Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Aufgewacht in einem Straßengraben ohne Gepäck, ohne Geld, ohne Kleidung, Pass und Flugticket. Ein halber Tag auf der amerikanischen Botschaft. Und das sei nun seine Vergangenheit. Und die Zukunft sehe genauso aus, denn so seien sie. Die Frauen. Immer. Sein Pech. Das ganze Leben. Und er könne nun auch ohne Kartenlegen durchaus unglücklich sein.

Er schnaufte, hustete noch einmal schwer, schaute wie prüfend auf Michelles von der Wüstensonne dunkelbraun, ja fast schwarz gebrannte Haut und lächelte sie dann plötzlich auf eine so unangenehme, aufdringliche Art an, wie sie bei einem Mann seines Alters nicht selten zusammen mit Übergewicht und Haarausfall ein Ergebnis natürlicher Vorgänge zu sein scheint, auf eine Art, die doch zugleich so sonderbar kindlich und unschuldig wirkte, dass Michelle annahm, er sei sich seines Gesichtsausdruckes oder zumindest der Inkongruenz zwischen seinem aufgedunsenen, gealterten Gesicht und seinen jugendlichen Absichten kaum bewusst.

Aber sie wich seinem Blick auch nicht aus. Sie fixierte ihn im Gegenteil genau. Wie ein hochempfindliches Messgerät registrierte sie das Aufblühen seines Lächelns über das Stagnieren bis zu seinem unsicheren und leicht zuckenden Abebben und Verschwinden. Sie beobachtete, wie der große, starke Mann sich von ihr abwandte, verunsichert durch ihr Selbstbewusstsein, sich erneut zu ihr umwandte, um versuchsweise das anzügliche Lächeln zu erneuern, und der ganze Vorgang, der ganze durchsichtige Mann in seiner animalischen Unbeholfenheit erinnerte Michelle so sehr an den in der Kindheit besessenen liebenswerten Bullterrier, den sie als Ersatz für einen eingegangenen Kanarienvogel unterm Weihnachtsbaum gefunden hatte (im Schlafe sabbernd, mit blauer Schleife um den Bauch und einer Leine aus hellbraunem Leder), dass sie eine Neigung in sich keimen spürte, auf die weiteren Vertraulichkeiten des Dicken, die zum Ende dieser Flugreise so sicher erfolgen würden wie der tägliche Untergang der Sonne, weniger voreingenommen zu reagieren, ja geradezu überraschend herzlich einzugehen. Ihr Hochzeitsgeschenk war ein Solarium. Die Ehe lang und glücklich.

59. OPERATION ARTISCHOCKE

In solch einem Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, zu rauben, zu brennen und alles zu tun, was schädlich ist, bis man sie überwinde. Ob es wohl nicht so scheint, dass Würgen und Rauben ein Werk der Liebe ist, weshalb ein Einfältiger denkt, es sei kein christliches Werk und zieme nicht einem Christen zu tun: so ist es doch in Wahrheit auch ein Werk der Liebe.

Luther

«Kleiner Scherz», sagte Helen. Mit weißen Shorts, weißer Bluse, weißem Sonnenhut, weißen Segeltuchschuhen und einer großen Umhängetasche aus Jute trat sie in den Raum. Sie warf Carl über Cockcrofts Schulter hinweg einen kurzen Blick zu und zog dann ein Paar grüner Gummihandschuhe, eine dicke, arabische Tageszeitung und eine Flachzange aus ihrer Tasche, welche sie alle dem Syrer gab.

Der Syrer faltete die Zeitung auseinander, nahm den Sportteil heraus und breitete die restlichen Teile sorgfältig auf dem Boden aus.

«Wie geht es dir?», fragte Helen und zog noch eine schwarze Plastikflasche heraus. «Hast du Durst?»

Sie schraubte die Flasche auf, roch an der Öffnung und reichte sie weiter an Cockcroft, der ebenfalls daran roch. Dann gingen sie zu dritt — Helen, Cockcroft und der Bassist — vor die Tür. Obgleich die Tür nicht fest schloss, konnte Carl kein Wort ihrer Unterhaltung verstehen. Als sie zurückkamen, gab Cockcroft dem Syrer ein Zeichen. Der riss sich von den unerfreulichen Ergebnissen der Primera División los, stopfte den Sportteil in seinen Hosenbund und stellte sich hinter den Baststuhl. Mit Händen wie ein Schraubstock umklammerte er Carls Kopf. Der Bassist griff Carl von vorn unters Kinn, und Helen setzte ihm die schwarze Flasche an die Lippen, während sie ihm gleichzeitig die Nase zuhielt.

