Paul, der eben erst sein Hemd angezogen hatte, stand ebenfalls rasch auf und konnte noch einen Blick in eine mannsdicke Röhre werfen, bevor die Klappe sich wieder schloß.
Der Besucher, der zunächst nur Tigerishka angestarrt hatte, drehte sich jetzt um.
»Don!«
»Paul!«
»Ich dachte, du seist mit dem Mond verschollen. Wie bist du ...«
»Und ich dachte, du seist ... ich weiß selbst nicht mehr. Aber wie ...«
Beide schwiegen verlegen und warteten darauf, daß der andere etwas sagen würde. Dann merkte Paul, daß Don ihn neugierig von Kopf bis Fuß betrachtete. Er knöpfte rasch sein Hemd zu und stopfte es in die Hose.
Don schüttelte verständnislos den Kopf und begann dann zu grinsen.
Paul wußte, daß er rot geworden war. Er ärgerte sich über sich selbst.
Tigerishka drehte sich rasch nach den beiden Männern um und sagte: »Willkommen, Donald Barnard Merriam! Du mußt entschuldigen, daß der Affe sich so komisch benimmt — er schämt sich, weil er nicht vollständig bekleidet war. Aber ich nehme an, daß du an seiner Stelle ähnlich reagieren würdest. Ihr solltet es beide wirklich einmal mit Pelz versuchen!«
Die Untertassen-Beobachter hatten seit anderthalb Stunden ihr Lager eingerichtet, hatten zu Abend gegessen und sich dann gegenseitig die kleinen Verletzungen und Kratzer verbunden, die fast alle bei der Beseitigung der Erdrutsche davongetragen hatten. Jetzt schlief mehr als die Hälfte von ihnen in den beiden Fahrzeugen oder zumindest unmittelbar neben ihnen. Obwohl die Nacht selbst für Kalifornien ungewöhnlich warm war, hatte Doddsy darauf bestanden, daß jeder eine Decke oder wenigstens eine Plane erhielt, weil es gegen Morgen vermutlich kühl werden würde.
Drei Gestalten hielten sich noch immer in der Nähe des Primuskochers auf, mit dem sie Wasser für Tee erhitzt hatten: Pop, der mit dem Rücken gegen einen Felsen gelehnt auf einer Decke saß und die Beine von sich streckte, während er seine schlechten Zähne nachdenklich betastete, als sei der liebe Gott ein Zahnarzt, den er wegen eines Kunstfehlers verklagen wollte, der Ladestock, der im Schneidersitz neben Pop saß und zu dem Wanderer aufsah, als habe er dort endlich den Nabel des Weltalls gefunden, in dessen Betrachtung er sich versenken mußte und der kleine Mann, der sein Notizbuch auf den Knien hatte und im Licht des Wanderers die Beobachtungen und Ereignisse des vergangenen Tages aufzeichnete.
Hunter kam Hand in Hand mit Margo heran und berührte die Schultern des kleinen Mannes. »Doddsy, Miß Gelhorn und ich möchten einen kleinen Spaziergang auf dem Hügelrücken machen«, erklärte er ruhig. »Falls etwas Ernsthaftes passieren sollte, hupen Sie bitte fünfmal.«
Der kleine Mann sah auf und nickte.
Pop warf einen mißtrauischen Blick auf die beiden und wandte sich dann schulterzuckend ab. Er pfiff leise vor sich hin.
Der Ladestock unterbrach seine Meditation, um Pop einen strafenden Blick zuzuwerfen. »Halt's Maul«, sagte er leise. Dann sah er nochmals zu dem Wanderer auf und wandte sich wieder Hunter und Margo zu. Sein Gesicht trug einen seltsamen entrückten Ausdruck, als er fortfuhr: »Ispan segnet euer Glück. Geht in Frieden.«
Der kleine Mann schrieb weiter und hielt den Kopf gesenkt. Seine Lippen waren zusammengepreßt, als wolle er ein Grinsen verbergen.
Don Merriam und Paul Hagbolt hatten eben begonnen, ihre Erfahrungen auszutauschen, als Tigerishka sie unterbrach.
»Laßt jetzt bitte das Geschwätz! Ich habe euch einige Fragen zu stellen.«
Sie stand vor dem Kontrollpult und hatte vermutlich stillschweigend Verbindung zu ihren Vorgesetzten in dem Wanderer aufgenommen. Paul und Don saßen auf dem Deck vor ihr.
