Der geschwärzte, wie von Feuer berußte Kryotainer, der einem verbeulten Sarkophag glich, wurde also ins Hauptlabor gehievt. Von massiven Zangen gepackt, öffnete er sich, nachdem die äußeren Halteklauen gelöst waren, mit durchdringendem Kreischen langsam der Länge nach. Unter dem aufgeklappten Sargdeckel gähnte schwarz das Innere. Der Raumanzug lag zusammengesackt, sein Besitzer ruhte seit Wochen in flüssigem Helium, zusammen mit dem Stickstoffblock, in den er eingefroren war. Lakatos und Biela zogen den leeren Raumanzug heraus und legten ihn auf einen niedrigen Metalltisch. Er war bereits bei der Entfernung der Leiche untersucht worden, aber außer gefrorenen Geweberesten und zu Kabeln verflochtenen Klimaleitungen hatte man nichts gefunden. Jetzt wurde der bereifte Anzug aufgeschnitten — von dem Ring, an dem der Helm befestigt wurde, über die Brust und die pneumatischen Hosenbeine bis an die Stiefel. Aus dem Balg wurden Spiralröhrchen und Teile zerrissener Sauerstoffschläuche ausgebaut und gewissenhaft geprüft: Jeder noch so kleine Fetzen kam unter die Lupe. Zuletzt stieg Biela sogar mit der Taschenlampe in den walzenförmigen Kryotainer. Um ihm die Aufgabe zu erleichtern, schnitt der Manipulator das Panzerblech auf und zog es weit auseinander. Der Raumanzug war nämlich an den Nahtstellen zwischen den Ärmeln und der Körperhülle geborsten — entweder, als der Diglator dem zunehmenden Druck des sich über ihn wälzenden Gletschers von Birnam nachgab, oder infolge des inneren Drucks bei der explosiven Vitrifizierung. Wenn der darin eingeschlossene Mensch persönliche Gegenstände bei sich gehabt haben sollte, konnten sie zusammen mit Strahlen gerinnenden Stickstoffs und menschlichen Bluts durch die Risse des Raumanzugs in den Container gedrückt worden sein, als über dessen Öffnung von oben wie ein Visier eine Haube aus Spezialstahl schoß und den im Raumanzug Umgekommenen von der Außenwelt abschloß.
Um diese Haube von dem Behälter herunterzubekommen, bedurfte es hydraulischer Spannstöcke, denn der Zangenmanipulator war zu schwach dafür. Die beiden Physiker und der Arzt zogen sich einige Schritte von der Plattform zurück, der Vorgang war ziemlich brutal, und ehe die Haube, die dem Kopf eines gewaltigen Geschosses glich, auch nur ruckte und sich endlich langsam löste, rieselten unter den Vanadiumklauen dicke Späne von dem Panzer. Die Wissenschaftler warteten ab, bis die schlackeschwarzen Splitter versiegten und die vom Kryotainer gelöste Glocke ihnen ihr leeres Inneres zukehrte. Lakatos ließ sie von dem vierhebligen Manipulator unter die Decke heben, und Biela wollte sich erneut über den Behälter machen, als alle unwillkürlich erstarrten: Die Bleche rissen längs der Nahtstellen zitternd ab und fielen auf die Plattform, als wollten sie die Agonie wiederholen, die sie schon einmal durchgemacht hatten.
Die ferngesteuerten Greifbacken trugen die schwere Haube wie die Hälfte einer leeren Bombe ans andere Ende des Raums und setzten sie dort so behutsam auf eine Aluminiumplatte, daß nicht das geringste Geräusch hörbar wurde. Biela trat an den geöffneten Behälter. Drinnen hingen in vertrockneten Schichten wie verwelkte oder verbrannte Blätter die dunklen Reste der Innenverkleidung. Lakatos guckte ihm über die Schulter. Er kannte sich in der Geschichte der Vitrifizierung einigermaßen aus. Zur Zeit von Gral und Roembden wurde die Haube von Sprengladungen über den Behälter mit dem Menschen geschossen, damit der Prozeß der kristallinfreien Vereisung möglichst rasch ablaufen konnte. Der Verifizierte mußte den Helm abnehmen, blieb aber im Raumanzug. Damit der Schlag ihm nicht den Schädel zermalmte, war die Haube mit pneumatisch aufblasbaren Kissen ausgepolstert. Durch ihr Platzen schützten sie den Einzufrierenden, dem eine in den Mund gestoßene Spritze flüssigen Stickstoff einpumpte, damit das Gehirn von allen Seiten zugleich, also auch von der über dem Gaumen liegenden Basis her, gerann. Dabei gingen gewöhnlich die Zähne oder gar die ganzen Kiefer kaputt, aber diese Verletzungen ließen sich bei der damaligen Technik nicht ausschließen.
