Friseur. Der ist im Schwimmbad, das Becken leer zum Haaresammeln. Ein paar mürrische Soldaten lassen die Haarschneidemaschinen rattern. Rübe runter! Stillgehalten! Neben jedem Schemel steckt ein sogenannter» Normkürbis «an einem Besenstiel in einer Fahnenhalterung. Der Normkürbis ist ein grinsender Landserkopf aus Pappmaché mit vom Filzstift gezogener Haargrenzlinie. Ich hätte also vorher nicht zu Wiener zu gehen brauchen. Neben mir schreit Breck auf, mein zweiter Stubenkamerad. Ist bloß ’ne Warze, du Tagesack, sagt der Genosse Friseur und klatscht einen sepsogetränkten Wattebausch auf die blutende Stelle, den er aus einer Dose» Karlsbader Oblaten «nimmt. Nächste Station, der Fotograf, gleich nebenan. Wir treten hinter eine kopflose, längs aufgesägte Puppe, der vorn eine Ausgangsuniform nebst Schulterklappen, Hemd und Schlips aufgeklebt ist. In die Puppe stellen, Hals in den Hals! Foto. Weiter! Im Med.-Punkt bekommen wir eine Tetanusspritze in den Oberarm verpaßt. Die Sanitäter bewältigen soviel Andrang kaum und stöhnen, man müßte diese halbjährlich nachwachsenden Uffz.-Schüler vergasen. Zurück in die Kompanie. Pfiff: Nachtruhe einhalten! Inzwischen ist es dreiviertel sechs. Bis wir uns gewaschen, die Schlafanzüge angezogen und uns in die Betten fallengelassen haben, ist es vier Minuten vor sechs. Um sechs pfeift Inka: Vierte Kompanie — aufstehen! Nachtruhe beenden! Das war der erste Tag. Heute ist Sonntag, es gibt etwas Freizeit. Viele Grüße! Euer Christian
AZ Q/Schwanenberg, 12. 11. 84
Liebe Eltern: Das Paket mit meinen Zivilsachen müßte inzwischen bei Euch eingetroffen sein? Habt doch da bitte ein Auge auf die äußere Verpackung, es ist ein Zettel in einer ihrer Falten versteckt.
Heute war unser» Faschingsanfang«. Um 5 Uhr wurden wir geweckt, danach die üblichen 10 min Zeit für Waschen, Anziehen, Sachen zurechtlegen, In-Reih-und-Glied-Stehen. Abmarsch, Ziel unbekannt. Wir marschierten im Geschwindschritt eine Straße entlang, plötzlich wurde befohlen» Gas!«(Schutzmasken auf, und da blieben sie 3 km lang). Wir waren von oben bis unten beladen mit: Gewehr, Gurtriemen (mit Gurtriemen beladen, haha, lieber Pa, hast Du mir nicht gesagt, ich solle nicht übertreiben, das wäre undresdnerisch? Herr Orré hat uns das auch beigebracht, frag Ezzo), Feldflasche, Bajonett, Tragetasche, Munitionstasche. Nach den 3 km fielen manche einfach um. Doch das war erst der Beginn der Ausbildung; es kam 1. das Bewegen im Gefechtsfeld: Eineinhalb Stunden lang robbten, krochen und sprangen wir über Schlammacker (es nieselte den ganzen Tag) und waren durchgefroren like storks, klapperklapper. Es folgte 2. das Tarnen. Das bedeutete, daß man eine Zeitung verbrennen mußte, um sich mit der Asche das Gesicht und den Hals zu beschmieren, eine Schweinerei. Dabei ebenfalls Robben, Kriechen etc. Bei mir starke Gelenkschmerzen durch anhaltenden Bodenkontakt. (Ist aber inzwischen nicht mehr anhaltend, der Bodenkontakt.) Dafür das Gesicht schön schwarz. Die Kleidung war kalt wie das kalte Herz und mit Dreck geradezu imprägniert. Aber es folgte 3. das Ausheben einer Gefechtsstellung. Liegend mußte man innerhalb von 30 min ein 1,80 m langes, 60 cm breites und 50 cm tiefes Loch ausheben, das eine bestimmte Gestalt aufzuweisen hat. Kein Zuckerschlecken mit dem schweren Gepäck. Beim Schützenmuldenbuddeln dachte ich, daß Totengräber kein leichter Beruf ist.
Der Nachmittag war ausgefüllt mit Waffenreinigen, Sachentrocknen und — ausbürsten sowie dem üblichen Hin- und Hergehetztwerden. Jetzt sitze ich beim Schein der Taschenlampe (es ist Nachtruhe) und schreibe; meine Zimmergenossen tun es ebenso. Die Nachtruhe ist die einzige Tageszeit, zu der man nicht ständig herausgepfiffen wird. Leider ist sie allzu kurz: Es winkt schon wieder der Frühsport, 3000 m in vollständiger Uniform. Ich habe jetzt fortwährend Herzschmerzen und Schwindelgefühle. Kann aber Einbildung sein. Wenn Stahlhelmtragen befohlen ist, bekomme ich von diesem Monstrum bald Kopfschmerzen. Die denke ich mir dann einfach weg (man muß ja nicht viel denken beim Marschieren).
