Der Paul-Schatten lächelte, öffnete den Mund und sagte mit einer Stimme, die genau den Lippenbewegungen entsprach, obwohl sie nicht aus der Kehle kam: »Hallo, Margo und Professor ... Entschuldigen Sie, daß mir Ihr Name entfallen ist. Wir sind keine Geister, sondern benützen nur eine äußerst fortschrittliche Nachrichtentechnik.«
Die Don-Gestalt sagte auf ähnliche Weise: »Paul und ich sprechen von einer Untertasse aus, die hoch über der Erde schwebt. Ich freue mich so, dich wieder zu sehen, Margo.«
»Richtig«, warf Paul ein. »Ich meine, daß wir in der Untertasse zwischen Wanderer und Erde sind. Es ist die gleiche, von der ich aufgenommen worden bin. Siehst du ...« Er hob etwas hoch. »Hier ist sogar Miau!«
Die kleine Katze blieb zunächst ruhig, aber dann fauchte sie erschrocken und verschwand mit einem Satz in der Dunkelheit.
»Sie ist aufgeregt«, erklärte Paul grinsend. »Wahrscheinlich ist ihr alles etwas unheimlich.«
Margo ließ Hunters Arm los und ging zögernd auf die beiden schattenhaften Gestalten zu. Als sie die Hand nach ihnen ausstreckte, stieß sie auf keinen Widerstand. Sie zuckte erschrocken zusammen.
»Wir sind nur dreidimensionale Bilder«, sagte Paul und grinste nochmals. »Deshalb kannst du uns nicht berühren. Wir sehen euch ebenfalls hier oben, aber nicht immer in der Untertasse. Das Ganze ist ziemlich merkwürdig, Professor ...«
»Ich heiße Ross Hunter«, warf er ein.
»Tut mir leid, daß ich dir keinen Kuß geben kann, Liebling«, sagte Don zu Margo. »Aber das wird nachgeholt, wenn ich wieder zurückkomme. Ich bin übrigens wirklich in dem Wanderer gewesen.«
»Und ich habe mich hier in der Untertasse lange mit einer seiner Bewohnerinnen unterhalten«, fügte Paul hinzu. »Sie will, daß wir ...«
»Sie sind auf dem Wanderer gewesen?« unterbrach Hunter ihn und wandte sich dabei an Don. »Wer sind sie? Was tun sie hier? Was wollen sie?«
»Wir haben jetzt keine Zeit für solche Fragen«, wehrte Paul ab. »Unser ... Anruf soll uns vor allem die Möglichkeit geben, uns davon zu überzeugen, daß Sie alle in Sicherheit sind.«
»Uns geht es gut«, sagte Margo, »soweit es einem unter diesen Umständen gut gehen kann.«
»Wir leben alle noch«, erklärte Ross Hunter. »Bis auf Rudolf Brecht, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist.«
»Brecht?« wiederholte Paul fragend.
»Wir haben ihn zuerst Doc genannt«, erklärte Margo ihm.
»Ja, natürlich«, stimmte Paul zu. »Und Professor Hunter war ›der Bärtige‹. Entschuldigen Sie, Professor.«
»Selbstverständlich«, sagte Hunter ungeduldig. »Was wollen Sie noch sagen?«
»Wenn alles wie geplant klappt, landen wir in wenigen Stunden in Vandenberg zwei«, fuhr Don fort. »Vermutlich in meinem Mondschiff.«
»Vorläufig müssen wir noch hier oben bleiben«, fügte Paul hinzu. »Der Wanderer scheint in Gefahr geraten zu sein; offenbar entwickelt sich eine Krise.«
» Der Wanderer ist in Gefahr?« wiederholte Margo ungläubig. Dann lächelte sie ironisch. »Eine Krise entwickelt sich? Was haben wir dann deiner Meinung nach in den beiden letzten Tagen durchgemacht?«
Hunter sagte zu Don: »Wie Sie wissen, befinden wir uns bereits in Sichtweite von Vandenberg zwei. Wir wollen weiterfahren, sobald die Flut zurückgegangen ist.«
»Wir suchen Morton Opperly«, warf Margo ein.
»Das ist gut«, sagte Don zu Hunter. »Wenn Sie ihm eine Nachricht von mir überbringen, läßt man Sie vielleicht eher hinein. Richten Sie Oppie aus, daß der Wanderer Linearbeschleuniger mit zwölftausend Kilometer Länge und ein Zyklotron mit gleichem Durchmesser besitzt. Das dürfte ihn überzeugen! Außerdem kann ich leichter landen, wenn die Leute in Vandenberg wissen, daß ich komme.« Er sah zu Margo hinüber. »Dann kann ich dir endlich einen richtigen Kuß geben, Liebling.«
Margo erwiderte seinen Blick und sagte: »Und ich möchte dir auch einen geben, Don. Aber du mußt dir darüber im klaren sein, daß sich einiges verändert hat. Ich habe mich verändert.« Sie nahm Hunters Arm, um anzudeuten, was sie meinte.
