Er zieht die Aufschläge seines Trenchcoats zusammen. Er weiß, dass er riecht, nicht schlimm, aber ein bisschen zumindest, er und sein Trenchcoat; er hat lange nicht mehr geduscht, spürt sein fettiges Haar, obwohl das immer noch ganz gut aussieht, silbern glänzend, wenn er es kämmt, und er weiß, dass der Stoff, sein alter Trenchcoat, nicht mehr sauber ist. Er hat ihn neunundachtzig in Westberlin gekauft. Wie lange das schon her ist, fast nicht mehr wahr … Kaffeeflecken. Essensflecken. Kleine Brandlöcher von Zigaretten. Aber es ist Nacht, und hinter ihm, Westseite, das schwarze Loch. Und auf der anderen Seite, im Osten, die Straße der Drogen. Zwei schwarze Löcher, sollten die sich nicht gegenseitig aufheben? Kokain hält ihn munter, ab und an, wenn es sein muss. Er hat auch eine Kanone gekauft, aber die hat er wieder weggeworfen, obwohl sie ihn …, das muss noch zu Mark-Zeiten gewesen sein, sicher ist er sich nicht mehr. Das sind die Jahre und die Nächte. Und der Kaffee und die Kippen und der Koks. Den er so selten durch seine Nase zieht. Weil er schonmal eine Knarre hatte. Und weil er nie wieder trinken will, muss er auch das Koks sein lassen.
Als er am Fluss stand, die wilden Lichter des Rummels hinter sich, hat er die Kanone in den Fluss geworfen. Achterbahn, Riesenrad, Lichter auf dem Wasser. Die Schreie der durch die Luft Geschleuderten. Seine Erste. Eine Makarow. Von einem Russen, den er durchs Wetten kannte. Der eigentlich ein Jugo war, wie er später rausfand. Aber perfektes Russisch sprach. Und beste Kontakte zu den Russen hatte, die nach neunzig anfingen, ihre Knarren und alles andere zu verscherbeln, bevor sie langsam aus der Stadt verschwanden.
Handgranaten und Panzerfäuste waren billiger, als man dachte. Einen Panzer zu kaufen wäre sicher schwierig gewesen. Er hat sich das manchmal vorgestellt. Er war Panzerfahrer gewesen bei der Asche. Weil er so klein war. Manche seiner Kollegen, bei den Pferden, waren so klein, dass man sie ausgemustert hatte. Zumindest für den Schreibtisch brauchbar. Dreiundneunzig hätte er gerne einen Panzer gehabt. Oder eine Panzerfaust. Mit dem Panzer ins Gericht rein und diese Schweine alle plattgemacht. Durch Wände und Verhandlungen gebrochen, bis in den Saal, wo das Schwein M. vor sich hin grinste, zusammen mit dem Richter und dem Staatsanwalt, und dann immer noch grinste mit seinen nichtmal vier Jahren. Das hätte sicher Kollateralschäden gegeben. Aber die gab es auch vorher, und keinen hat es interessiert. Da hat er noch schwer gesoffen in der Zeit. Und ist ganz froh, dass er nicht an einen Panzer rankam. Nichtmal an eine Panzerfaust. Zwei-, dreimal hatte er die Möglichkeit gehabt, an schwere Artillerie zu kommen. Da gab’s auch später einen Tschechen, der ihm ein Bren angeboten hat. Als er schon dabei war, vom Schnaps wegzukommen.»Was, verdammt nochmal, soll das sein?«
«Gutes MG. Schweres MG. Reißt Löcher in Ziegelwände wie Faust.«
Wenn er gewusst hätte, wo das Schwein wohnt, hätte er sich das Bren gekauft, ein paar Reserven hatte er noch, die Erbschaft der Mutter, und hätte ihn und am besten auch sein Haus pulverisiert. Weil er immer in seinem Kopf hatte, dass das Schwein in einem schönen kleinen, mittelgroßen Haus wohnte. Nicht zu fassen. Das war, als er wieder rückfällig wurde. Man darf nichts nehmen, auch kein Koks, wenn man sauber ist. Aber das Koks ist nur einmal im Monat, ungefähr, höchstens, wenn er nicht aufhören kann, durch die Straßen zu irren, an den Türen zu klingeln, die Nummern anzurufen, den Mädchen ins Gesicht schaut, ganz genau hinschaut, weil er nicht weiß, wie sie jetzt aussieht.
Er ist sogar nach Berlin gefahren, als er einen Tipp bekam. Weil der Tscheche, den er durchs Wetten kannte, sich für ihn umgehört hat. Wohin das Schwein verschwunden ist, hat er nie rausbekommen.
