»Vielleicht ist ein anderer Planet hinter ihnen her«, warf Ann ein.
»Bitte, Annie, nur das nicht!« protestierte Wojtowicz. »Mehr als einen unheimlichen Planeten halte ich einfach nicht aus.«
In diesem Augenblick wurde es um sie herum merklich heller. Clarence Dodd, der als einziger nach Osten sah, gab einen erstickten Laut von sich, als wollte er gleichzeitig schreien und den Schrei zurückdrängen. Er trat erschrocken einen Schritt nach hinten und zeigte gleichzeitig zum Himmel auf.
Zwischen dem Wanderer und der zerklüfteten Bergkette am Horizont hing eine Kugel, die um die Hälfte größer als der Wanderer war; ihre Außenfläche war durchgehend stahlgrau, aber genau in ihrem Mittelpunkt blitzte ein helleres Licht.
Jetzt ist der Himmel zu schwer geworden, dachte Margo. Jetzt muß er zusammenstürzen ...
Der Ladestock dachte: Und eine Stimme wie eine Trompete ertönte, und das Lamm brach ein neues Siegel ... und ein neues ... und ein neues ... und ein neues ...
»Mein Gott, Ann hat doch recht gehabt«, flüsterte Wojtowicz. »Es ist wirklich ein neuer Planet.«
»Und er ist größer.« Das war Mrs. Hixon.
»Aber nicht völlig rund«, protestierte Hixon fast wütend.
»Doch, doch«, widersprach Hunter, »aber er ist teilweise im Schatten — jedenfalls mehr als der Wanderer. Er steht ebenso weit im Schatten der Erde wie der Mond, wenn er noch dort wäre.«
»Er ist fast sieben Wandererdurchmesser dichter über dem Horizont als der Wanderer selbst«, stellte der kleine Mann fest. Er hatte sich schneller als die anderen von dem ersten Schock erholt und zog jetzt bereits sein Notizbuch aus der Tasche. »Das sind fünfzehn Grad — ungefähr eine Stunde.« Er schraubte die Kappe seines Füllfederhalters ab und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.
»Der Lichtpunkt ist eine Reflexion der Sonne«, sagte Rama Joan. »Die Oberfläche muß Ähnlichkeit mit einem trüben Spiegel haben.«
»Der neue Planet gefällt mir nicht, Mommy«, klagte Ann. »Der Wanderer ist fast unser Freund, weil er so schöne Farben hat, aber der andere sieht so streng und drohend aus.«
Rama Joan strich ihr beruhigend über die Haare. »Die Götter führen Krieg miteinander, Kind«, sagte sie. »Der fremde Teufel ist gekommen, um den Dämon zu bekämpfen, den wir bereits kennen.«
Der kleine Mann, der eifrig Notizen machte, sah auf und meinte zustimmend: »Am besten nennen wir ihn einfach ›der Fremde‹ — das müßte genügen.«
»Ersparen Sie uns doch Ihre poetischen Namen!« fuhr Mrs. Hixon ihn wütend an. »Schließlich wissen wir alle, daß ein neuer Planet mehr Erdbeben, höhere Fluten und so weiter bedeutet.«
Wanda, Ida und der Ladestock standen etwas abseits in einer kleinen Gruppe nebeneinander. Jetzt setzte Wanda sich einfach zu Boden, schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte laut: »Das halte ich nicht mehr aus. Mein Gott das ist zuviel. Ich habe bestimmt gleich wieder einen Herzanfall.«
Aber Ida stieß den Ladestock zwischen die Rippen und sagte: »Was ist das, Charlie? Wie heißt der Planet wirklich? Wie läßt er sich erklären?«
Der Ladestock starrte den Fremden mit gerunzelter Stirn an und antwortete schließlich bedrückt, obwohl seine Stimme dabei seltsam erleichtert klang: »Ich weiß es nicht, Ida. Ich habe keine Ahnung. Das Universum ist größer als mein Verstand.«
In diesem Augenblick drangen zwei Lichtstrahlen aus der Oberfläche des Fremden, erreichten den Wanderer innerhalb weniger Zehntelsekunden, griffen wie Lichtfinger oben und unten an ihm vorbei und bewegten sich dann scheinbar langsamer weiter. Von der Erde aus entstand der Eindruck, jemand habe mit einem Lineal und einem blauen Stift einen schnurgeraden Strich über den dunklen Himmel gezogen. Aber an der Stelle, wo der Strich in die Nähe des Wanderers kam, blitzte er fast unerträglich hell und weiß auf.
»Mein Gott, das ist wirklich ein Krieg«, sagte Wojtowicz als erster.
