Die Sterne wurden dunkel, die Erde verschwand, und die beiden Planeten erloschen, aber schon im nächsten Augenblick hatten Don und Paul das Gefühl, vor ihnen habe sich ein schwarzer Vorhang gehoben, der jetzt den Blick auf die Bühne freigab. Sie standen Hand in Hand im Mittelpunkt einer anscheinend unendlichen Ebene, die an die Oberfläche des Großen Salzsees erinnerte, obwohl sie silbergrau glänzte und eine drückende Hitze ausstrahlte, die nicht spürbar war.
»Ich dachte, die Oberfläche wäre gekrümmt«, murmelte Paul vor sich hin. Er versuchte sich einzureden, er befinde sich nach wie vor an Bord der Untertasse hatte aber keinen Erfolg damit.
»Der Verfolger-Planet ist größer als die Erde, das war deutlich zu sehen«, antwortete Don, »und wenn du auf der Erde stehst, fällt dir die Krümmung der Oberfläche normalerweise nicht auf.« Er dachte dabei an den engen Horizont des Mondes und staunte wieder einmal über die Ereignisse der letzten achtundvierzig Stunden, die von einem Extrem zum anderen führte.
Über Don und Paul erstreckte sich ein sternenbesäter Himmel, an dessen Zenit die Sonne stand. Die Erde war deutlich zu erkennen, denn sie hob sich dunkel von einer etwas helleren blauen Aura ab. Über dem silbernen Horizont des Fremden stand der Wanderer — fünfmal so groß wie die Erde und lebhaft purpurrot und goldgelb gefärbt.
»Tigerishka hat doch gesagt, sie wollte uns in das Innere des Planeten projizieren«, meinte Paul und wies auf die Metallfläche unter ihren Füßen.
»Anscheinend müssen sogar Illusionen eine Kontrolle über sich ergehen lassen«, vermutete Don.
»Schön, aber wenn wir uns in Radiowellen verwandelt haben, transportieren sie jedenfalls auch unser Bewußtsein«, fuhr Paul fort.
»Du hast etwas vergessen — wir befinden uns noch in der Untertasse«, sagte Don.
»Welches Gerät nimmt dann dieses Bild auf und überträgt es in die Untertasse?« wollte Paul wissen. Don schüttelte den Kopf.
Ein weißer Lichtblitz leuchtete dicht über der Metalloberfläche auf. Er verschwand augenblicklich wieder, aber dann folgten zwei weitere in größerer Entfernung.
Der Kampf hat begonnen, dachte Paul.
»Meteoriten!« rief Don aufgeregt. »Hier gibt es keine Atmosphäre, in der sie verglühen könnten.«
In diesem Augenblick sanken sie durch die silbergraue Oberfläche in vollkommene Dunkelheit hinab.
Allerdings dauerte die Finsternis nur Bruchteile von Sekunden lang — und dann schwebten die beiden im Mittelpunkt eines riesigen kreisförmigen Raumes, dessen Wände in jeder Richtung mit nach innen starrenden Augen besetzt waren.
Das war der erste Eindruck. Der zweite war, daß die Wand nicht tatsächlich Augen, sondern nur dunkle Löcher enthielt, die jeweils mit verschiedenen Farben abgesetzt waren. Trotzdem blieb das unangenehme Gefühl, daß Augen aller Art durch diese Löcher sahen, die an Pupillen erinnerten.
Don und Paul erinnerten sich in diesem Augenblick beide unwillkürlich daran, wie es gewesen war, wenn man in der Schule zum Direktor gerufen wurde.
Die beiden Freunde waren nicht allein in dem riesigen Raum. In ihrer unmittelbaren Nähe im Mittelpunkt der Kugel schwebten mindestens hundert andere Menschen oder ihre dreidimensionalen Abbildungen. Eine erstaunliche Ansammlung von Menschen — Männer und Frauen aller Rassen, Uniformen der afrikanischen und asiatischen Staaten, zwei russische Kosmonauten ein dunkelbrauner Maori, ein Araber im weißen Burnus, ein halbnackter Kuli, eine Dame im Pelzmantel und viele, viele andere, die nur teilweise sichtbar waren.
Ein dünner silberner Lichtstrahl kam aus der Nähe einer der Augenöffnungen und tastete die Paul und Don gegenüberliegende Seite dieses menschlichen Konglomerates ab, während die ›Augen‹ gleichzeitig zu einem unerklärlichen Leben zu erwachen schienen. Plötzlich sprach jemand rasch, aber trotzdem sehr ruhig. Die Stimme schien von der Stelle zu kommen, wo der Lichtstrahl auf die Menschen fiel. Don zuckte unwillkürlich zusammen, denn er erkannte die Stimme sofort wieder.
