Es ist der Monat der Arbeiterfeierlichkeiten:»Alles heraus zum 1. Mai!«hofft ein Transparent an der Mauer des Städtischen Friedhofs Dresden-Tolkewitz.
Es ist die Zeit, in der jeden Mittwoch dreizehn Uhr eine Sirene über der Stadt aufheult und den Ernstfall probt, in der nachts von den sowjetischen Übungsplätzen rings um die Stadt Maschinengewehrknattern in den Schlaf dringt, tags Jagdbomber Kondensstreifen in die Himmelsbläue zirkeln, nach ein paar Sekunden folgt der Düsenschall donnernd nach. Und was hilft es, sich vor der Tatsache zu verstecken, daß auch die Kokosnuß, bekannt für ozeanische Wanderkraft, den Weg elbeaufwärts zu finden vermag und als filzig behaarte, kanonenkugelgroße Beschaffenheit auf einigen Obsthorden im Gemüsegeschäft der Frau Zschunke, an einem kalten Nachmittag im Mai, real zu existieren scheint? Witwe Fiebig sieht zuerst Frau Zschunke an, die den Blick niederschlägt und nickt. Dann sieht sie die übrige Kundschaft an: leidgeprüfte Hausfrauen, durch die Herumrennereien elastisch gebliebene Rentner, Herr Sandhaus: ein Verbündeter. Abgesehen davon, daß sie keine Chance haben, beschließen sie, fair zu sein: Witwe Fiebig sichert zunächst zwei der real existierenden Vorkommnisse in ihren Einkaufskorb und schärft Herrn Sandhaus ein, ihn nicht aus den Augen zu lassen. Dann rennt sie auf die Rißleite, direkt vor Binnebergs Konditorei, wo törtchenlöffelnde Dresdner Nostalgikerinnen ihr hastiges Benehmen bereits registriert haben, legt die Hände trichterförmig an den Mund und schreit dreimal KOKOSNÜSSE! in die Tiefen sozialistischen Stadtteillebens, das nicht umhinkann, die Daseinsweise der Eiweißkörper zu sein (wie Friedrich Engels schreibt), die wesentlich in der beständigen Selbsterneuerung der chemischen Bestandteile dieser Körper besteht. Witwe Fiebigs Ruf verhallt nicht ungehört, und da das Bewußtsein ein Entwicklungsprodukt der Materie ist, folgt die Einsicht in die Notwendigkeit, ebenfalls einen der befilzten tropischen Reisekader vom Volkseigentum in Frau Zschunkes» Saftladen «in Privateigentum zu überführen. Meno, zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort, hat bereits ein Exemplar für die Hoffmann-Familie in der Heinrichstraße und eines für sich selbst (das heißt: für die Stahls und ihr wenige Monate altes Baby) sichergestellt, als ihn Frau Zschunke mit einem durchdringenden» Pro Nuß ’ne Nuß, nich mehr!«das überzählige Exemplar wieder zurückzulegen bittet. Als Meno die Hoffmannsche Kokosnuß vorbei an einer Hundertmeterschlange, wo finstere Blicke auf längst überwundenen Bewußtseinsebenen sprechen, in Richtung Heinrichstraße trägt, hat er seit langem wieder einmal das Gefühl, eine Tat, eine wirklich nützliche, runde, unhinterfragt gute, lobverdienende Tat getan zu haben — Judith Schevolas Buch wird im Verlag verzögert, Gutachten verbreiten ideologische Bauchschmerzen; Meno ist machtlos dagegen. Abends steht die Kokosnuß, gesäubert, entfilzt (Barbara:»Das Zeug nich wegtun, Anne, wer weiß, wozu man das noch mal gebrauchen kann!«), geschrubbt aufrecht wie Kolumbus’ Ei auf dem Küchentisch und wird von der versammelten Familie ungläubig begutachtet. Die Küche ist klein, man steht eng, die Luft ist schlecht. Kerzen brennen rund um die Kokosnuß, eine von Barbaras übertriebenen Ideen, wie Meno findet, der seinen Triumph still genießt.
