Sie entschied sich schließlich für einen Sekretärinnenkurs an der Abendschule des Kansas Community College.
Nach Abschluß des Lehrgangs suchte Julia eine Arbeitsvermittlungsagentur auf und fand in dem überfüllten Wartezimmer neben einer hübschen, gleichaltrigen Frau Platz.
«Hi! Ich bin Sally Connors.«
«Julia Stanford.«
«Ich muß einfach eine Stelle finden! Heute noch!«stöhnte Sally.»Ich bin aus meiner Wohnung rausgeworfen worden.«
Julias Name wurde aufgerufen.
«Viel Glück!«sagte Sally.
«Danke.«
Julia betrat das Büro.
«Bitte, setzen Sie sich.«
«Vielen Dank.«
«Wie ich aus Ihrem Bewerbungsformular ersehe, haben Sie einen College-Abschluß und aufgrund von Ferienjobs auch ein wenig Erfahrung. Außerdem hat Ihnen die Sekretärinnenschule eine exzellente Referenz ausgestellt. «Die Stellenvermittlerin suchte im Dossier, das vor ihr auf dem Schreibtisch lag.»Sie schaffen neunzig Wörter Steno pro Minute und tippen sechzig Wörter pro Minute?«
«Ja, Ma'am.«
«Dann könnte ich genau das Richtige für Sie haben. Ein kleines Architekturbüro sucht eine Sekretärin. Das Gehalt ist allerdings leider nicht besonders üppig…«
«Das ist schon in Ordnung«, warf Julia rasch ein.
«Sehr gut. Ich schicke Sie hin. «Sie reichte Julia ein Blatt Papier mit Namen und Adresse.»Das Vorstellungsgespräch ist morgen mittag.«
Julia lächelte dankbar. Sie war richtig aufgeregt.
Als sie das Büro verließ, wurde gerade Sallys Name aufgerufen.
«Ich drücke Ihnen die Daumen, daß Sie eine Stelle bekommen«, sagte Julia.
«Vielen Dank!«
Aus einem unerklärlichen Impuls heraus beschloß Julia, auf Sally zu warten, die zehn Minuten später mit einer glücklichen Miene aus dem Büro kam.
«Ich hab’ ein Vorstellungsgespräch! Sie hat telefoniert, morgen geh ich zur American Mutual Insurance Company, um mich für die Stelle am Empfang zu bewerben. Wie ist es Ihnen ergangen?«
«Ich werde morgen ebenfalls Bescheid wissen.«»Wir schaffen es bestimmt, da bin ich ganz sicher. Warum essen wir zur Feier nicht gemeinsam zu Mittag?«
Das Gespräch während des Mittagessens besiegelte die Freundschaft.
«Ich habe mir am Overland Park eine Wohnung angesehen«, sagte Sally.»Wohnzimmer, Küche, Bad und zwei Schlafzimmer. Eine echt hübsche Wohnung. Allein könnte ich sie mir ja nicht leisten, aber wenn wir zu zweit…«
«Liebend gern«, unterbrach Julia und kreuzte die Finger.»Falls ich die Stelle kriege!«
«Wirst du bestimmt!«versicherte ihr Sally.
Auf dem Weg zum Architekturbüro Peters, Eastman & Tolkin überlegte Julia: Das könnte die große Chance für mich sein. Ich meine, das ist doch nicht bloß so ein Job. Ich arbeite für Architekten! Für Menschen mit Visionen zur Verschönerung der Städte, Menschen, die aus Stein, Stahl und Glas Wunderwerke errichten. Vielleicht werde ich ja selber Architektur studieren, damit ich ihnen helfen und an der Umsetzung ihrer Pläne mitwirken kann.
Die Büroräume lagen in einem schäbigen alten Geschäftshaus am Amour Boulevard, wo Julia mit dem Lift in den dritten Stock fuhr und im Flur eine arg verschrammte Tür mit dem Schild PETERS, EASTMAN & TOLKIN, ARCHITEKTEN entdeckte. Vor dem Anklopfen atmete sie erst einmal tief durch.
Sie wurde bereits erwartet — im Eingangsraum standen drei Herren, die sie neugierig musterten.
«Sie kommen wegen der Stelle als Sekretärin?«
«Jawohl, Sir.«
«Ich bin Al Peters. «Der Glatzkopf.
«Bob Eastman. «Der mit dem Pferdeschwanz.
«Max Tolkin. «Der Schmerbauch.
Alle drei anscheinend in den Vierzigern.
«Es ist unseres Wissens Ihre erste Stelle als Sekretärin«, bemerkte Al Peters.