»Laser«, meinte der kleine Mann. »Völlig parallel verlaufende Lichtstrahlen. Aber so groß — das ist fast unglaublich.«
»Und dabei sehen wir sie nur von der Seite aus«, warf Hunter ein. »Was wir hier erkennen, ist kaum mehr als eine zufällige Streuung. Stellt euch bloß vor, wie die Strahlen aussehen, wenn sie einem ins Gesicht scheinen. Wie eine Million Sonnen!«
»Oder mindestens hundert«, sagte der kleine Mann. »Wenn ein Strahl dieser Art die Erde berührt ...«
Blau und stahlgrau — diese Farbenzusammenstellung brachte Hixon auf eine Idee. »Der neue Planet ist die Polizei!« meinte er aufgeregt. »Er will den Wanderer verhaften, weil er widerrechtlich in unser Sonnensystem eingedrungen ist.«
»Bill, du bist übergeschnappt«, rief Mrs. Hixon ihm zu. »Nächstens glaubst du noch an Engel.«
»Hoffentlich kämpfen sie miteinander! Hoffentlich bringen sie sich gegenseitig um!« stieß Pop hervor und schüttelte dabei die Faust. »Hoffentlich verbrennen sie beide!«
»Machen Sie keine dummen Witze«, wies Wojtowicz ihn zurecht, während er selbst gespannt nach oben sah. »Möchten Sie vielleicht, daß die Erde einen Zufallstreffer abbekommt? Legen Sie wirklich so großen Wert darauf, daß der Kampf ausgerechnet in unserem Hinterhof ausgetragen wird? Möchten Sie hilflos darauf warten, ob uns ein Querschläger erwischt, vor dem wir uns nicht schützen können?«
»Ich glaube, daß der eine Laserstrahl den Wanderer gar nicht berührt hat«, sagte Hunter rasch. »Meiner Meinung nach trifft er nur den Mondring und desintegriert die Bruchstücke, mit denen er in Kontakt kommt.«
»Wahrscheinlich haben Sie recht«, stimmte der kleine Mann gelassen zu. »Die beiden Strahlen, die den Wanderer von zwei Seiten einengen, sind vermutlich nur Schüsse vor den Bug.«
Hixon hatte aufmerksam zugehört. »Also doch eine Verhaftung, wie ich vorher gesagt habe«, meinte er eifrig. »Sie wissen doch — ›Stehenbleiben oder wir schießen!‹«
Die blauen Lichtstrahlen hörten plötzlich an ihrem Ursprung auf und wurden entlang ihrer gesamten Länge ebenso rasch dunkel, wie sie zuvor aufgeflammt waren. Sie hinterließen scheinbar gelbliche Spuren an dem grauen Himmel, die aber in Wirklichkeit nur Eindrücke auf der Netzhaut der Betrachter waren, denn sie veränderten ihre Position, wenn man den Kopf bewegte. Trotzdem waren die beiden ursprünglichen Strahlen weiterhin sichtbar, als sie jenseits des Wanderers wie zwei blaue Würmer in die Unendlichkeit davonkrochen.
»Mein Gott, ich dachte schon, sie würden nie wieder aufhören«, sagte Hixon. »Sie müssen mindestens zwei Minuten lang geschossen haben.«
»Siebzehn Sekunden«, teilte der kleine Mann mit und sah dabei von seiner Armbanduhr auf. »Es hat sich immer wieder herausgestellt, daß Zeitschätzungen in Krisensituationen weit voneinander abweichen. Nachträglich neigen die Augenzeugen meistens dazu, über jeden Punkt anderer Meinung zu sein. Deshalb achte ich immer darauf, alles genau festzuhalten — soweit das möglich ist.«
»Richtig, Doddsy, wir müssen vor allem einen klaren Kopf behalten«, stimmte Wojtowicz zu. »Die dort oben haben eine Überraschung nach der anderen für uns, aber wir können nichts dagegen unternehmen, sondern müssen damit zufrieden sein, daß wir überhaupt noch leben. Das erinnert mich fast an den Krieg — wir liegen hier im Schützengraben und warten darauf, daß der Beschuß aufhört.«
Der Ausdruck ›Beschuß‹ wirkte wie ein Signal, denn in diesem Augenblick kam ein dumpfes Dröhnen aus allen Richtungen gleichzeitig; dann begann die Erde unter ihren Füßen zu beben, während die Straße erzitterte. Der Thunderbird und der Lieferwagen schwankten heftig. Ray Hanks wimmerte vor Schmerzen, und Harry McHeath, der geistesgegenwärtig auf die Ladefläche geklettert war, um ihn festzuhalten, mußte sich selbst an die Seitenwand klammern, um nicht hinausgeschleudert zu werden. Eine der Frauen kreischte und Mrs. Hixon fluchte, aber Ann rief: »Mommy, die Felsen kommen herunter!«
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