Serena Serghetti war einer illegalen Verbindung zwischen einem katholischen Priester und einer Haushälterin entsprungen. Ihre Kindheit in der Nähe von Sydney war von tiefer Scham überschattet gewesen. Sie wuchs mit gemeinem Getuschel auf und hasste ihren Vater, der seine Vaterschaft bis zum Schluss leugnete. Er endete als versoffener Betrüger. Sie brachte die Gerüchte zum Schweigen, indem sie mit zwölf Jahren Keuschheit gelobte, sich beim Erlernen von Sprachen auszeichnete und, was am schockierendsten von allem war, mit 16 Jahren in ein Kloster eintrat. Innerhalb weniger Jahre wurde sie eine Ikone gelebten Glaubens und ein wandelndes Mahnmal für die ökologischen Sünden der Menschheit.
Solange das andauerte, fast sieben Jahre lang, konnte sie sich nicht beklagen. Doch dann kehrte sie einige Monate nach einer persönlichen Krise in Südamerika nach Rom zurück, um geistlichen Rat zu suchen, und stellte fest, dass der Vatikan seine Wasserrechnungen nicht zahlen wollte und sich dabei auf seinen Status als unabhängiger Staat und auf die dubiosen Lateranverträge aus dem Jahre 1929 berief, denen zufolge Italien das Wasser für die 0,44 km² große Enklave kostenlos liefern musste, ohne dass darin die Frage der Abwassergebühren geklärt worden wäre. »Weder zahlen wir dem Kaiser, was des Kaisers ist, noch erweisen wir Gott die Ehre, die wir Ihm als Schöpfer dieser Welt schulden«, erklärte sie, als sie ihrem Gelübde öffentlich abschwor, um sich fortan in den Dienst der Umwelt zu stellen.
Schon damals tauften die Medien sie ›Mutter Erde‹. Seitdem nannten die Leute sie so oder eben Schwester Serghetti. Wahrscheinlich war sie die berühmteste Exnonne der Welt. Ähnlich wie Prinzessin Diana in den Jahren vor ihrem Tod, so gehörte auch Serena nicht mehr der ›königlichen‹ Familie der Kirche an, war aber irgendwie zur ›Königin der Herzen‹ geworden.
Die Schweizergardisten in ihren blau-rot-gelben Uniformen standen stramm, als die Limousine vor dem Amtspalast des Heiligen Vaters hielt. Noch bevor Benito Serena die Tür öffnen und ihr einen Schirm reichen konnte, eilte sie im Regen bereits leichtfüßig die Treppe hinauf. Ihre Turnschuhe platschten in den Pfützen, während sie das Gesicht gen Himmel reckte, um die Regentropfen zu genießen. Angesichts ihrer bisherigen Erfahrung mit dem Vatikan würde es wahrscheinlich eine Weile dauern, bis sie wieder frische Luft schnappen konnte. Als sie durch die offene Tür schritt, lächelte ihr eine der Wachen zu.
Innen war es warm und trocken. Der junge Jesuit, der sie erwartete, erkannte sie sofort. »Schwester Serghetti«, begrüßte er sie herzlich. »Bitte hier entlang.«
In den zahlreichen Büros, an denen sie vorbeikam, während sie dem Jesuiten durch ein Labyrinth von Amtskorridoren zu einem alten Aufzug folgte, herrschte rege Betriebsamkeit. Und das alles hat einmal mit einem armen jüdischen Zimmermann angefangen, dachte sie. Sie betraten den Aufzug, und die Tür schloss sich.
Ob sich Jesus in dieser Kirche genauso fremd gefühlt hätte wie sie?
Beim Anblick ihres Spiegelbilds in der Metalltür des Aufzugs runzelte sie die Stirn und strich sich die Jacke glatt. Welch eine Ironie, dass ihre Klamotten ihr so wichtig waren, wo sie doch wusste, dass die Wolle und die Seide mit dem Schweiß eines armen Kindes in einer Fabrik in Fernost gesponnen worden waren, um das weltweite Konsumbedürfnis zu befriedigen! Die Kleidung und das damit verbundene Image stand für alles, was sie hasste, aber sie benutzte es, um im Medienzeitalter, das sich stärker für das Aussehen als die guten Taten einer ehemaligen Nonne interessierte, Spenden zu sammeln und Bewusstsein zu schaffen. Das war nun einmal der Lauf der Welt.
Ob Jesus zu diesem Zweck wohl auch Armani getragen hätte?
Die Welt war schon ziemlich verrückt, und sie fragte sich nicht selten, ob Gott sie so geschaffen hatte oder einfach nur zugelassen hatte, dass sie sich auf derart abscheuliche Weise veränderte. Sie hätte es jedenfalls anders gemacht.
