Ball sauste in Richtung eines gegnerischen Spielers, der ihm übers Feld nachgaloppierte, doch dann blockte ihm Woody, der auf ihn zugeritten war, den Schläger ab, um den Schuß zu vereiteln.
«Warum hat Woody das gemacht?«wollte Peggy wissen.
«Wenn der Gegner sich den Ball holt«, erläuterte Mimi Carson,»dann darf man ihm den Schläger abblocken, um ihn am Torschießen oder Weitergeben zu hindern. Als nächstes wird Woody einen Abseitsschlag versuchen, um im Besitz des Balls zubleiben.«
Auf dem Spielfeld verlief alles so schnell, daß man kaum zu folgen vermochte.
Zurufe waren zu hören.
«Mitte…«
«Ungültig… «
«Laß ihn…«
Die Spieler galoppierten mit Höchstgeschwindigkeit über den Rasen. Der Erfolg eines Reiters hing größtenteils davon ab, wie gut seine Pferde waren — meist reinrassige oder Dreiviertelvollblüter, die schnell sein und» Polo-Instinkt «haben mußten, nämlich die Fähigkeit, jede Bewegung ihres Reiters vorauszuahnen.
In den ersten drei Spielphasen spielte Woody brillant, erzielte jeweils zwei Tore und wurde von der jubelnden Menge nach jedem Treffer noch mehr angefeuert. Sein Poloschläger tauchte immer und überall auf — das war ganz der alte, schnelle, furchtlose Woody Stanford. Nach der fünften Spielzeit lag Woodys Mannschaft mit einem sicheren Vorsprung vorn.
Als die Spieler zur Pause das Feld verließen, schenkte Woody beiden, Peggy und Mimi — sie saßen in der ersten Zuschauerreihe — beim Vorbeireiten ein strahlendes Lächeln.
Peggy war plötzlich ganz aufgeregt und wandte sich zu Mimi.»Ist er nicht wundervoll?!«
Mimi hielt ihrem Blick stand.»Ja. In jeder Hinsicht.«
Woody wurde von seinen Mitspielern beglückwünscht.
«Absolut Spitze, alter Junge! Du warst einfach fantastisch!«
«Großartige Leistung!«
«Danke.«
«Gleich werden wir denen noch mal zeigen, was Sache ist. Die sind völlig chancenlos.«
Woody grinste.»Kein Problem.«
Als er seine Mannschaftskameraden beim Verlassen des Feldes beobachtete, fühlte er sich auf einmal erschöpft. Ich habe mir zuviel abverlangt, dachte er. Es war zu früh, ich hätte vielleicht doch nicht spielen sollen, ich war noch nicht wieder soweit. Ich werde nicht durchhalten können. Beim nächsten Einsatz werd ich mich blamieren. Und plötzlich packte ihn eine panische Angst, und sein Herz schlug wie wild. Jetzt brauchte ich einen kleinen Impuls. Nein! Das werde ich nicht tun! Darf ich nicht, ich habe es fest versprochen. Aber mein Team braucht mich. Nur dieses eine Mal noch, und dann nie wieder. Ich schwöre es, bei Gott, es wird das allerletzte Mal sein. Er lief zu seinem Auto und griff ins Handschuhfach.
Mit unnatürlich glänzenden Augen kehrte er, fröhlich vor sich hin summend, aufs Feld zurück, winkte der Menge zu und begab sich wieder zu seiner Mannschaft. Ich brauchte nicht mal ein Team, dachte er. Ich könnte die Schufte ganz allein besiegen. Verdammt, er begann zu kichern, ich bin der beste Spieler der Welt.
Der Unfall ereignete sich in der sechsten Spielphase. Es gab da allerdings auch ein paar Zuschauer, die später laut und deutlich erklärten, es sei kein Unfall gewesen.
Die Pferde rasten dicht gedrängt dem Tor entgegen. Woody, der gerade im Ballbesitz war, nahm aus den Augenwinkeln den
Gegenspieler wahr, der auf ihn zukam, und schickte den kleinen Holzball mit einer Rückhand nach hinten. Rick Hamilton, der beste Spieler der Gegenseite, fing den Ball ab und galoppierte aufs Tor zu. Woody setzte ihm nach und versuchte Hamiltons Schläger abzublocken — vergebens. Die Pferde näherten sich dem Tor, und Woody mühte sich verzweifelt ab, an den Ball zu kommen — umsonst.
Als Hamilton dem Tor bereits gefährlich nahe war, lenkte Woody sein Pferd mit Absicht zur Seite, um Hamilton zu rammen und vom Ball wegzudrängen. Hamilton samt Pferd ging zu Boden, die Zuschauer sprangen schreiend von den Sitzen auf. Die Pfeife des Schiedsrichters schrillte, und er hob die Hand.
