Ursula Krechel - Landgericht

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Nach "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel noch einmal den Spuren deutscher Geschichte nach. Ihr neuer Roman handelt vom Exil und von den fünfziger Jahren, von einer Rückkehr ohne Ankunft.Was muss einer fürchten, was darf einer hoffen, der 1947 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrt? Nach ihrem gefeierten, 2008 erschienenen Buch "Shanghai fern von wo" geht Ursula Krechel mit ihrem neuen großen Roman "Landgericht" noch einmal auf Spurensuche. Die deutsche Nachkriegszeit, die zwischen Depression und Aufbruch schwankt, ist der Hintergrund der fast parabelhaft tragischen Geschichte von einem, der nicht mehr ankommt. Richard Kornitzer ist Richter von Beruf und ein Charakter von Kohlhaasschen Dimensionen. Die Nazizeit mit ihren absurden und tödlichen Regeln zieht sich als Riss durch sein Leben. Danach ist nichts mehr wie vorher, die kleine Familie zwischen dem Bodensee, Mainz und England versprengt, und die Heimat beinahe fremder als das in magisches Licht getauchte Exil in Havanna. Ursula Krechels Roman lässt Dokumentarisches und Fiktives ineinander übergehen, beim Finden und Erfinden gewinnt eine Zeit atmosphärische Konturen, in der die Vergangenheit schwer auf den Zukunftshoffnungen lastet. Mit sprachlicher Behutsamkeit und einer insistierenden Zuneigung lässt "Landgericht" den Figuren späte Gerechtigkeit widerfahren. "Landgericht", der Roman mit dem doppeldeutigen Titel, handelt von einer deutschen Familie, und er erzählt zugleich mit großer Wucht von den Gründungsjahren einer Republik.

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Obwohl alle angeforderten Protokolle über den Vorfall auf den 20. September datiert waren, gab es in fast allen handschriftliche Änderungen, die auf den 21. September lauteten. Und das Datum des Zeitungsartikels war ebenfalls verräterisch. Hätte ein solches Dilemma, ein Aufruhr in einem Landgericht — ein Landgerichtsdirektor verliest ein, zwei Paragraphen des Grundgesetzes und lädt zu dieser Aktion einen Pressevertreter ein — innerhalb von 24 Stunden zeitlich eingegrenzt und wie ein Virus in einer konzertierten Aktion bekämpft werden müssen? Eine Aktion, die man vermutlich ein gutes Jahrzehnt später im Rheinland ein Happening genannt hätte, wenn ein Professor einer Kunstakademie etwas Ähnliches getan hätte. Alles war eben erst geschehen, und es war, als wäre es nicht geschehen, als hätte es nie, nie geschehen dürfen, aber wie sollte es weitergehen, wenn der aufrührerische Akt doch geschehen war? Alles kam darauf an, eine Kontinuität zu erzeugen, die Zeugen zu befragen, den Schaden zu begrenzen. Und es kam darauf an, aus einem Akt eine Akte zu fabrizieren, die an das Ministerium der Justiz gesandt werden könnte, sogleich am 21. September, und die Akte wurde durch den im Briefkopf firmierenden Oberlandesgerichtspräsidenten Walther übersandt, von Mainz nach Koblenz und zurück nach Mainz. Das ist der Dienstweg, er ist mit Ängsten gepflastert, nur nichts falsch machen, handeln und das Verhandelte dokumentieren. Nur nicht stolpern, nicht ausrutschen auf dem glatten Dienstweg. Man muß sich verdient machen als Beamter. Aus einem Akt wird eine Akte, aus einem Handelnden ein Täter. (Opfer?) Es ist eine systematische Arbeit der Zermalmung der Erinnerungsfähigkeit, ein Anschwellen des Papierberges, mit dem die verschiedensten Personen befaßt waren. Das Gericht ist kein Ort der Offenbarung, nicht einmal der Offenlegung, ja, eigentlich ist es ein heißer Ofen, in dem Delikte, Strukturen, Zuständigkeiten gebacken werden. Alles pressierte, der Vorfall, die Tat mußte sorgsam präpariert werden, alle Fingerzeige, alle Fingerabdrücke, alle Denkbewegungen und Bewegungen des Zweifels waren von Bedeutung, und nun war alles Papier, alles im dienstlichen Auftrag des Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten vom 21. 9. 56. Wer schießt so schnell? Wer will so schnell eine Sache vom Tisch haben? Oder brennt es vielleicht schon, wenn man zwei Artikel des Grundgesetzes auf ihm ausbreitet?

