Valentines Älteste, Syfte, hatte diese einseitigen Konfrontationen ›in die Sonne starren‹ genannt. Und nun waren Ender und Miro an der Reihe, sich im Wettstreit mit diesem alles sehenden Auge und dem nichts sagenden Mund zu blenden. Valentine wollte über ihr Unbehagen lachen, sie beruhigen. Und sie wollte Plikt einen sanften Klaps geben und ihr sagen, nicht zu schwierig zu sein.
Doch statt dessen ging Valentine zur Tür des Gebäudes und zog sie auf. Es gab keinen Riegel, nur einen Griff, und die Tür ließ sich problemlos öffnen. Sie hielt sie auf, während Ender auf die Knie fiel und hindurchkroch. Plikt folgte ihm augenblicklich. Dann seufzte Miro und sank langsam auf die Knie. Sein Kriechen wirkte unbeholfener als sein Gehen – er vollzog jede Arm- oder Beinbewegung einzeln, als müsse er jeweils eine Sekunde darüber nachdenken, was er zu tun habe. Endlich war er hindurch, und Valentine bückte sich und watschelte im Entengang durch die Tür. Sie war die kleinste und mußte nicht kriechen.
Innen kam das einzige Licht von der Türöffnung. Der Raum war unmöbliert, der Boden schmutzig. Erst als sich Valentines Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie ausmachen, daß der dunkelste Schatten ein Tunnel war, der tiefer in die Erde führte.
»Die Tunnel sind nicht beleuchtet«, sagte Ender. »Sie wird mich führen. Ihr müßt einander an den Händen festhalten. Valentine, du gehst als letzte, einverstanden?«
»Können wir aufrecht hinabgehen?« fragte Miro. Die Frage war eindeutig wichtig für ihn.
»Ja«, sagte Ender. »Deshalb hat sie diesen Eingang gewählt.«
Sie gaben sich die Hände; Plikt nahm Enders Hand, Miro ging zwischen den beiden Frauen. Ender führte sie ein paar Schritte den Tunnel hinab. Er war steil, und die tiefe Dunkelheit war entmutigend. Doch Ender blieb stehen, bevor die Dunkelheit absolut wurde.
»Worauf warten wir?« fragte Valentine.
»Auf unseren Führer«, entgegnete Ender.
In diesem Augenblick traf der Führer ein. In der Dunkelheit konnte Valentine kaum den schwarzen Arm mit nur einem Finger und Daumen ausmachen, der an Enders Hand zerrte. Ender schloß augenblicklich die linke Hand um den Finger; der schwarze Daumen schloß sich wie eine Zange über seiner Hand. Valentine versuchte, den Krabbler zu sehen, zu dem der Arm gehörte, doch sie konnte nur einen kindgroßen Schatten ausmachen und vielleicht den leichten Schimmer von Licht, das von einem Rückenschild reflektiert wurde.
Ihre Vorstellungskraft lieferte alles, was fehlte, und gegen ihren Willen erschauderte sie.
Miro murmelte etwas auf Portugiesisch. Also zeigte auch bei ihm die Anwesenheit des Krabblers Wirkung. Plikt jedoch blieb stumm, und Valentine konnte nicht sagen, ob sie zitterte oder völlig unbeeindruckt war. Dann machte Miro einen schlurfenden Schritt nach vorn, zerrte an Valentines Hand und führte sie in die Dunkelheit.
Ender wußte, wie schwer den anderen dieser Weg fallen würde. Bislang hatten nur er, Novinha und Ela jemals die Schwarmkönigin besucht, und Novinha war nie zu ihr zurückgekehrt. Die Dunkelheit war zu entnervend; sie mußten sich endlos ohne die Hilfe der Augen hinabbewegen und wußten nur aufgrund leiser Geräusche, daß Leben und Bewegung um sie herum war.
»Dürfen wir sprechen?« fragte Valentine. Ihre Stimme klang sehr schrill.
»Das ist eine gute Idee«, sagte Ender. » Sie werdet ihr nicht stören. Sie bemerken Geräusche kaum.«
Miro sagte etwas. Ender stellte fest, daß man ihn noch schwerer verstehen konnte, wenn man nicht von seinen Lippen ablesen konnte.
»Was?« fragte Ender.
»Wir beide wollen wissen, wie weit es noch ist«, sagte Valentine.
»Keine Ahnung«, sagte Ender. »Von hier aus jedenfalls nicht. Und sie könnte fast überall dort unten sein. Es gibt Dutzende von Kinderstuben. Aber keine Angst. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich den Rückweg finden werde.«
»Ich auch«, sagte Valentine. »Mit einer Taschenlampe jedenfalls.«
»Kein Licht«, sagte Ender. »Für die Ablage des Eies ist Sonnenlicht nötig, doch danach verzögert Licht die Entwicklung der Eier nur. Und in einem bestimmten Stadium kann es die Larven töten.«
»Aber du könntest in der Dunkelheit den Weg aus diesem Alptraum finden?« fragte Valentine.
