«Du glaubst wirklich, sie würde mich denunzieren — «
«Obwohl sie dich liebt, wolltest du sagen? Die Schwärmereien passen zu Barbara, nicht zu dir, Christian. Was weißt du von Liebe? Was weißt du, was möglich ist?«
Christian war verletzt; Meno schien es zu spüren, er sagte:»Sie küssen dich, und sie verraten dich. Beides im gleichen Atemzug. Es muß nicht immer so sein. Aber manchmal ist es so, und du kannst nichts mehr riskieren. Vielleicht ist Reina eine Ausnahme. Aber eben nur vielleicht. Was, wenn du’s testest und ins offene Messer läufst?«
«Ich mag sie sehr … Wie sie geht, wie sie sich bewegt und«, Christian zögerte, beobachtete seinen Onkel von der Seite,»ihre Achselhöhle«, setzte er lächelnd und vertrauensselig hinzu. Meno lachte auf. Als ob eine Machete ihm zwischen Zeige- und Mittelfinger das Fleisch aufhackte, empfand Christian.
«Ihre Achselhöhle? Und das nennst du Liebe? Das ist nur Sexuelles. Du solltest allmählich begreifen lernen, daß du dich in diesem Land nicht wie ein kleines Kind benehmen kannst.«
«Jetzt klingst du wie Vater«, brauste Christian empört auf.»Nur, weil du und Hanna — «
«Nichts von Hanna.«
Christian tat es leid, aber er wollte sich nicht entschuldigen, er fühlte sich verletzt.
«Wir wollen dir nichts Böses. Schon gar nicht will das dein Vater. Aber er wird dir nicht mehr helfen können, wenn wieder so etwas wie im Wehrlager passieren sollte. Wenn du Reina verrätst, wie du wirklich denkst, und sie erzählt es weiter … Es muß nicht einmal in böser Absicht sein. Vielleicht nur aus Stolz auf dich, aus Naivität, oder schlicht, um peinliche Gesprächspausen zu überbrücken … Viel geschieht aus Langeweile. Willst du für dieses Mädchen deine Zukunft aufs Spiel setzen? Kannst du für Reina die Hand ins Feuer legen? Kennst du sie so genau, weißt du wirklich, wie sie reagiert, was du für sie bist? Kennt sie sich selbst?«
«Also muß ich deiner Meinung nach, ehe ich mich verlieben darf, erst ein Dossier über das Mädchen anlegen?«
«So ist es«, erwiderte Meno kalt.»— Ich kann dich besser verstehen, als du vielleicht glaubst. Nein, man darf nicht jung sein hierzulande. Ich würde nicht so mit dir reden, wenn ich nicht jemanden gekannt hätte, dem das passiert ist, wovor ich dich warne.«
«Wer war es denn?«
«Vielleicht später«, wich Meno aus.
«Nein, jetzt«, beharrte Christian.
«Dein Großvater Kurt«, sagte Meno nach langem Zögern.
«Oma hat ihn angezeigt?«
Meno schüttelte den Kopf, setzte wieder zum Sprechen an, brach wieder ab.»Nein, umgekehrt. Es war in der Sowjetunion, in einer schrecklichen Zeit. Er hat es uns Kindern an seinem siebzigsten Geburtstag erzählt. Ich möchte, daß du mit niemandem darüber sprichst.«
Abends öffneten sich Türen in den Traum. Abends blieben die Hüllen der Körper, wenn das mutabor gesprochen war. Im Januar ’84 quollen die Mülltonnen über, die Asche mußte in den Schnee daneben geschüttet werden, manchmal wuchteten die Türmer, auf Initiative einer Bürgerversammlung, die Tonnen auf einen LKW, der die Asche in den Wald fuhr. Zeitungen stapelten sich, zerfetzten in frostscharfen Böen. Die Bezirkshygieneinspektion empfahl, Kalk über die Abfälle zu schichten. Der Kalk wurde an Straßenverantwortliche ausgeteilt, bei denen sich die Anwohner Eimer füllen ließen: Nicht in die Augen streuen. Nicht in Kinderhand.
Andropow starb.
«Und nun?«fragten die Türmer, wenn sie beim Bäcker, beim Fleischer oder vor dem Konsum in der Schlange standen.»Kommt der nächste jugendliche Held!«flüsterten sie achselzuckend bang.