«Na los, Richard. Knack se«, reizt Ulrich. Robert hält das Kon-Tiki-Buch des norwegischen Ethnologen und Abenteurers Thor Heyerdahl in den Händen, falls jemand daran zweifeln sollte, daß Kokosnüsse Augen haben, die man anbohren muß, wenn köstliche Milch rinnen soll. Anne hat Schalen aufgestellt. Für jeden ein Schlückchen. Richard greift zum Korkenzieher und gräbt ihn in einen schwarzen Punkt, der ein solches Auge sein könnte, wie es Heyerdahl in seinem Bericht schreibt. Richard schafft es einige Umdrehungen weit, zerrt, die Nuß zwischen den Füßen, mit aller Kraft und bekommt ein Filz-Stöpselchen sowie den Korkenzieher verbogen zurück. Die Milch will nicht rinnen. Robert weist vorsichtig darauf hin, daß Heyerdahl von grünen Nüssen schreibe, wenn er und seine Männer auf den Marquesas-Inseln Kokosmilch tränken. Barbara schüttelt die Nuß: Sie bleibt rund, kompakt und innen still und stumm. Der Seiffener Nußknacker neben dem Samowar, ein Bergmann mit Klapp-Kinnlade, ist zu klein und verletzlich geschnitzt; es bedarf brachialerer Lösungen, aber Annes Fleischhammer nützt auch nicht: nur ein paar Stückchen Sprelacart splittern von der Anrichte ab, und Ina hält sich die Ohren zu, weil Ulrich seine Hiebe in erblindender Wut führt. Richard und Ulrich gehen auf den Balkon, wo etwas Werkzeug aufbewahrt liegt, geben der Nuß mit einem Amboß harten Boden, Richard hebt einen Zimmermannshammer, die Nuß glitscht seitlich weg, trifft Ulrich am Schienbein. Ob Richard keinen Vorschlaghammer habe, jetzt reiche es ihm, er lasse sich von so einer verdammten Kokosnuß nicht kleinkriegen, und wenn er mit dem Moskwitsch drüberrollen müsse! Richard hat keinen Vorschlaghammer. Weder die Stenzel-Schwestern noch Nachbar Griesel verfügen über dieses gewichtige Argument, André Tischer aber über einen Schneidbrenner, den Ulrich als letztes Mittel der Kokosnuß androht, Richard hat einen Schraubstock. Sie drehen, bis sich die Spindel biegt. Die Nuß, ein harter Schädel, denkt nicht ans Aufgeben.»Wir könnten das Ding vom Balkon auf die Gehwegplatten schmeißen, mit Schmackes!«—»Da springen doch die Trümmer sonstwohin, und ich möchte, nein: Ich will! Schnorchel, einmal in meinem Leben so was getrunken haben! Stell dir mal vor, da ist noch Milch drin — und dann auf den Gehwegplatten!«Sie versuchen es mit einer Säge, aber die faßt nicht, rutscht auf der glatten Oberfläche immer wieder ab.»Kann sein, die hat ’nen Schraubverschluß, und ihr seht ’n bloß nich«, wagt Robert anzumerken.
Der Sommer kam. Die 12. Klassen hatten Abiturprüfungen. Fahnenappell: Alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg in unserer sozialistischen Gesellschaft! Blumen, Händeschütteln, noch einmal ein gemeinsamer Discobesuch, Suff und Zigaretten, abhotten.
Muriel wurde in einen Jugendwerkhof eingewiesen. Sie war verwarnt worden und hatte dennoch im Staatsbürgerkundeunterricht immer wieder ihre Meinung gesagt.
Hans und Iris Hoffmann wird Versagen bei der Erziehungsarbeit vorgeworfen, das Erziehungsrecht aberkannt.»Das Ziel der Umerziehung in einem Jugendwerkhof besteht darin, die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzungen für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen«, sagt die Richtlinie.
II. Buch: Die Schwerkraft
37. Abend im Haus Eschschloraque
Ruckend und knirschend, erhellt vom funzeligen Licht der Bergstation und einiger Lampen im Wageninneren, setzte sich die Schwebebahn in Bewegung, sank aus der Haltebucht heraus ins Freie und an einer Schiene unter den hufeisenförmig gebogenen Stahlträgern dem Tal zu. Es war ein kühler Spätherbstabend. Judith Schevola fror im dünnen Mantel, Philipp Londoner hatte ihr seinen Schal geliehen, den sie wie einen Spanischen Kragen um den Hals gewickelt trug, so daß nur die Nasenspitze und ihre kalt beobachtenden Augen hervorlugten; tief in die Stirn gezogen, ließ eine überdimensionale flache Mütze, wie sie UFA-Stars zu Knickerbockern getragen hatten, ihren Kopf einen Fledermausschatten werfen.
«Wenn mich der Posten oben noch mal nach meinem Ausweis gefragt hätte — «
«— wären Sie explodiert. «Schevola zog den Schal herunter, streifte Philipp mit einem spöttischen Blick.»Vermutlich hat er Ihnen das angesehen, und deshalb wollte er nichts riskieren. Wer weiß, vielleicht häuft sich das in letzter Zeit bei denen, die von Barsano kommen.«
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