Drake ging zu den weißen Kuppeln der Basis zurück. Die Stiefel knirschten im Schnee. Laut Vorschrift hätten die Hütten gelb, rot oder grün sein müssen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber gerade das wollte Uncle Sam vermeiden. Jedenfalls solange der Antarktisvertrag sowohl Militärpersonal als auch militärische Ausrüstung vom Friedenskontinent verbannte – außer sie dienten ›Forschungszwecken‹.
Drakes inoffizieller Befehl lautete, ein Team aus NASA-Wissenschaftlern tief ins Innere der Ost-Antarktis zu führen, die zwar aus der Luft, aber nie zu Boden kartografisch erfasst worden war. Sie sollten den Verlauf der Längengrade, insbesondere den des Oriongürtels, verfolgen. Nachdem sie im Epizentrum der jüngsten Beben angekommen waren und die Basis aufgebaut hatten, begann das NASA-Team sogleich mit der Echolotung und der Aufzeichnung seismischer Daten. Dann wurde gebohrt. Das ›Forschen‹ hatte irgendwie etwas mit der Topografie einer vorzeitlichen Landmasse etwa zwei Meilen unter dem Eis zu tun.
Drake konnte sich nicht vorstellen, was die NASA da unten zu finden hoffte. General Yeats hatte dahingehend nichts verlauten lassen. Auch konnte er es sich nicht erklären, warum das Team Waffen benötigte und regelmäßig Patrouillen durchführte. Die einzige vorstellbare Bedrohung für die Mission war ein Team der United Nations Antarctica Commission (UNACOM) in der Wostok-Station, einem verlassenen russischen Stützpunkt, der vor ein paar Wochen plötzlich wieder in Betrieb genommen worden war. Aber die Wostok-Station war fast 400 Meilen entfernt, zehn Stunden auf dem Landweg. Warum die NASA sich so für die UNACOM interessieren sollte, war Drake genauso ein Rätsel wie all das, was unter dem Eis lag.
Was sich da unten befand, musste mindestens 12.000 Jahre alt sein. Drake hatte irgendwo einmal gelesen, dass das Eis diese frostige Hölle schon seit so langer Zeit bedeckte. Jedenfalls musste es für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten von großer Bedeutung sein, sonst hätte Washington dieses geheimnisvolle Vorgehen angesichts des internationalen Tamtams, das eine Entdeckung dieser illegalen Expedition nach sich zöge, niemals riskiert.
Die Kommandozentrale war eine Kuppel aus vorgefertigtem Fiberglas, auf der sich mehrere Satellitenschüsseln und Antennen gen Himmel reckten. Als Drake zwischen den mehreren Dutzend Metallstangen, die um die Basis herum aufgestellt waren, darauf zuging, löste er laute Knackgeräusche aus. Die knochentrockene Luft der Antarktis machte aus einem Menschen einen mit Reibungselektrizität aufgeladenen Ball.
Als Drake die Kommandozentrale betrat, hieß ihn die Wärme, die von den Hightechradiatoren produziert wurde, willkommen. Kaum hatte er die Thermotür hinter sich geschlossen, winkte ihn der Funkoffizier zu sich.
Drake schüttelte den Schnee ab und stapfte zum Kontrollpult. Er entlud seine Hände an einem geerdeten Metallstreifen an den Pultkanten. Die Funken sprühten kurz auf, aber das war weniger schlimm, als wenn er versehentlich die Computer mit den ganzen Daten beeinträchtigt hätte. »Was gibt's?«
»Unsere Funkwellenmessungen haben vielleicht was aufgezeichnet.« Der Funkoffizier tippte an seinen Kopfhörer. »Für ein natürliches Phänomen ist es zu gleichmäßig.«
Drake runzelte die Stirn. »Schalten Sie die Lautsprecher ein.«
Der Funkoffizier knipste einen Schalter an. Ein gleichmäßiges rhythmisches Grollen erfüllte daraufhin den Raum. Drake zog die Parkakapuze zurück, und buschiges, hochstehendes dunkles Haar kam zum Vorschein. Er berührte das Pult mit dem Finger und spitzte die Ohren; es war eindeutig ein mechanisches Geräusch.
»Das sind die Jungs von der UNACOM«, sagte Drake. »Die sind auf dem Weg zu uns. Wahrscheinlich hören wir da ihre Hägglunds-Schneeraupen.« Drake stellte sich schon die bevorstehende Aufregung auf internationaler Ebene vor. Yeats würde völlig durchdrehen. »Wie weit weg, Lieutenant?«
»Eine Meile unter uns, Sir«, antwortete der Funkoffizier verwirrt.