Zigarettenqualm, aquarische Rauchkringel, Augen deckenwärts im Funzellicht einer Wohnung irgendwo im Prenzlauer Berg. Fensterläden, von denen die Farbe geplatzt ist, mit Zeitungen verstopfte Ritzen, steinharter, bröselnder Fensterkitt; der Kachelofen tut, was er kann, aber Sperrholz, Zaunlatten, schimmlige Kohle reichen nur für ein paar Stunden Wärme am Tag. Männer in Schafswollpullovern, mit biblischen Vollbärten, Arbeiterhänden, in den nikotingelben Fingern Bierseidel und eine» Karo «oder» f6«, hören einem Lyriker zu, der mit Schreibmaschine auf Holzschliffpapier geschriebene Texte vorliest, hastig, fehlerhaft, absichtlich ohne deklamatorischen Pomp, man ist unter sich, man wünscht hier nichts Hochgestochenes. Judith Schevola hört zu, beobachtet, raucht. Sie hat Meno in diese Kreise eingeführt, zu denen man erst nach Passage mehrerer Hinterhöfe mit Schußspuren aus dem letzten Krieg Zutritt bekommt, nach Nennung eines Losungsworts an der vorsichtig geöffneten Tür, die kein Namensschild trägt, nach teils verstohlener, teils offen aggressiver Musterung, die der Neuling über sich ergehen lassen muß: es gibt zu viele Spitzel, und nicht immer ist die Witterung untrüglich. Meno spürt, daß er ein Fremdkörper ist, aber er wird geduldet, niemand scheint seinetwegen ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der Lyriker liest. Es sind Texte mit hochgestellten Kragen und tief herabgezogenen Schiebermützen. Er hat in einer der Zeitschriften veröffentlicht, die auf dem Tischchen in der Mitte des Zimmers liegen, dessen Luft von Menschendunst und Tabakrauch zum Schneiden dick ist. Das Tischchen würde ohne das» Kommunistische Manifest «unter einem Bein unweigerlich umkippen, das» Kommunistische Manifest «versieht diesen Dienst im Wechsel mit einer Broschüre über Geschlechtskrankheiten, nachdem es Proteste basisdemokratisch orientierter Zuhörer gegeben hat. Die Zeitschriften atmen die Frische der Unbotmäßigkeit, tragen Titel wie POE SIE ALL BUM, Anstöße, UND, POE SIE ALL peng, sind auf dünnes tschechoslowakisches Durchschlagpapier zum Preis von zehn Kronen á 2000 Blatt im Siebdruckverfahren gedruckt — nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch! so umgeht man die Druckgenehmigungsverfahren. Es fehlt an Klammeraffen, die zuverlässig mehr als fünfzehn Blatt zu heften vermögen. Es fehlt an Papier — der Eintritt zur Lesung bestand in einer bestimmten Menge Schreibpapier, das weiterhin für den innerkirchlichen Dienstgebrauch geheftet oder zu Leporellos gefaltet und mit brisanten Umweltthemen in einer Auflage von zehn bis fünfzig Stück gefüllt werden kann. Meine Hand für mein Produkt.
Und dann? fragen die Türmer.
Sarajevo ruft, ein Wölfchen winkt den Zuschauern vor den Fernsehschirmen zu. Hochhäuser, kahle Berge um einen Talkessel, Tristesse, die von keiner Kamera, von keinem Reporter, der zu den ersten Winterspielen in einem sozialistischen Land akkreditiert ist, hervorgesucht und mit unbestechlicher Linse festgehalten wird. Da ist das Eisstadion, da ist die schön gespurte Loipe für die Skiläufer, die Sprungschanze, auf der Jens Weißflog aus Oberwiesenthal mit streng parallel geführten Brettern zu Gold und Silber springt. Erinnert man sich an einen Sommertag vor siebzig Jahren, als ein Student an einer Straßenecke auf das Auto des österreichischen Thronfolgers wartete? Die Eiskönigin tritt an zur Kür. Ihre Trainerin steht mit hartem Gesicht hinter der Bande, während ihr Schützling, mit Flatterröckchen und Kirgisenbrauen, schleifenreichen Wohllaut auf die Eisfläche schreibt. Ausrufezeichen eines dreifachen Toeloops, Pirouettenwirbel, durchsichtig verpackte Rosensträuße, Heinz Florian Oertel schwelgt in Tüll und Taft. Torvill/Dean tanzen zum Bolero, ein Schwede läuft im Schlittschuhschritt die Hänge hinauf. Das schönste Gesicht des Sozialismus’ lächelt.
