Nachdem mein Versuch einer höflichen Ablehnung gescheitert war, mußte ich mir nun schnell überlegen ob ich grob werden oder auf seine klare Absicht eingehen sollte. Ich schalt mich selbst: Freitag, du bist doch längst ein großes Mädchen; du solltest es besser wissen!
Wenn du ihm von vornherein jede Hoffnung nehmen wolltest, dich ins Bett zu kriegen, dann hättest du gleich aussteigen sollen, als er dir seinen Sitz anbot.
Ich machte einen letzten Versuch. „Abgemacht“ antwortete ich, „wenn Sie es mir gestatten, die Rechnung zu bezahlen, ohne Widerrede!“ Ein schmutziger Trick meinerseits, was wir auch beide wußten, denn wenn er mich für das Mittagessen bezahlen ließ wurde damit seine Investition in mich aufgehoben die darin bestand, daß er eine Stunde lang gestanden und gegen das Ruckeln der Kapsel angefochten hatte.
Das Protokoll der Hackordnung ließ es aber nicht zu diese Investition zurückzufordern; sein Kavaliersakt sollte beiläufig, uninteressiert, ritterlich gewesen sein etwas, für das kein Lohn erwartet wurde.
Der schmutzige, heimtückische, raffinierte, scharfe Halunke setzte sich aber mühelos über das Protokoll hinweg.
„Einverstanden“, sagte er.
Ich unterdrückte mein Erstaunen. „Und später keine Widerrede? Ich bezahle?“
„›Keine Widerrede‹“, bestätigte er. „Offensichtlich wollen Sie nicht einmal um den Preis eines Mittagessens in der Schuld eines Mannes stehen, obwohl dieEinladung von mir ausging und ich daher das Vorrecht des Gastgebers genießen müßte. Ich weiß nicht womit ich Sie so verärgert habe, aber natürlich möchte ich Ihnen nicht die geringste Verpflichtung aufzwingen. Wenn wir in Bellingham ankommen gibt’s da im Erdgeschoß einen MacDonald; ich nehme einen Big Mäc und ein Cola. Sie bezahlen dafür. Dann können wir wenigstens als Freunde auseinandergehen.“
„Ich heiße Marjorie Baldwin“, antwortete ich. „Wie heißen Sie?“
„Trevor Andrews, Marjorie.“
„›Trevor‹. Das ist ein hübscher Name. Trevor, Sie sind ein gemeiner, heimtückischer, verachtenswerter Schweinehund. Führen Sie mich ins beste Restaurant von Bellingham, umschwärmen Sie mich mit gutem Likör und köstlichen Speisen, und bezahlen Sie die Rechnung! Ich räume Ihnen dafür die faire Chance ein, mir ihre niederträchtigen Absichten zu verkaufen. Aber ich glaube nicht, daß Sie mich ins Bett kriegen; mir ist nicht danach.“
Das war nun klar eine Lüge; mir war sogar sehr danach; hätte er meinen gesteigerten Geruchssinn besessen, wäre er seiner Sache sicher gewesen. So sicher wie ich wußte, daß er mich begehrte. Ein normaler Mann kann einer KP-Frau, die gesteigerte Sinne besitzt, nichts vormachen. Dies erfuhr ich, als bei mir die erste Regel einsetzte. Männliches Interesse kränkt mich aber nicht. Höchstens ahme ich das Verhalten einer normalen Frau nach, indem ich die Gekränkte spiele. Ich lasse mich aber nicht oft auf so etwas ein und versuche es zu vermeiden, denn so gut bin ich als Schauspielerin nicht.Von Vicksburg nach Winnipeg hatte ich kein Verlangen gespürt. Doch inzwischen hatte ich zwei Nächte lang schlafen können, hatte heiß gebadet, mit viel Seife, und hatte ausgiebig gegessen, und so war mein Körper zu seinem normalen Verhalten zurückgekehrt.
Weshalb belog ich also diesen harmlosen Fremden?
„Harmlos?“ Im vernünftigen Sinne schon. Ohne korrektive Operation bin ich steril. Ich neige nicht zu Erkältungen und bin besonders geschützt gegen die vier verbreitetsten Geschlechtskrankheiten. In der Krippe hatte man mich die Vorzüge des Gemeinschaftslebens gelehrt: essen, trinken, atmen, schlafen spielen, reden und kuscheln — all die angenehmen Bedürfnisse, die das Leben zur Freude machen können, anstatt es wie eine Last aussehen zu lassen.
Ich belog ihn, weil die menschlichen Regeln in diesem Punkt des Geschlechtertanzes eine Lüge vorschrieben — ich spielte das Menschenweibchen und wagte es nicht, ehrlich ich selbst zu sein.
