«Ja, und eure Frauen stellen inzwischen daheim die Pantoffeln für euch zurecht. Mit merkwürdig nett meine ich, daß ich normalerweise nie einen Mann, den ich als nett bezeichne, ganz ernst nehmen könnte. Ihr Neffe ist nett, aber ich nehme ihn trotzdem ernst, das finde ich merkwürdig. Er scheint viel zu wissen. Vielleicht ein wenig zuviel für sein Alter. Und er übt eine Anziehung auf Frauen aus. Das scheint er interessanterweise nicht zu wissen.«
«Sie brauchen ihm diesen Floh auch nicht ins Ohr zu setzen«, warnte Meno schroffer, als er gewollt hatte.
«Keine Angst«, erwiderte Judith Schevola,»ich glaube nicht, daß er bedenkenlos und animalisch genug ist, um mit Frauen ins Bett zu gehen, die doppelt so alt sind wie er und also seine Mutter sein könnten. Es gibt Männer, die gewissermaßen immer mit ihrer Mutter ins Bett gehen, und solche, die das hassen. Er dürfte eher zu dieser Kategorie gehören.«
«Junges Gemüse strebt zu jungem Gemüse!«
«Wie taktvoll du bist, Philipp. Mit reiferen Frauen könnten junge Männer lernen, was Sinnenglück und Diskretion ist. Die Lust zum Kriegspielen würde ihnen vergehen.«
«Du hast eine unangenehme Art, andere Menschen einzuschätzen«, bemerkte Philipp gekränkt,»oft baust du auf bloßen Äußerlichkeiten auf.«
«Komm mir doch nicht mit Tiefe, Genosse Professor. — Revolutionäre! Kaum kratzt man ein bißchen am Lack, kommt ein Einfamilienhäuschen zum Vorschein. Und eine Küche mit Herd und rotweiß gewürfeltem Tischtuch, auf dem der Gemütlichkeits-Samowar herzwärmende Getränke zum Kuchen liefert.«
«Das unterstellst du mir? Mir? Spießertum? Ich glaube, dir müßte mal jemand den Kopf geraderücken.«
«Das wollen viele, mein Lieber, keine Sorge. Übrigens kannst du deine kleine Chilenin ruhig mal mitbringen. Bürgerliche Moralvorstellungen fand ich noch nie besonders spannend.«
«Wir wären da«, schlug Meno vor.
Eschschloraques Haus war an den Hang gebaut. Eine schadhaft aussehende Brücke mit Kanonenkugeln in Eisenkörben, zwischen denen Ketten als Geländer liefen, führte vom schmiedeeisernen Tor, obenauf eine verbogene Bienenlilie, zur ersten Etage des zwischen düsteren Fichten verborgenen, fremdartig wirkenden Baus. Die Peitschenlaterne an der Stiege zur Pillnitzer Landstraße erhellte fahl den Giebel und einen Teil des Daches, das, mit ornamentierten Schindeln gedeckt, schuppig wie Drachenhaut wirkte.»Haus Zinnober«, murmelte Judith Schevola die Inschrift nach, die zwischen Fachwerkbögen unter einer rostig knarrenden Wetterschlange geschrieben stand.
Eschschloraque riß die Tür auf, musterte Philipp, der noch die Hand nach dem Klingelknopf ausgestreckt hielt, dann Meno und Schevola.»Wir beschäftigen uns mit Leim«, sagte er und nickte einzutreten.»Für den fortgeschritteneren Teil des Abends hatten wir an Kollegs über Wiederholungen und Konservierungsmittel gedacht. Wer etwas dazu beizutragen weiß, sollte sich nicht schämen, die Hand zu heben; auch ließe es die Qualität des Mitschurin-Dinners verzeihlich erscheinen, wenn jemand noch beim Kauen dringend etwas richtigzustellen wünscht. Albin!«rief er den hinter ihm im Flur wartenden, lächelnden jungen Mann, der die gleichen Pastellfarben-Anzüge zu bevorzugen schien wie Eschschloraque, wenngleich Albins Anzug einen schillernden Fliederton und Eschschloraques den silbrigen von Fischflossen aufwies.»Wir haben Gäste.«
Albin trug Monokel und stellte sich mit Verbeugung, Judith Schevola mit gehauchtem Handkuß vor.»Albin Eschschloraque, ob angenehm, werden wir sehen. Ich bin — der Sohn. Vom Vater hab’ ich die Statur, des Lebens angeknackstes Führen. Von der Mutter bitte nichts. Willkommen. «Er wies auf eine Reihe Sandalen und durch den schwach möblierten Flur ins Wohnzimmer. Es schien die weitläufige Zelle japanischer Mönche zu sein, die sie in elegant-strenger Haltung zu empfangen schien; ein karger Raum, der nicht für abendliches Füßehochlegen gemacht war; zwei Arbeitspulte auf roh zugehauenen Baumstämmen standen in Entfernung einander wie stolze, unnahbare Häuptlinge gegenüber, eine Regalplanke, die in den Raum wie ein Sprungbrett ragte, hielt einige Bonsai-Bäumchen ins Grellweiß eines Punktstrahlers. Auf dem Sofa darunter saß der Maler Vogelstrom mit einem Skizzenblock auf den Knien, einige Blätter hatte er herausgerissen und vor sich auf den niedrigen, stark geflammten Holztisch gelegt. Das» Mitschurin-Dinner «duckte sich auf einem Rollwagen aus Edelstahl. Das Auffallendste im Raum war ein Aquarium, durch dessen von Sauerstoffblasen durchträumte Klarheit, in angenehmer, zeitlupenhafter Farbregie, die verschiedensten tropischen Fische wechselten.
