Es gab viele Angehörige der Spezies des Jägers, für die die Konstruktion einer wirksamen Entsalzungsdrüse eine Kleinigkeit gewesen wäre, doch der erfahrene Detektiv gehörte nicht zu ihnen.
Er versuchte es immer wieder, doch seine gelegentlichen Fragen an Maeta, wie sie sich fühle, waren überflüssig. Er wußte, daß er nur verschwindend geringe Mengen deionisierten Wassers durch ihre Haut brachte.
Bob versorgte ihn und das Mädchen laufend mit Nahrung, und natürlich enthielt auch sie eine gewisse Flüssigkeitsmenge, die jedoch nicht ausreichte, um dem Mädchen das brennende Durstgefühl zu nehmen. Der Jäger konnte — und tat es auch — die Nerven blockieren, die die sonst unerträglichen Schmerzempfindungen von ihren Wunden zum Gehirn geleitet hätten, doch die Ursachen der Durstgefühle waren weitaus vielschichtiger und komplexer, so daß er nichts gegen sie unternehmen konnte.
Maeta beklagte sich nicht, doch hin und wieder entschlüpfte ihr eine Beme rkung, die den anderen sagte, wie sie sich fühlte. Sie machte weder dem Jäger noch jemand anders irgendwelche Vorwürfe, nur einmal erwähnte sie, daß es ihre Schuld sei, daß sie alle sich jetzt in dieser Lage befänden, da sie gegen jede Vernunft beschlossen habe, bei dem starken Wind hinauszufahren. Für den Detektiv stand jedoch fest, daß er die Schuld daran trug. Er wünschte, Maeta würde nicht so viel reden, mö glichst überhaupt nichts mehr sagen, doch brachte er es nicht übers Herz, sie darum zu bitten.
Glücklicherweise, wie sich bald darauf herausstellte. Es war eine ihrer Bemerkungen, die ihm den wichtigsten Mosaikstein des Puzzles lieferte. Die Bemerkung war für ihn recht schmerzhaft, so sehr, daß er es sich nicht versagen konnte, mit Maeta darüber zu diskutieren, erwies sich jedoch als überaus nützlich.
„Ich glaube, ich habe mich damals besser gefühlt, als ich meinen Durst auf diese Weise zu bekämpfen suchte“, sagte sie. „Wahrscheinlich klappt es diesmal nicht, weil ich so schwer verletzt bin. Bist du sicher, daß ich nicht verdursten werde?“
„Falls es nicht zwei oder drei Tage dauert, bis wir gefunden werden, bist du nicht in Gefahr“, versicherte ihr der Jäger. „Solange du genug Nahrung bekommst, könnte ich dich auf ewig mit dem Wasser versorgen, das du zum Überleben brauchst, wenn es auch nicht genüge nd wäre, um dir das Durstgefühl zu nehmen. Ich kriege auch etwas Wasser aus dem Meer durch deine Haut — auf jeden Fall mehr, als du ohne meine Hilfe aufnehmen würdest.“
„Das glaube ich nicht“, sagte sie langsam und etwas verschlafen. „Damals, als ich auf dieser kleinen Riff-Insel war, habe ich überhaupt keinen Durst verspürt; daran kann ich mich noch sehr genau erinnern.“ Der Jäger war ein wenig irritiert durch diese Bemerkung, weil sie ihn erkennen ließ, daß er bei der Durchführung einer Aufgabe, die die Menschen für einfach hielten, versagte. Dieses Gefühl klang auch in seiner Antwort durch.
„Vielleicht war das auf zusätzliche Reserven zurückzuführen, Maeta“, sagte er. „Aber ich denke, es ist nichts anderes, als die gewöhnliche, menschliche gute-alte-Zeit-Reaktion. Es gibt keine Mö glichkeit, daß Wasser — auch nicht Seewasser — durch deine Haut dringen könnte, die ja dazu da ist, um Flüssigkeit in deinem Körper festzuhalten. Und wenn Wasser eindringen könnte, würde es nicht gegen deinen Durst helfen.“
„Hat es aber, daran erinnere mich sehr genau.
Zweimal.“
„Aber damals warst du nicht verletzt, und du warst nur wenige Stunden ohne Wasser und wußtest, daß du bald wieder würdest trinken können.
