychonauten“. Er hat das abgeschnitten wie mit einem Messer…“
Der Lift verlangsamte bereits die Fahrt, die Lichter draußen blinkten weniger schnell.
„Lassen wir Hrus“, murmelte Gerbert. „Wenn du es unbedingt wissen willst: Kurz vor der Beratung hat Arago mit Horab gesprochen.“
„Woher weißt du das?“
„Von Khargner. Vor dem Gespräch mit uns war der Pater bei Horab.“
„Meinst du, daß er…“
„Ich meine gar nichts, ich weiß nur, daß er uns geholfen hat.“
„Aber als Geistlicher, als Theologe…“
„Da kenne ich mich nicht aus. Er dagegen weiß sowohl in der Medizin als auch in der Theologie Bescheid. Wie er das eine mit dem anderen in Einklang bringt, ist seine Sache. Wir gehen uns jetzt umziehen, wir müssen alles vorbereiten — und den Termin angeben.“
Vor dem Eingriff las Gerbert nochmals das aus der Holothek übermittelte Protokoll: Die schwersten Planetarmaschinen hatten ihre Arbeit unterbrochen, weil ihre Sensoren die Nähe von Metall und darin enthaltene organische Materie entdeckt hatten. Nacheinander wurden aus den Trümmern von Birnam sieben alte Großschreiter geborgen, aus diesen wiederum sechs Leichen. Zwei der Diglatoren lagen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Einer war leer, der andere enthielt einen Mann in einem glockenförmigen Vitrifikator. In den Gletscher gruben sich Bagger der achten Generation, gegen die der Diglator der reine Zwerg war. Der Leitungsstab, der die Arbeit der unbemannten Ungetüme eingestellt hatte, entsandte zur Suche nach weiteren Opfern — die Depression von Birnam hatte ja neun Menschen verschlungen — Schreitbohranlagen mit hochempfindlichen Biosensoren. Von dem Mann, der seinen Diglator verlassen hatte, fand man nicht die geringste Spur. Die Panzer der Großschreiter waren unter den angewachsenen Eismassen eingedrückt, die Vitrifikatoren aber erstaunlich gut erhalten. Die Aufsichtführenden wollten sie unverzüglich zur Reanimierung auf die Erde schicken, aber das hätte bedeutet, die gefrorenen Leiber gleich einer dreifachen Überbelastung auszusetzen: beim Start der Landefähre vom Titan, bei der Beschleunigung der Transportrakete vom Titan zur Erde und bei der Landung auf der letzteren. Eine Durchleuchtung der Container offenbarte schwere Verletzungen aller Leichen, darunter auch Schädelbasisbrüche. Ein so komplizierter Transport wurde deshalb für zu riskant erachtet. Damals kam jemand auf die Idee, die Vitrifikatoren auf die EURYDIKE zu bringen, die über modernstes Reanimationsgerät verfügte und deren Beschleunigung beim Abflug angesichts ihrer ungeheuren Masse minimal sein mußte. Es blieb nur die Frage der Identifizierung der Toten, die vor einer Öffnung der Vitrifikatoren unausführbar war. Im Einvernehmen mit der Flugleitung und dem SETI-Stab legte Hrus, der Chefarzt der EURYDIKE, fest, daß die genauen Daten und Namen der dem Eis des Titan Entrissenen dem Raumschiff von der Erde aus per Funk nachgeschickt wurden, denn die bereits früher demontierten Speicherplatten der Computer lagen in den Archiven des SETI-Zentrums in der Schweiz. Bis zum Start waren die Funkkanäle vollgestopft, jemand oder etwas — ein Mensch oder ein Kalkulator — hatte der Ausstrahlung der Angaben eine niedrige Wichtigkeitsstufe gegeben, und die EURYDIKE verließ ihre Mondumlaufbahn, ehe die Ärzte mitbekamen, daß diese Informationen fehlten. Gerbert intervenierte vergebens beim Kommandanten, denn das Raumschiff beschleunigte bereits, vom Laser des Herkules getrieben, wie ein Geschoß. In dieser Anlaufphase bekam der Titan die gesamte Wucht des Lichtrückstoßes ab, und die Planetologen hielten es für möglich, daß er zerbarst. Diese Befürchtungen trafen nicht ein, aber auch die Akzeleration lief nicht so glatt, wie die Projektanten erhofft hatten. Herkules preßte die Mondkruste in die Tiefe der Lithosphäre, heftige seismische Wellen brachten das Fundament der Laserstrahler ins Schaukeln, und obwohl es diese Erdstöße — oder vielmehr Stöße des Titan — aushielt, kam die Lichtsäule ms Wanken und Trudeln.
