Zum Beispiel, wie sehr er es vermisste, sein Heim mit einer Frau zu teilen.
Er konnte Joyce gut leiden, und er genoss das Gefühl, sich in ihrer Wohnung aufzuhalten und zum ersten Mal nach fast einem Jahr wieder ein Badezimmerregal zu sehen, in dem Midol und eine Schachtel mit Tampons lagen, oder ihre Haarbürste, ihre Zahnpastatube — säuberlich von unten aufgerollt — betrachten zu können. Und fast liebevoll glitt sein Blick über einen aufgeschlagenen, auf dem Wassertank der Toilette ruhenden Liebesroman von Sloan Wilson. An all diesen harmlosen, alltäglichen Intimitäten teilzuhaben, erinnerte ihn daran, wie sehr er sich nach Intimität ganz allgemein sehnte. Nach dieser winzigen Oase. In solch einer trockenen und grenzenlosen Wüste.
»Danke, Joyce«, sagte er. Er sagte es laut, aber nicht laut genug, dass sie ihn nebenan in ihrem Schlafzimmer hätte hören können. »Danke für diese Zuflucht vor dem Sturm. Es ist wirklich schön hier.«
Kalter Regen klatschte gegen das Fenster. Der Heizkörper klopfte und zischte. Draußen frischte der Wind auf.
Am Morgen fand er den Weg nach Hause.
»Vielleicht komme ich zurück«, sagte er zu Joyce. Es war kein Versprechen, aber es überraschte ihn, dass er es aussprach. Käme er zurück? Dies war ein Wunder; aber war es möglich, ganz in ein Wunder einzutauchen, darin zu leben? Wunder hatten nämlich die Angewohnheit, irgendwann zu verschwinden.
Später sollte er zu dem Schluss kommen, dass es vielleicht ein Versprechen gewesen war, wenn auch nur sich selbst gegenüber… dass er die Antwort auf all diese Fragen schon lange vorher gekannt hatte.
Sein letzter Tag in Belltower. Sein letzter Tag in den Achtzigerjahren.
Er fuhr zur Arbeit, entschlossen zu kündigen, aber Klein kam ihm zuvor, indem er ihm den blauen Brief überreichte. »Sie sind zwar insgesamt ein Versager«, informierte Klein ihn. »Aber was mich letztendlich zu diesem Schritt veranlasst hat, war das Geschäft, das Sie am Mittwoch abgeschlossen haben.«
Das Mittwochsgeschäft hatte er mit einem pensionierten Bezirksrichter gemacht. Der Kunde mochte als Richter eine strahlende Karriere hinter sich haben, jedoch litt er, wie Tom im Laufe der Zeit zu erkennen gelernt hatte, unter einer weitverbreiteten Krankheit: der Kaufpreis-Verhandlungsangst. Der Richter betrachtete den Angebotsvordruck, als sei er ein amtlich verfügtes Urteil, und war bereit, den als Verhandlungsbasis angegebenen Preis für einen Wagen zu zahlen, den er kaum in Augenschein genommen hatte. »Ich glaube, wir sollten ein niedrigeres Angebot ausrechnen«, sagte Tom, »und dann mal abwarten, was der Verkaufsleiter dazu meint.«
Er sagte zu Klein: »Wir haben bei dem Geschäft verdient.«
»Ich kenne diesen Heini«, sagte Klein. »Alle zwei Jahre kommt er hierher. Er sieht sich kurz um und zahlt den Listenpreis.«
»Niemand zahlt heute den Listenpreis.«
»Wenn die Leute Geld zu verschenken haben«, sagte Klein, »dann ist es nicht unsere Aufgabe, es abzulehnen. Aber ich will mich nicht mit Ihnen streiten. Ich möchte nur, dass Sie endlich verschwinden.« Dann fügte er hinzu: »Ich hab das schon mit Ihrem Bruder geklärt. Also rennen Sie nicht zu ihm hin und erwarten Sie Hilfe von ihm. Er sagte zu mir: ›Hey, wenn Tom Mist gebaut hat, dann ist er die längste Zeit hier gewesen. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.‹«
Tom musste lächeln. »Ich glaube, das stimmt«, sagte er. »Ich bin wirklich die längste Zeit hier gewesen.«
Er telefonierte mit Tony und teilte ihm mit, er wolle für eine Weile verschwinden. Tony wollte mit ihm reden — über den Job, über seine Zukunft. Tom erwiderte: »Ich muss mir selbst über einige Dinge klarwerden. Vielen Dank für alles, Tony. Rechne damit, dass du längere Zeit nichts von mir hörst.«
»Was du vorhast, ist völlig verrückt«, sagte Tony.
