»Das Dominion wird noch eine Weile weitertorkeln. Aber es ist auf lange Sicht zum Untergang verdammt. Solche Institutionen sind nicht von Dauer. Betrachten Sie die Geschichte der Menschheit. Es hat so viele Dominions gegeben. Sie sind allesamt untergegangen oder haben sich bis zur Unkenntlichkeit verändert.«
»Die Weltgeschichte steht in der Heiligen Schrift, und sie gipfelt im Reich Gottes.«
»Die Weltgeschichte ist in Sand geschrieben, und sie entwickelt sich, wie der Wind bläst.«
»Sagen Sie mir, wo meine Tochter ist.«
»Nein.«
»In dem Fall töte ich zuerst Ihren homosexuellen Freund und dann …«
Was er noch sagen wollte, wurde im Keim erstickt. Ich hatte aus der Tasche gezogen, was Lymon mir zu Weihnachten geschenkt hatte. Einen Knocker natürlich. Lymon hatte die Herstellung laufend verbessert und mir eines seiner besten Exemplare überreicht. Das Hanfsäckchen war niedlich mit Perlen bestickt, und die Gussform des Bleikerns hätte gut und gerne ein Straußenei sein können. Ich tat einen Satz nach vorne und benutzte meine Waffe, um dem Diakon die seine aus der Hand zu schlagen. Ein Schuss löste sich, aber die Kugel fuhr in den Holzboden. Hollingshead wirbelte herum, die verletzte Hand mit der anderen haltend, und stierte erst mich und dann den Knocker entgeistert an.
»Was ist das?«, wollte er wissen. (Mich hatte er wohl schon erkannt.)
»Ein sogenannter Knocker «, sagte ich und demonstrierte ihm auch gleich die Wirkungsweise, woraufhin er bewusstlos zu Boden sackte.
In dem Moment kam Lymon Pugh herein. »Ich hatte ein kleines Problem«, begann er, »aber ich habe sie alle weggeputzt, einen nach dem anderen — und dann habe ich hier oben einen Schuss gehört — he, ist das nicht der Diakon? Sieht aus, als hätte er schlappgemacht.«
»Du bewachst den Haupteingang, Lymon«, sagte ich, denn ich wollte mit Julian unter vier Augen reden. Lymon verstand den Wink und machte kehrt.
Julian stand nicht auf oder veränderte sonst wie seine Haltung. Er saß gegen Magnus Stepney gelehnt und Magnus Stepney gegen ihn, und sie erinnerten an zwei Stoffpuppen, die ein Kind achtlos beiseitegelegt hatte. Ich ging um den besinnungslosen Diakon herum.
»Nicht zu nahe«, sagte Julian.
Ich zögerte. »Wie meinst du das?«
Magnus Stepney antwortete für Julian: »Ich hätte dich fast nicht erkannt, Adam Hazzard. Aber du setzt die Maske besser wieder auf.«
»Wegen des Rauchs?«
»Nein.«
Magnus langte nach der Laterne, die an seinen Füßen stand. Er zündete sie mit einem Streichholz an und hielt sie hoch, so dass ihr Licht auf ihn und Julian fiel.
Ich begriff sofort, hielt den Atem an und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.
Julian war blass, seine Augen waren halb geschlossen, und auf beiden Wangen blühten Fieberflecken. Aber das war nicht das entscheidende Symptom. Das entscheidende Symptom waren die vielen blassgelben Pusteln, die aus dem Kragen kletterten und die Arme hinunterschwärmten. (Sie erinnerten entfernt an Schneeglöckchen in einem Wintergarten.)
»Oh, oh«, machte ich.
»Die Pocken«, sagte Julian. »Ich wollte es erst nicht wahrhaben, aber heute sind sie ausgebrochen. Deshalb habe ich mich so abgekapselt, deshalb bin ich wortlos auf und davon. Und deshalb kann ich auch nicht mit euch kommen, falls du mich das fragen willst. Ich könnte die Crew der Goldwing anstecken, die Passagiere — könnte die Hälfte der Menschen töten, die ich liebe. Und wäre wahrscheinlich der Erste, der sterben müsste.«
»Deshalb bist du hier.«
»Hier stirbt es sich so gut wie überall.«
»Die Flammen sind schneller als die Pocken.«
Er zuckte nur mit den Schultern.
»Und du, Magnus?«, fragte ich. »Du sitzt direkt neben ihm — hast du keine Angst, dich anzustecken?«
»Danke der Nachfrage«, sagte er, »aber das hat sich wohl erledigt. Ich bleibe so lange bei ihm, wie ich noch bei Kräften bin.«
Diese Worte sprachen ihn heilig. Julian nahm seine Hand, streckte sich stöhnend auf die Bank und legte den Kopf in den Schoß seines Freundes.
