Der Jäger hatte in der gleichen Richtung gedacht, dann jedoch war ihm etwas anderes eingefallen: Sollte sein Gegner tatsächlich in dem Jungen stecken und ihn zu all diesen Streichen angestiftet haben, war es durchaus möglich, daß alle Me nschen in dem Boot ertrinken würden. Der andere hätte kein wirkliches Interesse am Wohlergehen seines Gastgebers und würde den Tod des Jungen als gerechtfertigt ansehen, wenn er dadurch dem Jäger seinen Gastgeber und einen Helfer nehmen konnte. Die Aliens würden keinen Schaden; ne hmen, wenn das Boot auf dem Riff zerschellen sollte. Sie konnten nicht ertrinken; und die Situation wäre wieder genauso, wie vor fast acht Jahren, als die beiden Repräsentanten des Guten und des Bösen aus Castors Zivilisation die Erde erreicht hätten. Es würde genauso sein wie damals, nur würde der andere diesmal keinen der Fehler begehen, durch die der Jäger ihn damals finden konnte.
Der Jäger fragte sich, auf welche Weise das Boot sabotiert sein mochte, und wann sich dieser Schaden bemerkbar machen würde.
Der Wind wehte aus Südosten und frischte immer mehr auf. Bob und sein Symbiont wurden zunehmend unruhiger, und selbst Maetas Nerven waren angespannt. Sie fragte sich, ob ihr Verstand nicht für wenige Augenblicke an Kurzsichtigkeit gelitten hatte. Über ihr Boot hatte sie sich keine Gedanken mehr gemacht, seit sie tiefes Wasser erreicht hatten und André noch immer an Bord war. Genau wie Bob und der Jäger während der letzten Wochen kam auch sie sich jetzt reichlich albern vor; wie der Jäger machte sie sich jetzt Sorgen darum, welche Folgen ihre Fehler für andere Leute haben mochten.
Trotz des Windes und ihrer ablenkenden Gedanken fand sie die Markierungsboje über dem Schiff sofort. Trotz Wind und Wellengang war sie klar auszumachen, und die Tanks in der Lagune, die ihr als Richtungshilfe dienten, waren deutlich zu erkennen. Sie richtete den Bug des Auslegerbootes in den Wind und zog ihr Paddel ein.
„André, versuche, es ohne meine Hilfe eine Minute lang hier zu halten. Du siehst doch die Boje dort; du mußt versuchen, in dieser Position zu ihr zu bleiben.“
Bob brauchte einige Zeit, bis er begriff, was hinter diesen Worten lag, und als er sich dann nach ihr umwandte, hatte sie bereits Jeans und Hemd ausgezogen, die sie über ihrem Badeanzug trug, und ließ sich über Bord gleiten, die kleine Flasche in der linken Hand. Selbst der Jäger wäre jetzt einverstanden gewesen, die Nachricht einfach über Bord zu werfen, und Bob war zutiefst schockiert; doch Maeta ließ ihm nicht die Zeit, seine Gefühle auszudrücken. Bob konnte nur ein paar Worte herausbringen, bevor sie untertauchte.
Weniger als eine Minute später war sie wieder aufgetaucht und glitt mit gewohnter Grazie an Bord. Sie nahm ihr Paddel auf und begann es durchs Wasser zu ziehen.
„Bob, du mußt dich auf die vordere Strebe hinauslehnen oder dich daraufsetzen. Ich kann nicht direkt auf den Strand zuhalten, und auch so laufen wir genau gegen den Wind. Ein Ausleger ist kein wirklicher Doppelrumpf und sehr leicht; der Wind könnte ihn aus dem Wasser heben. Dein Job ist, darauf zu achten, daß es nicht geschieht. Du machst deine Sache gut, André. Mach so weiter.“
Es war jetzt sehr viel schwerer. Auf ihrem Weg zum Riff hatten sie den Wind im Rücken gehabt; jetzt blies er ihnen entgegen und hielt sie auf. Maeta erkannte sofort, daß sie die Drift unterschätzt hatte und wich ein paar Grad westlich ab. Schließlich fand sie den Kurs, der sie zur North Beach bringen würde, doch selbst André erkannte, daß sie eine sehr lange Zeit brauchen würde, um die Insel zu erreichen. Maeta entschied anscheinend, daß es zu lange dauern würde; wenige Minuten später lenkte sie das Boot fast genau nach Westen, und sie fuhren von der Insel fort.
„Was hast du vor?“ rief Bob durch das Heulen des Windes.
