Wissenschaftler des Kings College in London haben zweitausend Zwillingspaare untersucht, die Länge der Chromosomenenden (Telomere) mit der Anzahl der Leberflecke verglichen und je nach Anzahl der Flecken die Probanden in zwei Gruppen eingeteilt, wobei nach der Auswertung die Gruppe mit mehr als hundert Leberflecken auch die längeren Telomere aufwies als die Gruppe mit weniger als fünfundzwanzig Leberflecken. Telomere bilden die Endstücke von Chromosomen. Mit zunehmendem Alter verkürzen sie sich parallel zu den durchlebten Zellteilungen; je mehr Zellteilungen, desto kürzer sind die Telomere, je kürzer sie sind, desto älter die Zelle und damit auch der Mensch. Telomere sind wie Endstücke von Schnürsenkeln, die verhindern, dass die Chromosomenschnüre ausfransen. Je mehr Leberflecke ein Mensch auf seiner Haut versammelt, desto weniger kann ihm der Alterungsprozess was anhaben, umso intensiver wird er dem Tod widerstehen, wenn er Glück hat, wird er deutlich langsamer als andere Menschen altern. Ich will die Flecken auf meiner Haut, die sich unter Wasser bilden und an Zahl zunehmen, nicht. Die Heimerzieherin singt scherzend: Ich fand das ganz große Glück mit dir im Zug nach Osnabrück, Wir fingen an zu schmusen, beim Halt in Leverkusen, dein süßes Muttermal, fand ich in Wuppertal. Ich fühle Bienen unter meiner Haut. Ich spüre wieder dieses Flirren in der Luft und das Flirren von tief innen her. Der Körper, zur Muttermalwabe gewandelt, ein gutartiger Hauttumor, der aus Blutkapillaren bestehend, verschieden gefärbt, je nachdem, ob die Kapillaren arterielles oder venöses Blut führen. Ungefährlich nie, diese Feuermale. Gezielte Behandlungsmethoden, die man je nach Art und Lage des Fleckes anwendet, sind elektrische Verschorfung, Radium in geringer Dosierung, Unterkühlung mit Kohlendioxid und die Entfernung durch herkömmliche Chirurgie oder mit Laser. Ich werde den Gedanken nicht los, dass ich ein Wespennest bin und Wespen zu meinen Offnungen ein und aus fliegen, in mir über Generationen lebend, sich ausbreitend, mir von innen her die Haut beengend. Meine Haut, die nicht die Haut des Kindes ist, das sich seiner Mutterhaut sicher sein kann, sondern eine auferlegte, fremde Haut, als Ersatz für die Mutterhaut, die mir abgezogen worden ist, und in tausend Fetzen zerfiel. Nichts anderes als Transplantation ging mit mir vonstatten, als die Adoptionseltern mich als ihren Ersatzsohn auserkoren, mich in ihr Haus und Leben versetzten. Transplantation. Verpflanzung von Gewebe oder Organen, von einem Lebewesen zum anderen. Herz, Leber, Niere, Knochenmark, Hornhaut, Auge, Bauchspeicheldrüse und Haut. Was transplantiert werden kann, wird verpflanzt. Warum nicht die Krönung? Warum nicht einen Menschen wie Herz und Lunge gemeinsam in eine kinderlose Beziehung transplantieren? Der Patient überlebt, wenn das Kind den neuen Eltern gefällt. Das Kind kann sich nicht beklagen und Einspruch dagegen geltend machen, dass man es verpflanzt hat. Die Verpflanzung der Bauchspeicheldrüse nutzt Personen mit Diabetes. Knochenmark transplantiert man bei Krebserkrankungen und Leukämie. All diese Eingriffe sind mittlerweile medizinische Routine und verlaufen bis zu einem gewissen Grad erfolgreich. Man kann sich auf schwierige Operationen spezialisieren, wie im französischen Lyon, wo man erfolgreich eine Hand samt einem Teil des Unterarmes transplantiert hat. Drei Jahre später wird dem Patient auf dessen Wunsch hin die transplantierte Hand wieder abgenommen, weil ihm die neue Hand seelische Qualen bereitete, er sich wegen ihr zur Einnahme von Immunsuppressiva gezwungen sah und es zu Belastungen kam. Ich bin das Organ bei der Transplantation, nach dessen Befindlichkeit und Immunsystem nicht gefragt wurde. Und natürlich wurde mit dem ersten Tag der Adoption eine Abwehrreaktion ausgelöst. Man hat versucht, die Symptome zu unterdrücken. Man hat sich zielstrebig gegen die Natur des Kindes verwendet. Ich bin durch die Unterdrückung meiner Persönlichkeit als Transplantationsobjekt die ganze Adoption lang anfällig für Infektionskrankheiten. Die Adoption folgt der sogenannte Graft-versus-host-Reaktion. Transplantat gegen Wirt. Die Adoption hätte abgebrochen und verhindert werden müssen, als ich mich zu meinen Ungunsten veränderte, für keine Lockung mehr empfänglich zu machen war. Es wäre keine weitere Abstoßung zu erwarten gewesen, wenn man mich aus der Adoption genommen und ins Heim zurückgebracht hätte. Ich bin ein gebrandmarktes Kind, stecke in einer Brandhülle und entwickle während meiner Adoptionszeit spezielle Absonderungen und Substanzen, die meiner Brandhaut genehm sind. Dieser Haut, in die ich gezwungen wurde, in der ich stecke, die schmerzt und nach Linderung schreit.