Er blinzelte auf mich herab. „Sie sind der Meinung ich würde sinnlos investieren?“
„Ich fürchte ja. Tut mir leid.“
„Sie befinden sich im Irrtum. Nie versuche ich eine Frau ins Bett zu bekommen; wenn sie mich in ihrem Bett haben will, wird sie Mittel und Wege finden, mir das verständlich zu machen. Wenn sie mich nicht dort haben will, dann wäre ich auch nicht gern dort.
Ihnen scheint es aber nicht bewußt zu sein, daß sich die Ausgabe für ein gutes Mittagessen schon allein deswegen lohnt, weil ich dasitzen und Sie anschauen kann, während ich allerdings das dumme Gerede das Ihnen über die Lippen kommt, ignorieren muß.“
„›Gerede‹! Jetzt muß das Restaurant aber wirklicherstklassig sein. Nehmen wir das Shuttle!“
Ich hatte geglaubt, daß ich mich bei der Ankunft durch die Barriere reden müßte.
Der Einwanderungsbeamte aber schaute sich Trevors Ausweise gründlich an, ehe er seine Touristenkarte abstempelte, dann warf er nur einen kurzen Blick auf meine San-José-Master-Charge-Karte und winkte mich durch. Unmittelbar hinter der Zollkontrolle wartete ich auf Trevor und betrachtete das Schild DIE FRÜHSTÜCKSBAR mit einem seltsamen Gefühl des déjà vu.
Trevor holte mich ein. „Hätte ich die Goldkarte, mit der Sie da eben herumgeprotzt haben, früher gesehen“, sagte er bekümmert, „hätte ich mich nicht erboten, Ihr Mittagessen zu bezahlen. Sie sind ja eine reiche Erbin!“
„Nun hören Sie mal, mein Junge!“ sagte ich. „Abgemacht ist abgemacht. Sie haben mir gesagt, es lohne sich dazusitzen und mich anzusabbern. Trotz meines ›Geredes‹. Ich bin bereit, darauf einzugehen. Vielleicht mache ich auch einen oder zwei weitere Knöpfe meines Ausschnitts auf. Aber kneifen geht jetzt nicht mehr. Auch eine reiche Erbin möchte ab und zu mal was einfahren.“
„Ach, wie schade ist das alles!“
„Hören Sie auf zu jammern! Wo ist denn Ihr Feinschmeckerlokal?“
„Nun, also … Marjorie, ich muß zugeben, daß ich die Restaurants in dieser funkelnden Metropole überhaupt nicht kenne. Sagen Sie mir, wohin Sie möchten?“
„Trevor, Ihre Verführungskünste lassen zu wünschen übrig!“
„Das sagt meine Frau auch immer.“
„Dachte ich’s mir doch — Sie machten mir gleich den Eindruck, als wüßten Sie am Zügel zu gehen.
Zeigen Sie mir schon ihr Bild! Bin gleich zurück. Ich will nur mal feststellen, wo wir essen.“
Ich erwischte den Zollbeamten zwischen zwei Shuttles und fragte ihn nach dem Namen des besten Restaurants. Er musterte mich nachdenklich. „Wir sind hier nicht in Paris, müssen Sie wissen.“
„Aufgefallen war mir das schon.“
„Und auch nicht in New Orleans. Ich an Ihrer Stelle würde in den Speisesaal des Hilton gehen.“
Ich dankte ihm und kehrte zu Trevor zurück. „Wir essen im Speisesaal, zwei Stockwerke über uns. Es sei denn, Sie wollen erst einmal Ihre Spione ausschicken.
Jetzt möchte ich aber das Bild Ihrer Frau sehen.“
Er zeigte mir ein Bild in seiner Brieftasche. Ich betrachtete es eingehend und pfiff dann respektvoll durch die Zähne. Blondinen beeindrucken mich. Als kleines Mädchen hoffte ich, diese Farbe zu erreichen wenn ich nur energisch genug rubbelte. „Trevor wenn Sie ein solches Weib zu Hause haben, warum gabeln Sie sich dann leichte Mädchen von der Straße auf?“
„Sind Sie ein leichtes Mädchen?“
„Versuchen Sie nicht immer das Thema zu wechseln!“
„Marjorie, Sie würden mir nicht glauben und würden nur darüber plappern. Gehen wir in den Speisesaal, ehe die Martinis völlig trocken werden!“
Das Mittagessen war in Ordnung, doch Trevor besaß nicht Georges’ Phantasie, Kochkenntnisse und Ge-schicklichkeit im Einschüchtern von Oberkellnern.
Ohne Georges’ Flair war das Essen gut, übliche nordamerikanische Küche, in Bellingham nicht anders als in Vicksburg.
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