… aber die Bahn fuhr, und er machte die seltsame Erfahrung, an einem Ort zu sitzen, an dem er noch nicht anwesend war, er ging ja noch immer durch die Wolfs- und Mondleite und war auf dem Weg zum Tausendaugenhaus; er hörte noch immer die Grammophonmelodien der Stenzel-Schwestern in der Karavelle und sah Kitty beim Müllern zu, genoß die Stille im Wachwitzer Park, wo der Oktober wütenden Frieden schloß mit dem Sandplatz vor der römischen Villa und ihren Fenstern, die nichts dafür konnten, daß sich das Licht so verschwenderisch auf sie warf, daß die Büsche wie wartende, honigbekleckerte Katzen aussahen und die Rhododendren schon am Nachmittag verglühten; er ging noch immer durch den Park, sah die Gartengeräte, Schubkarren, Propangasflaschen und dachte an Flucht: Hierbleiben Hiersein , kniff die Augen zu: Welt in Orange, öffnete sie: Rotbraun und Ocker flitterte durch die Buchenkronen, Blätter kippten wie Visiere winziger Schildwachen, rostgefleckt und bestimmt, noch flogen die Marienfäden, und er versuchte sie mit ausgestreckten Händen, weitgespreizten Fingern festzuhalten, als wären sie Geweb, das von den Wolkendampfern herabhing, und er könnte sie aufräufeln oder mitfliegen wie ein kleiner Junge; aber er konnte es nicht, er saß hier auf einem grauen Stuhl in einem Wagen der rotweiß lackierten tschechischen Tatra-Straßenbahnen — und war doch noch dort; es war, als ob er der Schatten wäre und der andere Christian der Mensch aus Fleisch und jetzt erstarrtem Blut (habe ich auch alles dabei? Einberufungsbefehl, Wehrdienstausweis, fahrig-hysterischer Griff zum Brustbeutel, Kurts Karte hat schon ein Eselsohr), und er, der Schatten, wäre mit dem anderen in jedem Körperpunkt durch Myriaden unzerreißbarer, aber enorm dehnbarer Spinnfäden verbunden, die ihn Molekül um Molekül abrissen und den Schatten füllten (wie bei Schwimmern, die am Beckenrand mit Gummischnüren festgeschnallt waren und die Bahn hinauskraulten, sie kamen dreißig, vierzig Meter weit, kämpften, den anderen Beckenrand wenigstens mit den Fingerspitzen anzutasten, die Arme rotierten wie Windmühlenflügel, quirlten Schaumsprudel, dann gaben die Schwimmer auf, stellten sich tot und trieben mit dem Gesicht nach unten zurück — er aber wurde abgerissen)
… denn die Bahn fuhr, er sah auf die Elbe, die sich links in weitem Bogen öffnete, drüben das Käthe-Kollwitz-Ufer, die drei Hochhäuser vor der Brücke der Einheit, Plattenbauklötze, in die Silhouette der Altstadt gepfählt, er ging noch einmal durch die Altstadt wie gestern: Die Kunstakademie schien in der blechweißen Sonne die Schultern hängenzulassen, über der Semperoper drehten sich Kräne, die Ruine der Frauenkirche streckte zwei verkohlte Armstümpfe zum Himmel, die Hofkirche lag wie eine behäbige Ente querschiffs zum Fluß und schien in Schlaf gebacken inmitten der Aufregungen des Morgenverkehrs; die Elbe, graubraun geschuppt, glich einem Saurier, der träge vorwärtskroch, und eben jetzt saß der andere, der wirklichere Christian bei Niklas im sprühhellen Musikzimmer auf der Récamiere, die Eltern, Lothar Däne, Schallplatten-Trüpel, Ezzo und Reglinde, Gudrun am Tisch mit den filigranen Meißner Gedecken, Gudruns Vater bärtig, mürrisch und verkannt im Sessel neben der Veranda: Geburtstagsgäste, Musiker aus der Staatskapelle standen im Flur und erzählten Klatsch, Robert studierte Ezzos Angelausrüstung im Kinderzimmer, Christian saß neben Meno, der still wie immer blieb und die anderen beobachtete; der Kachelofen zwitscherte leise, Niklas fummelte am Plattenabtaster herum, pinselte den Saphir, überprüfte die Geschwindigkeitseinstellung, es würde Webers Freischütz geben, mit dem die Semperoper am 13. Februar wiedereröffnet werden würde, das war in der Stadt das Gesprächsthema seit Monaten