Die Physiker rissen die Schichten des brüchigen Materials herunter und legten eine neben die andere, bis die Geräte den Metallboden des Kryotainers bloßgelegt hatten. Unter den morschen Aschekrusten stießen sie auf einen ebenfalls zerquetschten Gegenstand von der Form eines kleinen Buches, dessen Ecken angesengt waren wie durch Feuer. Das halb verkohlte Ding war so mürbe, daß bei jeder Berührung die Asche stiebte. Sie legten es unter einen Glassturz, denn schon ein Luftzug hätte ihm schaden können. „Sieht aus wie ein kleines Futteral, vielleicht sogar aus Leder.
Eine Brieftasche. So was trugen die Leute damals bei sich. Die Dokumente waren vorwiegend aus Zellulose, die man zu Papier verarbeitet hatte.“
„Oder aus Polymeren“, ergänzte Gerbert die Worte Bielas.
„Das eine ist so wenig ermutigend wie das andere“, erwiderte der Physiker,
„Zellulose war unter diesen Bedingungen nicht widerstandsfähiger als die alten Plastik. Wie ist das in diesen Pott gekommen?“
„Das kann man sich leicht vorstellen.“ Lakatos bewegte die offenen Hände aufeinander zu. „Als er den Kontakt auslöste, stieg ihm die untere Glocke über die Beine bis an die Brust, zugleich wurde die obere herabgeschossen, um sich auf die untere zu pressen. Es waren Implosionsladungen, natürlich nicht solche, die den Menschen zermalmt hatten. Der Stickstoff füllte den Raumanzug, daß dieser unter den Achseln barst, und die unter Druck entweichende Luft kann dem Mann die Kleidung vom Leibe gerissen haben. So hat der Luftstoß von Granaten bei nahern Einschlag zuweilen Soldaten entblößt…“
„Was machen wir damit?“
Gerbert sah zu, wie die Physiker den Glassturz mit einer gerinnenden Flüssigkeit füllten, das entstandene Gußstück, in dem der schwarze Fetzen wie ein Insekt im Bernstein steckte, herausnahmen und sich an die Analysen machten. Sie entdeckten Chemikalien, die einst zur Herstellung von Banknoten benutzt wurden, organische Verbindungen, die für gegerbte und gefärbte tierische Häute typisch waren, sowie winzige Spuren von Silber, sicherlich Reste von fotografischen Aufnahmen, denn dazu hatten Silbersalze gedient. Nachdem sie den Gegenstand haltbar gemacht und aus dem Gußstück genommen hatten, änderten sie die Härte der Strahlung und holten schließlich noch ein abstruses Palimpsest heraus — eine verworrene Mischung von Buchstaben und kleinen Kringeln, vielleicht ein Stempel. Der Chromatograph unterschied Schatten gedruckter Schrift von Tintenresten, denn letztere hatten glücklicherweise eine mineralische Beimischung. Die Filter des Mikrotomographen übernahmen das übrige, aber das Ergebnis war bescheiden. Sollte man, was wahrscheinlich war, tatsächlich den Personalausweis gefunden haben, so ließ sich der Vorname Überhaupt nicht, vom Nachnamen lediglich der Anfangsbuchstabe entziffern: ein P. Im ganzen zählte der Name fünf bis acht Buchstaben. Der Zufall wollte es, daß mit P die Namen der beiden Männer anfingen, von denen nur einer wiederbelebt werden konnte. Sie riefen über Monitor die Spinogramme all der Leute, die sie in flüssigem Helium liegen hatten. Durch die Schichtbildaufnahme, die viel präziser war als das vorsintflutliche Röntgen, ließ sich das Alter der Opfer mit einer Genauigkeit bis zu zehn Jahren bestimmen. Dies geschah anhand des Knochengewebes der Gelenkknorpel und anhand der Blutgefäße — zu Lebzeiten dieser Leute verstand die Medizin die als Sklerose bekannten Veränderungen noch nicht aufzuhalten. Die beiden zur Reanimation Tauglichen waren von gleichem Körperbau, die Gesichtspartien bedurften bei beiden der chirurgischen Rekonstruktion. Sie besaßen die gleiche Blutgruppe, nach den in den Rippen und nur ansatzweise in der Aorta vorhandenen Einlagerungen von Kalk dürften sie zwischen dreißig und vierzig Jahren alt gewesen sein. Den Lebensläufen zufolge, die auch die Geschichte der durchlaufenen Krankheiten enthielten, war keiner jemals einer Operation unterzogen worden, die am Körper Narben hinterlassen hätte. Die Arzte wußten es, wollten jedoch vom Wissen der Physiker Gebrauch machen: Die Durchleuchtung beruhte auf der magnetischen Resonanz der Atomkerne im Organismus. Die Physiker schüttelten nur die Köpfe: Die Kerne der stabilen Elemente sind so gut wie unwissend. Es wäre was anderes, wenn sich in den Körpern dieser Männer Isotope fänden.
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