Die abgestrahlte Leistung mußte verringert werden, das Abflauen der Beben abgewartet werden, ehe man die vereinten Laser wieder auf das Spiegelheck des Raumschiffs richten konnte.
Das störte den Funkverkehr und führte zu einem Übermittlungsstau, Nachrichten und Informationen blieben liegen. Zu allem Übel machte der Titan Zicken — er war zwei Jahre zuvor aus der Nähe des Saturn weggebracht und in seinen Umdrehungen so abgebremst worden, daß Herkules in scheinbarer Ruhe die EURYDIKE mit seinem Licht in Fahrt bringen konnte. Nun aber verfiel der Titan Librationen, denen erst durch einige hunderttausend als Havariereserve in den schweren Mond getriebene alte thermonukleare Sprengköpfe ein Ende setzten. Das alles fiel nicht leicht, und so konnten sich die Reanimatoren nicht ans Werk machen, da die EURYDIKE, einige Wochen lang bald getroffen, bald verfehlt, die Sonnensäule am Heck jeweils als Schlag empfing, der sich auf das ganze Raumschiff übertrug. Die Schwierigkeiten bei der Kollimation des Feuers, die seismischen Erschütterungen des Titan und das Versagen der Zündung mehrerer Booster-Batterien hatten die Operation also verzögert, was viele der Besatzungsmitglieder auch damit rechtfertigten, daß die Chancen, die Aufgefundenen zum Leben zu erwecken, ohnehin nicht gut standen. Mit jedem Tag der inzwischen konstanten Akzeleration verschlechterte sich der Funkkontakt mit der Erde, und Vorrang genossen überdies die Radiogramme, die über den Erfolg der Expedition entschieden. Schließlich bekam das Raumschiff von der Erde doch noch die Namen von fünf der gefrorenen Unfallopfer sowie deren Fotografien und Lebensläufe, aber das genügte nicht zur Feststellung der Identität. Bei der explosionsartigen Vitrifizierung waren die Gesichtspartien zerschmettert worden. Zusätzliche Implosionen innerhalb der Kryotainer hatten den Leuten die Kleidung vom Leib gerissen, der Sauerstoff aus den berstenden Raumanzügen hatte die Reste in die Stickstoffsärge gepreßt und in Moder verwandelt. Dann verlangte man von der Erde die Fingerabdrücke und Angaben über den Zustand des Gebisses, aber als man sie erhielt, vergrößerten sie nur die Verwirrung. Infolge uralter Rivalität zwischen Gral und Roembden waren die Computeraufzeichnungen der vorgenommenen Arbeiten unsorgfältig geführt, und außerdem wußte niemand, ob nicht ein Teil der Speicherplatten verlorengegangen oder in ein Archiv außerhalb der Schweiz gelangt war. Der Mann, der auf der EURYDIKE ins Leben zurückkehren konnte, trug unweigerlich einen von sechs Namen: Ansei, Navada, Pirx, Kochler, Parvis oder Illuma. Den Ärzten blieb nur übrig, abzuwarten, ob der aus der postreanimatorischen Amnesie erwachte Patient auf dieser Liste den eigenen Namen erkannte — falls er sich seiner nicht mehr von selbst entsann. Diese Hoffnung hegten Hrus und Terna, während Gerbert, der Psychoniker, seine Zweifel hatte. Nach Festlegung des Operationstermins begab er sich daher zum Kommandanten, um ihm sein Problem darzulegen. Der nüchterne Praktiker Ter Horab hielt es für angeraten und lohnend, den Inhalt der von den Leichen geräumten Vitrifikatoren nochmals eingehend zu untersuchen. „Am besten waren Kriminologen, Gerichtssachverständige“, meinte er. „Da wir solche nicht an Bord haben, helfen Ihnen“ — er zögerte einen Moment — „Lakatos und Biela.“ Er lächelte und setzte hinzu: „Auch Physiker sind so etwas wie Detektive.“
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