Christian hatte Winterferien. Er war zum Medizinstudium zugelassen worden. Seltsamerweise empfand er kaum Freude darüber, eher Erleichterung, auch Müdigkeit; schlechtes Gewissen denen gegenüber, die abgelehnt worden waren. Das Berühmtwerden schien ihm nach den Erlebnissen im Wehrlager und mit Reina nicht mehr so wichtig. Seit Beginn der 12. Klasse lernte er kaum noch, seine Zensuren hatten sich verschlechtert, was nicht nur Dr. Frank beunruhigte. Es hatte Aussprachen im Lehrerzimmer gegeben; er sang nicht mehr in Uhls Chor mit, war aus dem Gruppenrat der FDJ ohne Angabe von Gründen ausgetreten, verschloß sich noch mehr. Als Hedwig Kolb einen Aufsatz über die wesentlichen Kennzeichen sozialistischer Literatur verlangte, schrieb Christian einen einzigen Satz: Sie lügt. Hedwig Kolb benotete seinen Aufsatz nicht, nahm ihn beiseite und sagte, sie müsse diesen Aufsatz verlangen: ob er nicht. Seine Zulassung sei vorläufig, er wisse das, ob er denn. Er bekam eine Stunde Nachsitzen, schmierte unter Aufsicht von Herrn Stabenow, der sich immer noch enthusiastisch für die Physik, kritischen Forschergeist und vorurteilsfreies Wahrheitsstreben einsetzte, irgendeinen Wisch mit den üblichen Phrasen zusammen, den ihm Hedwig Kolb ohne Kommentar und mit der Note Zwei minus zurückgab. Reina ging er aus dem Weg. Verena war jetzt oft in Dresden. Siegbert mußte sich einen anderen Beruf suchen, man hatte ihn wegen mangelnden gesellschaftlichen Engagements bei der Handelsmarine abgelehnt. Er wußte noch nicht, was tun. Wenn Swetlana am Abendbrottisch im Internat eine Diskussion anfing, löffelte Christian schweigend seine Suppe, und wenn Falk in Blödeleien ausbrach und Jens Ansorge ansteckte, ging er spazieren, stand lange an der Wilden Bergfrau oder am Kaltwasser, wo nur ein paar Eisangler mit Mormyschka-Ruten hockten und trübselig in die Wunen starrten. Auch zu Hause ging er oft spazieren, was Richard zu der Bemerkung veranlaßte, daß der Junge zuviel grüble und spintisiere in letzter Zeit, vielleicht täte ihm regelmäßige Ausarbeitung gut, eine Freundin; er in Christians Alter … Anne meinte, wenigstens käme er durch seine Spaziergänge an die frische Luft, und wenn er nicht reden wolle, solle man das respektieren. Christian vernachlässigte das Cello. In der Tasche trug er Reinas Briefe. Vor Hauschilds Kohlehandlung standen lange Schlangen, das scharfe Geräusch der Schaufeln, mit denen Plisch und Plum rasch kleiner werdende Briketthügel abtrugen, zerschnitt die Gespräche der Wartenden. Es war die Zeit der Theatervorstellungen, von Erik Orrés Rezitationsabenden, Kellner Adelings und Konditor Binnebergs» Schokoladenkochküche für Kinder und solche, die es werden wollen «im Foyer der» Felsenburg«: Blockschokolade wurde in Tiegeln und Töpfen zu dunkelbrauner, weihnachtlich riechender Masse geschmolzen, in Backmodel aus der Konditorei Binneberg gegossen: worauf Schokoladen-Karavellen ihre Buge wölbten, die der Konditor, ein feister Mann mit vielen geplatzten Äderchen in Boxerhundwangen, aus einer Spritztüte mit Zuckergußsegeln und süßtriefender Takelage versah; Pittiplatsch mit herausgestreckter Zunge und weißer Fondant-Stirnlocke sich wie in einem Spiegelkabinett auf den Tischkanten vervielfältigte; Napoleonköpfe und Feldschlangen von der Festung Königstein das Entzücken der Väter fanden. Pro Schokoladenguß verlangten Binneberg und Adeling eine Mark, gaben sie in einen Spartopf, auf dem» Solidarität «stand; davon kauften sie Spielzeug in der Spielwarenhandlung König in der Lübecker Straße und schenkten es den Kindern des Kinderheims» Arkadi Gaidar «auf dem Lindwurmring: Ein heruntergekommener, ausladender Bau im Schweizerstil neben den von der Roten Armee requirierten Villen.
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