»Gute Nacht«, sagte er steif.
Als er die erste Treppenflucht der Vorderstiege hinunterging, plumpste etwas nach unten, und mit einem dumpfen Schlag zerplatzte der zweite Sack mit Müll mitten auf der Straße. Verblüfft sah er nun im Licht der Straßenlampe den unsauberen Inhalt des ersten Sacks, den sie vor wenigen Minuten auf die Straße hatten fallen gehört. Er blickte rechtzeitig hoch, um oben im Fenster einen Kopf zurückzucken zu sehen.
»Das ist ja fürchterlich!« rief er. »Hören Sie auf damit, Bertha Krol!«
Etwas pfiff an seinem Kopf vorbei und klirrte auf die Stufen.
Eine Bierdose.
Drinnen saß Gaby verängstigt im Sessel. »Was war es?« fragte sie.
»Nur Bertha Krol. Die Hausfrau sagt, sie hört von selbst wieder auf.«
Er stellte die Arzttasche in den Wandschrank zurück, löschte die Lichter aus, warf den Bademantel ab, stieg aus den Schuhen, und sie gingen wieder zu Bett.
»Adam?«
»Was?«
»Ich bin erschöpft«, sagte sie mit einer kleinen Stimme.
»Ich auch«, sagte er erleichtert. »Außerdem steif und wund.«
»Morgen hole ich irgendein Einreibmittel und reibe dich ein«, sagte sie.
»Mmmm. Gute Nacht, Gaby.«
»Gute Nacht, Adam-Liebling.«
Oben heulte die Frau. Draußen klapperte wieder eine Dose auf das eisige Pflaster. Neben ihm fröstelte sie leicht, und er drehte sich herum und legte seinen Arm um ihre Schultern.
Nach einer Weile spürte er, wie es sie unter seinem Arm genauso schüttelte, wie es die Hausfrau geschüttelt hatte, er konnte jedoch nicht sagen, ob vor Kummer oder Heiterkeit.
»Was ist denn los?« fragte er sanft.
»Ich bin so entsetzlich müde. Und ich denke ständig, so also ist das, wenn man ein gefallenes Mädchen ist.«
Er lachte mit ihr, obwohl es ihm an allen möglichen Stellen wehtat.
Ein kleiner kalter Fuß fand seinen Weg in seinen Spann. Oben jammerte die Frau - betrunken oder geistesgestört? - nicht mehr. Gelegentlich fuhr draußen ein Wagen vorbei, das Eis und Mrs. Krols Mist zermalmend, und ließ kurz aufflammende Schattenbilder über die Wand flitzen. Ihre Hand kam und fiel leicht und warm auf seinen Schenkel. Sie schlief, und er entdeckte, daß sie schnarchte, fand jedoch, daß das leise, rhythmische Zischen musikalisch und anziehend war, Gurren von Tauben in uralten Ulmen und Summen zahlloser Bienen. Ein Geräusch, das er bereits sehr lieb hatte.
Am Morgen wachten sie früh auf, und trotz großer Muskel- und Knochenschmerzen liebten sie einander voll Entzücken unter der Schicht dicker Decken in dem stillen, kalten Zimmer, und weil es in den Küchenschränken noch nichts zu essen gab, zogen sie sich an und gingen den Berg hinunter, der in der Nacht von weichem, weißem Schnee bedeckt worden war, und frühstückten ausgiebig in einer Cafeteria in der Charles Street.
Sie ging mit ihm zur Hochbahnstation, küßte ihn zum Abschied für die nächsten sechsunddreißig Stunden, und sie konnten ihre Freude einander vom Gesicht ablesen; aber keiner von ihnen versuchte, es in Worte zu fassen, vielleicht aus Angst es dadurch zu zerstören.
Sie ging zum Supermarkt und kaufte ein, wobei sie sehr sparsam und vernünftig zu sein versuchte, weil er einen Komplex hatte, was ihr Leben von seinem Krankenhausscheck betraf; sie wußte, er würde nicht weit reichen, wenn sie mit ihrer üblichen Sorglosigkeit Geld ausgab.
Aber als sie die reifen Avocados sah, konnte sie nicht widerstehen und kaufte zwei. Trotz ihrer Vorsicht und der Tatsache, daß sie nur zu zweit waren, kaufte sie Vorräte, um den leeren Küchenschrank zu füllen; schließlich waren es fünf volle Papiersäcke. Sie überlegte, ob sie den Wagen holen sollte, fragte dann aber den Geschäftsführer, ob sie sich einen Einkaufswagen leihen dürfe. In der Regel war es verboten, aber er war so überwältigt, daß sie sich die Mühe genommen hatte zu fragen. Er half ihr sogar, die Bündel aufzuladen. Zunächst schien es eine gute Lösung, bis sie das Ding den Berg hinaufzuschieben begann. Die Stahlräder waren für den Schnee zu glatt. Sie glitten aus und rutschten, und sie auch.
