Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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«Das kann ich verstehen», rief Michelle. «Den meisten Menschen macht es Angst, etwas über sich zu erfahren. Weil sie Angst haben, der Erkenntnis nicht gewachsen zu sein. Dass es zu tief ist für sie.»

«Was?»

«Das Leben», sagte Michelle. «Die Vergangenheit. Die Zukunft. Der Zusammenhang.»

«Sie interessieren sich für meine Zukunft? Da interessieren Sie sich für mehr als ich.»

Dieser letzte Satz schien Michelle dunkel und unverständlich, sie verstand ihn nicht sogleich, und der Mann fuhr fort: «Meine Zukunft kenn ich schon. Da müssen Sie mir nichts erzählen. Meine Zukunft ist wie meine Vergangenheit, und meine Vergangenheit ist ein Haufen Mist. Sehen Sie das hier?» Er zog seinen Hemdkragen herunter und entblößte ein paar dünne Schrammen am Hals und weiter unten.

«Haben Sie Urlaub gemacht?», fragte Michelle vorsichtig.

«Urlaub! Soll ich Ihnen mal erzählen, was mir passiert ist bei diesen Kaffern?», und Michelles Kopfschütteln ignorierend begann er die Geschichte seines Afrika-Aufenthaltes zu erzählen. Michelle versuchte, ihre Mimik unter Kontrolle zu halten. Waren seine Schilderungen anfangs noch leidlich konsistent und einigermaßen erheiternd, wurden sie doch rasch widerlich, ja geradezu kriminell. Nur aus Wohlerzogenheit wagte sie seinen Redefluss nicht andauernd zu unterbrechen.

«Also das billigste Zimmer», sagte er und beschrieb ausführlich sein Zimmer und sein Hotel, die verstopfte Toilette, das schlechte Essen, den Strandurlaub, das Klima und die Nächte in den Bars, sehr viele Nächte und sehr viele Bars und aus einem Grund, den Michelle nicht wirklich nachvollziehen konnte, immer wieder die Frauen in diesen Bars. Aber das sei ja alles ganz egal, sagte er selbst, und er sei nun einmal Kfz-Mechaniker aus Iowa und seine Vorfahren eingewandert aus Polen, Polen, jawohl, und er sei doch ein solider Mann — Hand aufs Herz — , solide sei sein zweiter Vorname. Zwar verdiene er nicht viel, und dies wäre sein erster Urlaub überhaupt, aber garantiert auch sein letzter in diesem entsetzlichen Europa.

«Afrika», sagte Michelle.

«Afrika», sagte der Dicke, «eins wie das andere.» Ein Missverständnis. Denn warum käme ein Mann hierher? Weil man ihm erzählt habe, dass hier — und er zeigte auf den Boden des Flugzeugs — Alte Welt und Neue Welt zusammenträfen. Die Frauen hübsch, die Sitten locker, die Feste bizarr. Und die Hauptsache, wie dieser österreichische Nervenarzt richtig herausgefunden habe, sei doch — und jetzt nannte er ein Wort, das Michelle noch nie gehört hatte und das auf — ismus oder — asmus endete. Sie wollte nachfragen, zögerte jedoch und glaubte schon beim nächsten Satz, sich verhört zu haben, denn der Dicke kam vom — ismus direkt zu der Feststellung, dass von wegstecken hier nicht die Rede gewesen sein könne. Eine einzige fade Fickfackerei sei es gewesen und — padamm!

Dreizehn Karten flogen gleichzeitig hoch wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm. Im ersten Moment haschte Michelle danach, bevor ihre Hände sich nach einem solideren Halt ausstreckten, und noch während ihr Körper im Sitz herumgeschleudert wurde, war sie weniger erschrocken über das Rucken des Flugzeugs, von dessen ordnungsgemäßem Zustand sie sich ja bereits überzeugt hatte, als von der Tatsache, dass sie auf einmal beide Arme um den dicken, schwitzenden Mann geschlungen hatte und aus Leibeskräften kreischte.

«Ein Schlagloch», meldete der betrunken klingende Pilot sich per Lautsprecher. «Wir durchfliegen ein Gebiet mit Tänzen.»

«Tänzen», sagte der Dicke, als habe er überhaupt nicht bemerkt, dass eine junge, hochattraktive Frau an seinem Hals hing wie an der letzten Rettung. Er half ihr, die Karten aufzuheben, sie entschuldigte sich, und ohne erkennbare Veränderung in der Stimme fuhr er mit seiner Geschichte fort. Unsummen, sagte er, Unsummen habe das alles verschlungen, und selbst die Afrikanerinnen in den Bars, selbst die kleinsten, selbst die schwärzesten … sie wisse, worauf er hinauswolle. Stattdessen Gestank, Insekten, Hitze. Und das Hauptproblem wie immer das Geld. Denn was sei teurer als eine Frau? Michelle wusste es nicht. Zwei Frauen, genau. Und dann habe der Zufall und plötzlich.