»Seid ihr beide hier und bei anderen Kontaktaufnahmen mit Angehörigen meiner Rasse gut behandelt worden? Donald Merriam?«
Don runzelte die Stirn. »Nachdem ich glücklich vom Mond entkommen war — durch eigene Anstrengung, soweit ich informiert bin —, wurde ich von zwei Schiffen zu dem Wanderer eskortiert, dort in einem behaglich eingerichteten Raum etwa zwei Tage festgehalten und dann hierher gebracht. Ich bin kaum angesprochen worden, vermute aber, daß meine Gedanken und Erinnerungen eingehend überprüft worden sind. Das ist eigentlich alles.«
»Danke. Jetzt zu dir, Paul Hagbolt. Bist du gut behandelt worden?«
»Ja.«
»Danke. Frage zwei: Habt ihr gesehen, daß wir den Menschen geholfen haben?«
»Du hast mir selbst gezeigt, wie ihr die Flut zurücktreibt und Feuer durch Wolkenbrüche löscht«, antwortete Paul.
»Mir kommt es vor, als hätte ich in einem Traum oder einer Vision in dem Wanderer etwas Ähnliches gesehen«, meinte Don.
»Du hast ganz recht«, versicherte Tigerishka ihm. »Frage ...«
»Hat das alles etwas mit den beiden Fotografien zu tun, die nicht zu den Übertritten des Wanderers passen?« unterbrach Paul sie. »Habt ihr Angst davor, daß eure Verfolger auftauchen könnten, und wollt ihr Beweismaterial für eure Verteidigung zusammentragen?«
Don starrte ihn verblüfft an, denn Paul hatte ihm bisher noch nichts von Tigerishkas Geschichte erzählt, aber sie antwortete nur: »Ja, das ist möglich. Frage drei: Wißt ihr, ob eure Begleiter durch den Wanderer zu Schaden gekommen sind?«
»Meine drei Kameraden sind umgekommen, als der Mond auseinander gebrochen ist«, stellte Don fest.
Tigerishka nickte langsam. »Einer von ihnen lebt vielleicht noch — das wird überprüft. Paul Hagbolt?«
»Ich habe eben Don davon erzählt, Tigerishka«, sagte Paul. »Margo und die anderen waren jedenfalls noch am Leben, als ich sie zuletzt gesehen habe. Aber das ist schon zwei Tage her.«
»Sie leben noch immer«, versicherte Tigerishka ihm. »Ich habe sie ständig beobachtet — ihr Sterblichen merkt nie, wie sich die Götter euretwegen Sorgen machen, denn ihr seht nur Erdbeben und Fluten. Aber ich verlange nicht, daß ihr mir das einfach glaubt, sondern ich werde es euch zeigen! Steht bitte auf. Ich schicke euch jetzt auf die Erde, damit ihr euch selbst überzeugen könnt.«
»In dem ›Baba Yaga‹?« erkundigte Don sich. »Ich habe gehört, daß wir ...«
»Nein, nein«, unterbrach Tigerishka ihn. »Das kommt erst später — jetzt werde ich eure Abbilder zur Erde schicken. Bleibt dicht nebeneinander! Seht auf das Kontrollpult!«
Die künstliche Sonne wurde dunkler. Miau schien die Aufregung gespürt zu haben, denn sie kam aus einem der Beete und strich um Pauls Knöchel. Er bückte sich impulsiv und nahm die kleine Katze auf den Arm.
Margo Gelhorn und Ross Hunter hatten auf ihrem nächtlichen Spaziergang den Hügelrücken jenseits des Sattels erreicht, von dem aus man einen weiten Blick über die umliegende Landschaft hatte. Das Wasser war unterdessen zehn oder mehr Meter gefallen und hatte einen breiten feuchten Streifen an dem Abhang unter ihnen hinterlassen. Auch die Insel Vandenberg zwei war jetzt nur noch durch einen Fluß vom Festland getrennt.
Die beiden saßen nebeneinander auf einem Felsen, als sie plötzlich eine leise Stimme hörten, die hinter ihnen rief: »Margo! Margo!«
Als sie sich verblüfft umdrehten und auf das Lager hinabsahen, war dort unten keine Bewegung feststellbar. Im Licht des Wanderers erkannten sie nur in Decken gehüllte schlafende Gestalten.
Dann kam die Stimme nochmals: »Margo! Margo!«
Hunter und Margo wandten sich nach rechts, weil sie die Stimme dort gehört zu haben glaubten — und wichen erschrocken zurück, als seien sie auf eine Schlange getreten. Margo klammerte sich an Hunters Arm. Aus dem Boden vor ihnen wuchsen die Köpfe und Schultern von zwei Männern, dann folgte der ganze Körper und schließlich die Beine. Die beiden Gestalten waren noch unscharf, aber als sie plötzlich deutliche Umrisse annahmen, flüsterte Margo: »Don! Paul!« Dabei drängte sie sich noch enger an Hunter, der jetzt die zweite Gestalt ebenfalls erkannte.
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