Ein farbiges Mädchen mit einem grauen Streifen im Haar kam ihr aus dem Nichts zu Hilfe. »Schieben Sie auf der einen und ich auf der anderen Seite«, sagte sie.
»Danke«, keuchte Gaby. Zusammen gelang es ihnen, die Phillips Street zu erreichen. »Sie haben mir das Leben gerettet! Kommen Sie auf eine Tasse Tee herein?«
»Gern«, sagte das Mädchen.
Sie trugen die Lebensmittel hinein, zogen die Mäntel aus und ließen sie auf die Couch fallen. Das Mädchen trug verschossene Blue jeans und ein altes Baumwollhemd. Sie hatte hohe Backenknochen und eine reizende samtbraune Haut. Sie sah aus wie siebzehn. »Wie heißen Sie?« fragte sie.
»Oh, Verzeihung. Ich bin Gabrielle -« Sie unterbrach sich, weil sie nicht wußte, sollte sie Pender oder Silverstone sagen.
Das Mädchen schien es nicht zu merken. »Ein sehr hübscher Name.«
»Und wie heißen Sie?«
»Janet.«
Gaby stand auf Zehenspitzen, um die Teekanne herunterzuholen. »Doch nicht Dorothys Janet?«
»Ich habe eine Schwester, die Dorothy heißt.«
»Aber das ist ja meine Freundin!«
»Oh?« sagte das Mädchen fast teilnahmslos.
Gaby braute zum erstenmal Tee in der Kochnische und öffnete ein Päckchen Kekse, sie tranken Tee und aßen ein paar Kekse und plauderten. Janet wohnte in der Joy Street. »Der Name war einer der Gründe, warum wir dort einzogen. In dieses riesengroße Haus.«
Gaby lachte. »Das klingt ja ungeheuer groß.«
»Ist es auch.«
»Wie viele Zimmer?«
»Ich habe sie nie gezählt. Achtzehn, vielleicht zwanzig. Wir brauchen Platz. Ich lebe in einer ungewöhnlich großen Familie.«
»Wie viele Leute?«
Sie zuckte die Achseln. »Das ist verschieden. Manchmal gehen welche weg, andere kommen und bleiben. Ich weiß nicht, wie viele wir gerade jetzt sind. Eine ganze Menge.«
»Oh«, sagte Gaby und verstand.
»Es funktioniert recht gut«, sagte Janet und nahm noch ein Keks. »Jeder tut einfach das Seine.«
»Was zum Beispiel?«
»Sie wissen schon, Poster machen. Oder Blumen, oder Sandalen. Alles, was gefragt ist«.
»Was tun Sie?«
»Ich treibe Essen auf. Ich bin ein Digger. Ich geh' aus und bring' Essen heim.«
»Wo bekommen Sie das?«
»Oh, überall. Auf den Märkten und in Bäckereien. Man gibt uns altbackenes Zeug und verdorbenes Gemüse und so Sachen. Sie würden staunen, wieviel Brauchbares übrigbleibt, wenn man die verdorbenen Teile wegschneidet. Und die Leute hier in der Gegend schenken uns Sachen. Es gibt noch fünf andere Digger in meiner Familie. Wir kommen prima zurecht.«
»Ich verstehe«, sagte Gaby schwach. Nach einer Weile nahm sie die Tassen und stellte sie in das Spülbecken in der Kochnische.
»Ich bringe lieber den Karren zurück«, sagte sie.
»Ich bringe ihn zurück. Ich gehe sowieso dorthin.«
»O nein, wirklich ...«
»Trauen Sie mir nicht?«
»Aber natürlich traue ich Ihnen.«
»Schön, dann tu' ich's.«
Gaby ging in die Kochnische und steckte ein Glas Erdnußbutter, zwei Gläser Jam, einen Brotlaib und - warum eigentlich? - eine der Avocados in einen Sack. »Darf ich Ihnen das hier schenken?« fragte sie das Mädchen und schämte sich aus einem ihr unverständlichen Grund.
Janet zuckte gleichgültig die Achseln. »Sie haben eine Menge Bücher«, sagte sie und wies auf die auf dem Fußboden aufgestapelten Bände. »Orangenkisten ergeben großartige Bücherborde. In verschiedenen Farben gestrichen.« Sie winkte mit der Hand und ging. Als sie fort war, wirkte die Wohnung still und verlassen.
Gaby räumte ihre Einkäufe weg, wobei ihr einfiel, daß sie jetzt noch einmal um Erdnußbutter, Jam und Brot den Berg hinuntergehen mußte. Sie schnitt zwei Streifen Klebeband ab, tippte »Gabrielle Pender« auf das eine und »Dr. med. Adam R. Silverstone« auf das andere und klebte sie dann beide draußen auf den verrosteten schwarzmetallenen Briefkasten.
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