Bei Polo gilt eine Grundregel: Es ist strikt verboten, einem aufs Tor zujagenden Spieler im Ballbesitz den Weg abzuschneiden, weil ein solches Foul eine höchst gefährliche Situation heraufbeschwört.
Das Spiel wurde abgebrochen.
Der Schiedsrichter lief auf Woody zu.»Mr. Stanford«, rief er mit zornerfüllter Stimme,»das war ein absichtliches Foul.«
Woody grinste unverschämt.»Es war nicht mein Fehler, daß sein verdammtes Pferd… «
«Als Strafe wird der Gegenmannschaft ein Tor angerechnet!«
Die siebte Runde wurde zum Desaster. In den nächsten drei Spielminuten beging Woody zwei weitere eklatante Regelverstöße, die Freistöße zur Folge hatten, die beide Male erfolgreich waren. Und in den letzten dreißig Sekunden erzielte die Gegenseite das entscheidende Tor zum Sieg. Aus einem anfangs sicher erscheinenden Sieg wurde eine böse Niederlage.
Mimi Carson war von den Ereignissen wie betäubt.
«Das ist nicht gut gelaufen, wie?«fragte Peggy ängstlich.
«Nein, Peggy«, erwiderte Mimi bedrückt,»leider nicht.«
Ein Ordner näherte sich ihrer Loge.»Miss Carson, könnte ich
Sie einmal kurz sprechen?«
«Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick«, sagte Mimi Carson.
Peggy blieb hilflos allein zurück.
Die Mannschaft wirkte merkwürdig still, als Mimi Carson auf Woody zueilte, der offenbar Schuldgefühle hatte und sich schämte, seinen Kameraden in die Augen zu sehen.
«Es tut mir leid, Woody. Aber ich muß dir eine schreckliche Nachricht mitteilen. «Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.»Dein Vater ist gestorben.«
Woody starrte sie an, schüttelte den Kopf und begann hemmungslos zu schluchzen.»Ich… dafür bin nur ich verantwortlich. Es ist meine Schuld.«
«Nein, du mußt dir keinerlei Vorwürfe machen. Es ist ganz bestimmt nicht deine Schuld.«
«Es ist doch meine Schuld!«schrie Woody.»Begreifst du denn nicht? Wenn ich nicht die Strafstöße verursacht hätte, wären wir Sieger geworden!«
Julia Stanford hatte ihren Vater nie kennengelernt, und nun war er tot — nur noch eine schwarze Schlagzeile auf der Titelseite des Kansas City Star: Wirtschaftskapitän HARRY standford auf hoher SEE ertrunken! Sie betrachtete das Foto auf der Titelseite mit widersprüchlichen Gefühlen. Hasse ich ihn nun wegen seines unmöglichen Verhaltens meiner Mutter gegenüber — oder habe ich ihn lieb, weil er nun mal mein Vater ist? Habe ich Schuldgefühle, weil ich nie versucht habe, mit ihm in Verbindung zu treten — oder bin ich verärgert, weil er sich nie die Mühe gemacht hat, mich aufzuspüren? Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, überlegte sie. Er ist tot.
Für sie persönlich war der Vater zeitlebens tot gewesen, nun war er eben noch einmal gestorben und hatte sie damit endgültig um etwas betrogen, wofür sie keinen Ausdruck fand. Sie empfand unerklärlicherweise Schmerz — ein Gefühl des Verlustes. Aber das ist doch blöd! dachte Julia. Wie kann mir denn ein Mensch fehlen, den ich nie gekannt habe? Sie sah sich das Zeitungsfoto noch einmal an. Sehe ich ihm überhaupt ähnlich? Julia betrachtete sich angestrengt im Wandspiegel. Die Augen, dachte sie, ich habe die gleichen tiefliegenden grauen Augen.
Julia ging zum Schlafzimmerschrank und holte eine Pappschachtel heraus, der sie ein in Leder gebundenes Sammelalbum entnahm. Sie setzte sich auf das Bett, schlug das Buch auf und betrachtete mal wieder den vertrauten Inhalt: unzählige Fotos, die ihre Mutter, in Gouvernantentracht, neben Harry Stanford und seiner Ehefrau mit drei kleinen Kindern zeigten; die meisten Fotos waren auf der Jacht, in Rose Hill oder in der Villa von Hobe Sound aufgenommen worden.
Julia nahm die vergilbten Zeitungsausschnitte in die Hand, die Berichte über den Skandal, der sich vor langer Zeit in Boston zugetragen hatte, las die verblaßten, reißerischen Schlagzeilen:
Читать дальше