«Lieber Philipp, bevor du mir verrätst, wie verständnisvoll Barsano gegenüber deinen gewiß scharfgeschliffenen, zahlenfunkelnden Ausführungen gewesen ist, möchte ich dich bitten, einen Blick in mein Aquarium zu werfen. Erkennst du, womit dieses Subjekt«, er wies auf Albin, der mit verschränkten Armen neben der Tür stehengeblieben war,»an meinen Lieblingen, an ihrer mozartischen Schwerelosigkeit, gefrevelt hat? Und Sie, Rohde, sehen Sie es, der Sie sonst mit roten Kommas Anspielungen ritzen? Ah, Fräulein Schevola, von der Schiffner wie ein Geißbock fistelt, zeigen Sie Ihre Beobachtungsgabe ungeschärft von der edlen Scheurebe, deren Etikett Sie eben prüften!«
«Sie müssen zugeben«, erklärte Albin, indem er sich vom Türrahmen löste und mit theatralisch heruntergeklappten Händen näher kam,»daß es nicht einfach gewesen sein kann. Die Glitschigkeit des Fischleibs im allgemeinen und der Schwanzflossen im besonderen, dünn und hauchig transparent, wie sie sind, widersetzt sich der Klebekraft auch der besten Leime. Übrigens, Leim: ist wasserlöslich, wasserlöselich, wasserlasserlich, ach. «Er kicherte barock.»Aber in diesem Land ist vieles mögelich. Auch Spezialkleber. Ein Punkt auf jede Schwanzflosse, ein wenig Druck unter hohler Hand — ihr Zappeln ist wie das von Schmetterlingen — dann frisch zurück ins nasse Element! Sieh da, es klebt, sie streben sinnlos in verschiedne Gegend.«
«Du hast meine wertvollsten Fische an den Schwänzen zusammengeleimt«, erwiderte Eschschloraque und angelte sich ein Schinkenbrot vom Mitschurin-Wagen.»Wolltest du ideologisch testen? Hü oder hott? Was hast du getrieben?«
«Wissenschaft, mein Vater. Die Herren baten um Bericht.«
«Wissenschaft! Der Gottheit bring’ ich gern ein Opfer!«Eschschloraque nahm einen Kescher, ging zum Aquarium, hob die beiden zusammengeleimten Fische heraus.»Albin, ich will es dir zeigen. «Er winkte seinem Sohn, der mißtrauisch das Monokel zurechtklemmte.»Du willst mir Böses tun, Herr Vater. Selbst der Vogelstrom merkt es, hüllt die Karikatur, die ich nicht bin, in Schwammpilz und Zunder.«
«Ach was, komm her.«
Mit einem Satz war Eschschloraque bei Albin, der auf ihn zugetreten war, griff ihm an die Wangen und versuchte, ihm die Fische in den Mund zu schieben. Albin spuckte nicht aus, sondern biß zu und kaute, wobei er den zweiten Fisch wie ein Gummitier dehnte und abriß. Er warf ihn ins Aquarium zurück, wo das Tier lahm und mit halber Schwanzflosse hinter einen Stein schwamm.»Ich brauche was zum Verdauen. Magenbitter ist keiner da?«Albin wühlte auf dem Wagen herum.»Typisch, das vergessen sie immer.«
«Du Mißgeburt von einem Sohn«, Eschschloraque zündete sich ruhig eine Zigarette an,»wenn du ein Dramatiker werden willst, der mich übertrifft, mußt du dir Besseres einfallen lassen. Wiewohl ich zugebe«
«— daß ich Fortschritte mache? Liebster Herr Vater, was glaubst du, was es mich gekostet hat, diesen Spezialkleber zu beschaffen. Ich mußte ernste Opfer bringen!«Albin ließ in gespielter Empörung das Monokel aus dem Auge fallen. Judith Schevola beugte sich zu Meno, inzwischen hatten sie sich auf das Sofa zu Maler Vogelstrom gesetzt, ohne daß dieser ein Wort des Grußes gesprochen oder auch nur von seinen Papieren aufgesehen hätte:»Albin hat Ähnlichkeit mit einem kastrierten Seehund, finden Sie nicht? Die Äpfel auf seiner Krawatte sind so … geschmackvoll. Soll ich Ihnen eine Schale Erdnußflips mitbringen?«flüsterte sie. Meno beobachtete sie von der Seite, sie schien entschlossen, die Szene auszukosten.»Woher wissen Sie, wie kastrierte Seehunde aussehen?«
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