Der Jäger teilte diese Überlegungen seinem Gastgeber mit, und Bob gab ihm recht, daß eine direkte Untersuchung unklug war, solange der Junge nicht schlief. Doch André schlief nicht ein.
Gegen Mitte des Nachmittags kam der Tank von Insel Acht direkt voraus in Sicht. Es war ein experimentelles Modell, mehr als doppelt so hoch wie die normalen Tanks, die eine Höhe von zwölf bis fünfzehn Fuß aufwiesen, und deshalb aus einer weit größeren Entfernung sichtbar. Unglücklicherweise hatte das Experiment keinen Erfolg gezeitigt; so war die Anlage nicht in Betrieb, und das kleine Atoll, auf dem sie stand, unbewohnt.
Eine halbe Stunde nach der ersten Sichtung konnten sie die Brandungswellen des Riffes ausmachen.
Anfangs erstreckten sie sich in etwa gleicher Länge nach beiden Seiten des Bugs, ohne jede Lücke.
Selbst Maeta wurde ein wenig nervös — in kurzer Zeit würde es unmöglich werden, den gischtenden Brechern nach links oder rechts auszuweichen. Das Mädchen änderte den Kurs ein wenig und sagte André, er solle wieder paddeln. Bob und der Jäger, die nichts Konstruktives tun konnten, blickten mit wachsender Unruhe zu der langen Linie der Brecher hinüber, denen sie sich immer rascher zu nähern schienen. Ein gelegentlicher Blick in Maetas Gesicht beruhigte sie ein wenig, doch nicht ganz; ihr Ausdruck ließ sich genauso gut als Konzentration wie auch als Besorgnis deuten.
Die Passage mochte, wie Maetas Bruder es behauptet hatte, für einen kleinen Tanker ausreichen, doch im Augenblick sah sie verdammt schmal aus.
Sie führte gerade durch das Riff, wußte das Mädchen — man hätte sie für die Tanker so ausgebaggert, wenn sie nicht von Natur gerade gewesen wäre —, doch lag sie unglücklicherweise nicht genau in der Windrichtung. Sowie sie in ihr waren, würden sie hart nach Steuerbord paddeln müssen, um nicht an den linken Rand der Passage und auf das Riff geweht zu werden. Um ihnen soviel Spielraum wie möglich zu geben, lenkte Maeta das Boot so nahe, wie sie es wagte, an die Brecher an der rechten Seite der Passage heran, als sie in sie hineinfuhren.
Das Riff war flach und gab ihnen keinerlei Windschutz. Es brach zwar die Wellen, doch das war mehr als nur unnütz. Anstatt harmlos unter dem Boot entlangzugleiten und es lediglich ein wenig zu heben, wurde das Wasser jetzt von den Korallenbänken himmelwärts geschleudert und vom Wind zu Gischt verweht. Als das Boot in die Passage einbog, wurden alle drei Menschen an Bord von der Gischt geblendet, und das Boot füllte sich rasch mit Wasser.
„Beide schöpfen!“ schrie Maeta. „Um das Paddeln kümmere ich mich allein.“
Maeta sah nicht, in welche Richtung sie fuhr, und die einzige Möglichkeit, einigermaßen Kurs zu halten, bestand darin, die Gischt von rechts gegen ihren Rücken klatschen zu lassen. Niemand, dem nur menschliche Sinne zur Verfügung standen, hätte es besser machen können.
Sie ließen die schlimmste Gischtzone hinter sich und fanden sich fast auf der Korallenbank, die die linke Seite der Passage abgrenzte. Maeta versuchte verzweifelt, das Boot noch mehr nach rechts zu bringen, doch ihre Kräfte reichten dazu nicht aus.
Sie hätte es trotzdem beinahe geschafft, doch nur ein oder zwei Yards vor der relativen Sicherheit der Lagune wurde das Boot auf eine harte Korallenbank geschleudert.
Der Rumpf überstand den Schock vielleicht für ein paar Sekunden, doch die drei menschlichen Insassen wurden nach vorn geschleudert. Bob stürzte auf André, Sekunden bevor Maeta auf sie beide geworfen wurde.
Es gab einen zweiten harten Stoß, durch den, wie sie später feststellten, der Junge in den Bug des Bootes geschleudert wurde. Die drei Körper wurden in die Luft geworfen, vollführten einen halben Salto und fanden sich entweder unter Wasser oder in einer Gischt, die so dicht war, daß sie kaum Luft holen konnten, und dann fühlten sie noch einen harten Stoß. Sie lagen nebeneinander auf durchnäßtem Sand, und Gischt wehte über sie hinweg.