Das Büro, das sie aufsuchen sollte, befand sich im 4. Stock und gehörte dem Geheimdienstchef des Vatikans, einem gewissen Kardinal Tucci. Er sollte sie instruieren und dann zur Privataudienz mit dem Papst in die päpstliche Residenz begleiten. Der Kardinal war nirgends zu sehen, aber der Jesuit führte sie dennoch in das Büro hinein.
Das Arbeitszimmer war älter und eleganter eingerichtet, als man angesichts Tuccis Ruf erwartet hätte. Bilder aus dem Mittelalter und alte Landkarten zierten die Wände und nicht etwa moderne, zeitgenössische Kunst, die Tucci angeblich bevorzugte.
Der Mann, der in einem schwarzen Lederstuhl zwischen zwei Blaeu-Globen aus dem 17. Jahrhundert saß, sah auch irgendwie älter und eleganter aus. Die weißen Insignien mit dem goldenen Spitzenbesatz am Hals harmonierten perfekt mit dem weißen Haar. Er sah gut aus, ein durch und durch weltmännischer Mann des Glaubens. Seine Augen wirkten klar und intelligent, als er von den Akten, die er studierte, aufblickte.
»Schwester Serghetti«, stellte ihr jesuitischer Begleiter sie vor. »Seine Heiligkeit, der Papst.«
Der Papst musste ihr nicht erst vorgestellt werden.
»Heiliger Vater«, sagte sie, nachdem der Jesuit die Tür hinter ihr geschlossen hatte.
Der mächtige Mann kam ihr weder streng noch fromm vor. Vielmehr strahlte er die geschäftstüchtige Aura eines Top-Managers aus. Mit dem Unterschied allerdings, dass sein Unternehmen nicht an den Börsen von New York, London oder Tokio notiert wurde. Ebenso wenig wurde sein künftiges Wachstum in Einheiten wie Quartalen, Jahren oder gar Jahrzehnten prognostiziert. Das Unternehmen bestand bereits seit über 2.000 Jahren und maß den Erfolg mit dem Maßstab der Ewigkeit.
»Schwester Serghetti.« Die Stimme des Papstes vermittelte echte Zuneigung, als er sie bat, doch bitte Platz zu nehmen. »Es ist schon so lange her.«
Überrascht und misstrauisch ließ sie sich auf einen Lederstuhl sinken, während er ihre Akte überflog.
»Proteste in Sachen Ozon vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York«, las er mit ruhiger, aber klangvoller Stimme vor. »Weltweiter Boykott von Pharma-Unternehmen. Ihre Homepage hat mehr Besucher als meine.« Mit regen, leuchtenden Augen blickte er von der Akte auf. »Manchmal frage ich mich, ob die Besessenheit, mit der Sie die Erde vor den Menschen retten wollen, nicht dem tiefen inneren Bedürfnis entspringt, sich selbst zu erlösen.«
Sie rutschte auf dem Lederstuhl hin und her. Er war hart und unbequem. »Erlösung wovon, Heiliger Vater?«
»Sie wissen, dass ich Ihren Vater kannte.«
Das wusste sie.
»Ich war jener Bischof, den er damals um Rat fragte, als er von der Schwangerschaft Ihrer Mutter erfuhr«, sagte der Papst.
Das war Serena neu.
»Er wollte, dass Ihre Mutter eine Abtreibung vornahm.«
»Das wundert mich ganz und gar nicht.« Es fiel ihr schwer, die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Ich gehe mal davon aus, Sie haben ihm davon abgeraten?«
»Ich sagte ihm, Gott könne selbst aus den widrigsten Umständen etwas Schönes machen.«
»Verstehe.«
Serena wusste nicht, ob der Papst nun von ihr erwartete, dass sie ihm als ihrem Lebensretter dankte, oder ob er nur einfach das Geschehene erzählte. Er beobachtete sie genau, soviel war ihr klar. Nicht wertend oder mitleidig. Er schien einfach nur neugierig zu sein.
»Ich wollte Sie schon immer etwas fragen, Serena«, fuhr der Papst fort, und Serena lehnte sich vor. »Wie können Sie Jesus in Anbetracht der Umstände Ihrer Geburt überhaupt lieben?«
»Wegen der Umstände seiner Geburt«, antwortete sie. »Wäre Jesus nicht der einzige und wahre Sohn Gottes, wäre er ein Bastard und seine Mutter eine Hure. Er hätte dem Hass sein Herz öffnen können. Stattdessen entschied er sich für die Liebe, und heute nennt ihn die Kirche Erlöser.«
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