»Was soll das alles?«, fragte Serena.
»Die berühmt-berüchtigte Schwester Serghetti«, sagte der Oberst auf Englisch. »Sie sprechen die acehnesische Sprache wie eine Eingeborene, obwohl sie natürlich nicht so aussehen. Die Bilder in den Medien werden Ihrer Schönheit jedenfalls bei weitem nicht gerecht. Und Ihre fliegerischen Fähigkeiten werden darin überhaupt nicht erwähnt.«
»Man tut, was man kann, Oberst«, erwiderte sie trocken mit ihrem australischen Akzent.
»Das scheint ja eine ganze Menge zu sein. Und was können Sie am besten?«
»Ich werfe in Afrika und Asien für die Ärmsten der Armen Lebensmittel und Medikamente ab, weil die Regierungen meist so korrupt sind, dass die Hilfslieferungen der UN selten in den vorgesehenen Dörfern ankommen«, sagte sie. »Entweder verschwinden sie einfach, oder sie vergammeln auf dem Transport, weil die Straßen unbefahrbar sind.«
»Dann sind Sie hier falsch, Ma'am«, sagte der Amerikaner mit schleppendem texanischem Akzent. »Ich bin Lou Hackett, der Generaldirektor des Unternehmens. Sie sollten eigentlich den Katholiken in Osttimor gegen die Moslems helfen. In einer rein muslimischen Provinz wie Aceh haben Sie eigentlich nichts zu suchen.«
»Ich dokumentiere die Verletzung der Menschenrechte, Mr. Hackett«, sagte sie. »Gott liebt auch die Muslime und die Aceh-Separatisten. Und nicht weniger als amerikanische Geschäftsleute.«
»Verletzung der Menschenrechte? Nicht bei uns«, sagte Mr. Hackett. Er musterte interessiert ihren Hubschrauber, der gerade von einer Crew Kopassus-Techniker auseinander genommen wurde.
Serena sah ihm in die Augen. »Soll das heißen, Mr. Hackett, dass der Ölteppich da draußen, der in die Garnelenzucht sickert, nicht von Ihnen verursacht wurde?«
»Einen harmlosen kleinen Unfall kann man wohl kaum als eine Verletzung der Menschenrechte bezeichnen.«
Mit einem zerschlissenen alten Taschentuch wischte sich Mr. Hackett den Schweiß von der Stirn. Serena bemerkte das Logo darauf: das Siegel des Präsidenten der USA. Zweifelsohne eine Aufmerksamkeit für den willigen Wahlkämpfer.
»Dann hat Ihre Firma also auch die Militärbaracken hier auf Posten 13 gar nicht gebaut. Es heißt, hier wurden Opfer der Menschenrechtsverletzungen verhört«, fuhr sie fort und sah dabei den indonesischen Oberst an. »Haben Sie etwa nicht die Maschinen geliefert, mit denen das Militär am Sentang-Berg und am Tengkorak-Berg die Massengräber für die Opfer ausgehoben hat?«
Mr. Hackett sah sie an, als wäre ihre Anwesenheit das Problem und nicht etwa das ausgelaufene Öl. »Was wollen Sie eigentlich, Schwester Serghetti?«
Der indonesische Oberst antwortete an ihrer Stelle. »Sie will gegen Exxon Mobil und PT Arun dasselbe durchsetzen wie gegen das Denok-Kaffeekartell in Osttimor.«
»Sie meinen, die Macht des Kartells brechen, das vom indonesischen Militär kontrolliert wird, um die Leute ihre Waren zu Marktpreisen verkaufen zu lassen?«, sagte Serena. »Eigentlich keine schlechte Idee.«
Hackett schien jetzt endgültig der Kragen zu platzen. »Wenn die Leute in Osttimor Sklaven für Starbucks sein wollen, dann ist das deren Problem, Schwester. Sie haben das Militär aus dem Kaffeegeschäft gedrängt, dann erst hat es sich für meine Firma interessiert.«
»Ganz was anderes, Schwester Serghetti«, sagte der Oberst und gab ihr ein Blatt Papier. Es war ein Fax. »Reisen Sie ab!«
Sie sah sich das Fax zweimal an. Es war von Bischof Carlos in Jakarta, dem Träger des Friedensnobelpreises von 1996. Er teilte ihr darin mit, dass sie dringend in Rom gebraucht werde. »Der Papst will mich sehen?«
»Der Papst, der Pontifex, der Heilige Stuhl, wie auch immer Sie ihn nennen wollen«, sagte Mr. Hackett. »Ich persönlich bin Baptist. Seien Sie froh, dass Sie hier ungeschoren wegkommen.«
Sie wandte sich gerade rechtzeitig ihrem Hubschrauber zu, um zu sehen, wie mehrere Soldaten die abmontierten Kameras wegtrugen.
