Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Mittlerweile lebte er auf der kleinen Insel vor der Küste. Zweimal wöchentlich kam er aufs Festland, um Geschäfte abzuwickeln. Ein fetter goldener Ring, ein Erbe seines Ziehvaters, prangte an seiner rechten Hand. Risa blätterte durch eine Unterwäschestrecke in der amerikanischen Ausgabe der Vogue und blickte auch nicht auf, als ein etwas unsicher wirkender Mann ihn ansprach.

«Ich hab gehört, du verkaufst was?», fragte der Mann.

«N-n.»

«Du verkaufst nichts?»

«Verpiss dich.»

Unschlüssig sah Carl auf einen freien Stuhl am Tisch. Er wagte nicht, sich zu setzen.

«Jemand hat gesagt, du verkaufst was.»

«Kif dahinten.»

«Kein Kif.»

Risa hob den narbengesichtigen Kopf, streifte Carl flüchtig mit dem Blick und sah zum Ausgang, wo eben ein Halbwüchsiger verschwand. Er sah den Barmann an. Der Barmann zuckte die Schultern.

«Nur eine Information», sagte Carl unbeholfen.

«Was hab ich damit zu tun?»

«Jemand hat gesagt, du bist der Richtige.»

«Ich bin nicht der Richtige.»

«Ich dachte.»

«Du dachtest was?»

«Oder dass du vielleicht jemanden weißt, der was weiß.»

«Der was weiß?»

«Jemand, der mir eine Auskunft geben kann.»

Risa wartete einen Moment, ob die merkwürdige Erscheinung mit dem gelben Blazer und den lachsrosa Bermudas sich vielleicht von selbst in Luft auflösen würde, dann sagte er: «Ich kann dir die Auskunft geben, wie du noch genau zehn Sekunden lang lebend hier rauskommst.»

«Bitte.» Carl griff nach der Lehne des freien Stuhls und zog ihn ein paar Zentimeter in seine Richtung. «Ich bin schon den ganzen Tag unterwegs. Jemand hat gesagt, dass du —»

«Wer?»

«Ein Junge.»

«Was für ein Junge?»

«Ich weiß nicht … ein Junge. Er hat mich hergeführt.»

«Woher kanntest du den?»

«Ich kannte den nicht. Jemand hat mich an ihn verwiesen.»

«Wer?»

«Den kannte ich auch nicht.»

«Bist du von Westinghouse?»

«Nein.»

«Von El-Fellah?»

«Nein.»

«Du kommst allein hierher, dich hat niemand hergeschickt, und alles, was du willst, ist eine ‹Information›?»

«Recherche.»

«Dann verpiss dich.»

Risa wandte sich wieder den bunten Bildern zu. Unterwäsche, Unterwäsche, Lippenstift. Fünf Frauen auf einem Podest. Zwei Frauen auf einem Sofa. Zigaretten. Als er erneut aufblickte und den Mann unverändert dastehen sah, riss er mit einem Ruck die Faust hoch und ließ sie einige Sekunden unter Carls Kinn schweben. Carl zuckte nicht. Risas Mimik war nicht zu entnehmen, ob er vor Aggression kochte oder sich amüsierte, und gerade die Undurchschaubarkeit seiner Miene überzeugte Carl, dass dies der Mann war, den er suchte.

«Kann ich dir was zu trinken bestellen?»

Abendkleider und Mäntel, Unterwäsche, eine Frau mit zwei Doggen. Eine Frau in schwarzen Stiefeln. Eine Frau in weißen Stiefeln. Risa antwortete nicht.

«Ich will wirklich nichts kaufen», sagte Carl.

«Wo gibt’s denn hier was zu kaufen?»

«Ich weiß. Ich wollte nur —»

«Du wolltest mir was zu trinken bestellen?»

«Gern», sagte Carl und ignorierte den höhnischen Gesichtsausdruck seines Gegenübers. Er rief dem Barmann etwas zu. Mit verschränkten Armen stand der in seiner Ecke und rührte sich nicht.

Strandmode, Strandmode, Badeanzug. Eine kauernde Nackte, nur mit einer Brille bekleidet. Extravagante Hüte. Risa blickte kurz und beiläufig auf, blätterte ein paar Seiten weiter und hielt zwei Finger in die Höhe. Der Barmann schenkte zwei Marmeladengläser mit einer klaren Flüssigkeit voll und brachte sie an den Tisch. Carl wartete noch ein paar Sekunden, drehte dann den Stuhl zu sich herum und setzte sich. Eine Zehn-Watt-Birne über dem Tisch verbreitete Dunkelheit.