»Ich muss es aber tun.«
Er packte Reservekleidung in seinen Rucksack. Geld war ein Problem, aber er nahm einige Gegenstände mit, die er vielleicht verkaufen könnte: die Gitarre, die er seit seiner Collegezeit besaß, eine Gibson, ziemlich unhandlich, aber durchaus wertvoll; einen ganzen Satz Silberlöffel. Freitagmittag war er aufbruchbereit.
Er zögerte, als er sah, dass der Fernseher wieder ans Netz angeschlossen war. Während er das Gerät noch betrachtete, flackerte es und schaltete sich ein.
»Ihr meldet euch zu spät«, sagte er. »Ich gehe weg.«
TOM WINTER, WIR FINDEN, DU SOLLTEST NICHT WEGGEHEN.
Die Interpunktion hatte sich gebessert. Er dachte über die Erklärung nach, stellte sich ihre Quelle vor. »Ihr könnt mich nicht aufhalten«, sagte er. Wahrscheinlich traf das zu.
DORT, WO DU HINGEHST, IST ES NICHT SICHER.
»Wo ich zur Zeit bin, ist es auch nicht sicher.«
DU WÜNSCHST ES DIR ZU SEHR. ES IST NICHT SO, WIE DU DENKST.
»Ihr wisst gar nicht, was ich will. Ihr wisst auch nicht, was ich denke.«
Natürlich, vielleicht wussten sie es — es war durchaus möglich. Aber sie widersprachen ihm nicht.
DU KANNST UNS HELFEN.
»Darüber haben wir schon gesprochen.«
WIR BRAUCHEN PROTEINE.
»Ich weiß nicht, was ihr meint.«
FLEISCH.
»Fleisch?« Das war eine unvorhergesehene Entwicklung. »Gewöhnliches Fleisch? Fleisch aus der Metzgerei?«
JA, TOM.
»Was baut ihr da draußen im Wald zusammen, das Fleisch braucht?«
WIR BAUEN UNS.
Er wollte diesen ganzen beunruhigenden Komplex weit von sich schieben. Aber ihm wurde klar, dass er diesen Wesen etwas schuldig war. Es war schließlich ihr Territorium, das er betreten wollte. Und mehr als das: Er befand sich schon lange unter ihrer Kontrolle. Sie hatten angedeutet, dass sie ihn hätten verändern können. Wenn sie einen Sklaven hätten haben wollen, hätten sie ihn dazu machen können. Sie hatten es nicht getan. Deshalb stand er in ihrer Schuld.
Trotzdem — »Wir bauen uns«? Und sie wollten Fleisch?
Er sagte: »Ich habe noch einige Steaks im Gefrierfach…«
DAS WÄRE SCHÖN, TOM.
»Ich könnte sie auf die Anrichte legen.«
DANKE.
»Wie kommt es, dass ihr jetzt so viel besser sprecht?«
WIR SIND FAST VÖLLIG WIEDERHERGESTELLT. DIE DINGE SIND JETZT SEHR VIEL KLARER.
DER ABSCHLUSS UNSERER ARBEIT STEHT UNMITTELBAR BEVOR.
Das klang ziemlich bedrohlich, dachte Tom. Wenn der schlafende Riese erwachte, dann war dies vielleicht nicht gerade einer der sichersten Aufenthaltsorte.
Was folgerte daraus? Verschwinde schnellstens.
Er wollte den Netzstecker des Fernsehers aus der Dose ziehen, aber er rutschte nicht heraus — sie hatten ihn offenbar festgeschweißt. Aber der Schirm blieb leer. Er eilte in die Küche, legte einen Stapel tiefgefrorene Steaks und Hackfleisch auf die Anrichte, dann raffte er sein Gepäck zusammen.
Das Telefon klingelte. Er dachte daran, es klingeln zu lassen, dann kapitulierte er und nahm den Hörer ab. Er rechnete mit Tony und einigen letzten guten Ratschlägen, aber er hörte Doug Archers Stimme.
»Ich habe gehört, dass Sie rausgeflogen sind.«
»Hier verbreiten Neuigkeiten sich aber sehr schnell«, stellte Tom fest.
»Es ist eine kleine Stadt. Ich habe schon mit vielen Leuten geschäftlich zu tun gehabt. Ja, es wird viel geredet.«
»Lassen Sie mich überwachen?«
»Zum Teufel, nein! Wenn ich so etwas tun würde, hätte ich längst gemerkt, dass Sie keinen neuen Job suchen. Sie wollen demnach Urlaub machen, Tom, oder wollen Sie einfach aussteigen?«
»Das Anwesen steht nicht zum Verkauf.«
»Ich rufe Sie nicht als Ihr verdammter Immobilienmakler an. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?«
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