Hunter runzelte die Stirn und preßte die Lippen zusammen, aber dann legte er ihr den Arm um die Schultern und nickte. »Richtig«, sagte er kurz.
Bevor Don etwas sagen konnte, leuchteten die Felsen vor Margo und Hunter hellrot auf, wurden wieder dunkel und leuchteten nochmals rot. Auch die umliegende Landschaft wurde in regelmäßigem Rhythmus von diesem roten Licht erhellt. Hunter und Margo hoben gleichzeitig den Kopf und senkten ihn sofort wieder, nachdem sie einen kurzen Blick auf die Lichtquellen an beiden Polen des Wanderers geworfen hatten, die nicht nur die Polkappen, sondern auch den ganzen Himmel der Erde rot erglühen ließen, wenn sie aufblitzten.
»Die Krise ist eingetreten«, erklärte die Paulgestalt. In dem roten Licht wirkte sie noch unheimlicher als zuvor. »Wir können jetzt nicht mehr lange sprechen.«
»Der Wanderer ruft seine Schiffe zurück«, fügte die Dongestalt hinzu.
»Wir bringen Ihre Nachricht nach Vandenberg«, sagte Hunter laut. »Vielleicht sehen wir uns schon bald wieder. Zwölftausend Kilometer lange Linearbeschleuniger und ein Zyklotron mit gleichem Durchmesser. Viel Glück!«
In diesem Augenblick verschwanden die beiden dreidimensionalen Bilder. Sie lösten sich von einem Augenblick zum anderen in Nichts auf.
Hunter und Margo starrten auf das Wasser hinab, das inzwischen noch weiter zurückgegangen war. Selbst die Brandung war rot und leuchtete wie Schaum aus feuerflüssiger Lava. Auch in dem Lager auf der anderen Seite des Hügels herrschte wieder Leben; überall wurden kleine Gestalten sichtbar, die sich bewegten, in Gruppen zusammenstanden und nach oben zeigten.
Achtzig Millionen Kilometer von der Erde entfernt sah der Raumfahrer Tigran Birjuzow das rote Signal des Wanderers sehr deutlich, als er und seine fünf Kameraden der Ersten Sowjetischen Raumexpedition in drei Schiffen um den Mars kreisten. Für Tigran waren die Erde und der Wanderer zwei leuchtende Planeten, die voneinander etwa ebenso weit entfernt waren wie nebeneinanderstehende Sterne der Plejaden. Aber selbst im luftleeren Raum waren ihre halbmondförmigen Umrisse mit bloßem Auge nur undeutlich zu erkennen.
Die Funkverbindung mit der Bodenstation war abgerissen, als der Wanderer plötzlich erschienen war, und die sechs Männer hatten in den letzten zwei Tagen genügend Zeit zu allen möglichen Spekulationen über die Ereignisse in Erdnähe gehabt. Die ursprünglich geplante Landung auf dem Mars, die vor zehn Stunden hätte stattfinden sollen, war verschoben worden.
In den Teleskopen war die Entwicklung der Krise deutlich genug zu verfolgen gewesen — die Ablenkung des Mondes, seine Zerstörung und die seltsamen Muster auf der Oberfläche des Wanderers —, aber das war alles, was die Raumfahrer beobachten konnten.
Jetzt sah Tigran nicht nur das rote Signal, das von dem Wanderer ausging, sondern auch die dunkle Reflexion von der Erdoberfläche. Er wollte seine Beobachtung in das Logbuch eintragen, aber dann runzelte er die Stirn, starrte angestrengt die Decke über sich an und schlug schließlich mit der geballten Faust auf den Tisch. Rote Blitze! dachte er verwirrt und wütend zugleich. Was denn noch? Was kommt als nächstes?
Die Untertassen-Beobachter stellten Dutzende von Fragen über die bedauerlicherweise so kurze Unterhaltung mit Don und Paul. Als Margo und Hunter sie endlich beantwortet hatten, blitzte das rote Signal nicht mehr. Das Wasser war weiter zurückgegangen, so daß die Straße nach Vandenberg fast völlig und die Küstenstraße teilweise wieder aufgetaucht waren.
Hixon faßte das Gehörte zusammen, indem er dabei mit dem Daumen auf den Wanderer wies: »Sie besitzen also Fliegende Untertassen, was uns allerdings schon bekannt war. Und sie haben Energiewaffen, die in größerer Ausführung ganze Berge zertrümmern und vermutlich sogar Planeten durchlöchern können. Und sie haben dreidimensionales Fernsehen, das unserem weit überlegen ist, was mir durchaus einleuchtet. Aber sie befinden sich angeblich in Gefahr, was ich nicht verstehe! Warum sollten sie in Gefahr sein?«
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