»Und die Leute aus Aceh?«, hielt sie Mr. Hackett vor, während der Oberst sie zu seinem Jeep schob. Offensichtlich sollte ihr Hubschrauber doch gänzlich beschlagnahmt werden. »Sie können nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert.«
»Mal sehen, was ich kann oder nicht kann, Schwester«, sagte Mr. Hackett und winkte ihr mit einem süffisanten Lächeln zu. »Was nicht in den Zeitungen steht, passiert nun einmal auch nicht.«
***
Vierundzwanzig Stunden später lehnte sich Serena im Fond einer schwarzen Limousine ohne Kennzeichen zurück. Der gute alte Benito lenkte den Wagen durch die aufgebrachten Demonstranten und die Kamera-Teams auf dem Petersplatz. Kaum zu glauben, dass wegen ihrer derart viel Aufhebens gemacht wurde. Aber die Demonstration wurde tatsächlich ihrethalben veranstaltet.
Obwohl sie erst 27 Jahre alt war, hatte sie sich bereits jede Menge Feinde in der Petroleum-, der Holz- und der Pharmaindustrie gemacht, bei all jenen, die Profit über Menschen, Tiere oder Umwelt stellten. Allerdings hatte ihr Engagement auch ein paar Leute, denen sie zu helfen gehofft hatte, arbeitslos gemacht. Na ja, der wütenden Menge dort nach zu urteilen, waren es vielleicht sogar mehr als nur ein paar.
In ihrem Stadtoutfit, einem Armani-Anzug – ihre Lieblingsmarke – und dazu lässige Chucks, sah sie nicht unbedingt wie eine einstige Karmeliterin aus. Aber genau das war auch beabsichtigt. Als ›Mutter Erde‹ machte sie Schlagzeilen, und mit dem Medieninteresse kam der Einfluss. Wie sonst sollten die Medien, die sich mehr für Äußerlichkeiten als für Inhalte interessierten, die Weltöffentlichkeit und schließlich Rom sie überhaupt ernst nehmen?
Mit Gott verhielt es sich da anders. Sie war sich nicht sicher, was Er von ihr hielt, und eigentlich wollte sie das auch nicht so genau wissen.
Serena blickte durch das regenverschmierte Fenster. Die Sicherheitskräfte des Vatikans drängten die Menge und die Paparazzi zurück. Dann, wie aus dem Nichts ein lautes Krachen, das sie zusammenzucken ließ. Einem der Demonstranten war es gelungen, sein Transparent auf die Scheibe zu schlagen: Mutter Erde, suchen Sie sich einen anderen Planeten!
»Die haben Sie vermisst, Signorina«, sagte der Fahrer in seinem besten Englisch.
»Die meinen es doch nur gut, Benito.«
Sie blickte voller Mitgefühl auf die Menschenmenge hinaus. Sie hätte Benito auf Italienisch, Französisch, Deutsch oder in einem Dutzend anderer Sprachen ansprechen können, aber sie wusste, dass Benito sein Englisch verbessern wollte.
»Sie haben Angst. Sie müssen ihre Familien ernähren. Sie brauchen einen Sündenbock für ihre Arbeitslosigkeit. Da komme ich ihnen gerade recht.«
»Typisch, Signorina, Sie segnen auch noch Ihre Feinde.«
»Feinde gibt es nicht, Benito. Nur Missverständnisse.«
»Sie sprechen wie eine wahre Heilige«, sagte er.
Sie hatten die Menge am Tor hinter sich zurückgelassen und fuhren nun die gewundene Auffahrt hinauf.
»Benito, wissen Sie eigentlich, warum mich der Heilige Vater zu einer Privataudienz in die Ewige Stadt zitiert hat?« Wie beiläufig strich sie ihre Hose glatt und versuchte, ihre steigende Nervosität zu verbergen.
»Bei Ihnen kann alles Mögliche dahinterstecken.« Benito lächelte in den Rückspiegel, wobei ein Goldzahn zum Vorschein kam. »Bei dem Ärger, den Sie machen.«
Leider ist das nur allzu wahr, dachte Serena. Als sie noch Nonne war, lag sie gewöhnlich mit ihren Vorgesetzten im Clinch. Sie war eine Außenseiterin innerhalb der eigenen Kirche gewesen. Immerhin stand der Papst üblicherweise auf ihrer Seite. Der Newsweek gegenüber hatte er einmal geäußert: »Schwester Serghetti tut genau das, was Gott auch täte, wenn Er die Fakten kennen würde.« Das war gute Werbung gewesen, aber ihr war auch bewusst, dass keine Instanz der öffentlichen Meinung sie innerhalb dieser Mauern beschützen konnte.
Читать дальше