Der Admiral nickte hinter halb geschlossenen Augen.
»Unabhängig davon, was die Russen tun, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, daß sich das Raumschiff der Erde nähert«, sagte der Präsident. »Vielleicht kommen uns in wenigen Wochen all unsere kleinlichen Streitereien albern vor.«
»Ja, Sir«, sagte Wes Dawson, »sehr albern.«
»Es gibt noch weitere Möglichkeiten«, sagte Admiral Carrell. Obwohl er sehr leise sprach, hörten ihm alle zu – auch der Präsident.
»Welche zum Beispiel?« wollte Dawson wissen.
»Ich kenne sie nicht alle«, sagte Carrell gleichmütig. »Mr. President, ich möchte gern einen Stab von Fachleuten in Colorado Springs zusammenziehen. Eine von dessen Aufgaben wäre es, möglichst viele davon zu durchdenken.«
»Sehr vernünftig«, sagte der Präsident. »Aber warum Colorado Springs?«
»Das Loch«, sagte Admiral Carrell.
NORAD, dachte Jenny. Damit meinte sie das nordamerikanische LuftverteidigungsKommando, dessen Befehlszentrale sich in den tiefsten Tiefen der Granitfelsen des CheyenneBergs befand. Es galt als der sicherste Ort des Landes, obwohl man sich darüber stritt, wie ›gehärtet‹ die Anlage wohl war…
»Wollen Sie selbst auch hin?« fragte der Präsident.
»Nicht auf Dauer.«
»Aber Sie werden zu tun haben. Also brauche ich jemanden, der mich auf dem laufenden hält.« Er sah nachdenklich drein. »Wir sehen uns Schwierigkeiten aus zwei Richtungen gegenüber: vielleicht von den Außerirdischen, und bestimmt von den Sowjets. Captain, Sie kennen die Russen, und Sie haben das Raumschiff entdeckt.«
»Nicht entdeckt, Sir…«
»So gut wie«, sagte der Präsident. »Sie haben seine Bedeutung erkannt. Außerdem haben Sie bereits alle Sicherheitsüberprüfungen hinter sich, sonst wären Sie nicht bei der Nachrichtentruppe.« Er drückte einen Knopf auf dem Tisch, und der Stabschef des Weißen Hauses kam herein.
»Jim«, sagte der Präsident. »Kann ich als Oberbefehlshaber Angehörige der Streitkräfte befördern?«
»Ja, Sir.«
»Gut, dann ernennen Sie diese junge Dame zum Major und gliedern Sie sie in den Arbeitsstab des Weißen Hauses ein. Sie wird mit Ihnen und dem Admiral zusammenarbeiten und mich regelmäßig über alles im Zusammenhang mit den Außerirdischen und den Sowjets informieren.« Er lachte leise. »Major Crichton und General Gillespie als Angehörigen der Streitkräfte darf ich doch sicher ohne den Umweg über die Verwaltung Befehle erteilen?«
»Gewiß«, bestätigte Frantz.
Major Crichton. Einfach so!
»Gut«, sagte der Präsident. »General Gillespie, der Kongreßabgeordnete Dawson möchte den Außerirdischen im Weltraum entgegenfliegen.«
Ed Gillespie nickte. »Ja, Sir.«
»Sie halten das für richtig?«
»Ja, Sir.«
Mit feinem Lächeln dachte Jenny, daß Ed es für noch richtiger hielte, selbst den Außerirdischen entgegenfliegen zu dürfen. Das verstand sie gut, denn auch sie hätte das gern getan.
»Unterstützen Sie ihn dabei!« gebot ihm der Präsident. »Kümmern Sie sich in Houston persönlich um seine Ausbildung! Möglicherweise begleiten Sie ihn bei der Mission, das allerdings hängt von den Russen ab.« Er verzog sein Gesicht ein wenig und sah dann auf die Uhr. »Man erwartet Sie beide drüben im NASAHauptquartier. Ich wollte Sie aber auf jeden Fall vorher sehen, um eine Entscheidungsgrundlage zu haben. Wenn Sie sich beeilen, kommen Sie noch rechtzeitig hin.«
»Ja, Sir.« Ed warf einen Blick zu Jenny hinüber, sagte aber nichts.
Der Präsident erhob sich, und alle folgten seinem Beispiel. »Der sowjetische Botschafter hat eine offizielle Erklärung dafür verlangt, warum eine so bedeutsame Nachricht in einem privaten Telefonanruf und nicht durch offizielle Kanäle weitergegeben wurde«, sagte er. »Eine Ihrer ersten Aufgaben besteht darin, sich zu überlegen, wie man die Sowjets davon überzeugen kann, daß kein Trick hinter der Sache steckt, Major.«
»Das ist möglicherweise nicht ganz einfach«, gab Admiral Carrell zu bedenken.