Hat dies gehört, hat das gehört, dass das Schwein M., als er aus dem Knast raus ist, dies und das gemacht hat, hatte der nicht ’ne Baufirma gehabt …, aber dass muss in der Phase gewesen sein, als er selbst so tief, so tief geschlafen hat …
Und in Berlin hat er einige Straßen abgeklappert, hat in einige Clubs geschaut. Weil er nichtmal weiß, ob sie im Freien arbeitet oder in einer Wohnung. Oder in einem Club. Oder vielleicht gar nicht mehr. Aber er hat ein paar Mädchen getroffen in all den Jahren, die sie kannten. Er hat Informationen gesammelt in all den Jahren. Wenn er bei den Frauen in den Zimmern saß, dachte er manchmal, dass es vielleicht sogar gut wäre, wenn sie solche Arbeitsbedingungen hätte. Und er will sie doch nur wiedersehen. Und er weiß, dass die Arbeitsbedingungen nichts ändern. Weil er dreiundneunzig nicht auf sie aufgepasst hat, weil er sie dreiundneunzig nicht beschützt hat, weil er dreiundneunzig nicht mit einer Panzerfaust in diese Hölle im dritten Stock rein ist. Und weil sie keine Wahl hatte. Und weil sie noch ein Kind war. Er hat die Knarre oft genug an seinem Kopf gehabt. Auch als der Rummel hinter ihm flackernde Lichter aufs Wasser warf. Aber er kann nicht so einfach verschwinden. Klack klapp klack. Hufe klappern in der großen leeren Bahnhofshalle, fast schon zwölf. Keine Züge mehr nach Berlin. Wieso verlängern sie den Tunnel, der unter seinen Füßen vibriert, nicht gleich bis in die Hauptstadt? Eine U-Bahn, eine U-Bahn, eine U-Bahn bauen wir …
An der Synagoge standen sie. Am S-Bahnhof stehen sie. Die meisten sind jünger, als sie jetzt ist. Der Tscheche hat gesagt, er soll nach Charlottenburg schauen, und meinte den Kurfürstendamm, ist das nicht Schöneberg? Bahnhof Zoo, zumindest alles in der Nähe, gibt auch noch die Kurfürstenstraße, da irgendwo wäre so ein alter Sack, der hat eine Kleine aus dem Osten, die könnte deine sein, ich geb dir gerne paar Infos, eine Hand … undsoweiter, dass er jetzt noch Mitte abklappert, hat mit anderen Informationen zu tun, die er sammelt und sammelte in all den Jahren. Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin …
Er geht an Menschen vorbei, Wochenendmenschen, Touristenmenschen, die Kneipen sind geöffnet und leuchten auf die Straßen, er sieht die Frauen und Mädchen an den Hauswänden, am Straßenrand, auf Verkehrsinseln. Er schaut in die jungen Gesichter, ein paar alte Gesichter dazwischen, die Körper in Röhren und Hülsen gezwängt, sie biegen sich im Sommerwind, oder ist schon Herbst, ein goldener Oktober, Indian Summer, wie der Ami sagt, er hat ein Foto von ihr in seiner Geldtasche, nein, er hat es schon längst dort rausgenommen und in die Brusttasche seines Jeanshemdes gesteckt, er trägt seinen Trenchcoat überm Jeanshemd, wie immer, das Foto hat er sich laminieren lassen in einem Schreibwarengeschäft in Berlin, weil’s in seinem Schreibwarenladen sowas nicht gab und er auch nicht wusste, dass so etwas möglich ist, bevor er die Werbung im Schaufenster dieses Schreibwarenladens in Berlin sah. Wo er jetzt zwischen Mitte und Kurfürstendamm hin und her stolpert. Die Kuppel des Bundestages verschwindet und leuchtet in der Sonne. Er kennt sich nicht aus in dieser Stadt, zwischen den Jahren. Früher war er oft im Hoppegarten gewesen, die langen Nachmittage der Reiter, manchmal war seine Frau mit dabei, und sie im Sportkinderwagen, eine bunte Decke gegen den Wind, wenn Herbst war, und es war oft Herbst, weil in dieser Jahreszeit die Rennen magisch werden, wenn die Sonne tief steht, er spürt den weichen Boden unter den Hufen, sieht die Farben der Bäume und Wälder aus den Augenwinkeln, wie feuchter Ackerboden, hört das dumpfe Trommeln der Hufe, legt sich und schmiegt sich und dehnt sich, auf den warmen Körper, an den warmen großen Körper, sein Körper liegt lang überm Sattel, überm Hals, die Peitsche zwischen den Fingern, die Lederbänder zwischen den Fingern, als er auf der Zielgraden die Peitschenschläge intuitiv zählt, diese kurzen Aufforderungen, fliegt er, fliegen sie, während er sie nach außen dirigiert, lenkt, dort ist die Lücke, der freie Raum, die Spur, wenige Sekunden der Entscheidung, der Boden ist zerwühlt von den Hufen der vorangegangenen Rennen an diesem Nachmittag, auf der äußeren Spur wirst du gewinnen, das weißt du und spürst und siehst, dass du nur noch zwei, drei Gegner, Reiter, Pferde überwinden, überfliegen musst …, und denkst (im Nachhinein?), dass sie beide da am Zaun stehen und dich anfeuern, dieser dunkle Geruch nach Erde und Gras und Tieren, Leiber, die verschmelzen, er ist nass und schmutzbedeckt nach dem Rennen, sie galoppieren aus, nach dem Ziel, langsamer werdend, um den Bogen herum, an der Tribüne vorbei, und er weiß nicht genau, ob er Erster, Zweiter oder vielleicht nur Dritter geworden ist, das Pferd, dessen Namen er schon längst vergessen hat, macht sich lang, streckt den Hals, weil er sich mit ihm streckt und es mit Händen und Bändern dirigiert, streckt seinen langen Leib ins Ziel, über diese unsichtbare Linie, auf der kurz die Zeit stehenbleibt, aber er spürt und sieht aus den Augenwinkeln, wie sich zwei andere Leiber neben ihm strecken, die Farben wie ein feuchter Acker.
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