«Mund auf. Mund auf. Mund auf. Schmeckt nicht gut, ist aber nicht giftig.»

Es schmeckte wirklich nicht gut. Und es war wirklich nicht giftig. Irgendwas streng Medizinisches. Bitter. Seifengeschmack.

Als sie ihm den Inhalt der Flasche zu großen Teilen eingeflößt hatten, ließen sie ihn los und traten rasch zurück. Carl gab einen Schwall gelblicher Flüssigkeit von sich, und während er noch schluckte und hustete, lösten sie seine Fesseln. Kraftlos rutschte er zu Boden. Sie befahlen ihm, sich auszuziehen, aber seine roten und blauen Arme gehorchten ihm nicht mehr. Sie beugten sich über ihn und zogen ihn aus. Dann zerrten sie ihn zu den ausgebreiteten Zeitungen und versuchten, ihn eine Hockstellung darauf einnehmen zu lassen. Aber er kippte immer wieder um. Schließlich hielt der Syrer ihn mit einer Faust am Schopf hoch. Sie schwankten zusammen hin und her.

Helen wischte ein paar Spritzer von ihrer Bluse. Cockcroft zerknüllte eine leere Zigarettenschachtel. Der Bassist krempelte seine Ärmel auf.

«Soll ich dich mal ablösen?»

«Wie lange braucht das denn?»

«Was steht denn auf der Flasche?»

«Spürst du schon was?»

«Nichts.»

«Gib mal die Flasche.»

«Spürst du schon was?»

«Wann war er denn zuletzt?»

«Ja, gar nicht.»

«Und davor?»

«Am Tag vorher. Und danach nicht mehr. Wenn ihr aufgepasst habt.»

«Und jetzt guck dir das an. Guck dir das an. Oha.»

Während Carl seinen Darminhalt über Hacken und Zeitung verteilte, schüttelte der Syrer ihn an den Haaren hin und her wie eine Tasche, die man ausleeren will.

Etwas später löste sich der Griff, und Carl kippte schlaff zur Seite. Seine Stirn schlug auf. Er rührte sich nicht mehr. Direkt vor seinem Auge bewegten sich kleine schwarze Punkte. Ameisen. Er hörte ein schnappendes Geräusch und sah über die wehenden Fühler hinweg, wie der Bassist sich die grünen Gummihandschuhe überstreifte. Carl hatte sich lange beherrscht, jetzt fing er an zu weinen.

Mit einem Taschenmesser begann der Bassist, im Kot herumzustochern. Tief in der Hocke vor der Zeitung, beide Arme zwischen den Knien herabhängend, schnitt er mit der Klinge kleine Stücke von der Kotwurst ab und strich sie auf dem Papier daneben aus, wie man ein Brot schmiert.

Cockcroft, Helen und der Syrer standen mit vor der Brust verschränkten Armen hinter ihm wie Spielkameraden. Dass sie sich über etwas hermachten, was eben warm und stinkend seinen Körper verlassen hatte, erfüllte ihn mit einer sonderbaren Wehmut. Es lag etwas Symbolisches in diesem Vorgang, etwas Grauenvolles, die dunkle Ahnung, dass sie auch andere Teile und Güter seines Körpers von ihm trennen und in Besitz nehmen könnten. Carl wandte den Blick wieder den Ameisen zu.

Nachdem der Bassist den Kot auf der ganzen Zeitung wie auf einem großen Nutella-Brot ausgestrichen hatte, verkündete er mit dem Gesichtsausdruck und im Tonfall eines Achtjährigen: «Hier ist nix», und drei blaue und ein schwarzes Augenpaar wanderten zu dem Mann, der nackt und schniefend auf dem Boden lag.

Helen schob Carl mit dem Fuß seine Kleider zu, und nachdem er sich mehr oder weniger allein wieder angezogen hatte, banden sie ihn erneut auf den Stuhl.

«Dann weiter mit der Zwei», sagte Cockcroft. Und zu Helen: «Ihr Mann.»

60. DIE LEGENDEN DER STANDHAFTEN

There has been a good deal of discussion of interrogation experts vs. subject-matter experts. Such facts as are available suggest that the latter have a slight advantage. But for counterintelligence purposes the debate is academic.

KUBARK-Manual

Die dünne, aber sehr gerade und aus schwarzen Punkten bestehende Linie wimmelte rechts an Carls Stuhl vorbei in den hinteren Teil der Höhle, wo er sie mit den Augen nicht weiter verfolgen konnte. Zur anderen Seite hin lief sie mit kleinen orangefarbenen Körnchen beladen unter der Metalltür hindurch in die Freiheit.

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