… aber die Bahn hielt nur kurz an der Rothenburger Straße, ließ die Pendler in Richtung Sachsenplatz und Äußere Neustadt aussteigen, nahm Schulkinder und ihre ermahnenden Erzieherinnen auf, Angestellte mit Aktentaschen und unter den Arm geklemmten Zeitungen, Christian dachte an Muriel, deren Einweisung in den Jugendwerkhof sich im Viertel herumgesprochen hatte
… und blieb nicht stehen am Platz der Einheit, am Hochhaus der Verkehrsbetriebe und der Otto-Buchwitz-Straße mit dem hellblauen Hauptpostamt, er hatte Lust, einfach auszusteigen und die Straße der Befreiung hinunterzugehen, am Denkmal für die Sowjetarmee mit ihren heldenhaften Rotgardisten vorbei und an der Schillerstele, an der Vierkugeluhr vorbei und dann zum Goldenen Reiter zu gehen hatte er Lust, und die Reisetasche in der Bahn einfach weiterfahren zu lassen, mochte sich doch darum kümmern, wer wollte; davonlaufen, ja: Warum konnte er nicht einfach davonlaufen (weil sie dich kriegen), warum mußte er hier sein (weil du Medizin studieren willst), aber haben es nicht auch solche zum Studium geschafft, die nur anderthalb Jahre dienten (mag sein, aber es gibt dieses Gesetz, daß mit dem Studium nur beginnen darf, wer seinen Wehrdienst abgeleistet hat … was, wenn sie dich jahrelang nicht ziehen?); er wollte den Goldenen Reiter sehen, jetzt, und sich über das kreisrunde Loch an einer bestimmten Stelle von August des Starken Pferd wundern (wo wurde das Dings aufbewahrt? war es tatsächlich aus Gold?); er wollte über die Dimitroff-Brücke laufen zur Brühlschen Terrasse und erinnerte sich gerade jetzt, als die Türen der 11 zuschlugen und auch schon Gesänge aus dem anderen Wagen hörbar wurden, so daß einige Fahrgäste ihre Zeitungen sinken ließen und die Köpfe schüttelten, an den von seiner Mutter auf einen weißen Porzellanteller gelegten Apfel, der letzte Apfel aus einer, wie Anne sagte, unbezahlbaren Naturaliengabe, die Richard von einem Patienten als Dank für gute Behandlung bekommen hatte; ein Korb mit alten Apfelsorten, unbezahlbar, weil in Geschäften nicht zu kaufen; Sternrenette, Erdbeerapfel, Roter Hauptmann, Mohrenstettiner, (Meno sagte: Schornsteinfeger, Richard kannte ihn aus dem Glashütter Garten seines Vaters als Roter Eiser), an denen sich Robert Bauchschmerzen geholt hatte, weil sie noch nicht ganz reif gewesen waren; Gelber Bellefleur, Pommerscher Krummstiefel, Zitronenapfel; sie wuchsen noch am Elbhang, doch wurden sie von ihren Besitzern gehütet und waren für den Eigenbedarf bestimmt; Jungen, die sie zu stehlen versuchten, mußten mit bissigen Hunden rechnen, und selbst Lange gab nur selten von seinen Obstschätzen ab (Meno bekam welche im Tausch gegen Bücher); Duft, Blätterknirschen, wenn die Herbstniesel kamen, Lackgrün, kräftige harlekinhaft gestreifte Früchte an den Zweigen, Christian erinnerte sich an das klare, beinahe unverschämte Rot des Apfels auf dem Teller, ein schiefes seichtes Schattenoval leckte wie eine Zunge über das Porzellan im Angoralicht eines Novembermorgens, das harte, glasiert wirkende Rot, neben der Wohnzimmertür stand ein Krug, von dessen Rand ein solches Rot in dekorativen Zapfen blutete; er hatte als Kind manchmal sein Ohr an den Krug gehalten, um die Stimmen gefangener Faune zu hören; eben jetzt ging er aus der Küche in den Flur und lauschte, trat auf eine knarrende Stelle im Parkett, weil es still war im Haus, kein Stenzelschwestern-Grammophon entwarf Gesten aus Wäschestärke und Melancholie, weder Rasenmäherlärm noch Pudelwehmut schlürften an den Fensterscheiben, auch Plisch und Plum schaufelten nicht, kein Ofengestocher sondierte die Stille; er überlegte, ein Stück aus dem Apfel herauszuschneiden und auf den Toaster zu legen — oder im Löffel an die Herdgasflamme zu halten, wie Robert es manchmal mit Kunsthonig machte, den er aus einem Pappeimerchen schälte (der Honig schmeckte nach gezuckertem Wachs), aber er legte den Apfel auf den Teller zurück und beschloß, noch einmal durchs Haus zu gehen, bevor er den Apfel essen würde; er hatte noch Zeit