Er hustete bellend, hielt sich eine Serviette vor den Mund und betrachtete den dunkelgelben Auswurf wie ein Kind sein Spielzeug.

«Ich höre gerne Ihre Geschichte», sagte Michelle, die sich immer noch nicht ganz sicher war, wovon diese eigentlich handelte, aber des Mannes Beschäftigung mit dem Auswurf noch unappetitlicher fand als alles, was er hätte erzählen können.

Er zog sehr geräuschvoll auf, steckte das Taschentuch in den Spalt zwischen den beiden Sitzen und stieß es mit der flachen Hand tiefer hinein.

Jedenfalls, sagte er, sei dann plötzlich dieser Mann auf ihn zugekommen. Der wie ein Einheimischer gewirkt habe. Oder so halb und halb. Aber albern angezogen, fast wie ein Clown. Und ihn gebeten habe, ihn in sein Haus zu begleiten.

«Nicht, was Sie denken!», rief er und schob seinen Kopf ganz nah an Michelles verständnisloses Gesicht heran.

In Wahrheit habe der Mann nur einen Dolmetscher gesucht. Zu diesem Zweck sei er unter den am Strand Liegenden herumgegangen, wer denn Polnisch verstehe. Und auch wenn er Polnisch nicht wirklich verstehe, habe er sich gemeldet. Immerhin seien doch seine Großeltern. Und man solle sein Erbe nicht. Und er habe als Kind. Hier könne man über Sprachen und Sprachtalent sicher einiges sagen. Jedenfalls sei er eher praktisch veranlagt, wie die ganze Familie — und jetzt habe er den Faden verloren.

«Der Mann», sagte Michelle, «der Mann mit dem Haus.»

Genau, der Mann mit dem Haus. Und den rosa Bermudas. In das Haus seien sie dann hineingegangen, und da habe mitten im Zimmer eine Maschine gestanden. Eine chromblitzende Maschine, in der er, auch ohne Polnisch zu können, sofort eine Espressomaschine erkannt habe. Riesengroß, wie Kantinen sie benutzen. Oder Bars. Polnische Schriftzeichen. Also nichts Besonderes. Nur teuer. Und jetzt werde es mysteriös.

Das Wort mysteriös übte seine zuverlässige Wirkung auf Michelle aus, und sie versuchte, sich schräg hinzusetzen und ein Bein über das andere zu schlagen, was auch bei hochgeklapptem Tischchen kaum möglich war. Der Dicke stand auf, weil er dachte, sie wolle zur Toilette, und sie brauchten einen Moment, um das Missverständnis zu klären.

«Und dann», sagte der Dicke, «war er auf einmal weg.» Nämlich der Mann. Der nur habe wissen wollen, was das für eine Maschine sei in seinem eigenen Haus da. Er habe den Bungalow dann ohne Erklärung verlassen, eilig und grußlos — und das war es auch schon.

«Das ist ja verrückt!», rief Michelle enttäuscht. Sie hatte keine Ahnung, warum der Mann ihr das alles erzählte.

Er schwieg eine Weile. Dann lächelte er.

«Und jetzt wollen Sie natürlich wissen, was ich dann gemacht habe», sagte er, und Michelle, die gern länger darüber nachgedacht hätte, ob sie das wirklich wissen wollte, spürte eine Art von geistiger Lähmung. Sie machte große Augen und nickte.

«Ich bin ja auch immer noch meiner Mutter Kind», sagte der Dicke. Und wenn das kein Wink des Schicksals sei. Da sei er dann eben an den Strand zurück, von wo aus man das Haus habe beobachten können. An dem ja noch immer die Tür offen gestanden habe. Bis zum Abend. Und als der Mann nicht zurückkehrte, habe er einen Handkarren gemietet und die Maschine abtransportiert und zu Geld gemacht, moralisch hin oder her. Achtzig Dollar habe das gebracht, ein Zehntel des Werts, höchstens, aber weil es sein letzter Tag gewesen sei, sie verstehe. Und dann ins Hafenviertel und einmal Full House. Zwei Schwarze und eine Weiße.

Sie bitte um Verzeihung, sagte Michelle, und er wiederholte: zwei Superschwarze und eine Weiße. Die Weiße nur als Alibi. Aber sie müsse entschuldigen, da könne man als Mann nun einmal nicht gegen seine Präferenzen. In seinem Fall schwarz wie ein Brikett. Schwarz wie die Hölle. Oder gar nicht. Und, um es kurz zu machen, das Ende vom Lied, sie hätten versucht, ihn umzubringen. Er zog erneut seinen Hemdkragen runter und fuhr sich mit dem Daumen die Kehle entlang.

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