13. 11. Leichte Taucherausbildung für uns, die 4. Kompanie. Im Laufschritt: marsch! zur Objektschwimmhalle (so heißt das hier); wir entkleideten uns, saßen 4 Stunden am kalten Beckenrand. Dann bekamen wir eine Atemmaske und eine klitschnasse, schwere Uniform übergestreift und mußten, vollständig vermummt in diesem ekelhaften Zeug, eine Viertelstunde ums Becken spazieren. Das ist eine Viertelstunde Nach-Luft-Ringen. Dann ab ins Wasser, das eiskalt war. Ließ man in den Atemschlauch etwas Wasser dringen (man brauchte nur zu lächeln), konnte man auch ertrinken, trotz Sicherheitsleine, denn die Kleidung war schwer, außerdem trugen wir Bleiplatten an den Füßen, so daß die Ausbilder einen wohl nicht so schnell aus dem Becken hätten ziehen können (es war etwa 6 m tief). Na ja, vielleicht wäre man auch nicht ertrunken. Der Anblick unter Wasser war grotesk, wie große schwarze Embryos an langen Nabelschnüren hüpften wir auf dem Bassingrund umher, ich kam mir vor wie ein junger Hund, den man zu irgendwelchen Apportierkunststückchen abrichtet.
Wie geht’s Robert auf der EOS? Wie ist seine Deutsch-Hausarbeit ausgefallen? Hat es bei Reglinde geklappt mit einer Kantorenstelle? Hier gibt es eine MHO (Militärische Handelsorganisation, die sonntags für Unteroffiziersschüler geöffnet hat), da habe ich Dachpappe gesehen, könnt Ihr Tietzes sagen. Niklas wollte doch das Leck überm Musikzimmer abdichten. Wenn ich sie schicken soll, müßte er mir ein Paket senden, das groß genug ist dafür, denn hier gibt es keine Pakete. Übrigens bekomme ich 225 Mark monatlich. Schöne Grüße an Euch alle von Christian
AZ Q/Schwanenberg, 15. 11. 84
Liebe Eltern: Herzlichen Dank für Euer Paket, das gestern angekommen ist. Das war genau der richtige Zeitpunkt, wir konnten nichts zu Mittag essen, da wir Ausbildung hatten. Vor allem die Äpfel sind wichtig, wir haben schon ordentlich dran gezecht (manchmal fällt mir das ein:»Bei einem Wirte wundermild …«, aber niemand hier liest Uhland). Es gibt nur selten Gemüse, Obst gar nicht, aber wir leben ja sonst sehr gesund (viel sportliche Betätigung). Falls Du also, liebe Ma, irgendwann noch ein Päckchen schicken solltest, dann nach Möglichkeit nur Äpfel, Möhren, etwas Seife, einen Salzstreuer. Und Barbara soll mir das Radio bitte nicht schicken (ich wollte ihr schreiben, hab aber bloß Zeit für einen Brief), Radios sind auf den Stuben verboten. Dem Musikmangel könnte man vielleicht anderweitig abhelfen, denn ich habe bisher im Kompanie-Exemplar der Innendienstvorschrift keinen Paragraphen finden können, der ein Cello verbietet. Aber es müßte schrumpfen können, denn das Problem ist der kleine Spind, und auch aus dem Panzer würde das Cello oben zur Luke rausgucken. Immerhin: Wenn ich Herrn Violon Cell die Panzerkappe aufsetze und das Grüßen beibringe, könnte er glatt für mich durchgehen, denn das Brummen und Grunzen ins Bordmikro schafft er bestimmt.
Heute sind wir 6 Stunden marschiert, Exerzierausbildung, alles im» Rokokostil«(die Beine müssen gestreckt und mindestens 30 cm über den Erdboden gehoben werden und drehen ganz, ganz kleine Schleifen). Rechts um, links um, machen Se Qualm, Mensch Schütze Arsch im letzten Glied, raffen Se Ihre Bewegungsbananen! Danach hatten wir Arbeitseinsatz, von mittags 13 bis abends 21 Uhr im Akkord Panzer schrubben, Rost kratzen, streichen, hinter dem Uffz.-Schüler steht der Uffz. und pfeift mit der Trillerpfeife. Besonders schön ist die Gegend um unser Objekt, kahl wie ein Kosakenschädel, ohne Baumbestand, am Horizont Kräne, Industrieschlote, hallenähnliche Gebilde. Hier der Text eines Marschlieds, den wir lernen müssen, denn es ist unser Lied, das» Lied der Panzersoldaten«:»Rosa ist die Waffenfarbe, / die so stolz ich trag’, / rosa ist ein Kleid von dir, / das so gern ich mag. // Von den Feldern winken Tücher, / eins davon gilt mir, / in Gedanken küß’ ich dich, / bald bin ich bei dir. // Freust du dich auf heute abend, / auf den Tanz zu zweit, / dort wirst du die Schönste sein, / du im rosa Kleid. // REFRAIN: Durch das kleine Dorf marschiert / unsre Kompanie, / wo der Weg zu dir hinführt, / das vergeß’ ich nie.«
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