»Wann wird das sein?« »Nächstes Jahr.«
Sie besaß nichts von Liz' triebhafter Sinnlichkeit und dennoch war sie für ihn so viel begehrenswerter. Lieb und teuer. Er war darauf bedacht gewesen, sie nicht zu berühren, und er machte auch jetzt keinen Versuch, es zu tun.
»Ich will nicht bis nächstes Jahr warten, Adam«, sagte sie fest.
Er erwog, mit jemandem in der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses zu sprechen, und erinnerte sich dann, daß Gerry Thornton, ein ehemaliger Studienkollege, jetzt an der Massachusetts Nervenklinik arbeitete. Er rief ihn an, und sie plauderten fünf Minuten über das Wie und Wo der anderen, früheren Studienkollegen.
»Ah - hast du mich wegen etwas Bestimmtem angerufen?« fragte ihn Thornton schließlich.
»Nun, eigentlich ja«, sagte er. »Ich habe eine Freundin. Eine sehr enge Freundin, die ein Problem hat, und ich dachte, es wäre gut, mich mit jemandem darüber zu unterhalten, der Verständnis hat und schon psychoanalysiert ist.«
»Meine eigene Analyse wird zwar noch einige Jahre dauern«, sagte Thornton gewissenhaft und wartete.
»Gerald, wenn dein Terminkalender sehr besetzt ist, muß es nicht diese Woche sein ...«
»Adam«, sagte Thornton vorwurfsvoll, »wenn ich mit einem akuten Blinddarm zu dir käme, würdest du mich bitten, bis nächste Woche zu warten? Wie wär's mit Donnerstag?«
»Mittagessen?«
»Oh, ich glaube, in meinem Büro ist es besser«, sagte Thornton.
»... Du siehst also«, sagte er, »die Möglichkeit, daß ihr unsere Affäre seelisch schadet, macht mir Sorgen.«
»Nun, natürlich kenne ich das Mädchen nicht. Aber ich glaube, man kann mit Sicherheit sagen, wenn sie ernsthaft engagiert ist, du aber nur mit ihr herumschmust, falls du den Ausdruck entschuldigen willst .«
»Es geht mir nicht nur ums Schmusen. Aber ich will wissen, du Klugscheißer und Freudianer, wie und ob eine Affäre einem Mädchen schaden kann, das anscheinend an ausgesprochener Hypochondrie leidet.«
»Hm. Nun, ich kann sie ebensowenig diagnostizieren, wie du am Telephon sagen kannst, ob ein Patient Krebs hat.« Thornton langte nach dem Tabak und begann seine Pfeife zu stopfen. »Du sagst, ihre Eltern seien geschieden?«
Adam nickte. »Sie hat sich seit einiger Zeit von beiden getrennt.«
»Nun, das kann es natürlich sein. Wir lernen langsam etwas über eingebildete Krankheiten. Einige Hausärzte schätzen, daß von zehn Patienten in ihrem Wartezimmer acht aus psychosomatischen Gründen da sind. Ihr Schmerz ist natürlich genauso echt wie der anderer Patienten, aber er wird durch den Geist verursacht, und nicht durch den Körper.« Er zündete ein Streichholz an und paffte. »Kennst du die Gedichte von Elizabeth Barrett Browning?«
»Einige.«
»Es gibt einige Zeilen, die sie an ihren Hund, Fluff, schrieb.«
»Ich glaube, der Hund hieß Flush.«
Thornton war ärgerlich. »Stimmt, Flush.« Er ging zu einem Bücherschrank, zog einen Band heraus und blätterte darin. »Da ist es.«
But of thee it shall be said, This dog watched beside a bed Day and night unweary, Watched within a curtained room Where no sunbeam broketh bloom Round the sick and dreary.
»Alle Zeugnisse deuten darauf hin, daß sie vierzig Jahre lang ein klassischer Fall von Hypochondrie war. So schwer erkrankt, daß man sie die Treppen hinauf und hinunter tragen mußte. Dann verliebte sich Robert Browning zuerst in den Geist ihrer Dichtung, dann in sie selbst, berannte die Festung des alten, ehrwürdigen Barrett in der Wimpole Street, und die Hypochondrie war wie vom Winde verweht oder vielleicht vom Hochzeitsbett. Ich weiß es nicht. Sie gebar ihm sogar ein Kind, als sie über vierzig war. Wie heißt dein Mädchen?« fragte er unvermittelt.