Ich hatte immer gehofft, Julian würde eine Frau finden, die ihn liebte und ihn in die Freuden des Lebens einweihte, die für mich so selbstverständlich waren und ihm versagt blieben. Das war nicht eingetreten; doch ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ihm jetzt wenigstens sein Freund Magnus zur Seite stand. Er hatte zwar keine Frau, die ihm Trost spenden oder das Sterbebett richten konnte — aber er hatte Magnus, und vielleicht war das in Julians Augen genauso viel wert.
»Ich habe den Schlussvorhang verpasst«, sagte Julian so versonnen, als schweife sein Geist schon ab. »Gab es Applaus?«
»Applaus und Bravorufe, ohne Ende.«
Es war schwer zu sagen bei der Düsternis, aber ich glaube, er lächelte.
»Hat dir der Film gefallen, Adam?«
»Ich fand ihn richtig gut. Einen besseren gibt es nicht.«
»Ob er mich ein bisschen unsterblicher macht, was meinst du?«
»Ganz bestimmt.«
Er nickte und schloss die Augen.
»Stimmt das«, fragte ich, »was du ihm von seiner Tochter erzählt hast?«
»Sie ist wohlbehalten in Montreal, dafür habe ich gesorgt.«
»Das war eine gute Tat.«
»Es mildert den Ruch von Krieg und Tod. Mein kleines Opfer, das ich dem Gewissen dargebracht habe. Meinst du, es war gut genug?«, fragte er, und seine fiebrigen Augen suchten Magnus.
»Das Gewissen ist nicht kleinlich«, sagte Magnus. »Gott nimmt fast jedes Opfer an, und deines war großzügig.«
»Danke, dass du gekommen bist, Adam«, sagte Julian, der zusehends müder wurde. »Aber du solltest dich jetzt besser aufmachen. Die Goldwing wartet nicht, und das Feuer breitet sich aus.«
»Der Wind trägt glühende Asche über den Kanal. Das Haus wird bald Feuer fangen.«
»Ein Grund mehr, dich zu beeilen«, meinte Julian.
Doch keiner von beiden rührte sich vom Fleck, und ich konnte ihnen nicht den Rücken kehren.
»Ich war wohl kein guter Präsident«, sagte Julian so leise, dass man ihn kaum verstand.
»Aber du warst ein guter Freund.«
»Pass auf Flaxie auf, Adam Hazzard. Schreit sie da? Ich möchte jetzt schlafen, nur noch schlafen.«
Er schloss die Augen und nahm keine Notiz mehr von mir. Ich dankte Magnus, drehte mich um und verließ die stille, wabernde Kirche mit den leeren Bänken.
Ich trat in die flackernde, brenzlige Nacht hinaus und verabschiedete mich von Lymon Pugh. Lymon drückte mir ein letztes Mal die Hand — Julian tue ihm leid, er wünsche uns alles Gute im Ausland. Dann ritt er stadtaufwärts, ein einsamer Reiter auf einer verwaisten Straße, auf der es von herbeigewehten, glühenden Ascheflocken wimmelte.
Gegen Mitternacht erreichte ich den Kai, wo die Goldwing noch vor Anker lag. Ich schnallte die Satteltaschen ab und überließ das gesattelte Rassepferd einer vorbeikommenden ägyptischen Familie, die sich von nun an vermutlich zu den Schwerreichen zählte. Ich ging an Bord und suchte unsere Kabine auf; Calyxa deckte soeben Flaxie zu. Sie war ziemlich ungehalten und wollte wissen, wo ich so lange gewesen sei; ich nahm sie wortlos in die Arme und heulte mich an ihrer Schulter aus.
Im Morgengrauen, als die Flammen den Hafen erreichten, legte die Goldwing ab. Sie fuhr durch die Narrows und ankerte in der Lower Bay, um auf eine günstige Brise zu warten. Eine strahlende Dezembersonne prangte am Himmel.
Wir sahen den Rauch aus der Stadt steigen. Die Flammen verschlangen Lower Manhattan fast bis hinauf zum Palastgelände, bevor der Wind das Feuer auf sich selbst zurückwarf. Der Rauch stieg in einer riesigen, schrägen Säule in den Himmel, bis er von der oberen Luftschicht erfasst und über das Meer gefächert wurde. Ich hatte den makabren Einfall, diese Wolke aus Asche und Ruß enthalte — nein, müsse aus wissenschaftlicher Sicht Partikel meines Freundes Julian enthalten. Seine Atome, meine ich, umgeformt und keimfrei gemacht durch das Feuer, um schließlich über einem gleichgültigen Meer abgeregnet zu werden.
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