Bob war bei Bewußtsein und nicht schwer verletzt. Der Jäger hatte sich automatisch um ein paar kleine Wunden gekümmert, die ihm die Korallen gerissen hatten; Bobs Stürze waren größtenteils durch die beiden anderen Körper abgefangen worden. Keinem von ihnen ging es sehr gut.
André war bewußtlos, hatte jedoch nur geringe äußere Verletzungen erlitten. Obwohl dies eine günstige Gelegenheit gewesen wäre, nach der Präsenz eines Symbionten zu suchen, beachtete Bob den Jungen kaum, da der Zustand Maetas erheblich ernster war. Sie hatte zuunterst gelegen, als sie auf die Korallen geschleudert worden war. Tiefe Schnitte hatten Rücken und Lenden aufgerissen, und von ihrem rechten Bein war ein großes Fleischstück weggerissen worden. Blut spritzte aus den Wunden in den Sand und wurde sofort von der Gischt verdünnt.
Bob und sein Partner erkannten die Lage sofort und reagierten innerhalb von Sekunden. Das menschliche Mitglied des Teams umfaßte das verletzte Bein dicht oberhalb des Knies, preßte seine Handfläche auf die stärkste Blutung und befahl seinem Partner: „Scher dich hinein und verdiene dein Brot! Ich halte die Wunde so lange verschlossen, bis ich sicher bin, daß du drin bist, aber zwicke mich in die Hand oder so etwas, zehn Sekunden, bevor du mich völlig verläßt.“
Der Jäger wollte im ersten Moment widersprechen, da er sich vor allem für Bob verantwortlich fühlte und der ebenfalls verletzt war, doch er begann sofort, von Bob in den Körper des Mädchens überzuwechseln, da er Bobs Antwort zu kennen glaubte. Und er hatte recht.
„Nun mach schon! Keiner dieser Kratzer wird mich verbluten lassen, auch wenn die Gerinnungsfähigkeit meines Blutes nicht ganz in Ordnung sein sollte, und Maeta ist innerhalb von fünf Minuten tot, wenn du dich nicht sofort um sie kümmerst. Ich kann all diese Blutungen nicht stoppen, dazu habe ich nicht genug Hände. Ich nehme an, daß du dich bereits um die Bakterien gekümmert hast, die in meinen Körper eingedrungen sind, und wenn nicht, kannst du später zurückkommen und es nachholen.
Und verschwende gefälligst keine Zeit, nur durch meine Hand zu gehen — ich weiß, wie du aussiehst; du kannst mich also nicht mehr schockieren. Beeil dich!“
Der Jäger gehorchte, und innerhalb einer halben Minute hatte er die schlimmsten Blutungen des Mädchens gestillt. Es dauerte weitere vier oder fünf Minuten, um seine ganze Substanz in den Körper Maetas zu transferieren, vor allem, weil es ihm schwerfiel, sich von den Körperregionen Bobs zu lösen, in denen es Verletzungen gab. Es kostete ihn eine erhebliche Anstrengung, bis Intelligenz über Gewohnheit siegte; auf eine gewisse Weise war er von Bob ebenfalls abhängig.
Er war erleichtert, wenn auch nicht sehr erstaunt, als er feststellte, daß Maeta keine Knochen gebrochen hatte, doch waren bei dem Aufprall mehrere Korallenstücke abgebrochen und tief in die Muskeln ihrer verletzten Beine eingedrungen. Ihre Bewußtlosigkeit war allein auf den Blutverlust zurückzuführen, und er mußte sich schnellstens darum kümmern, die Schockwirkung abzubauen.
Was sie am dringlichsten brauchte, war Ersatz für verlorene Körpersubstanz: Nahrung. Der einfachste und schnellste Weg wäre natürlich gewesen, irgend etwas zu investieren und Aminosäuren in ihren Kreislauf abzugeben. Wenn ein toter Fisch oder eine Krabbe neben ihr gelegen hätte, würde er dieses Problem sofort gelöst haben. Aber es lag nichts neben ihr, und da die winzige Insel nach wie vor von Wind und Gischt gepeitscht wurde, würde es Bob sicher unmöglich sein, irgendeine Nahrung zu beschaffen, selbst wenn er von der Notwendigkeit gewußt hätte.
Bob machte sich im Moment mehr Sorge um den Jungen. Er untersuchte den reglos am Boden liegenden Körper so gründlich, wie es ihm unter den Umständen möglich war, stellte fest, daß zumindest keine der größeren Knochen gebrochen waren und streckte ihn ein wenig bequemer aus. Der Junge blutete aus mehreren unbedeutenden Kratzern und Abschürfungen, doch die Blutungen kamen bereits zum Stehen. Bobs Verletzungen bluteten noch immer, doch machte er sich keine Gedanken darüber.
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