»Gaby, Gabrielle.«
»Bezaubernder Name. Wie fühlt sich Gabrielle derzeit?«
»Derzeit zeigt sie keine Symptome.«
»Hat sie sich je einer Psychotherapie unterzogen?«
»Nein.«
»Weißt du, Leuten mit Ängsten wird täglich geholfen.«
»Willst du sie sehen?«
Thornton runzelte die Stirn. »Lieber nicht. Ich glaube, es wäre besser, wenn sie einen klugen Jungen drüben im Beth Israel aufsuchen würde, der sich sozusagen auf Hypochondrie spezialisiert hat. Laß es mich wissen, wann es ihr paßt, und ich rufe ihn an und vereinbare einen Termin mit ihm.«
Adam drückte ihm die Hand. »Danke, Gerry.«
Gerald, du endest noch als aufgeblasener Hohlkopf, prophezeite er, als er durch den Pfeifenrauch watete und das Büro verließ. Dann grinste er. Thornton würde diese Bemerkung zweifellos gelassen als ein negatives Übertragungsphänomen tolerieren.
Gaby sah Dorothy sehr häufig. Sie hatten sofort Gefallen aneinander gefunden, und wenn Adam und Spurgeon arbeiteten, trafen sich die beiden Mädchen fast regelmäßig. Es war Dorothy, die Gaby in die Gegend von Beacon Hill mitnahm, wo sie die Wohnung fand.
»Meine Schwester lebt hier in der Nähe«, sagte Dorothy. »Meine Schwester Janet.«
»Oh? Sollen wir bei ihr vorbeigehen und guten Tag sagen?«
»Nein. Wir vertragen uns nicht.«
Gaby spürte, daß Dorothy bedrückt war, stellte jedoch keine Fragen. Zwei Tage später, als sie Adam in die Beacon Street führte, hatte sie den Vorfall vor Aufregung vergessen.
»Wohin führst du mich?« fragte er sie.
»Du wirst schon sehen.«
Die vergoldete Kuppel des State Hause glühte in der Morgensonne wie der brennende Dornbusch, verbreitete jedoch keine Wärme. Nach einer Weile nahm sie sein Hand in ihren Fäustling und führte ihn aus dem windigen Bostoner Common in die verhältnismäßig geschützte Joy Street.
»Wie weit noch?« sagte er, und sein Atem blies Frostwolken.
»Du wirst schon sehen«, sagte sie wieder.
Sie trug eine rote Skijacke und blaue Stretchhosen, die sich an das schmiegten, was er am Vorabend streichelnd als das reizendste Glutealgebiet bezeichnet hatte, das er je auf einem Operationstisch oder außerhalb davon gesehen hatte; und eine blaue Wollmütze mit einer weißen Quaste, an der er zupfte, als sie auf halbem Weg den Beacon Hill heruntergekommen waren, damit sie stehenbliebe.
»Ich rühre mich nicht von der Stelle. Keinen Schritt, bevor du mir nicht sagst, wohin wir gehen.«
»Bitte, Adam. Wir sind fast da.«
»Schwöre einen Sex-Eid.«
»Auf dein Ding.«
Sie gingen durch die Phillips Street bis zur Mitte des nächsten Häuserblocks und blieben vor einem vierstöckigen Wohnhaus mit zersprungenen Stuckwänden stehen. »Vorsicht, Stufen«, sagte sie und deutete auf den Eingang, der sehr tief lag.
»Selbstmörderisch«, murmelte er. Die Betonstufen waren mit sechs Zentimeter dickem, zerkratztem Eis bedeckt, über das sie sich vorsichtig bewegten. Unten nahm sie einen Schlüssel aus der Tasche und sperrte auf.
Das einzige Fenster ließ nur wenig Licht in das Zimmer.
»Warte einen Augenblick«, sagte sie hastig und drehte alle drei Lampen auf.
Es war ein Atelierraum. Die Tapete war mit einem Braun gestrichen, das für die geringe Beleuchtung zu dunkel war. Der Boden bestand aus ziegelfarbenen, stellenweise zersprungenen Asphaltplatten, von einer Staubschicht bedeckt. Eine ziemlich neue Couch stand da, die zweifellos in ein Bett verwandelt werden konnte, ein dickgepolsterter, mit verblichenem Damast bezogener Sessel und ein zweiter, der aus einer Garnitur geflochtener Verandamöbel stammte.
Sie zog ihre Fäustlinge aus und knabberte am Daumenknöchel, was sie immer tat, wenn sie sich in gespannter Erregung befand. »Nun, was meinst du?«
Er zog ihr die Hand vom Mund. »Was meine ich wozu?«
»Ich habe der Hausfrau gesagt, daß ich sie bis zehn Uhr wissen lasse, ob ich es miete.«
»Es ist ein Keller.«
»Ein Kellergeschoß.«
»Selbst der Boden ist schmutzig.«
»Ich werde ihn schrubben und wachsen, bis er glänzt.«
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