Ich bin am Strand meiner Kindertage unterwegs, spreche mit angeschwemmten Hölzern, abgetriebenen, angetriebenen Flaschen, denke mir zu textilen Fetzen wie dem an Land geworfenen Jackenärmel fantastische Geschichten aus. Ich sitze an meinem Meer, sitze ihm in gebührender Entfernung gegenüber, schaue dem Treiben der Wellen zu und spüre den Tidenhub meiner Seele. Höhen. Differenzen. Wasserzwischenstände. Niedrigpegel. Hochwassergefahr. Bewegungen. Gezeiten. Ich fühle mich wie der Armlose, der den weggeschnittenen Arm als Phantomschmerz spürt und der seinen verlorenen Arm so täuschend echt wahrnimmt, dass er ihn hebt und mit der fehlenden Hand nach einer Sache greift, die er nicht zu fassen bekommen wird. Ich setze mich den Anziehungskräften zwischen Erde, Mond und Sonne aus und bilde mir ein, Bestandteil des Universums zu sein, überdurchschnittlichen Kräften ausgesetzt. Das Wasser steigt unmerklich. Flut zieht auf. Wasser fällt und leitet die Ebbe ein, das Auf und Ab des Wassers, durch mich bestimmt wie der volle und der neue Mond. Ich spüre mein Wirken bis in meine Fingerspitzen. Ich sitze im Sand am Boden. Meine unheimlichen Kräfte lähmen mich. Ich möchte wie jeder normale Mensch nicht Gezeiten spüren. Es treibt mich aus meinen Verhältnissen ans Meer, in den Sturm, zu den Böen. Ich kann gar nichts dagegen tun. Ich muss die Stadt verlassen, dem Meer gegenübertreten und meine Tidenhubschübe auf mich wirken lassen. Immer um die gleiche Zeit. Immer in denselben Wochen der Monate Februar und November treibt es mich an fremdländische Küsten, wo ich mich den Gezeiten ausliefere, mit Gezeitenspitzenwerten von bis zu fünf Metern. Das Meer, auf das ich sehe, arbeitet unverdrossen gegen die glitschigen, ins Meer einfahrenden Bunen an. Mich ergreift heftiges Kribbeln. Ich mag Irland, weil der Tidenhub dort groß ist. Ich folge dem irischen Tidenhubsog. Ich entkleide mich, wenn es so weit ist, und stehe nackt im irischen Wasser, um die Schübe die Beine empor zu verfolgen. Ich gehe tiefer ins Wasser hinein. Ich lege mein Kinn auf die Wasseroberfläche, um mit der Kinnspitze die Tidenhubspitzen zu empfinden, mich dem Tidenhubgefühl ungehindert auszusetzen. Ich möchte im irischen Wasser stehend sterben. Ich bin immer kurz davor, mich zu ertränken. Etwas bewahrt mich vor diesem freiwilligen Tod, reißt mich los und zurück in die Wirklichkeit, kehrt mich um, kleidet mich an, rubbelt und scheuert mir meine Glieder, den zitternden Leib, der mich rüttelt und schüttelt, bis ins Mark erschüttert, mich antreibt, Laufstrecken zu absolvieren, entlang der Strände vor mir, um zu rennen, bis der Schweiß so aus mir herausbricht, ich mich fallen lassen kann, flach liege, glücklich bin wie nach einem überstandenen Fiebertraum. Das Meer auf Meeresspiegelhöhe erleben. Bei den Steinen sein. Im kalten feuchten Sand. Die Hände tief in diesen Sand graben. Das traurig-schöne Gefühl von absoluter Verlassenheit erlangen, das mich an einem Strand ergreift, zu haltlosen Tränen hinreißt, kaum dass ich mit meinem Körper kaltfeuchten Sand berühre; wieder der kleine Junge von damals sein. Ich gerate in die Waisenvergangenheit zurück. Ich kann einem Seehund gleich heulen und mich verlachen und leise murmeln, lallen, singen, rauslassen, was mich innerlich bewegt: Zu den Steinen stehen, die wie du Gefangene sind auf sandig-gelbem Grund, unterhalb der Uferböschung, den Blick gen Himmel, immerfort, auf dem Kippelrand der Steilküste, mit meinen beiden kindlichen Augen, um Jahre gealtert, ein Bruder mir.
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