Er hatte fast den ganzen Vormittag benötigt, um hierherzugelangen. Zuerst hatte er auf der Straße nach einem Viertel gefragt, in dem man sich amüsieren könne. Man hatte ihn zum Hafen geschickt. Dort hatte er sich vorsichtig nach Waffen erkundigt. Ein Mann hatte ihn an den nächsten verwiesen. Je konkreter seine Fragen wurden, desto verschwommener wurden die Antworten. Zuletzt hatte Carl sich von einem Halbwüchsigen fünf oder sechs Straßenzüge weit in die Bidonvilles führen lassen und war in diesem Loch gelandet. Der Halbwüchsige hatte einen Dollar für seine Dienste verlangt, dreimal so viel wie alle anderen zusammen, weshalb Carl sich überhaupt für ihn entschieden hatte.

Risa führte das Glas an die Lippen, schloss die Augen und roch das Holzaroma des Selbstgebrannten. «Wenn du nichts kaufen willst, wozu dann der Aufstand?»

«Wie gesagt —»

«Du denkst, du kannst mir was vormachen», sagte Risa. «Aber du kannst mir nichts vormachen.»

Carl schwieg.

«Du willst etwas kaufen.»

«Nein, ich —»

«Dann verkaufen.»

«Nein.»

«Kaufen oder verkaufen.» Risas Stimme bekam einen bedrohlichen Unterton.

«Verkaufst du denn was?»

«Nein.»

«Na schön», sagte Carl und überlegte kurz. «Nehmen wir mal an, ich wollte etwas kaufen. Oder nehmen wir einmal an, ich wollte vielleicht etwas kaufen und würde mich bei jemandem, der nichts verkauft und auch nichts damit zu tun hat, danach erkundigen, wo man denn was bekommt.»

«Nehmen wir mal an, du bist eine Schwuchtel.» Risa langte über den Tisch und drehte mit zwei Fingern Carls Kinn hin und her. Der Barmann grinste.

«Gut», sagte Carl kompromissbereit. «Nehmen wir mal an, ich bin eine Schwuchtel. Und als solche habe ich naturgemäß keine Ahnung von der Materie und brauche eine Information. Und zwar, was das kostet.»

«Was was kostet?»

«Minen zum Beispiel.»

«Was denn für Minen?»

«Eine Mine. Irgendeine.»

«Irgendeine? Du willst wissen, was irgendeine Mine kostet? Und deshalb kommst du hierher?»

«Die teuerste.»

«Die teuerste? Eine mit Wums oder was?»

«Ja. Hauptsache teuer.»

«Nein», sagte Risa. «Nein, nein, nein, nein! Mit Wums — oder teuer?»

«Es geht um den Preis.»

«Du willst irgendeine Mine kaufen — Hauptsache teuer?»

«Ich will sie nicht kaufen.»

Risa kippelte mit seinem Stuhl vor und zurück und wieder vor. Mit der flachen Hand patschte er auf Carls Kopfverband. «Was ist das? Haben sie dir da das Hirn rausgemacht?»

«In gewisser Weise.»

«In gewisser … du gibst also zu, dass du einen Schaden hast?»

«Ja.»

«Mir machst du nichts vor.»

«Ich hatte nicht die Absicht.»

«Der letzte Flic, der das versucht hat —»

«Ich bin kein Flic.»

Risa trank einen Schluck und stellte das Glas vor sich hin. Er klappte die Zeitschrift zusammen und schob sie in die rechte Tasche seines Jacketts. Gleichzeitig griff er mit der linken Hand unauffällig in die linke Tasche seines Jacketts. Zwei Gäste, die weiter hinten im Dunkel der Bar saßen, sprangen auf und rannten zum Ausgang. Der Barmann duckte sich hinter der Theke. Ein Stuhl fiel um.

«Nehmen wir mal an», sagte Risa leise, «ich hätte wirklich schon einmal was von diesen Sachen gehört, von denen du da redest. Waffen.» Er zog die Mundwinkel auseinander und entblößte zwei Reihen strahlend weißer Zähne, ganz langsam, wie er es bei Burt Lancaster gesehen hatte. «Und nehmen wir zusätzlich mal an, dass du dich tatsächlich nicht dafür interessierst. Dass du mir nichts verkaufen willst, dass du keine Waffen brauchst und dass du kein Flic bist. Nehmen wir mal an, du betreibst tatsächlich eine — wie hattest du das gesagt? — eine Recherche.»

«Ja», sagte Carl ängstlich.

«Eine journalistische Recherche. Und wozu? Um in den führenden Intelligenzblättern Europas aufsehenerregende pazifistische Artikel gegen Landminen zu veröffentlichen und die Welt ein kleines bisschen schöner und moralischer zu machen?»

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