»Ich heiße Gilbert Dufresne und bin Leutnant in der amerikanischen Luftwaffe. Ich war auf dem Mond stationiert und bin unmittelbar vor Beginn der Mondbeben mit einem kleinen Schiff gestartet, um den fremden Planeten zu erkunden, der plötzlich aufgetaucht war. Soweit ich informiert bin, haben meine drei Kameraden die Zerstörung des Mondes nicht überlebt.
Während ich den Mond von Osten nach Westen umkreiste erschienen plötzlich drei riesige radförmige Raumschiffe vor mir. Eines von ihnen nahm mein Schiff und mich an Bord, nachdem ich vergeblich zu fliehen versucht hatte. An Bord wurde ich von einer Art Tiger in Empfang genommen, der sich um meine persönlichen Bedürfnisse kümmerte. Ich glaube, daß meine Gedanken untersucht worden sind, während ich geschlafen habe. Später wurde ich in den Kontrollraum des Schiffes gebracht und durfte von dort aus die Manöver verfolgen.
Das Raumschiff hatte unterdessen den Mond verlassen und schwebte über London, das zum größten Teil überflutet war. Strahlen oder eine Art Kraftfeld aus unserem Schiff trieben das Wasser zurück. Ich wurde aufgefordert, gemeinsam mit drei fremden Lebewesen ein kleineres Schiff zu besteigen. Dieses Schiff sank weiter nach unten und schwebte schließlich über einem Gebäude, das ich als das Britische Museum erkannte. Ich betrat das oberste Stockwerk in Begleitung eines Tigers und beobachtete, wie er dort fünf Männer wiederbelebte, die ich für tot gehalten hätte. Wir kehrten in das kleine Schiff zurück, unternahmen einige weitere Rettungsversuche und gingen wieder an Bord des Raumschiffes.
Von London aus flogen wir nach Portugal, wo Lissabon durch ein Erdbeben fast völlig zerstört worden war. Dort sah ich, wie ...«
Während Dufresne weitersprach, hatte Paul das Gefühl, daß seine Worte — selbst wenn er nichts als die Wahrheit sagte — sinnlos und zwecklos waren — leeres Geschwätz am Rand der Ereignisse, die unaufhaltsam auf ihren Höhepunkt zutrieben, den kein Mensch beeinflussen konnte. Die Augenöffnungen schienen zynisch zu blinzeln oder sich gelangweilt zu schließen. Der Schuldirektor hörte den mühsam vorgebrachten Bericht an, ohne wirklich darauf zu achten.
Offenbar hatte Paul instinktiv richtig geraten, denn der seltsame Raum verschwand plötzlich ohne die geringste Warnung. Statt dessen sah er jetzt wieder das vertraute Innere der Untertasse vor sich, das allerdings jetzt grün schimmerte, während es zuvor rosa gewesen war. Dann hörte er auch Tigerishkas Stimme vom Kontrollpult her: »Der Versuch ist fehlgeschlagen. Unser Verhandlungsangebot wird zurückgewiesen. Steigt in euer Schiff um und landet auf der Erde. Beeilt euch! Ich trenne die Verbindung, sobald ihr in dem ›Baba Yaga‹ seid. Nochmals vielen Dank für eure Hilfe. Auf Wiedersehen, Don Merriam. Auf Wiedersehen, Paul Hagbolt.«
Im Deck vor ihnen öffnete sich das runde Luk. Don kletterte wortlos hinunter und verschwand in der Röhre, die zu seinem Schiff führte.
Paul sah Tigerishka an.
»Schnell!« drängte sie.
Miau strich um seine Knöchel. Paul bückte sich und hob das kleine Tier auf. Er streichelte es langsam und schüttelte dabei den Kopf.
»Ich bleibe hier«, sagte er.
»Du mußt aber gehen, Paul«, antwortete Tigerishka. »Die Erde ist deine Heimat. Schnell, wir haben nicht mehr viel Zeit!«
»Ich möchte bei dir bleiben«, wiederholte Paul eigensinnig. Miau drehte und wand sich, aber er hielt sie fest.
»Bitte, geh jetzt sofort, Paul«, drängte Tigerishka. Sie kam näher heran und sah ihm ins Gesicht. »Du mußt auf die Erde zurück.«
»Aber ich bleibe hier, hörst du?« Seine Stimme war plötzlich so laut und wütend, daß Miau Angst bekam und ihn kratzte. Er hielt sie fest und fuhr fort: »Selbst als Haustier wie Miau, wenn es nicht anders geht. Aber ich bleibe.«
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