»Wahrscheinlich«, sagte Ender. »Es gibt Muster. Wie Spinnennetze – wenn man die allgemeine Struktur begriffen hat, ergibt jeder Tunnelabschnitt mehr Sinn.«
»Diese Tunnel sind nicht zufällig angelegt worden?« Valentines Stimme klang skeptisch.
»Es ist wie bei den Tunnel auf Eros«, sagte Ender. Er hatte eigentlich kaum Gelegenheit gehabt, sie zu erkunden, als er als Kindsoldat auf Eros lebte. Der Asteroid war von den Krabblern ausgehöhlt worden, bevor sie ihn zu ihrer vordersten Basis im Sonnensystem gemacht hatten; nachdem er im ersten Krabblerkrieg erobert worden war, wurde er zum Flottenhauptquartier der menschlichen Verbündeten bestimmt. Während seiner Monate dort hatte Ender den Großteil seiner Zeit und Aufmerksamkeit der Aufgabe gewidmet, zu lernen, wie man die Sternenschiffe im All kontrolliert. Doch er mußte viel mehr über die Tunnel gelernt haben, als er damals begriffen hatte, denn als die Schwarmkönigin ihn zum ersten Mal in ihre Höhlen auf Lusitania geholt hatte, stellte Ender fest, daß er niemals überraschende Tunnelbiegungen und -abzweigungen vorzufinden schien. Sie fühlten sich richtig an; nein, sie fühlten sich unvermeidlich an.
»Was ist Eros?« fragte Miro.
»Ein Asteroid in der Nähe der Erde«, sagte Valentine. »Der Ort, wo Ender den Verstand verloren hat.«
Ender versuchte, ihnen zu erklären, wie das Tunnelsystem organisiert war, doch es war zu kompliziert. Wie bei Fraktalen gab es zu viele mögliche Ausnahmen, um das System in allen Einzelheiten zu begreifen – je mehr man sich darum bemühte, desto mehr entzog es sich dem Verständnis. Doch für Ender wirkte es immer gleich, ein Muster, das sich immer und immer wiederholte. Vielleicht lag es nur daran, daß sich Ender irgendwie in den Schwarmverstand versetzt hatte, als er die Krabbler studierte, um sie zu besiegen. Vielleicht hatte er einfach gelernt, wie ein Krabbler zu denken. In diesem Fall hatte Valentine recht – er hatte einen Teil seines Menschenverstandes verloren, oder zumindest etwas vom Schwarmverstand hinzugefügt.
»Wir sind fast da«, sagte Ender. »Und da sie Eier ablegt, wird sie gut gelaunt sein.«
»Wäre sie dabei nicht lieber ungestört?« fragte Miro.
»Es läßt sich mit einem kleineren sexuellen Höhepunkt vergleichen, der mehrere Stunden anhält«, sagte Ender. »Es macht sie ziemlich fröhlich. Schwarmköniginnen sind normalerweise nur von Arbeitern und Drohnen umgeben, die als Teil des Ganzen funktionieren. Sie haben nie Schüchternheit gelernt.«
In seinem Verstand spürte er jedoch die Intensität ihrer Gegenwart. Sie konnte natürlich jederzeit mit ihm kommunizieren. Doch wenn er sich in ihrer Nähe befand, war es, als atmete sie in seine Schädeldecke; das Gefühl wurde schwer und bedrückend. Fühlten die anderen es auch? Würde sie zu ihnen sprechen können? Bei Ela war nichts passiert – Ela hatte nicht einmal einen Schimmer des stillen Gesprächs erfassen können. Was Novinha betraf, so weigerte sie sich, darüber zu sprechen, und stritt ab, etwas gehört zu haben, doch Ender vermutete, daß sie die fremde Gegenwart einfach abgelehnt hatte. Die Schwarmkönigin behauptete, deutlich im Verstand der beiden lesen zu können, solange sie sich in der Nähe befanden, sich aber kein ›Gehör‹ verschaffen zu können. Würde es heute mit den anderen genauso sein?
Es wäre so schön, könnte die Schwarmkönigin zu einem anderen Menschen sprechen. Sie behauptete, dazu imstande zu sein, doch Ender hatte im Verlauf der letzten dreißig Jahre gelernt, daß die Schwarmkönigin nicht zwischen ihren zuversichtlichen Einschätzungen für die Zukunft und ihren sicheren Erinnerungen an die Vergangenheit unterscheiden konnte. Sie schien ihren Vermutungen genauso zu vertrauen wie ihren Erinnerungen; und wenn sich eine Vermutung einmal als falsch erwies, schien sie sich nicht zu erinnern, daß sie jemals eine andere Zukunft von derjenigen erwartet hatte, die nun Vergangenheit war.
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