»Darüber bin ich mir im klaren«, sagte der Präsident. »Auch andere werden sich mit der Angelegenheit beschäftigen.« Mit einer Handbewegung entließ er die Anwesenden. »Major, man wird Ihnen einen Arbeitsplatz zuweisen, Gott weiß wo. Seien Sie nicht schüchtern, wenn Sie Material brauchen. Mr. Frantz wird sich darum kümmern, daß Sie alles Erforderliche bekommen. Ich erwarte täglich Bericht von Ihnen durch Admiral Carrell. Wenn er nicht anwesend ist, werden Sie selbst mir vortragen.«
Die Außerirdischen kommen, und ich bin dem Nationalen Sicherheitsrat unterstellt! Vortrag beim Präsidenten persönlich im Oval Office! Und alles, weil ich auf Hawaii schwimmen gegangen bin und mich von einem Astronomen hab abschleppen lassen. Meine Freundin Barbara glaubt nicht an Zufälle. Zwangsläufigkeit. Vielleicht ist da was Wahres dran…
»Jetzt muß ich mir nur überlegen, wohin ich Sie stecken soll«, sagte der Stabschef. »Bestimmt will der Präsident, daß Sie in diesem Gebäude hier arbeiten. Wahrscheinlich muß ich dann jemanden in den Altbau ausquartieren.«
Er ging mit großen Schritten den Korridor entlang, und Jenny folgte ihm. Sie erreichten einen Tisch am Ende des Gangs. Der Mann, der sie zum Oval Office geführt hatte, saß daran.
»Jack«, sagte der Stabschef, »ich stelle Ihnen ein neues Familienmitglied vor, Major Jeanette Crichton. Der Präsident hat sie in seinen Stab aufgenommen. Nationaler Sicherheitsrat. Sie hat jederzeit ungehinderten Zutritt zu ihm.«
»In Ordnung.« Erneut nahm er sie gründlich in Augenschein.
»Das ist Jack Clybourne«, sagte Jim Frantz. »Geheimdienst.«
»Ich kümmere mich darum, daß der Chef gesund bleibt«, sagte Clybourne.
»Informieren Sie alle Sicherheitsleute, Jack.« Frantz wandte sich wieder Jenny zu. »Major, es wäre mir recht, wenn Sie heute nachmittag gegen vier Ihr Dienstzimmer beziehen könnten. Bis dahin habe ich bestimmt eines frei. Ach je – Sie sind ja mit General Gillespie gekommen und haben jetzt keine Möglichkeit zurückzufahren.«
»Das ist nicht weiter schlimm, Sir.«
»Gut. Danke.« Er wandte sich zum Gehen, hielt inne und drehte den Kopf zu ihr zurück. »Willkommen an Bord«, sagte er über die Schulter, dann ging er davon.
Jenny kicherte, und Clybourne lächelte ihr zu. »Er zerbricht sich pausenlos den Kopf.«
»Das habe ich gemerkt. Wie geht’s jetzt weiter?«
»Fingerabdrücke. Wir müssen ja wissen, ob Sie es wirklich sind.«
»Aha. Wer macht das?«
»Ich, wenn’s Ihnen recht ist.« Clybourne nahm einen Hörer ab und sagte etwas. Sofort kam ein weiterer gepflegt wirkender junger Mann heraus und setzte sich an den Tisch.
»Tom Bucks«, stellte Clybourne vor. »Major Jeanette Crichton. Die neueste Erwerbung des Nationalen Sicherheitsrats. Sie hat Zutritt beim Präsidenten.«
»Hallo«, sagte Bucks. Er sah sie gründlich an, und Jenny hatte den Eindruck, als präge er sich jede Pore ihres Gesichts ein.
Natürlich. Sie sind ja auch keine Romanhelden, sondern Geheimdienstagenten, die ihre Arbeit tun.
Clybourne ging die Treppe hinab voran und durch einen kleinen Aufenthaltsraum für das Personal. »Ich hab alles hier«, sagte er, holte eine große, schwere Tasche hervor und stellte neben die Kaffeemaschine, was er für die Fingerabdrücke brauchte.
»Muß das wirklich sein? Meine Abdrücke sind doch bei den Akten.«
»Selbstverständlich. Ich muß mich vergewissern, daß die hübsche junge Dame, mit der ich jetzt spreche, dieselbe Jeanette Crichton ist, die das Heer damals eingestellt hat.«
»Also schön«, sagte sie.
Er nahm ihre Hand. »Ganz locker, lassen Sie mich nur machen.«
Geschickt entledigte sich Clybourne seiner Aufgabe. Schließlich gab er ihr ein Glas Reinigungsmittel und einige Papierhandtücher.
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