»Unter uns?« Drake sah den Lieutenant an. Das Brummen wurde lauter.
Eine der Deckenlampen fing an, hin und her zu schwingen. Das Rumpeln brachte den Boden zum Beben, als nahte ein Güterzug.
»Das kommt nicht aus dem Lautsprecher«, brüllte Drake. »Lieutenant, nehmen Sie sofort Funkkontakt zu Washington auf!«
»Bin schon dabei, Sir.« Der Lieutenant hantierte an den Schaltern herum. »Es antwortet niemand.«
»Versuchen Sie es auf einer anderen Frequenz«, sagte Drake.
»Nichts.«
Von oben war ein Knacken zu hören. Drake konnte den herabfallenden Eisbrocken gerade noch ausweichen. »Und im UKW-Bereich?«
Der Lieutenant schüttelte den Kopf. »Funkstille.«
»Mist!« Drake eilte zum Regal mit den Waffen, nahm sich dort ein gegen die Kälte isoliertes Sturmgewehr M-16 heraus und bewegte sich damit in Richtung Tür. »Stellen Sie die Verbindung über Satellit her!«
Drake öffnete die Luke und rannte nach draußen. Das Rumpeln war ohrenbetäubend. Keuchend lief er mit langen Schritten über das Eis zum Rand des Camps und blieb dort stehen.
Drake hob das M-16 und suchte durch das Nachtsichtvisier den Horizont ab.
Nichts, nur eine unheimliche grüne Aura, die vom wirbelnden Polarnebel erhellt wurde. Er schaute weiter und rechnete damit, gleich die Umrisse von Hägglunds-Transportern der UNACOM auszumachen. Es klang, als wären hunderte davon im Anmarsch. Verdammt noch mal. Womöglich kamen die Russen mit ihren tonnenschweren Charkowtschanka-Ungetümen.
Dann bebte der Boden unter ihm. Er blickte nach unten, sah einen gezackten Schatten zwischen seinen Stiefeln hindurchschießen und machte einen Satz zurück. Der Riss im Eis wurde immer größer.
Er schulterte sein M-16 und rannte los, um möglichst vor dem Riss zur Kommandozentrale zu kommen. Überall gellten Rufe. In Panik geratene Soldaten waren wegen der Erschütterung aus ihren Fiberglas-Iglus gestürzt. Plötzlich gingen die Rufe im Heulen des Windes unter.
Wie in einem Windkanal raste die eisige Luft über sie hinweg. Der Fallwind warf Drake von den Beinen. Er rutschte aus und knallte aufs Eis. Mit dem Hinterkopf schlug er so heftig auf dem Boden auf, dass er sofort das Bewusstsein verlor.
Als Drake wieder zu sich kam, hatte sich der Wind gelegt. Eine Weile lag er einfach nur da, dann hob er den vor Schmerz hämmernden Kopf und lugte unter der schneebedeckten Parkakapuze hervor.
Die Kommandozentrale war verschwunden. Jetzt tat sich an deren Stelle ein schwarzer Abgrund auf, ein riesiger, ungefähr hundert Meter breiter, halbmondförmiger Spalt, der das gesamte Basislager verschluckt hatte. Er hoffte, dass die eisige Kälte ihn nur phantasieren ließ, jedenfalls hätte er schwören können, dass sich dieser Spalt fast eine Meile weit durch das Eis zog.
Langsam schleppte er sich zu der sichelförmigen Schlucht. Er musste unbedingt herausfinden, was passiert war, wer überlebt hatte und wer medizinische Hilfe brauchte. In der unheimlichen Stille hörte er, wie sein Polaranzug über das Eis schabte. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er den Rand des Abgrunds erreichte.
Drake leuchtete mit der Taschenlampe in die Dunkelheit. Der Lichtkegel beschien die glasigen blauweißen Eiswände und arbeitete sich weiter nach unten vor.
Mein Gott, dachte er, das Loch ist mindestens eine Meile tief.
Dann sah er die Leichen und das, was von der Basis übrig geblieben war, ein paar hundert Meter tiefer auf einer Eisplatte. Wegen der weißen Thermoanzüge konnte man das Versorgungspersonal der Navy kaum von dem zerbrochenen Fiberglas und dem verbogenen Metall unterscheiden. Die Leichen der zivilen Wissenschaftler hingegen waren in ihren bunten Parkas gut auszumachen. Einer lag etwas abseits auf einer kleinen Eiskante. Sein Kopf, von einem Heiligenschein aus Blut umgeben, stand in einem unnatürlichen Winkel vom Rumpf ab.
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