Während Landgerichtsdirektor Haldt noch den Landgerichtsdirektor Hartmann vernahm, kam ein Anruf eines Anwaltes, mit dem Kornitzer gerne zusammenarbeitete. Er hatte ihm geholfen, seine „Sache“, so sagten Juristen ja, seine Sache mit dem Land Rheinland-Pfalz zu klären, sein Dienstalter, seine Ansprüche, die ihm erwachsen waren seit der Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, seine verlorengegangene Zeit und die verspäteten Ernennungen, das war alles gelungen, darüber gab es keinen Zweifel, und so war Westenberger ein naher Mensch geblieben, obwohl sich Richter und Rechtsanwälte nur selten befreunden. (Distanz tat gut.) Aber Westenberger hatte Kornitzers Sache beherzt weitergetrieben, bis zu ihrem guten Abschluß. Es war ja empfindlich genug gewesen, neu beamtet als Landgerichtsrat gegen seinen Arbeitgeber klagen zu müssen, nicht weil der Arbeitgeber ihm ein einziges Haar gekrümmt hatte (oder doch — oder Schlimmeres?), sondern weil der Arbeitgeber die Rechtsnachfolge seines vormaligen Peinigers, des Deutschen Reiches in seiner Gestalt als Drittes Reich, angetreten hatte. Westenberger berichtete Landgerichtsdirektor Haldt, daß Kornitzer augenblicklich und auch vermutlich am morgigen Tag in einer solchen Verfassung sei, daß der Arzt ihm jede Aufregung verbiete. (Also hatte Kornitzer nach der Kammersitzung seinen Arzt aufgesucht?) Er sei jedenfalls nicht in der Lage, sich zu der neuen Angelegenheit vernehmen zu lassen, schrieb Westenberger. (Hatte Kornitzer sich schon zu früheren vernehmen lassen müssen? In welchen Angelegenheiten? Und wenn es solche gab, warum waren sie nicht dokumentiert?) Im übrigen bat Westenberger doch darum, Kornitzer schriftlich zu hören, um ihm die Aufregung (auch die Demütigung!) einer persönlichen Vernehmung zu ersparen. Landgerichtsdirektor Haldt legte in seiner Aktennotiz noch einmal dar, er habe den Anwalt befragt, ob sich Dr. Kornitzer damit krank melden wolle oder ob und wann er glaube, sich vernehmungsfähig zu fühlen. Haldt vermerkte: Rechtsanwalt Westenberger versprach nach nochmaliger Rücksprache mit Dr. Kornitzer, mich noch einmal anzurufen. Kurz darauf erfolgte auch dieser Anruf, und Rechtsanwalt Westenberger teilte mir mit, über den Zeitpunkt, wann Dr. Kornitzer wieder einer Vernehmung sich gewachsen fühle, könne er nichts sagen. Jedenfalls sei er weder heute noch morgen hierzu imstande .

Und dann nimmt die Aktennotiz, die Haldt an das Justizministerium schickte, eine überraschende Wendung, wird privat oder halb privat. Mütter melden in Schulen ihre Kinder krank, aber daß die Frau eines Landgerichtsdirektors den Vorgesetzten ihres Mannes anruft, um sehr empfindliche Nachrichten über ihren Mann zu Protokoll zu geben, als ein Sprachrohr ihres Mannes fungiert (aber in welche Richtung?), ist höchst ungewöhnlich. Wie wirkte das auf Landgerichtsdirektor Haldt? Sein eigener Eindruck ist nicht im Protokoll herauszuspüren, herauszulesen, und auch deshalb muß man sich insgeheim seine Frau, Frau Haldt, wie ein Spiegelbild vorstellen, auf dem Wochenmarkt, auf den Elternabenden in der Schule ihrer Kinder (wozu ihr Mann niemals Zeit hatte), beim Zahnarzt mit den Kindern, all diese Sorgen hatte Claire Kornitzer nicht, nicht mehr. Und warum sie sie nicht mehr hatte, darüber war mit niemandem zu sprechen. Der Schmerz war zu groß, war übergroß, eine riesige, unheilbare Wundfläche, ein unstillbares Schweigen. Davon konnte Landgerichtsdirektor Haldt nichts wissen, aber er dachte beim Schreiben an seine Frau, während er über Claire Kornitzer nachdachte, die er nur flüchtig kannte und die er heute glaubte, kennengelernt zu haben von einer überraschenden, ja befremdlichen Seite. Sie hatte ihn angerufen.