„Wir schaffen es nicht nach Ell. André hält nicht mehr lange durch, und ich werde, auch nicht ewig weitermachen können. Ich möchte vor allem dem Riff ausweichen, und dies ist der kürzeste Weg. Du kannst jetzt wieder von der Strebe herunterko mmen.“
„Aber der Wind bläst uns auf die offene See!“
„Ich weiß. Aber Insel Acht ist nur etwa fünfunddreißig Meilen entfernt und der Wind weht direkt auf sie zu, soweit ich das erkennen kann. Wir sollten keine Schwierigkeiten haben, sie zu finden — ich habe einen Kompaß an Bord. Wir können sie schon aus großer Entfernung sehen; der Kultur-Tank, den sie dort aufgestellt haben, ist ungewöhnlich hoch; falls wir also ein wenig vom Kurs abkommen sollten, haben wir reichlich Zeit für Korrekturen. Das wichtigste ist jetzt, am Riff vorbeizukommen.“
„Und nicht abzusaufen.“
Maeta wies diese Bemerkung mit einem Zurückwerfen des Kopfes von sich. Sie wußte, daß sie sich um Wind und Wellen auf offener See keine Sorgen zu machen brauchte, so lange sie das Paddel halten konnte. Das Vertrauen in ihre Kompetenz wurde durch die Arroganz der Jugend vielleicht noch verstärkt, aber sie wußte genau, was sie tat. Der Fehler, an diesem Tag überhaupt auf See zu fahren, resultierte daraus, daß sie Faktoren, die nicht mit dem Wetter zusammenhingen, zu viel Gewicht beigemessen hatte, doch würde sie keine Sekunde zögern, es wieder zu tun, so lange sie einigermaßen sicher sein konnte, die Nachricht zu übermitteln.
„Wie ist es mit dem Riff bei Insel Acht?“ schrie Bob. „Ich bin noch nie dort gewesen.“
„Ich auch nicht“, war die Antwort, „aber Charlie hat mir gesagt, daß die Passage sich auf dieser Seite befindet und ziemlich breit ist — sogar Tanker benutzen sie; also gibt es da kein Problem. Paddele weiter. André, nur noch ein wenig länger; du machst das sehr gut.“
Sie hatte den Kurs etwas in nördlicher Richtung verändert, als sie sich ein Stück von Ell entfernt hatten. Als sie sicher war, das Riff ein gutes Stück seitlich von ihrem Kurs zu haben, drehte sie nach Nordwesten ab, so daß sie genau vor dem Wind lagen. André durfte jetzt mit dem Paddeln aufhören, und sie selbst beschränkte sich mehr oder weniger darauf, das Boot auf Kurs zu halten. Sie passierten das Riff von Ell in einem sicheren Abstand von zwei- bis dreihundert Yards, doch Bob kamen die Brecher trotzdem ungemütlich nahe vor.
Dann lag die leere Weite der See vor ihnen. Maeta hatte die Geschwindigkeit des Bootes berechnet, indem sie die Zeit abschätzte, die es brauchte, um von einem markanten Punkt auf dem Riff zu einem anderen zu gelangen. Sie machten etwa sechs Knoten; die Windgeschwindigkeit war natürlich erheblich größer, doch bot das flache Auslegerboot ihm nicht genügend Angriffsfläche, um den Widerstand des Wassers überwinden zu können. Das bedeutete, daß sie an die sechs Stunden brauchen würden, um Insel Acht zu erreichen.
Es bestand keinerlei Gefahr, daß einer von ihnen einschlafen könnte. Das Boot schlingerte so stark, daß sie sich fast ständig irgendwo festklammern mußten, und es wurde so viel Gischt von den Wellenkämmen hereingeweht, daß sie immer wieder Wasser aus dem Boot schöpfen mußten. Doch mit Ausnahme der ersten Minuten des Zweifels war es keine beängstigende Fahrt, nicht einmal für den Jungen. Natürlich waren Wind und Gischt alles andere als angenehm; Maeta hatte Jeans und Hemd wieder angezogen, obwohl die Kleidung inzwischen völlig durchnäßt war, und André, der nur Shorts trug, vergaß seine Unabhä ngigkeit und Gleichgültigkeit so weit, daß er sich an Bob drängte, um sich zu wärmen. Der Jäger überlegte, ob er den Körper des Jungen nicht nach der Anwesenheit des nicht mit Sicherheit toten Kriminellen untersuchen sollte, ließ es dann jedoch, weil es ihm nicht sicher genug erschien. Wenn der Junge sich häufig bewegte, besonders aber, wenn er von Bob fortrückte, während der Alien sich teilweise in dem einen und teilweise in dem anderen Körper befand, konnte das zu sehr unerfreulichen Resultaten fü hren. Der Detektiv konnte es sich natürlich leisten, ein paar haarfeine Fühler zu verlieren, so wie es bei dem Raumschiff geschehen war, doch solche Tastorgane mochten nicht ausreichend sein, um den anderen Alien zu finden. Falls der tatsächlich dort sein sollte, wußte er natürlich durch die rasche Heilung der Stichwunde im Herzen von der. Gegenwart des Jägers in Bobs Körper, und würde sich verstecken, zu einer einzigen Masse zusammengeballt, oder zu mehreren kleineren, die in irgendeiner Körperhöhle ruhten, anstatt den ganzen Organismus des Jungen zu durchziehen, wie es für seine Beschützerpflicht notwendig wäre.
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