… während die Bahn die Kreuzung Otto-Buchwitz-/Bautzner Straße nahm und sich dem Neustädter Bahnhof näherte, ging er durch die Karavelle und dachte an den Apfel auf dem Teller, der rot wie eine Billardkugel war und genauso kühl sein würde, auch zu vornehm, seine Aromen auf Verlangen und restlos in den gierigen Mund zu kippen, das Fruchtfleisch würde knacken beim Zubeißen, vielleicht würde ein Blutsaum an der Zahnspur stehenbleiben; der Apfel würde nach Stolz, nach Herbst schmecken, genauer: nach der schaumigen Eintracht zwischen Zenit und absteigender Ruhe, in der jene raphe verlaufen war — den Begriff hatte er im Leipziger Anatomieatlas gefunden, den die Medizinstudenten, so war ihnen in einem Schreiben aus dem Studiendekanat empfohlen worden, schon vor der Einberufung beziehungsweise dem Praxisjahr kaufen sollten, Richard hatte ihm das opulente, dreibändige, orangefarben eingebundene Werk aus Doublettenbeständen einer verschlafenen Akademiebibliothek besorgt —; jene raphe (Christian mochte es gern, dieses Wort): die nur für Augenblicke zu Messerklingenschärfe emporlaufende Wucht, mit der September- und Oktoberbrandung aufeinanderprallten, dieser Zeitpunkt (aber es war ja keiner, Stabenow hatte von Punkt-Verwischung gesprochen, von Zeit-Ellipsen und Zeit-Klecksen), dieser Zeit-Klecks also würde aus ungeheuren Aromen die Essenz des Herbstes saugen: das waren Gerüche (für Christian begann der Herbst, der Oktober, der Monat seiner Geburt, mit Gerüchen: der Duft nach altem Brieftaschenleder, der aus den Lamellen von Pilzen stieg, der Geruch nach Pferden, der aus nassem Laub kam, die ohnmächtige Süße des Obsts in den» Anker«-Gläsern, die in den Einweckkesseln erhitzt wurden), das war hier- und dorthin gestellte, nervöse Hast, durchkreuzt von den Linien eines Haubentauchers in der blanken, schläfrig erzitternden Ruhe der Schlösser von Pillnitz, das waren wild hüpfende Bilder (Zitronenstäbe, Spinnensterne in den Bäumen, feuchtes Schwemmholz an den Ufern der Elbe, Moder, Moosgrün in vergessenen Kanalisationsrohren und zwischen den Mauerfugen an der unteren Rißleite, das Korallenrot der Ebereschenbeeren, Pfauenaugen auf dem ergrauten, sonnengewärmten Holz einer Fensterbank, die feinporige, an den Kanten leicht gelockte Stille einer Gießkanne in einer Gartenecke, kleine durchsichtige Kamele aus Wärme, die von Heizungsrippen an Sesseln und Kanapees vorbei in Richtung Türritzen verschwanden); und dabei hatte der Apfel Makel und» Strumpfstellen«, wie es Barbara nannte: schuppige Kerben, die von Wuchsfehlern oder Schädlingen herrühren mochten, also würde er den Apfel nicht anbeißen, sondern mit einer japanischen Klinge aufschneiden, würde sich an dem Wasser des Schnitts ergötzen (der Stahl würde sich von der Apfelsäure blau färben und angenehm bitter schmecken), er vierteilte die Frucht nicht, wie es alle anderen taten, die er bisher beim Apfelessen beobachtet hatte, sondern schnitt den Apfel quer in fingerdicke Scheiben (Reina sagte, so hätte sie noch nie jemanden einen Apfel schneiden sehen),
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