Und so schrieb er in aller Nüchternheit in der Aktennotiz weiter: Kurze Zeit nachher rief mich Frau Dr. Kornitzer an und erklärte mir, ihr Mann habe sich so außerordentlich aufgeregt, und es habe ihm einen Schock versetzt, daß ihm von Landgerichtsdirektor Brink ausgerichtet worden sei, er solle sich heute Nachmittag zur Vernehmung beim Oberlandesgerichtspräsidenten einfinden . Landgerichtsdirektor Haldt fuhr dann in seiner Aktennotiz fort: Ich erklärte Frau Kornitzer, daß es sich hierbei um ein Mißverständnis handele, das durch die telephonische Übermittlung von Koblenz nach Mainz entstanden sein müsse. Es sei nie die Rede davon gewesen, Dr. Kornitzer heute nach Koblenz zu dem Herrn Oberlandesgerichtspräsidenten zu bestellen, er solle lediglich durch mich hierin Mainz zu den Vorfällen in der gestrigen Sitzung der 1. Zivilkammer gehört werden. Frau Kornitzer , so schrieb er, bedauerte dieses Mißverständnis (tat sie das wirklich?), fügte aber hinzu, ihr Mann sei jetzt in einem solchen seelischen Zustande, daß er sich weder heute noch morgen einer persönlichen Vernehmung unterziehen könne. Er habe auch, wie gewöhnlich samstags, nicht die Absicht, im Gerichtsgebäude zu erscheinen . (Heiligte er doch den Sabbat, oder war ihm der Samstag als ein verhandlungsfreier Tag auch für Studien im Gericht nicht dienlich?) Auf meine Frage, ob das eine förmliche Krankmeldung sein solle und ob und wann ihr Gatte bereit sei, sich vernehmen zu lassen, antwortete sie, das könne sie nicht sagen, sie wiederhole aber im Interesse und im Auftrag ihres Mannes die Bitte, ihn schriftlich zu der Angelegenheit zu hören. Sie bat mich ferner, wenn ich von meinen heutigen Ermittlungen berichte, schon jetzt darauf hinzuweisen, daß der Artikel in der heutigen Nummer der „Freiheit“: „Niemand darf benachteiligt werden …“ von ihrem Manne weder beeinflußt noch bestellt sei und daß er mit der Verlesung des Grundgesetzartikels durch ihren Mann in der Sitzung nichts zu tun habe . (Das ist eine Zeugenaussage, die eher schon einer anwaltlichen Einlassung entspricht. Hat Rechtsanwalt Westenberger mitgewirkt? Oder hat Claire Kornitzer, als ihr Mann nach Hause kam und endlich, endlich stockend erzählt hatte, was vorgefallen war, für welchen Aufruhr er gesorgt hat, den Rechtsanwalt um Vermittlung gebeten? Laß mich mal machen.) Für Landgerichtsdirektor Haldt sieht es so aus, als verstecke sich Kornitzer hinter dem Rücken seiner Frau, hinter ihrer Verhandlungsbereitschaft. Mit anderen Worten: Es sah lächerlich und peinlich aus. Und so muß er sich zurücknehmen, zu seiner amtlichen, juristisch begründeten Fassung als Vorgesetzter zurückfinden, und er schreibt in der Aktennotiz weiter: Auf meine Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der Verlesung des Grundgesetzes und der Anwesenheit des Presseberichterstatters bestehe, antwortete mir Frau Kornitzer, daß der Berichterstatter lediglich in die Sitzung gekommen sei, weil er sich für einen schon längere Zeit schwebenden Prozeß der Stadt Mainz gegen Leichtstoffwerke interessiert habe .

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