Du hast dich sicher noch nie in einer Situation wie dieser befunden.“
„Ich war nicht verletzt, das ist richtig, und beim erstenmal war es nur fünf oder sechs Stunden her, seit ich meine Feldflasche geleert hatte, ohne zu bedenken, daß ich vielleicht länger auf der Insel bleiben müßte. Ich war in jener Zeit ein wenig leichtsinnig. Beim zweitenmal hatte ich innerhalb der ersten Stunde versehentlich meinen Wassereimer umgestoßen, und ich mußte ziemlich schwer arbeiten und war wirklich durstig, als ich bemerkte, daß der Eimer umgefallen war. Das Boot, das mich abholen sollte, kam erst nach Einbruch der Dunkelheit. Es war ein sehr langer Tag für mich. Aber ich habe mich ins Wässer der Lagune gelegt und keinen Durst bekommen.“
Ein Gedanke schoß durch das Bewußtsein des Jägers, und er war so verblüffend, daß er mehrere Sekunden schwieg, um sich über die Implikationen dieser Idee klarzuwerden.
Schließlich fragte er: „Wie lange liegt das zurück? Ist es während der letzten zwei Jahre geschehen oder erheblich früher, als du noch ein Kind warst?“
„Es ist noch nicht sehr lange her“, antwortete Maeta ohne Zögern. „In beiden Fällen habe ich einige Stücke für die Museum Exchange gesammelt — das ist eine Vereinigung, die einen weltweiten Austausch von Sammlerstücken vermi ttelt —, und mit der habe ich erst Verbindung aufgeno mmen, nachdem ich in der Bibliothek zu arbeiten begann. Bis dahin wußte ich nicht einmal, daß es sie gab.“
„Also liegt es weniger als drei Jahre zurück.“
„So ungefähr“, bestätigte sie.
Der Jäger beschloß, ihr keine Fragen über die Leichtsinnigkeit zu stellen, die sie zu der Zeit an den Tag gelegt hatte. Sie war eine sehr intelligente Frau, hatte er erkannt, und er wollte vermeiden, daß sie auf denselben Gedankengang verfiel, auf den er gestoßen war. Und er war noch nicht sicher, ob diese Idee richtig war. Er haßte es, voreilige Schlüsse zu ziehen — vor allem vor anderen.
Er wußte auch nicht, ob er sich über die Zeitverschwendung bei ihrer Suche nach dem Raumschiff ärgern oder ob er über die Erkenntnis erleichtert sein sollte, daß nun keine Notwendigkeit mehr bestand, weitere Nachrichten zu dem Schiff zu bringen.
Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang wasserte das Flugboot in der Lagune von Insel Acht und glitt langsam auf den Strand zu, wo die Schiffbrüchigen warteten. Ein Gummiboot wurde zu Wasser gelassen, und Dr. Seever sprang hinein. Er paddelte los, ohne darauf zu warten, daß jemand ihn begleitete, und blickte zu den drei Menschen hinüber, die am Wasserrand standen und lagen. Er stieß einen leisen Pfiff aus, als er Maeta sah.
„Ladies first, so wie es hier aussieht“, bemerkte er, als er ins flache Wasser sprang und das Boot an den Strand zog. Er beugte sich über Maeta, um sie genauer zu untersuchen, und war überrascht, wie gelassen und munter sie war.
„Mir geht es den Umständen entsprechend ganz gut, Doktor“, sagte sie. „Der Jäger ist bei mir, und alles, was ich brauche, ist eine Gallone Wasser.
Kümmern Sie sich lieber um Bob; er hat eine Reihe von Schnitten abgekriegt, als wir hier gelandet sind.“
„Ich werde sie überleben“, kam Bob möglichen Fragen zuvor. „Vor zwei oder drei Stunden bekam ich leichtes Fieber, aber Maeta hat es gemerkt und den Jäger zu mir geschickt, um die Infektion auszuräumen. Ich wollte das natürlich nicht, aber gegen sie kann man nicht aufkommen, wie Sie sicher auch schon festgestellt haben. Außerdem hatte sie den Jäger auf ihrer Seite. Er hat sich also eine Weile um mich gekümmert und ist dann zu ihr zurückgekehrt. Ich bin für eine Weile okay.“
„Und wer kümmert sich um mich?“ fragte André.
„Ein gebrochener Schulterknochen, soweit ich das beurteilen kann“, sagte Bob zu dem Arzt. „Er sieht von uns am besten aus, wenn man von der interessant gefärbten Schwellung absieht; er braucht Sie jedoch wahrscheinlich am dringendsten.“
Seever seufzte. „Jäger, falls deine Leute sich dazu entscheiden sollten, engen Kontakt mit der Menschheit aufzunehmen, wird sich in der Medizin einiges ändern. Wahrscheinlich sollte ich dankbar sein, wenn meine Zunft nicht völlig untergeht, obwohl es mir nichts ausmachen würde, mich etwas eher zur Ruhe zu setzen. Kommt jetzt. Ich werde mich im Flugzeug um euch kümmern. André, ich nehme an, daß du jetzt auch zu unserer Gruppe gehörst.“
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