«So ist es«, entgegnete Julia und fügte sofort schnell hinzu:»Ich bin aber sehr lernfähig, und ich werde mir große Mühe geben. «Ihre Idee von vorhin, selber Architektin zu werden, ließ sie vorsichtshalber fürs erste unerwähnt; sie hatte den Eindruck, daß es ratsam wäre, damit zu warten, bis sie die drei Herren ein wenig besser kannte.
«In Ordnung, wir können es ja mit Ihnen versuchen«, meinte Bob Eastman,»und mal sehen, wie es so läuft.«
Julia wurde ganz aufgeregt.»Ach, vielen Dank. Ich werde Sie bestimmt nicht…«
«Was das Gehalt betrifft«, unterbrach Max Tolkin,»so tut es uns leid, doch für den Anfang können wir Ihnen wirklich nicht viel zahlen…«
«Das ist schon in Ordnung«, sagte Julia.»Ich…«
«Dreihundert die Woche«, sagte Al Peters.
Max Tolkin hatte leider nur zu recht gehabt — das war in der Tat nicht viel. Julia überlegte kurz und traf eine Entscheidung.»Ich bin einverstanden.«
Den drei Männern war die Erleichterung anzusehen.
«Großartig!«sagte Al Peters.»Darf ich Ihnen das Büro zeigen?«
Die Besichtigung war im Nu erledigt. Außer dem kleinen Empfangsraum gab es drei winzige Büroräume, die eher den Eindruck erweckten, als ob sie von der Heilsarmee eingerichtet worden wären, und die Toilette befand sich am Flurende. Alle drei Herren waren Architekten, Al Peters kümmerte sich um die Finanzen, Bob Eastman fungierte als Akquisiteur von Aufträgen, und Max Tolkin war für die Entwürfe zuständig.
«Sie sind für uns drei tätig«, betonte Al Peters.
«Prima. «Julia nahm sich vor, sich bei ihnen unentbehrlich zu machen.
Al Peters blickte auf seine Armbanduhr.»Es ist genau zwölf Uhr dreißig. Wie war's mit Mittagessen?«
Julia empfand eine leichte Euphorie: Sie war akzeptiert, ins Team aufgenommen! Man lud sie zum Mittagessen ein.
«Ein kleines Stück die Straße hoch«, fuhr Al Peters fort,»finden Sie ein Delikatessengeschäft. Ich hätte gern ein Sandwich mit Corned beef auf Roggenbrot mit Senf und Kartoffelsalat. Und ein Hefeteilchen.«
«Aha.« Von wegen Einladung zum Mittagessen, dachte Julia.
«Und ich ein Pastramibrot und eine Hühnersuppe«, sagte Tolkin.
«Jawohl, Sir.«
«Für mich bitte eine Scheibe kalten Braten und ein alkoholfreies Getränk.«
«Ach ja, und geben Sie bitte acht, daß das Corned beef auch schön mager ist«, fügte Al Peters hinzu.
«Mageres Corned beef.«
«Und passen Sie auf, daß die Suppe heiß ist«, rief Max Tolkin.
«In Ordnung. Eine heiße Suppe.«
«Und«, warf Bob Eastman ein,»als alkoholfreies Getränk bitte eine Cola Light.«
«Eine Cola Light.«
«Hier haben Sie Geld. «Al Peters gab ihr zwanzig Dollar.
Als Julia eine knappe Viertelstunde später im Delikatessengeschäft dem Mann hinter der Theke die Bestellungen weitergab — ohne etwas für sich selbst zu verlangen —, meinte der Verkäufer:»Sie arbeiten bestimmt bei Peters, Eastman & Tolkin.«
In der darauffolgenden Woche zogen Julia und Sally in die möblierte Wohnung am Overland Park ein, deren Einrichtung durch langjährige Benutzung bei häufigem Mieterwechsel arg strapaziert war. Da wird garantiert niemand auf die Idee kommen, daß wir im Ritz Hotel abgestiegen sind, dachte Julia sarkastisch.
«Beim Kochen können wir uns abwechseln«, schlug Sally vor.
«Einverstanden.«
Sallys erste Mahlzeit schmeckte vorzüglich.
Als am nächsten Abend Julia den Kochlöffel übernommen hatte, meinte Sally nach dem ersten Bissen:»Julia, ich bin nicht lebensversichert — warum halten wir's nicht so, daß ich das Kochen übernehme und du das Putzen?«
Die Wohngenossinnen kamen prächtig miteinander aus. An Wochenenden gingen sie im Glenwood 4 ins Kino, die Lebensmitteleinkäufe tätigten sie im Bannister Mall, Kleiderkäufe im Super Flea Discount House. Sie gingen einmal wöchentlich abends in ein billiges Restaurant — in Stephenson's Old Apple Farm oder, wenn sie die Mittelmeerküche bevorzugten, ins Cafe Max. Und wenn sie sich's leisten konnten, schauten sie bei Charlie Charlies vorbei, um Jazz zu hören.
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